Bona-Bass

Michael Rhodes: Bonamassas Bassist

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(Bild: Matthias Mineur)

Wer Michael Rhodes auf der Bühne Bass spielen sieht, ist von seiner anmutigen Performance beeindruckt. Der 64-jährige Amerikaner scheint in Konzerten mit seinem Instrument geradezu zu verschmelzen. So flüssig und harmonisch wie seine Bewegungen sind klingt auch sein Spiel, das sich weniger durch übertriebene Virtuosität, sondern vielmehr durch sein geschmackvolles Harmonieverständnis, seinen instinktsicheren Groove und seinen wunderbar warmen Ton auszeichnet.

In der amerikanischen Studioszene genießt Rhodes schon seit den Siebzigern einen exzellenten Ruf, er spielte unter anderem mit Stevie Winwood, Hank Williams Jr., Vince Gill, Faith Hill, Kenny Chesney, Larry Carlton, Aaron Neville, Joan Osbourne oder Brian Wilson. Aktuell gehört er zum Camp von Blues-Rock-Gigant Joe Bonamassa und widmet sich dort nun wieder der Musik, mit der er einst aufgewachsen ist. Wir trafen Rhodes beim Bonamassa-Konzert in Hannover und befragten ihn zu seiner Rolle in der Band des Superstar-Gitarristen.

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Michael, das Engagement in der Bonamassa-Band passt perfekt in deine bisherige Karriere. Aber war diese Verpflichtung nicht längst überfällig?

(lacht) Ja, könnte man so sagen. Ich bin zwar ein paar Jahre älter als Joe, aber unsere musikalischen Wurzeln sind die gleichen. Wir kommen beide vom britischen Blues, der noch stärker als der amerikanische signifikante Rock-Anteile hat. Diese Art Musik spiele ich bereits seit den Sechzigern. Ich stamme zwar aus Louisiana und kenne mich deshalb auch mit Country aus, da ich es als Kind gelegentlich gemacht habe und man in Coverbands alles spielen können muss. Ich bin aber kein Country-Fachmann, sondern war immer Rock-Musiker und bin deshalb mit Joes Musik sehr vertraut.

Stimmt es, dass du der einzige Musiker deiner Familie bist?

Das stimmt, außer mir spielt keiner ein Instrument. Aber bei uns zu Hause liefen immer irgendwelche Schallplatten. Mir gefiel, was ich hörte, es berührte mich, so kam ich zur Musik.

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Bassist Michael Rhodes und sein 1958er Precision Bass mit Curtis-Novak-Charlie-Christian-Pickups (Bild: Matthias Mineur)

Und zum Bass, vermutlich weil keiner deiner Kumpels Bass spielen wollte, sondern alle nur Gitarre oder Drums?

Exakt! (lacht laut los) Du hast so etwas schon öfters gehört, richtig? Wobei in meinem Falle dazukommt, dass ich schon als Kind sowieso stärker auf Rhythmen anstatt auf Melodien fokussiert war. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mich als kleiner Junge diejenigen Reiseberichte im Fernsehen am meisten fasziniert haben, in denen man Eingeborene sehen konnte, die auf ihren archaischen Schlaginstrumenten heiße Rhythmen spielten. Mich begeisterte das, tief in mir berührte es einen Nerv. Und dann folgte das, was du gerade beschrieben hast: In meiner Nachbarschaft gab es ein paar Jungs, die wie ich ein wenig Gitarre spielten, und als wir beschlossen, eine Band zu gründen, bot ich an, den Bass zu übernehmen.

Du bist reiner Autodidakt?

Ja, ich hatte in meinem ganzen Leben keine einzige Unterrichtsstunde. Ich hörte und übte einfach zu den Rock- und Pop-Scheiben der Sechziger, außerdem spielte ich schon früh in Top-40-Bands und lernte dort sehr viel über Musik. Vieles eignete ich mir selbst an, indem ich die Schallplattennadel immer wieder hochnahm und zurück an die kniffelige Stelle eines Songs setzte, bis ich den Part spielen konnte. Damals machte man das so, du kannst dich sicherlich auch noch daran erinnern …

Wie sah dein Equipment in den Anfangsjahren aus? Welches war dein erster professioneller Bass?

Ganz zu Anfang spielte ich einen recht ordentlich klingenden Silvertone-Bass, dann folgte ein Kent-Bass. Mein erster Profi-Bass war ein 1967er Fender Telecaster Bass, ein Reissue-Modell.

Besitzt du ihn noch?

Nein, leider nicht. Ich habe versucht, ihn wiederzufinden und dachte bereits, dass ich ihn gefunden hätte, denn jemand erzählte mir, dass er einen Koffer gesehen habe, auf dem der Name meiner damaligen Band stand. Aber es war ein Irrtum, deswegen suche ich ihn immer noch.

Welches war dein erster Amp?

Ein Guild Thunderbass. Damals dachte ich, dass ich eine Mordskiste besitze, aber aus heutiger Sicht war es lediglich eine 2x12er-Box mit einem Topteil obendrauf. Heutzutage gibt es ganz andere Geschosse, aber damals war es schon etwas ungewöhnlich Großes. Ich besitze übrigens noch immer einen Thunderbass.

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Bass-Techniker Elmon May (Bild: Matthias Mineur)

Du bevorzugst Viersaiter, seltener sieht man dich auch mit einem Fünfsaiter, aber nie mit einem Sechssaiter …

Ich habe in meinem Leben nur ein einziges Mal einen Sechssaiter gespielt, nämlich 1991 einen Yamaha TRB-6 auf der Tournee mit Stevie Winwood. Das tiefe B klang damit so unglaublich gut, außerdem gab es im Winwood-Programm einige Songs, die Stevie mit einem Synthesizer-Bass aufgenommen hatte und die diesen ultratiefen Ton erforderten. Um ehrlich zu sein: Es hat mit dem Ding nicht allzu viel Spaß gemacht, aber es klang gut.

War es schwierig für dich?

Ja, der Hals war einfach mördermäßig breit, deswegen bin ich anschließend sofort zu einem Fünfsaiter zurückgekehrt. Im Grunde genommen bin ich ein reiner Fourstring-Player, bei meinem jetzigen Engagement für Joe sowieso. Der Viersaiter passt zu Joes Musik einfach perfekt.

Obwohl er bei einigen Songs die Gitarre tieferstimmt.

Richtig, deswegen stimme ich bei drei Song meinen Bass auch auf D. Tiefer als D möchte ich nicht gehen, weil es dann nicht mehr zu dieser Musik passt und irgendwie künstlich klingt. Nur im Studio spiele ich mitunter Fünfsaiter.

Was muss einen Bass auszeichnen, damit du dich mit ihm wohlfühlst?

Ich fühle mich auf Precision-Bässen am wohlsten, weil ich mit ihnen angefangen habe und sie sich für mich am natürlichsten anfühlen. Das Griffbrett ist mir dabei ziemlich egal, ob Ahorn oder Palisander, für mich kein Unterschied. Natürlich klingen sie anders, insofern kann man für den entsprechenden Song dann das Modell wechseln. Aber vom Spielgefühl her ist es mir egal, aus welchem Holz der Hals besteht.

Welche Bässe bevorzugst du auf Tour?

Einige sind Fender Precisions aus der American Vintage Serie, allesamt mit den regulären Pickups, lediglich mein alter 58er hat Kurt-Novak-Tonabnehmer.

Als Amps spielst du zur Zeit Ashdown.

Richtig, die 300er Serie.

Zu deinen Effektgeräten gehört auch ein WahWah …

Das WahWah brauche ich für diesen ganz speziellen Bass-Sound in ,Blues Of Desperation‘, der wie ein Envelope-Filter klingt.

Ist bei den Bonamassa-Songs eher deine melodisches oder dein rhythmisches Verständnis gefordert?

Beides. Für mich ist der Bass immer Diplomat in einer Liaison zwischen Melodien und Rhythmen. Die Verschiebung zu dem einen oder anderen Pol ändert sich natürlich von Song zu Song.

Kannst du ein paar Beispiele nennen?

In ,Mountain Climbing‘ basiert die Hauptlinie auf einem Gitarren-Riff, aber für den Mittelteil habe ich im Studio einen sehr melodischen Part entwickelt. Letztendlich sind es meistens die Gesangsmelodien, die den Bass-Part vorgeben. Wenn Joe lange, gehaltene Töne singt, kann ich als Bassist dazu kleine Hooklines spielen. Wie schon gesagt: Der Song gibt vor, was ich als Bassist zu tun habe. Insofern ist mein Ansatz bei jedem Song ein anderer.

Demgegenüber steht ein Song wie ,Hummingbird‘ von B.B. King, eigentlich wurde er von Leon Russell geschrieben. In ,Hummingbird‘ gibt es das, was ich „meat and potatoes“ nenne, eine Blues-Nummer, bei der man nur das Notwendigste spielen sollte. Gleiches gilt für ,Angels Of Mercy‘, eine Albert-King-Nummer. Viel simpler kann man einen Bass nicht spielen.

Wer sind deine Vorbilder?

Das ändert sich ständig. In meiner Jugend hatte ich Einflüsse, die ich eigentlich selbst gar nicht kannte, darunter Carol Kaye, Joe Osborne, einige aus der Studiogruppe Wrecking Crew in Los Angeles, die Pop-Songs aufnahmen, dazu Tommy Caldwell aus Memphis, ein riesiger Einfluss, aber auch Duck Dunn, Paul McCartney und Jack Bruce, John Entwistle und Jack Casady von Jefferson Airplane.

Als ich anfing mich für Jazz zu interessieren, entdeckte ich Charles Mingus, Charlie Haden und natürlich die üblichen Verdächtigen wie Stanley Clarke oder Jaco Pastorius. Von diesen beiden nicht beeinflusst zu werden ist nahezu unmöglich. Ich hatte immer schon größte Hochachtung vor Musikern, die einen traditionellen Bass spielen. Mich haben nie die Virtuosen fasziniert. Ich habe großen Respekt vor ihren Fähigkeiten, aber was mich interessiert und womit ich mein Geld verdiene war immer schon „meat and potatoes“.

Inwiefern hat sich dein Spiel über die Jahre verändert? Existiert ein roter Faden zu den Sachen, die du vor 30 oder 40 Jahren aufgenommen hast?

Ja, den gibt es. Natürlich verändert sich jeder Musiker im Laufe der Zeit, aber die meisten bleiben ihren Ursprüngen treu. Es gab Jahre, da änderte sich der Bass-Sound enorm, vor allem in den Siebzigern und Achtzigern wollten alle Produzenten diesen ultrafetten Bass-Sound. Fünfsaiter kamen auf, auch für mich hieß es immer öfter High-Five, weil es seinerzeit trendy war. Und wie gesagt: Ich habe meinen Lebensunterhalt damit verdient, dass ich das gespielt habe, was gerade gefordert war.

Heutzutage ist vieles wieder bei den Ursprüngen gelandet. Ich spiele wieder überwiegend Flatwound-Saiten, weil sich der geforderte Sound erneut geändert hat. Mein Stil ist im Grunde genommen unverändert, auch wenn ich in früheren Zeiten mitunter etwas zu viele Töne gespielt habe. Aber auch das war eine Reaktion auf den Trend, als jeder slappte und unglaublich busy spielte. Heute bin ich gelassener, purer, auch weil man dieses hektische Geslappe nicht mehr hören will. Ich orientiere mich immer daran, was gefordert ist.

Letzte Frage: Was hast du als Musiker von Joe Bonamassa lernen können? Und was konnte er möglicherweise von dir lernen?

Das ist eine schwierige Frage. Lass es mich so erklären: In dieser Band ist jeder Einzelne eine absolute Koryphäe an seinem Instrument. Ich habe vor jedem allergrößten Respekt. Jeder gibt sein Bestes, achtet dabei auf die anderen und ist in jeder Hinsicht verlässlich. Wir versuchen als Kollektiv so gut wie möglich zu sein. Nebenbei bemerkt: Das sollte die goldene Regel für jede Band sein. Was ich von Joe lernen konnte: Vergiss nicht, rechtzeitig vor Show-Beginn noch einmal zu pinkeln, denn das Konzert dauert zwei Stunden! (lacht) Außerdem: Bring genügend Garderobe mit, damit nicht alle immer nur in Schwarz gekleidet sind.

Nein, ganz im Ernst: Auf dieser Tour lernt man viel über das Touren an sich. Ich habe seit den späten Achtzigern keine so lange Tournee mehr mitgemacht wie diese mit Joe. Was Joe von mir lernen könnte? Vielleicht meine jahrzehntelange Erfahrung, sowie die Tatsache, dass ich mit einer Reihe seiner Vorbilder gespielt habe. Joe weiß das und es interessiert ihn, sodass ich ihm eine Menge kleiner Studio-Anekdoten oder etwas aus der Zeit mit J.J. Cale erzählen kann. Joe liebt diese Geschichten, für ihn bin ich der perfekte Geschichtenerzähler.

Danke Michael, und weiterhin alles Gute für dich! [2700]

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