Produkt: Gitarre & Bass 8/2019
Gitarre & Bass 8/2019
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Herz und Kopf

Interview: Tommy Emmanuel

(Bild: highroadtouring)

Mit ,Heart Songs’ präsentiert der 63-jährige Australier eine Sammlung populärer Balladen, die er für zwei Gitarren aufbereitet hat. Dabei hatte er in John Knowles einen Partner, der seine Liebe zu Chet Atkins teilt – und der wie Tommy weiß, was ein gutes Arrangement braucht.

Interview

Tommy, dein letztes Album ,Accomplice One‘ versammelte Kooperationen mit anderen Künstlern. Das scheint dir gefallen zu haben. Dein aktuelles Werk ,Heart Songs‘ ist ebenfalls eine Kollaboration.

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Ja. Wenn John Knowles und ich uns treffen, läuft es immer darauf hinaus, dass wir Songs arrangieren. Daran haben wir Spaß, besonders weil wir beide auf unterschiedliche Art spielen. Johns Fähigkeiten als Arrangeur sind grandios. Er kann Musik auf eine andere Art betrachten als ich. Zusammen ergibt das eine sehr gute Chemie.

Kannst du das genauer beschreiben?

Er kann Noten lesen und schreiben und analysiert auf eine andere Weise als ich. Ich schaue auf einen Song wie ein Sänger, und ich muss die Melodie und die Akkordstruktur akkurat lernen. Er hingegen kann Wege finden, den Akkorden Farbe und Würze hinzuzufügen. Da wir beide mit Gitarristen wie Chet Atkins oder Django Reinhardt aufgewachsen sind, sind wir sehr melodiebetonte Spieler. Daher suchen wir immer nach einer guten Melodie und einem Weg, das Arrangement interessant zu machen.

Wie habt ihr euch getroffen? Und wann wurde klar, dass ihr gemeinsam ein Album einspielen werdet?

Wir sahen uns häufig bei den Chet Atkins Conventions in Nashville und dort hat Chet Atkins uns einander vorgestellt. Als wir zum ersten Mal zusammen spielten, fiel uns auf, dass wir gut miteinander harmonieren. 2009 begann ich mit der Arbeit an meinem ersten Weihnachtsalbum.

Ich fragte John, ob er mir bei den Arrangements helfen könnte. Er hat ein paar wunderbare Vorschläge gemacht. Dann habe ich ihn mit zu meinem Festival in Rietberg zwischen Paderborn und Bielefeld gebracht. Dort spielten wir ein paar Nummern wie ,Tennessee Waltz‘ oder ,He Ain’t Heavy, He’s My Brother‘. Die Leute kamen zu uns und sagten: „Es hat ein sehr spezielles Feeling, wenn ihr zusammen spielt“. Das haben wir uns zu Herzen genommen.

Die Arbeiten an ,Heart Songs‘ begannen vor ein paar Jahren. Jedes Mal, wenn ich nach Hause nach Nashville kam, rief ich John an und wir trafen uns in einem Coffee Shop oder einem Gitarrenladen und spielten und arrangierten. Einige der Nummern sind auf dem Album gelandet, etwa ,Somewhere‘ aus der ,West Side Story‘. Als wir das Gefühl hatten, genügend Songs zu haben, gingen wir nach Los Angeles und mieteten uns ein Appartement auf dem Sunset Boulevard. Von dort aus liefen wir runter zu den schönen Studios, die auf dieser Straße sind. Dort haben wir das Album aufgenommen.

Wieso habt ihr euch auf Balladen fokussiert?

Ich denke, wir haben eine gute, ausgewogene Auswahl von Liedern auf diesem Album. Es sind Songs, die jeder kennt und liebt. Es ist sehr einfach, ein Album voller Bar-Songs zu machen. Wir hingegen wollten etwas machen, das sehr speziell und besonders ist.

Dabei ist interessant, dass das Album trotz deiner technischen Fähigkeiten in keiner Sekunde mit schnellen Licks und Solos beeindrucken will. Es gibt keinerlei Hetze, nur gute Melodien.

Ich mag sämtliche Arten von Musik – egal ob sie langsam oder schnell sind. Alle Leute, die gute Musik schreiben, lieben den Raum darin. Dass nichts hetzt, ist wichtig. Es geht darum, dass sich der Zuhörer entspannen kann. Er vertraut den Musikern, es korrekt und ordentlich zu spielen. Das ist die Art, wie ich an so etwas herangehe.

Wenn du Songs auswählst, denkst du an ein Publikum oder zählt das in diesem Moment gar nicht?

Es geht nur darum, den besten Song auszuwählen. Wenn der Song für mich funktioniert und meine Instinkte mir sagen, dass ein Arrangement sehr solide und gut ist und ich es für jedes Publikum spielen kann – dann ist das der richtige Song für mich. Ich denke über nichts anderes nach.

Dann lass uns doch mal einige der Nummern durchgehen. Starten wir mit ,Cold, Cold Heart‘ von Hank Williams.

Hank Williams hatte eine Art zu schreiben, die sehr einfach, zugleich aber sehr bewegend ist. Als wir den Song ausprobierten, spielte John einige Akkorde im Stil von Lenny Breau (kanadischer Gitarrist des Modern Jazz, 1941-1984, Anm. d. Verf.). Ich sagte: „Das ist wunderschön. Ich werde einfach nur die Melodie spielen. Lass mich der Sänger sein, du bist die Band.“

,How Deep Is Your Love‘ von den Bee Gees hört sich im Zweier-Arrangement ohne den Schmalz des Originals sehr gut an.

Die Bee Gees haben wunderschöne Songs geschrieben. Da gibt es keinen Zweifel. Als wir den Song zum ersten Mal arrangiert haben, schaute sich John das Original auf YouTube an und schaffte sich die Akkorde drauf. Ich kannte die Melodie. Wir haben sofort perfekt harmoniert. Dabei fiel mir auf, dass der Song auch in unserer Version ganz ohne clevere Upgrades wie Tonartwechsel oder eine unerwartete Wendung auskommt und ganz von alleine funktioniert.

,I Can‘t Stop Lovin‘ You‘ wurde durch Ray Charles berühmt.

Das war Johns Idee. Er sagte: „Wollen wir die Nummer mal ausprobieren?“ Ich hörte sie mir an und antwortete: „Hier können wir ein paar kleine Überraschungen einbauen.“ Wir starten den Song mit dem Chorus in A. Wenn es zur ersten Strophe kommt, wechseln wir nach C. Der Hörer erwartet das nicht. Dazu passt es sehr gut zum Arrangement. Dann gehen wir zurück auf A, dann wieder nach C. Die Melodie selbst habe ich nicht geändert, ich spiele sie wie im Original. Ich war sehr glücklich, einen Song aufzunehmen, den Ray Charles gesungen hat, denn für mich ist Ray Charles noch immer die Quelle des Mojo in unserer Welt. Wenn du einen wahren Künstler mit einem Höchstmaß an Feeling suchst, dann ist Ray Charles der Mann.

Wieso hast du den Tonartwechsel eingebaut?

Es ist eine andere Sache, wenn du den Song singst. Dann erzählst du die Geschichte über den Text. Manche Lieder, wenn du sie ohne Worte spielst, brauchen etwas, um die Spannung beim Zuhörer zu erhalten. Da kann eine Überraschung wie ein Tonartwechsel ein guter kleiner Trick sein. Eine Nummer wie ,How Deep Is Your Love? hat so viel Bewegung in sich, da brauchst du keine Hilfen, um das Interesse des Zuhörers zu halten. ,I Can’t Stop Lovin’ You? hingegen ist sehr getragen und erzählt seine Geschichte sehr langsam. Da muss man sich instrumental etwas überlegen.

,Somewhere‘ aus der „West Side Story“ hast du schon erwähnt.

Ich habe den Song schon immer geliebt. Das gleiche gilt für John. Wir begannen mit dem Arrangement vor vielen Jahren. Ich wollte uns beiden die Gelegenheit geben, die Melodie zu spielen und die Rollen zu tauschen. Die ersten paar Male übernehme ich die Melodie, dann gebe ich weiter an John. Er spielt dann die Melodie, ich die Akkorde darunter. Im zweiten Teil dieser Strophe tauschen wir. John hat noch immer die Melodie, aber jetzt spiele ich Harmonielinien und andere Akkorde dazu. Das führt uns zum Tonartwechsel von D hoch zu F. Das ist ein sehr starkes Statement. Es geht dabei darum, den Spannungsbogen Stück für Stück anzuziehen und es immer weiterzutreiben.

Gibt es einen Weg, kluge Arrangements zu lernen?

Oh ja. Hör dir Leute an, die das gut machen. John und ich haben viel über Arrangements gelernt, indem wir Chet-Atkins-Platten hörten, aber auch über Aufnahmen von Leonard Bernstein und die Musik von verschiedenen Filmen. Wenn du dir eine Barbara-Streisand-Platte anhörst, bekommst du die größte Qualität an Arrangements, die du dir vorstellen kannst.

,I Can Let Go Now‘ stammt im Original von Michael McDonald, dem ehemaligen Sänger der Doobie Brothers.

Dieser Song ist auf seinem ersten Soloalbum ,If That’s What It Takes‘ von 1982. Ich habe die Nummer immer geliebt und versucht, meine Melodie-Phrasierung eng an seinen Gesang anzulehnen. Wenn John und ich einen Song lernen, beschränken wir uns nicht auf die Musik. Wir schaffen uns auch den Text drauf. Wenn wir spielen, sind die Worte in unseren Köpfen.

Das heißt: Man sollte nicht nur die Melodie lernen, sondern tiefer gehen, um ein gutes Arrangement erstellen zu können.

Oh ja, viel tiefer. Als wir ,Somewhere‘ machten, schauten wir uns auf YouTube den Film ,West Side Story‘ an, speziell den Part, wo Tony seiner Geliebten Maria zu erzählen versucht, dass es einen Platz für sie gibt und ihre Liebe siegen wird. Wir haben uns die komplette Sequenz angeschaut.

Unser ,Somewhere‘ startet mit einer kleinen musikalischen Konversation. Das sind Tony und Maria, die miteinander sprechen. Und dann singt er: „There’s a place for us“, und der Song beginnt. Ich sagte John: „Wir sollten diese Unterhaltung führen, die Tony und Maria im Film haben. Wir sollten damit starten. Das ist der Hintergrund unseres Arrangements. Es geht sehr viel tiefer, als die meisten Leute denken.

Eine Frage zu den Gitarren: Du hast sicher wieder deine Matons gespielt, oder?

Oh ja. Der einzige Song, auf dem ich keine Maton verwendet habe, ist ,Eva Waits‘. Dort hörst du meine „Pre War“-Gitarre, eine Replika einer Martin 000-28 aus den 1930er-Jahren.

Viele Gitarristen auf der ganzen Welt kennen und mögen dich und dein Spiel und sind beeindruckt von deiner Musikalität. Was muss ein Gitarrist haben, um dich zu beeindrucken?

[Pause] Oh. Es gibt so viele gute Spieler da draußen. Ich kann nicht mal anfangen, sie aufzuzählen. Generell gilt: Wenn ich beeindruckt werden will, höre ich mir immer Django an. Er ist der beeindruckendste Gitarrist, der je auf diesem Planeten gelebt hat.

(Bild: CGP Sounds)

John Knowles

Wie Tommy Emmanuel wurde auch sein Partner auf ‚Heart Songs‘ von Chet Atkins mit dem Ehrentitel „Certified Guitar Player“ (CGP) ausgezeichnet. Auf dem Album „First Nashville Guitar Quartet“ spielte Knowles 1979 gemeinsam mit Mr. Guitar, daneben arbeitete er mit Größen wie Jerry Reed oder Lenny Breau. Der Grammy-Gewinner bringt die Zeitschrift „FingerStyle Quarterly“ heraus, dazu hat er Lehrvideos produziert. John Knowles wurde 1942 geboren.


(erschienen in Gitarre & Bass 04/2019)

Produkt: Gitarre & Bass 9/2019
Gitarre & Bass 9/2019
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