Meilenstein 1986

Joe Satriani: Not Of This Earth

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Steve Vai startete 1986 in der Band von David Lee Roth gerade mächtig durch, und avancierte zum internationalen Gitarren-Star. In zahlreichen Interviews jener Zeit lobte er stets seinen ehemaligen Lehrer Joe Satriani. Joe Who?

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Abgesehen von einer 1984 veröffentlichten selbstbetitelten EP hatte man noch nicht allzu viel gehört von diesem Musiker. Doch wer solch einem talentierten und grenzüberschreitenden Saiten-Virtuosen wie Steve Vai noch etwas auf dem Griffbrett zeigen konnte, musste selbst ein außergewöhnlicher Gitarrist sein. Das Timing hätte also nicht besser sein können für das Erscheinen von Satrianis ,Not Of This Earth‘. Für ein Debüt-Album war Joe sicher mit seinen 30 Jahren vergleichsweise spät dran. Aber das erklärt vielleicht auch, warum hier nicht nur auf hohem Niveau Gitarre gespielt wurde, sondern vielmehr ausgereifte und spannende Instrumental-Musik zu erleben war, die, im Vergleich mit diversen Shredding-Vertretern der 80er, eine gesunde Balance zwischen Hand, Kopf und Herz zeigte.

Beispielhaft hierfür ist der geradezu klassisch aufgebaute Titel-Track. Zu den harmonisch schwebenden Gitarren-Akkorden des Intros setzt Drummer Jeff Campitelli mit einem straighten 4/4-Beat ein, unter den satte Gitarre- und Bass-Achtel gelegt werden. Darüber dominiert schließlich eine singende Lead-Gitarre – und dieser dank eines runden, kontrollierten Fingervibratos lebendige Ton ist aus heutiger Sicht unverkennbar eines der Markenzeichen Joe Satrianis. Und es folgen weitere, wie virtuose Singlenote-Lines kombiniert mit Tapping-Passagen. Auch in ,The Snake‘ gibt es wieder ein tragendes Melodiethema, danach folgt eine stellenweise kuriose Aneinanderreihung verschiedener Parts, die wie Samples wirken: Metal-Riffs, funky Gitarren à la Prince, Hi-Speed-Licks und einfach abgedrehte Noise-Gitarren – Joe zeigt was er kann.

Wesentlich stringenter hingegen klingt ,Rubina‘, eine stimmungsvolle Ballade. Wiederum Brüche zeigen sich in ,Memories‘, das mit einem Heavy-Riff im Stile von Van Halen startet, dann von einer poppigen Wendung kontrastiert wird, schließlich folgt ein Melodie-Part von Sting‘scher Dimension. In der kurzen, lyrischen Solo-Nummer ,Brother John‘ kommen dann auch klassische Einflüsse durch. Sehr geschmackvoll ist hier der Clean-Sound mit Delay-/Reverb-Einsatz geraten.

In ,The Enigmatic‘ verarbeitet Joe eine gleichnamige Tonleiter, was seine Vorliebe für exotische Melodik demonstriert. Die Nummer transportiert zudem mit ihrer treibenden Rhythmik, den eigenwilligen Melodien und den schrägen Solo-Parts schon einiges an Free-Jazz-Energie. Und darauf folgt mit ,Driving At Night‘ Hochglanz-Pop, der perfekt zur Untermalung der in den 80ern populären US-Action/Crime-Fernsehserie „Miami Vice“ gepasst hätte – man sieht geradezu Crockett und Tubbs durch die Straßen der Florida-Metropole rasen. Und auch ,Ordes Of Locusts‘ und ,The Headless Horseman‘ lassen den Film im Kopf ablaufen.

Bei aller Virtuosität und dem Vermischen von Stilen blieb Satriani insgesamt rockig und bodenständig. Und es zeigten sich bereits alle wichtigen Merkmale seines Personalstils, die man heute auch von den vielen nachfolgenden Alben kennt. Joe zeigte sich bei ,Not Of This Earth‘ nicht nur an der Gitarre als Virtuose, er spielte auch Bass, Keyboards und Percussion. Doch die sechs Saiten stehen klar im Mittelpunkt; im Booklet findet man den Hinweis, dass der Künstler Ibanez-Gitarren, Marshall-Amps, DiMarzio-Pickups und D‘Addario Strings bevorzugt.

Für den japanischen Instrumentenhersteller Ibanez war Satriani, wie auch Steve Vai, ein echter Glücksfall: Beiden Gitarristen kamen die Instrumente mit den verstimmungsfreien Floyd-Rose-Vibratosystemen mit Klemm-Mechanik am Sattel, und dem dünnen „schnellen“ Hals spieltechnisch und mit ihrer Sound-Flexibilität aufgrund der damals gängigen HSS-Pickup-Bestückung sehr entgegen. Und sie wurden damit die perfekten Repräsentanten einer neuen vielseitigen Gitarristen-Generation, deren technisch anspruchsvolle Spielweise solche neuen Instrumente geradezu forderte. Heute wartet die Joe-Satriani-JS-Signature-Reihe von Ibanez mit den verschiedensten Farben/Lackierungen und Pickup-Bestückungen auf.

Übrigens: die auf dem Cover zu sehende Gitarre, eine Ibanez 540P, wurde von Joe auf seinem Debüt gar nicht eingesetzt, das Bild entstammt einem Foto-Shooting für eine Werbekampagne. In diesem Zusammenhang noch eine Anmerkung: Ursprünglich wurde das Album mit einem anderen Cover veröffentlicht, erst die Wiederauflagen kamen im hier abgebildeten Cover. Mit ,Not Of This Earth‘ hatte Joe Satriani ein dickes Ausrufezeichen in der Gitarren-Szene gesetzt und den Grundstein für seine weitere Karriere gelegt.

Eine erste US-Charts-Platzierung konnte er dann 1987 mit dem folgenden Album ,Surfing With The Alien‘ erzielen. Der Zweitling wirkte im Vergleich zum Debüt schon wesentlich kompakter und auf Breitwand-Rock getrimmt. Trotzdem oder gerade deswegen besitzt die schlanke, transparente Produktion von ,Not Of This Earth‘ auch heute noch einen ganz eigenen Charme.

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