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Interview: Testament – Alex Skolnick & Steve DiGiorgio

(Bild: Stephanie Cabral)

Auch wenn die US-amerikanische Formation Testament eindeutig dem beinharten Thrash-Metal zuzuordnen ist, hat sie mit ihrem neuen Album ‚Titans Of Creation‘ viele Fans über­rascht. Denn neben der gewohnten Mischung aus Geschwindigkeit, schroffer Härte und der­ben Gesängen zeichnet sich die aktuelle Studio­scheibe – es ist die 13. in der seit Mitte der Acht­ziger andauernden Karriere – auch durch einige erstaunlich groovige Momente und sogar melo­dische Parts mit eingängigen Melodien aus.

Wie und weshalb es dazu kam und mit welchen Instrumen­ten die zwölf Songs eingespielt wurden, haben uns Lead-Gitarrist Alex Skolnick und der technisch überragende wie ungewöhnlich spielende Bassist Steve DiGiorgio in zwei aus­führlichen Gesprächen erklärt.

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Alex Skolnick mit seiner ESP-Signature-Gitarre (Bild: Em Coulter Photography)

ALEX SKOLNICK

Hallo Alex, wie geht es dir? Und wie geht es deinen Bandkolle­gen, die sich im März mit dem Covid-19-Virus infiziert hatten, sodass ihr eure Europatour vorzeitig beenden musstet?

Erfreulicherweise ist die Band wieder vollständig gesund, alle haben sich bestens erholt. Außer einer Show in Italien musste ja zum Glück nur der allerletzte Gig in Hannover gecancelt werden. Leider hat der Shutdown unsere sämtlichen Pläne für den Herbst diesen Jahres durchkreuzt, denn eigentlich wollten wir nach dem Sommer wieder losziehen.

Seid ihr durch den Shutdown in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten?

Natürlich ist ein solcher Lockdown für viele Künstler ein echtes Problem. Einige von uns haben das Glück, über weitere Einkom­mensmöglichkeiten zu verfügen, so ist es auch in meinem Fall. Man wird dabei zwar nicht reich, aber es sichert zumindest die Existenz.

Und wie hast du dir die Langeweile vertrieben?

Langeweile hatte ich nicht eine Sekunde. Ich mache ja sowieso viele Dinge, auch außerhalb von Testament. Ich arbeite im Studio, gebe Unterricht, bastele an Instruction-Videos und habe immer alle Hände voll zu tun. Wenn man natürlich nur über Einkommen durch die Band verfügen kann, kommt man schnell in Schwierigkeiten. Das gilt ja nicht nur für Testament, das gilt vor allem für zahllose junge Musiker, die noch nicht so lange im Geschäft sind.

Kommen wir zu eurem aktuellen Album ‚Titans Of Creation‘, das überall gefeiert wird. Wusstest du schon während der Aufnahmen, dass es ein so starkes Werk werden wird?

Nein. Wie gut das Material ist, weiß man vor Produktions­beginn nie. Aber wenn man dann im Studio feststellt, dass man die Aufnahmen zu lieben beginnt, bekommt man bereits eine Vorahnung, wie stark das Resultatwerden könnte. In unserem Fall hat ja Eric (Peterson, Gitarrist und Hauptkomponist der Band, Anm. d. Verf.) bei allem das letzte Wort, denn er hat die Band gegrün­det und ist der Chef. Übrigens auch dann, wenn man mal mit einer Entscheidung nicht einverstanden ist, was in meinem Fall durchaus vorkommen kann. Aber die goldene Regel lautet: Wenn etwas uns selbst gefällt, wird man damit auch die Fans überzeugen können.

Du sprachst von mitunter unterschiedlichen Meinungen innerhalb der Band.

Ja, ich spiele da auf meine Komposition ‚Symptoms‘ an, bei der wir im Studio schwierige Diskussionen hatten. Ich finde, dass der Komponist eines Stückes immer das letzte Wort haben sollte, aber in diesem Fall musste ich hart dafür kämpfen. Denn meinen Kolle­gen war die Nummer zu langsam. Für Testament sind Midtempo-Nummern ja eher ungewöhnlich, aber ‚Symptoms‘ braucht dieses groovige Grundgefühl. Doch ständig hieß es: „Das Stück muss schneller gespielt werden.“

Ich blieb aber hart: „Nein, das Tempo bleibt so, wie es ist.“ Sie darauf: „Lass es uns doch schneller versu­chen, und dann entscheiden wir!“ Aber ich ließ mich nicht umstim­men. „Nein, das Tempo bleibt!“ Jeder Song hat nun einmal sein eigenes Tempo, denn sonst verliert er den Charakter, den man ihm zugedacht hat.

Ist das richtige Tempo der alles entscheidende Faktor in der Musik?

Auf jeden Fall einer der wichtigsten Faktoren. Ich liebe Grooves. Aber gleichzeitig muss ich natürlich auch den Sound respektieren, für den Testament stehen, und der basiert auf Tempo. Ich mag das, ich spiele gerne schnell, aber die Mischung muss stimmen. Früher wurden in Testament-Shows ausschließlich schnelle Songs aneinandergereiht, sodass bei einigen Nummern die gewünschte Wirkung verpuffte. Heute sind Testament-Konzerte zum Glück abwechslungsreicher und daher auch deutlich kraftvoller, wie ich finde. Es scheint, dass die Jungs älter geworden sind und nicht mehr ausnahmslos im Vollgas-Modus rennen wollen. (lacht)

Mit welchem Equipment hast du ‚Titans Of Creation‘ eingespielt?

Bei früheren Produktionen wurden ausschließlich richtige Röhren-Amps verwendet, während ich auf unseren letzten Tourneen die gewünschten Sounds immer aus einem Kemper geholt habe, was sehr angenehm ist. Eric, Steve und ich spielen alle drei Kemper-Amps, auch weil unser deutscher Live-Mischer total darauf steht. Diesmal habe ich den Kemper erstmals auch im Studio eingesetzt, zumal die Technik zunehmend besser geworden ist. Außerhalb von Testament, in meinen – wie ich sie nenne – Ein-Gitarren-Bands, bevorzuge ich weiterhin traditionelle Amps, aber für Testament sind Kemper einfach perfekt.

Nachdem der Kemper Profiler schon länger im Live-Rig zu finden ist, kam er für das neue Album erstmals auch im Studio zum Einsatz. (Bild: Skolnick)

Welche Profiles hast du verwendet?

Das Profile stammt von einem Marshall JVM plus Distortion-Pedal, bei dem ich Geräte der griechischen Firma Jam Pedals bevorzuge. Unser Mischer Andy Sneap hat dann den Sound in seine eigenen Kemper Amps geladen und die Spuren ge-reampt. Hinzu kamen ein paar Phasing-Effekte und Delays, mehr nicht.

Zwei von Skolnicks ESP-Signatures: In Silverburst…
… und Black Aqua Burst.

Hast du deine ESP-Signature-Gitarren gespielt?

Ja, überwiegend. Es kamen zwei meiner Alex-Skolnick-Modelle zum Einsatz, und zwar die in Lemon Burst mit der festen Brücke. Sie sind im Studio großartig zu spie­len. Die Tonabnehmer waren Seymour Duncan Custom. Wie du vielleicht weißt, sind in den etwas günstigeren LTD-Versionen meiner Gitarre die Seymour-Duncan-JBs verbaut.

Was muss eine Gitarre bieten, damit sie dir gefällt?

Zunächst einmal sollte der Hals nicht allzu dünn sein, da es dann einfach keine Herausforderung mehr ist, mit der Gitarre zu spielen. Dünne Hälse, dünner Korpus, dünne Saiten, das alles ist zwar leicht zu spielen, erzeugt aber natürlich auch nur einen dünnen Sound. Ich mag dagegen einen möglichst fetten Ton. Privat spiele ich zum Beispiel vorzugsweise meine 68er Gibson SG, meine 76er Gibson L5 und eine 60er Gold Top Reissue. Diese Art Gitarren inspirieren mich immer wieder.

Du bist von Hause aus der klassische Humbucker-Typ, oder?

Ja, absolut. Ich mochte immer schon besonders Humbucker-Sounds, aber mir gefallen auch Out-Of-Phase-Split-Coil-Sounds ausgesprochen gut. Meine eigenen Gitarren haben diese Option ja auch. Meine allererste Gitarre war übrigens eine Les Paul, die ich leider nicht mehr besitze. Ich war jung und brauchte Geld. (lacht)

Apropos: Womit wirst du dir im Rest des Jahres dein Geld verdienen?

Schwer zu sagen, da sämtliche Planungen mit Testament über den Haufen geworfen werden mussten. Deshalb habe ich die Zeit genutzt, um mit den Jungs meines Jazz-Trios ein paar bluesigere Nummern aufzunehmen und sie als EP zu veröffentlichen. Außerdem gibt es eine weitere Zusammenarbeit mit Rodrigo Y Gabriela, der mich gebeten hat, auf einem seiner modernen Popsongs zu spielen. Die Nummer wurde zwar nur online gepostet, aber man konnte im Billboard und im Musical Express trotzdem etwas darüber lesen.

STEVE DIGIORGIO

Bassist Steve DiGiorgio mit seinem 6-saitigen Ibanez-Fretless. (Bild: DiGiorgio)

Steve, inwieweit stellt ‚Titans Of Creation‘ auch für dich persönlich ein neues Kapitel dar?

Letztendlich ist für Musiker jedes Album ein neuer Lebensabschnitt, aber im Vergleich zu meiner ersten Testament-Beteiligung auf ‚The Gathering‘ im Jahr 1999 sind tatsächlich einige signifikante Änderungen zu verzeichnen. Die Aggressivität der Songs ist zwar gleich geblieben, aber die äußeren Vorzeichen waren diesmal völlig andere. Zu Zeiten von ‚The Gathering‘ änderten sich gerade die Metal-Hörgewohnheiten, die Fans wollten möglichst harte Songs, und Testament reagierten darauf, indem Slayer-Drummer Dave Lombardo die Scheibe eintrommelte. Mir persönlich gefiel das außerordentlich gut, auch wenn es natürlich für mich als neuer Bassist der Band eine echte Herausforderung war, sofort mit einem Schlagzeuger wie Lombardo zu arbeiten. In den folgenden Jahren haben Testament an diesen eher harschen Direktiven festgehalten und somit dazu beigetragen, dass diese Art Metal ihre Bedeutung behalten hat. Auf der neuen Scheibe dagegen gibt es mehr Melodien als früher, mehr griffige Refrains, und einen nahezu 50/50-Mix aus Thrash mit dicken Eiern und starken Hooks mit guten Melodien. Ich finde, eine dermaßen ausgewogene Balance hatten Testament noch nie zuvor.

Sind mit dieser Entwicklung auch Veränderungen deines spielerischen Ansatzes verbunden?

Ja, ich habe in der Tat etwas geändert. Als ich 1998 in die Band kam, war das Material für ‚The Gathering‘ schon fast fertig. Es ging für mich also nur noch darum, mit meinem Spiel und meinem Sound diesen Songs gerecht zu werden. 2016 dann, als wir ‚Brotherhood Of The Snake‘ aufnahmen, suchte ich erstmals nach einer besseren Einbettung meines Spiels in den Gesamtsound. Früher ging es darum, einen möglichst schlagkräftigen Sound zu kreieren, was jedoch schwierig war, da die meisten wichtigen Frequenzen bereits durch die Gitarren belegt waren. Diesmal habe ich anders gearbeitet: Ich habe mir sämtliche Drum-Tracks schicken lassen, zu jedem Song einen 20- bis 30-sekündigen Loop angefertigt und dann mit verschiedenen Bässen immer wieder den Sound getestet, bis ich das perfekte Ergebnis gefunden hatte.

Mit welchen Bässen hast du getestet und welcher Bass stellte sich als die beste Wahl heraus?

Ich hatte zwei Carvin-Bässe, zwei ESP-Modelle, zwei Thor-Bässe und einen Rickenbacker. Zu meiner großen Überraschung erwies sich der Rickenbacker, ein ganz normales 1978er-Modell, passiv, ohne Modifikationen, ohne Preamp, als der am besten geeignete. Diesen Rickenbacker habe ich mit ins Studio genommen. Unser Produzent liebte den Sound sofort, Eric mochte ihn auch, und Andy Sneap, der die Scheibe gemischt hat, war ebenfalls voll des Lobes. Was übrigens für Andy sehr ungewöhnlich ist, denn er lobt wirklich nur sehr selten. Ich besorgte mir noch ein neueres 2016er-Modell, das sogar einen noch besseren Sound hatte. Mit ihm plus einem sechssaitigen Ibanez-Fretless-Bass habe ich dann ‚Titans Of Creation‘ eingespielt. Wir haben im Studio so lange an den Frequenzen herumgeschraubt, bis der Rickenbacker und der Ibanez ähnlich klangen, sodass ich problemlos zwischen den beiden wechseln konnte. Man kann den Bass nun deutlich hören, ohne dass er zu präsent klingt.

Welche Amps sind zum Einsatz gekommen?

Ich habe das Signal über einen analogen Preamp, der einen warmen Sound liefert und den eigentlichen Ton nicht verändert, sondern ihn wunderbar nach Holz und Saiten klingen lässt, in einen Kemper gespielt. Danach wurde das Signal per Kompressor und EQ an den Gesamtsound der Scheibe angepasst. Bei langsameren Nummern gab es weniger Kompression, bei schnelleren entsprechend ein bisschen mehr. Zuhause in meinem kleinen Homestudio habe ich einen EBS Microbass III für D.I., einen EBS Compressor und einen Darkglass B7K Overdrive/Preamp. Auf Tour spiele ich zumeist über einen EBS und einen Sansamp YYZ.

Noch mehr EBS: Reidmar 750, HD350, TD660 und vier Evolution Pro Line 2000 4x10er.
Auf Tour spielt Steve meistens EBS. Hier zu sehen der Fafner 750 Extreme Edition und der Tech 21 SansAmp RBI.

Wie hat sich eigentlich dein ungewöhnlicher Spielstil entwickelt?

Letztlich ist er die Summe meiner frühen Einflüsse. Ursprünglich komme ich aus dem Jazz/Fusion-Bereich, entdeckte dann Musiker wie Chris Squire, Geddy Lee, Steve Harris, Bob Daisley oder Geezer Butler, allesamt Bassisten, die nie im Schatten ihrer Bandmitglieder standen, sondern auf ihre eigene Weise Frontmänner sind und waren. So entwickelte sich mein Stil, der mir selbst aber nicht ungewöhnlich vorkam. Ich war überrascht, als sich meine Kollegen so beeindruckt zeigten.

Sicherlich auch wegen der enormen Geschwindigkeit, die dein Spiel haben kann, wenn du möchtest.

Ein gutes Stichwort, denn ich bin zwar ein riesiger Sportfan, aber für mich ist Musik kein Wettbewerb, sondern eher eine Kunst wie die Malerei oder auch gutes Essen. Ich wollte nie der Beste oder Schnellste sein, sondern immer nur etwas anders als alle anderen klingen, anstatt meine Kollegen zu kopieren. I always was on a mission to be unique! Daran hat sich seit inzwischen fast 40 Jahren nichts geändert, denn diese Unverwechselbarkeit macht mir Spaß und gibt mir große Selbstsicherheit. Aber, wie gesagt: Ich sehe dies mitnichten als Wettbewerb.

Gab es Phasen in deinem Leben, in denen du besonders große Fortschritte als Musiker gemacht hast?

Die meisten musikalischen Fortschritte habe ich vermutlich in der Zeit gemacht, als ich mich selbst stark unter Druck gesetzt habe, um im Studio alle Anwesenden möglichst nachhaltig zu beeindrucken. Man merkt das ja selbst nicht, während es passiert, aber die vielen Komplimente haben mich natürlich angespornt, noch besser zu werden. Wobei für mich besser dabei nicht unbedingt schneller bedeutet, sondern oftmals auch geschmackvoller oder grooviger. Als junger Mensch kämpft man ja häufig mit seinem Ego, heute dagegen bin ich gelassener, mache sicherlich immer noch kleinere Fortschritte, aber nicht mehr so große wie in früheren Zeiten.

Letzte Frage: Woraus besteht derzeit dein künstlerisches Leben außerhalb der Mitgliedschaft in Testament?

Mein Künstlerleben beruht auf drei Säulen: Da sind zum einen Testament, bei denen ich mithelfe, die Maschinerie am Laufen zu halten. Daneben mache ich häufig Session-Arbeit und helfe anderen Künstlern, meistens im Metal-Bereich, mitunter aber auch in ganz anderen Genres. Und zum Dritten: Ich habe mit Quadvium einen neue Band gegründet, zu der auch der Niederländer Jeroen Paul Thesseling und der Schlagzeuger Yuma Van Eekelen gehören. Vierter im Bunde ist der Gitarrist Raphael De Stefano. Wir spielen eine rein instrumentale Mischung aus Fusion und World Music, mit orientalischen Einflüssen, Flamenco-Parts und einem Heavy-Metal-Fundament. Wir stehen noch am Anfang, keine Ahnung, wo dies alles mal endet.

(erschienen in Gitarre & Bass 08/2020)

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