Produkt: Gitarre & Bass 7/2019
Gitarre & Bass 7/2019
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Brit-Rock made in Germany

Interview: Tom Allan & The Strangest

(Bild: Cloudshill)

Macht Spaß, eine junge Band zu sehen, die unbeirrt ihren Weg geht, unbeeindruckt von Medien, Mode und Kommerz. Gestatten: Tom Allan und Evan Beltran aka „The Strangest“. Wohnsitz: Essen. Amtssprache: Englisch. Stil: Brit-Pop. Besonderheit: Attitude!

Tom Allan ist in Essen ausgewachsen. Aber er hat unüberhörbar britische Wurzeln. Sein Akzent ist „East London“ – breit, lässig, laut. Eben „working class“. Seinen Bachelor hat er über Sprachgebrauch und Klassenzugehörigkeit am Beispiel der britischen Gesellschaft geschrieben.

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Sein bester Freund heißt Evan Beltran. Der kommt aus Mexiko. Es ging ihm dort nicht gut, sagt er. No Future. Der passionierte Hutträger wirkt allein durch seine Erscheinung ultralässig, ist aber nicht zu cool zum Lachen. Beide tragen Schwarz, trinken gerne Bier, sind Sänger, Gitarristen und Songwriter. Und hatten bereits eigene Bands, deren Weg jedoch ins Nirgendwo führte.

Aber das Schicksal meinte es wohl gut mit ihnen, als sich ihre Wege bei einer Open-Mic-Night in Köln kreuzten. Als Duo schreiben sie schnörkellose Brit-Rock-Tunes mit bemerkenswerter Gehörhaftung. Ein Bassist und ein Schlagzeuger sind schnell gefunden.

Seitdem rocken sie jeden Laden, der eine Steckdose hat mit Songs voll mitreißender Energie, dass der Club überkocht und man meint, ihre Songs schon seit Jahren zu kennen. Das letzte Mal schafften sowas die Brüder Gallagher. Und die Libertines, natürlich.

Mit einer Open Mic-Session fing alles bei euch an?

Tom: Genau. Donnerstags ist in Köln immer Open-Mic-Night in einer Kneipe namens Tankstelle. Da haben wir uns beim Bier kennengelernt. Evan hatte ein Libertines-Shirt an. Deswegen hab ich ihn angelabert. Und zwei Jahre später machen wir unser Album im gleichen Studio wie Peter Doherty! (lacht)

“Dann machen wir das gleich richtig und nehmen auf Achtspur auf!” (Bild: Cloudshill)

Bei euch klingen britische Einflüsse durch, von The Clash über Oasis bis zu den Libertines. Daran ist die Plattensammlung deines Vaters nicht ganz unschuldig.

Tom: Ich hab sehr gegen meinen Vater rebelliert, aber nie musikalisch! (lacht) Ich bin halt britisch sozialisiert worden, was Musik angeht. Als ‚What’s The Story, Morning Glory‘ (von Oasis) heraus kam, rotierte das Album die ganze Zeit bei meinem Vater im Auto. Es gibt sicherlich auch gute amerikanische Bands und ich konzentrier‘ mich auch nicht nur auf den englischen Einfluss, aber das liegt halt nahe. Ich habe halt auch einen englischen Akzent. Einige finden das nervig, aber auch das macht meine Musik britisch. Obwohl da auch ein mexikanischer Einfluss drin steckt! (lacht)

Ihr habt‘s gerade erwähnt: ihr habt euer Album ‚Dear Boy‘ im Clouds Hill Studio aufgenommen, wo auch Peter Dohertys ‚Hamburg Demonstrations‘ entstand. Färbt das ab?

Evan: Nein, das sehe ich nicht. Wir hatten einen Sound im Kopf, wussten aber zuerst nicht ganz wie wir das hinbekommen. Peter Doherty war nur ein Einfluss, ein Funken, am Anfang.

Tom: Es sollte rau und direkt klingen, deswegen waren wir im Clouds Hill, weil wir da die Möglichkeit hatten auf Tonband aufzunehmen. Also haben wir beschlossen, dann machen wir das gleich richtig und nehmen auf Achtspur auf! Wir haben so minimalistisch wie möglich gearbeitet, was den gesamten Workflow beeinflusst. Du musst halt früh Entscheidungen fällen. Zum Beispiel das Schlagzeug mit zwei Mikros aufzunehmen, eines für die Bassdrum und ein Overhead. Und schon fängst du an zu rechnen: Wie viel haben wir noch zur Verfügung? Das führt am Ende dazu, auch mal Unperfektes stehen zu lassen. Wenn du digital arbeitest und etwas war nicht tight, drückst du es im Nachhinein gerade. Das ist bei Tape nicht drin. Aber das hat‘s spannend gemacht. Ich finde das hört man auch.

Evan: Wir machen moderne Musik mit einem altmodischen Ansatz – vintage und analog.

Wir schreibt ihr? Das passiert viel auf akustischen Gitarren wie man im Web sieht.

Evan: Stimmt. Manchmal beginnt jeder für sich, dann gehen wir chillen, ein paar Bier trinken und dann passiert es.

Tom: Wir treffen uns jetzt aber nicht um Songs zu schreiben! Bei und ist das eher wie beim Angeln: Entweder es beißt was an, oder nicht. Man muss das nicht erzwingen. Aber meist kommt einer mit einer Idee an und dann öffnen sich neue Türen wenn der andere einsteigt. Und dann machen wir das Ding gemeinsam fertig.

Toms blonde Rickenbacker 330 Lefty (Bild: Stefan Woldach)

Tom, deine Hauptgitarre ist eine Rickenbacker 330, ein aktuell nicht gerade angesagtes Instrument.

Tom: Es ist sicher ein unfassbares Klischee, als britischer Musiker Rickenbacker zu spielen, ich weiß. Jetzt wo die Vergleiche zu britischen Bands kommen, fallen auch Namen wie Paul Weller, Pete Townshend, George Harrison – und das ist der Sound mit dem ich groß geworden bin. Ich mag diesen dünnen, dynamischen, crunchy Sound. Eine Rickenbacker über einen Vox AC30, den Amp leicht anzerren und einen E-Dur anschlagen – das ist für mich der Himmel! Das ist der Sound! (lacht) Ich war mit 18 das erste Mal in London in der Denmark Street (bekannt für ihre Guitar Shops). Ich hatte noch nie eine Rickenbacker in der Hand gehabt. Ich gucke ins Schaufenster und da hängt tatsächlich eine – auch noch für Linkshänder! What the fuck! (lacht) Also hab ich mein ganzes Erspartes zusammengekratzt und hab die gekauft. Das war die erste vernünftige Gitarre die ich hatte. Eigentlich mag ich ihr Aussehen nicht. Aber sie klingt halt geil.

Toms 1970s Höfner Hollowbody Lefty Converted vor Vox AC-15 Handwired Amp (Bild: Stefan Woldach)

Deine zweite Gitarre ist eine verbastelte Lefty-Converted-Höfner.

Tom: Die hab ich von einem Freund geschenkt bekommen, der einen Linkshänder-Gitarren-Shop in Essen betreibt (www.lefthandgear.de). Er hat mitgekriegt, das ich keine Ersatzgitarre hatte. Er hat mir die Höfner in die Hand gedrückt und meinte: Die wird dir gefallen! Sie hat einen etwas volleren, wärmeren Klang, den ich bei den balladesken Stücken benutze. Sie ist nicht so „in your face“ wie die Rickenbacker. Aber ich mag die super gerne. Ich hab keine Ahnung, was das für ein Modell ist, irgendwas aus den Siebzigerjahren wurde mir gesagt.

Evans Gibson SG 50s Tribute mit P-90 PUs
Evans Epiphone Les Paul vor Hiwatt 100 Watt Amp und Marshall 1960 Lead 4x12 Box

Evan: Meine Hauptgitarre ist eine Gibson SG, ein 50s Tribute Modell. Ich wollte mir eigentlich eine Fender Jazzmaster kaufen. Aber irgendwie fühlte die sich nicht richtig für mich an. Der Hals der SG, die kurze Mensur und die P-90 Pickups waren dagegen genau das richtige.

Tom: Du siehst auch viel besser aus mit einer SG, als mit einer Jaguar! (lacht)

Evan: Beim 50s Tribute Modell ist der Hals etwas dicker, das mag ich. Ich spiele mit ziemlich viel Kraft und mit dieser Gitarre kannst du das problemlos machen. Wenn ich zum Beispiel eine Tele spiele, krieg ich schnell Probleme mit der Stimmung. Und als zweite Gitarre hat mir Tom die Epiphone Les Paul geschenkt. Auch die passt perfekt.

Toms Board (v.l.n.r.): Boss FRV-1 ´63er Fender Reverb, Boss Cromatic Tuner TU-3, JHS Mini A/B Fußschalter, Wampler Plexi-Drive, Palmer MI DMS Switcher (für seine Harp), Clouds Hill Laut Vintage Valve Booster, Zvex Box Of Rock Vexter Distortion, Vox 846HW-Wah
Evans Board (v.l.n.r.): tc electronics Hall Of Fame 2 Reverb, Boss Digital Delay DD-2, Micro DI, tc electronics Poly Tune 2, Electro Harmonix Deluxe Memory Boy, Clouds Hill Laut Vintage Valve Booster, Electro Harmonix Crayon 69 Overdrive, MXR Micro Amp M133 Boost.

Ihr spielt Vox- und Hiwatt-Amps, zwei britische Klassiker.

Tom: Für mich stehen diese Amps für den Sound mit dem ich groß geworden bin. Für mich gibt es keinen anderen Verstärker, der diesen an-gecrunchten Sound besser rüberbringt als ein Vox, egal ob AC30 oder AC15. Okay, das sind wahrscheinlich Hörgewohnheiten. Im Clouds Hill standen übrigens vier Vintage AC30 herum, auch mit Pre-Rola-Celestions. Ich dachte nur: Yeah! Aber am Ende haben wir meinen AC15 Handwired von 2012 benutzt, weil der einfach geil klingt.

Evan: Ich hab früher einen Gibson Falcon gespielt, denn ich mochte dessen warmen Vintage-Tone. Dann hatte ich einen Egnater Tweaker Head mit einer 1×12 Box, aber zwei Tage vor unserer Tour ging der Amp kaputt. Da meinte unser Bassist, er habe da noch einen Hiwatt-Head, den solle ich doch mal probieren. Der war aber nicht ganz das Richtige für den 1×12 Speaker. Eine Marshall 4×12 Box war dann die bessere Lösung.

Tom: Jetzt, wo ich drüber nachdenke, ist das eigentlich genau die Pete-Townshend-Kombination! Eine SG mit P-90 über einen Hiwatt Amp!

Das ist natürlich ordentlich laut.

Tom (simuliert einen Hörschaden): Was? (lacht) Nein, das muss so sein. Ich bin der Sänger und Rhythmusgitarrist. Evan muss laut sein!

Vielen Dank fürs Gespräch!

Discografie

  • Dear Boy (2016)

Zur Facebook-Seite der Band!

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