Spaces & Contrasts

Larry Coryell ist gestorben

Es sind diese merkwürdigen Zufälle, die man dann nicht mehr vergisst: Eine halbe Stunde, nachdem ich ein flaches, quadratisches Postpaket geöffnet hatte, das u.a. auch zwei LPs des amerikanischen Gitarristen Larry Coryell enthielt, bekam ich eine E-Mail mit der Nachricht, dass dieser großartige Musiker und vielseitige Gitarrist nicht mehr unter uns ist. Und so wird mein geplanter Artikel mit Plattenempfehlungen für Gitarren-Fans jetzt zu einem Nachruf.

(Bild: Josef Urbanek, Archiv)

Larry Coryell (* 2. April 1943, † 19. Februar 2017), der von einigen Mainstream-Medien als „Godfather Of Fusion“ verabschiedet wurde, war eigentlich genau das nicht. Er war kein Verschmelzer sondern ein Kontrastierer, ein Musiker, der den 60er/70er-Jahre-Rock genauso liebte wie die Jazz-Moderne mit Künstlern wie Thelonious Monk (p), John Coltrane (sax) und Miles Davis (tp). Ein Künstler, der Instrumentals und Songs produzierte, der akustische und elektrische Gitarren spielte, als unbegleiteter Solist und in kleinen und großen Bands. Und so gesehen hat dieser Musiker und Gitarrist nicht der Jazz-Gitarre neue Dimensionen erschlossen, sondern vielmehr sein individuelles Jazz- und Rock- und Jazz-Rock- und Rock-Jazz-Gitarrenspiel in ganz viele verschiedene musikalische Kontexte gestellt.

Anzeige

Als frühe Einflüsse nannte Coryell immer wieder so unterschiedliche Gitarristen wie Barney Kessel, Chuck Berry, Chet Atkins, Carlos Montoya, Johnny Smith, Chuck Wayne, Tal Farlow, Wes Montgomery, Charlie Byrd, Kenny Burrell, später kamen B.B. King, Eric Clapton und Jimi Hendrix dazu, zuletzt John Scofield, John Stowell, George Benson und Biréli Lagrène. In Deutschland wurde Larry Coryell übrigens bekannt durch sein 1978 auf dem Musiker- Label von Wolfgang Dauner und Volker Kriegel, Mood Records, erschienenen Solo-Album ,Standing Ovation‘. Darauf war er ausschließlich mit den von ihm damals bevorzugten Ovation-Gitarren zu hören, sechs- und zwölfsaitige Acoustics mit rundem Plastikkorpus. Im selben Jahr entstand mit ,European Impressions‘ ein weiteres akustisches Solo-Album.

(Bild: Josef Urbanek, Archiv)

1998 erschien beim ebenfalls germanischen Label Acoustic Music das Solo-Album ,Privat Concert‘, oder auch ,Private Concert‘ – je nachdem wo man auf dem Cover nachschaut (;-), 2011 folgte dann mit ,Night Of Jazz Guitars‘ eine Kooperation mit Helmut Kagerer, Paulo Morello & Andreas Dombert. Kleine Besetzungen schienen Larry Coryell gereizt zu haben, insbesondere solche mit anderen Gitarristen: Schaut man sich die wirklich extrem umfangreiche Discografie dieses Musikers an, entdeckt man Albenmit John Scofield, Philip Catherine, Steve Khan, Paco de Lucia, Badi Assad, John Abercrombie, Joe Beck, Al Di Meola, Biréli Lagrène, Emily Remler u.v.a. – für Gitarristen wirklich ein Universum, was Musikalität, Improvisation und Interaktion angeht.

An Gitarren war Coryell, neben den o.g. Ovation-Plastikbombern, u.a. mit Gibson- Archtops, allen voran seiner Super 400, gelegentlich aber auch mal mit einer Les Paul oder einer Telecaster aktiv. Auf dem Cover von ,Return‘ (1979) ist er mit einer Hagström Suede, einer Solidbody zu sehen, die er über zehn Jahre lang in seinen elektrischen Jazz-Rock-Bands spielte. Ende der 90er-Jahre gab es ein Signature- Modell von Cort, ein relativ konventionelles Archtop-Modellmit zwei Humbuckern. Die LCS-1 wurde in Korea hergestellt, 2001 erschien die preisgünstigere Nachfolgerin LCS-2. Zuletzt war Coryell auch mit einem Framus-AK-Modell aktiv.

Neben seinen frühen Aufnahmen mit dem Chico Hamilton Quintet, wo Larry Coryell als Gitarrist Nachfolger von Gábor Szabó war, und seinen eigenen Bands The Free Spirits und The Eleventh House, möchte ich hier ein Album empfehlen, das prototypisch für den Band-Musiker und für den Duo-Fan Larry Coryell steht: ,Spaces‘ wurde Ende 1969 aufgenommen und 1970 auf dem Label Vanguard Records veröffentlicht. Hier spielt Coryell in wechselnden Besetzungen mit John McLaughlin (g), Chick Corea (e-p), Miroslav Vitous (b) und Billy Cobham (dr). McLaughlin hatte damals bei Miles Davis und vor allem mit Drummer Tony Williams’ Band Lifetime für Aufsehen gesorgt, und Miroslav Vitous hatte gerade sein umwerfendes Album ,Infinite Search‘ (auch bekannt als ,Mountain In The Clouds‘) veröffentlicht, später war er dann Gründungsmitglied von Weather Report.

Im ,Spaces‘-Titel-Track und vor allem in ,Wrong Is Right‘ hört man die beiden besten Gitarristen der 70er-Jahre in der besten Jazz- Band dieses Jahrzehnts, mit einem unglaublich virtuosen und verzahnten Zusammenspiel, zwischen Django-Reinhardt-Tradition und elektrischer Free-Jazz-Avantgarde. Das ist gitarristische HiEnergy pur, die aber auch immer wieder zu transparenten, meditativen Momenten zurückfindet. Kontraste, Farben, Räume und Free Feeling! Zwei weitere Tracks dieser spektakulären Session erschienen 1975 auf Coryells zehntem Album ,Planet End‘. Ich höre ,Spaces‘ schon mehr als mein halbes Leben lang immer und immer wieder. Und alleine Larry Coryells erstes Solo auf und in ,Spaces‘, hat ihn für mich unsterblich gemacht. Thank you, man!


Aus Gitarre & Bass 04/2017

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: