1930-2013

Jim Hall: Der Poet der Jazzgitarre

Jim Hall war der Meister der leisen Töne, ein Poet der Gitarre, ein Vorbild für viele, darunter weitaus bekanntere Gitarristen. Wer das Glück hatte, ihn persönlich kennenzulernen, betrauerte den Verlust eines großen Gentleman. Der amerikanische Jazz-Musiker Jim Hall ist am 10. Dezember 2013 im Alter von 83 Jahren gestorben.

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TON

Jim Hall hat das gefunden, was viele Musiker suchen: Einen unvergesslichen Ton und eine eigene Stimme. Vielleicht fand er beides, gerade weil er kein großer Fan von Equipment war. Frühe Alben zeigen ihn mit einer Les Paul Custom, die er nur kurze Zeit einsetzte. Danach spielte er jahrzehntelang eine Gibson ES-175, die er 1956 von Howard Roberts erworben hatte. Zugegebenermaßen mag die Gitarrenauswahl in den 50er-Jahren, abgesehen von Archtops, begrenzt gewesen sein, doch Jim Hall blieb seinem Klangideal auch später treu.

Zwei D’Aquisto-Archtops, eine elektrisch, die andere akustisch, kamen erst Mitte der 70er dazu. Roger Sadowsky, der Halls Gitarren viele Jahre wartete, baute 2000 ein eigenes Model für ihn. Bei seinen Archtops bevorzugte er laminierte Decken. Wie Jim Hall selbst zu sagen pflegte, benutze er Verstärker nur „um die Gitarre leiser spielen zu können“.

Ein alter Gibson-GA50-Röhrenverstärker flog mit ihm um die halbe Welt, bis er selbst in die Luft flog. Robustere Polytone-Transistor-Amps ersetzten ihn. Geschliffene Saiten (.011-.050) und ein zurückgedrehter Tonregler an der Gitarre sind weitere Bestandteile seines Sounds. Natürlich weiß man: Der eigene Ton entsteht erst im Kopf und dann in den Fingern – aber mit diesen Zutaten setzte Jim Hall seine Vorstellungen um.

Ebenso originell wie sein Ton war auch seine Spielweise. Geprägt wurde sie anfangs durch Saxophonisten wie Coleman Hawkins und Lester Young. Ein wenig mag er auch von seinem Zeitgenossen, dem Gitarristen Jimmy Raney in seiner Legato-Spielweise beeinflusst worden sein.

Die Gitarrenschule von George Van Eps aus dem Jahr 1939 führte ihn zur intensiven Beschäftigung mit Akkordmelodie. Leicht hätte er, Jahrgang 1930, vom übermächtigen Einfluss eines Charlie Christian eingeschüchtert werden können. Stattdessen zeigte Hall der Jazzgitarre einen Weg in den Post-Bop und die Moderne. Zitat Jim Hall: „Ich habe mal zwei Wochen versucht, ein Charlie-Christian-Solo zu lernen und weitere 20 Jahre gebraucht, um es wieder zu vergessen.“

REVOLUTIONÄR

Erfahrene Musiker sind sich einig in ihrer Bewunderung für Jim Hall als einen Künstler, der sich immer weiterentwickelt hat, und der daher nie Mainstream war. Manch junger Musiker mag diesen Gitarristen sogar unter „Old School“ einordnen wollen. Aber das Gegenteil ist wahr. Zeit seines Lebens hat Jim Hall bewährte Muster gesprengt.

In den 50er-Jahren spielte er Cool-Jazz mit der Band des Schlagzeugers Chico Hamilton. Wenig später zeigte er im Trio mit Jimmy Giuffre, dass Jazz sich gut mit Elementen klassischer Musik verträgt und gab der Jazz-Gitarre einen Platz im sogenannten „Third Stream“. In den 60ern zeigte er als Gitarrist des Sonny Rollins Quartet, dass die Gitarre eine vollwertige Alternative zum bis dahin obligatorischen Klavier sein kann.

Das Rollins Album ,The Bridge‘ (1962) war für viele Jazz-Gitarristen eine kleine Sensation und Türöffner zugleich. Viele Jahre begleitete Jim Hall auch Paul Desmond und prägte den Sound seines Quartetts (,First Place Again‘ 1959, ,Take Ten‘ 1963, ,Glad To Be Unhappy‘ 1964, ,Easy Living‘ 1965 sowie ,Desmond Blue‘ 1961 mit Streichern und ,Concierto‘ von 1975 mit Chet Baker). Als einem der ersten Gitarristen gelang es ihm, Bossa Nova glaubhaft auf die E-Gitarre zu übertragen (,Bossa Antigua‘ 1964 mit Paul Desmond oder ,Where Would I Be‘ 1971 mit Airto Moreira).

Ella Fitzgerald, Ben Webster, Bob Brookmeyer, Art Farmer, Gary Burton, Ornette Coleman, das Kronos Quartett … viele großartige und sehr verschiedene Musiker säumten seinen langen musikalischen Weg. Mit 13 begann Jim Hall in Bands zu spielen – seine Karriere umspannte somit 70 Jahre. Die Experimentierfreude erhielt er sich bis ins hohe Alter.

KAMMERMUSIKER

Jim Hall war der König der kleinen Besetzung. Seine Alben mit dem Pianisten Bill Evans sind zeitlose Meisterwerke der interaktiven, kontrapunktischen Improvisation (,Intermodulation‘ 1962 und ,Undercurrent‘ 1963). Jim Halls Akkordbegleitung in ,My Funny Valentine‘ (vom Album ,Undercurrent‘) ist legendär und schlägt eine Brücke zu Freddie Green, dem Meister des „Four To The Bar“-Begleitens.

Auch seine weniger bekannten Einspielungen mit den Pianisten George Shearing (,First Edition‘, 1981), Michel Petrucciani (,Power Of Three‘, 1987 mit Wayne Shorter) und Enrico Pieranunzi (,Duologues‘ 2005) sind kleine Kabinettstücke. Die Duo-Aufnahmen mit den Bassisten Ron Carter (,Alone Together‘, 1972) und Red Mitchell (,Jim Hall And Red Mitchell‘, 1978) gehören in die Sammlung jedes Jazz-Gitarrenfreunds. Wer hören will, wie sensibel und dynamisch ein Gitarrentrio mit Bass und Schlagzeug klingen kann, sollte das Jim Hall Trio kennen.

In diesem Format spielte er von 1965 an in wechselnden Besetzungen bis zuletzt. Zum Anhören empfehlen sich ,It’s Nice To Be With You‘ (1969), sein persönliches Lieblings-Album ,Live!‘ (1975) oder ,Circles‘ (1981). In jedem dieser Kontexte bewies sich Jim Hall immer wieder als Meister der motivischen Entwicklung. Immer waren seine Soli durchdacht und hatten eine selten gehörte kompositorische Qualität. Nicht nur was, sondern auch wie er spielte, war wohl überlegt.

Jim Hall ist für den Jazz, was B.B. King für den Blues ist. Seine Artikulation war ausgefeilt und abwechslungsreich. Jim Hall wusste, wie man eine Phrase immer wieder anders spielen kann, wie man die Gitarre zum Singen bringt, wie geschmackvolle Voicings klingen, wie man gut begleitet, aber auch wie schön Pausen sein können.

LEHRER

Halls Einfluss reicht weit über seine Konzerte und Aufnahmen hinaus. Als Lehrer gab er Bill Frisell, John Scofield, Peter Bernstein und vielen anderen namhaften Jazz-Gitarristen wichtige Impulse. Einige Lehrvideos und Bücher aus den 90ern geben Einblick in seine freigiebige Persönlichkeit als Lehrer. Für sich selber dachte er sich immer wieder neue originelle Übungen aus. Pat Metheny bemerkte zu Jim Halls Tod: „Jim Hall war einer der wichtigsten improvisierenden Jazz-Gitarristen in der Geschichte des Jazz“.

Pat Metheny transkribierte als Teenager ganze Wes-Montgomery-LPs. Wer genau hinhört, stellt jedoch fest, dass ein Metheny ohne Jim Hall schwer vorstellbar ist. Gleiches gilt für John Abercrombie und viele andere. Interessante Vergleiche erlauben hier auch Halls Duo-Aufnahmen mit Metheny oder Bill Frisell. Jim Halls Touch ist bis in die Gegenwart zu spüren. Sein Spielkonzept lebt in der jungen Generation weiter.

BESCHEIDENHEIT

Man sagt: „Der Rock-Gitarrist spielt drei Akkorde vor 1.000 Leuten, der Jazz-Gitarrist 1.000 Akkorde vor drei Leuten.“ Als Jazz-Musiker war Jim Hall immer eine Art Geheimtipp. Erst im hohen Alter wurden ihm öffentliche Ehrungen zuteil: In den USA wurde er 2004 mit einem „National Endowment For The Arts Jazz Master“ ausgezeichnet.

2005 würdigte ihn das Berklee College Of Music mit einem Ehrendoktortitel. Kurioserweise hatte er sich dort 1965 erfolglos (!) als Lehrer beworben. 2006 verlieh ihm Frankreich den „Orden der Künste und der Literatur“. Hall selbst war die Bescheidenheit in Person. In einem Gespräch 1984 bezeichnete er sich als „Überlebender der 60er-Jahre“.

Geradeheraus und mit einem Lächeln erzählte er: „Ich komme aus einer musikalischen Familie; den Hang zum Alkohol habe ich von einem Onkel geerbt.“ Für den Jazz und einen Jazz-Gitarristen waren die 60er von vielen harten Zeiten eine der härtesten. Glücklicherweise traf er in dieser Zeit die Liebe seines Lebens, eine Psychotherapeutin, und heiratete sie.

Jim Hall war kein Virtuose im üblichen Verständnis. Seine Soli waren nicht geprägt von schnellen Läufen oder langen Achtelnotenketten. Dennoch steht er in einer Linie mit Eddie Lang, Django Reinhardt und Charlie Christian. Sein Spiel hat wesentlich dazu beigetragen, die Gitarre als vollwertiges Jazz-Instrument zu legitimieren.

Wahre Größe äußert sich oft in großer Bescheidenheit. Jim Hall war ein stiller Revolutionär, ein zurückhaltender, intelligenter Mensch mit viel Humor und einer Meinung. So pflegte er sich oft bei Konzerten in Europa für seinen US-Präsidenten und dessen Politik zu entschuldigen, bevor er den ersten Ton spielte. Gefolgt wurde dies von einem immer brillanten Konzert und der Kunst des leisen introspektiven Spiels, für die ihn besonders das europäische Publikum liebte.

BEGEGNUNG

24. Oktober 1984. Jim Hall bei den Leverkusener Jazztagen! Ein 18- jähriger Jazz-Gitarrist ist begeistert. Mit 14 hat er Jim Hall erstmalig auf Platte gehört und seitdem all sein Geld für alle erhältlichen Werke des Meisters verwendet. Voller Ehrfurcht stellt sich der Fan seinem Idol Jim Hall vor, gibt sich als großer Bewunderer zu erkennen und fragt, ob vielleicht etwas Zeit für ein Interview für ein bekanntes „Fachblatt“ wäre.

Drei Tage später hat er mehr, als er sich je erhofft hätte: Mehrere Stunden Interview auf Band, Übungsideen für ein ganzes Jahr und er durfte Jim Hall seinen Polytone-Verstärker für ein Konzert leihen. Dieser 18-Jährige war ich, der Autor dieses Nachrufs. Nie werde ich vergessen, wie Jim Hall im Hotelzimmer, begleitet von seiner Gitarre, ein Solo über Gershwins ,Embraceable You‘ durch seine Zahnlücke pfiff (übrigens perfekt intoniert).

Wenige Tage nach seinem 83. Geburtstag ist der Gitarrist Jim Hall am 10. Dezember 2013 in seiner Wohnung im New Yorker Greenwich Village im Schlaf an Herzversagen verstorben. Aller Trauer zum Trotz bin ich froh, einen großen Musiker und einen überaus großzügigen Menschen gekannt zu haben. Stellvertretend für hoffentlich viele sage ich ein lautes Dankeschön für die leisen Töne!

Ein Kommentar zu “Jim Hall: Der Poet der Jazzgitarre”
  1. Olaf Kaufmann

    Danke für diesen sehr persönlichen Nachruf auf einen bedeutenden Musiker, der für viele ein Vorbild war – als Mensch, Musiker und Gitarrist.

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