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Interview: Doyle Bramhall II

Von Doyle Bramhall II kann man nur begeistert sein: Sein exquisites Gitarrenspiel, seine an Lenny Kravitz erinnernde, soulige Stimme, sein gefühlvolles aber ungemein dynamisches Songwriting, eine Mischung aus Rock, Soul und Blues – das alles ist so unglaublich geschmackvoll, dass man sich fragt, weshalb der 48-jährige Amerikaner bislang überwiegend nur als jahrelanger Gefolgsmann von Eric Clapton und Roger Waters aufgefallen ist.

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Der Sohn des Multiinstrumentalisten Doyle Bramhall (u.a. Vaughan Brothers, Stevie Ray Vaughan Band) ist einer der gefragtesten Session- und Studiomusiker der Welt, war – neben Clapton – schon mit Elton John, Allen Toussaint, Billy Preston und seiner zeitweiligen Freundin Sheryl Crow im Studio und stand zudem mit Derek Trucks oder Gregg Allman auf der Bühne. Jetzt endlich forciert er seine eigene Solokarriere, hat die überragende Scheibe ,Rich Man‘ veröffentlicht und tourte im Mai durch Deutschland. Wir trafen den zurückhaltenden, freundlichen Musiker bei einem Konzert in der Worpsweder Music Hall und ließen uns von ihm seine Band und sein exquisites Equipment zeigen.

Doyle, beginnt deine eigentliche musikalische Karriere erst jetzt, als mittlerweile fast 50-Jähriger und unter eigenem Namen?

Natürlich ist dies eine völlig andere Erfahrung als das, was ich bislang gemacht habe. Aber all die Dinge, die ich in den zurückliegenden 15 bis 20 Jahren mit Künstlern wie Roger Waters, Eric Clapton oder Sheryl Crow lernen durfte, auch die Dinge, die mich im Studio mit Stars wie Elton John, Allen Toussaint oder Billy Preston zusammengeführt haben, sind der Grund, weshalb ich mich als eigenständiger Künstler überhaupt erst finden konnte. Davor fühlte ich mich als Solomusiker nicht selbstbewusst genug, war eher in mich gekehrt und wollte meine Musik nicht mit der Öffentlichkeit teilen. Immer wenn ich auf der Bühne stand, war ich in meiner eigenen Welt und wollte keinen Kontakt zum Publikum, alles schien sehr egozentrisch zu sein. In meiner Zeit mit Roger oder Eric konnte ich sehen, was es bedeutet, wenn man der Welt etwas Eigenes, Großes beisteuert. Beide sind großartige Musiker und Performer, und speziell in den zwölf Jahren mit Eric Clapton konnte ich mir abschauen, dass man ganz nah bei sich selbst sein und trotzdem einen Kontakt zum Publikum herstellen kann. Eric macht absolut nichts, was ihm nicht gefällt, er folgt einfach seinem natürlichen Instinkt. Er hat ein riesiges musikalisches Wissen, zudem ist er ein wahrer Trendsetter, und er weiß genau, was er will. Wenn man auf der Bühne direkt neben ihm steht, kann man lernen, wie man sein eigenes Ding durchziehen und seine Musik mit anderen teilen kann, ohne dabei den Chef raushängen zu lassen. Das hat mir bei meiner eigenen Gruppe sehr geholfen. Ich fühle mich nicht als Bandleader, ich möchte meine Musik mit meinen Kollegen und dem Publikum teilen, mehr nicht.

Sind die Songs allesamt brandneu?

Nein, sie sind alle in den zurückliegenden zwei Jahren entstanden. Ich war zwischendurch zweimal auf Tournee und habe immer sofort anschließend weiter an dem Album gearbeitet. Insgesamt dauerte dieser Prozess 16 Monate. Ich finde, ein Album sollte immer eine bestimmte Zeit reflektieren, zumal Songs, die ich vor zehn Jahren geschrieben habe, heute keine Bedeutung mehr für mich haben. Denn die neueren Stücke sind für mich deutlich anspruchsvoller als meine früheren Kompositionen, und dass, obwohl sie in mancher Hinsicht eher simpler klingen. Ich denke, dass ich heute einen besseren Geschmack habe als früher.

Deine Sicht auf Musik hat sich demnach verändert.

Vor allem ist mein Spektrum größer geworden. Je mehr man über fremde Kulturen weiß, je mehr man sich musikalisches Wissen aneignet, umso größer wird der eigene künstlerische Horizont.

Der Horizont muss dank deines Vaters und Leuten wie Jimmie und Stevie Ray Vaughan, mit denen er zusammen spielte, schon früh recht groß gewesen sein.

Ich kam bereits als kleiner Junge mit Blues in Kontakt und wurde davon stark beeinflusst. Als ich dann mit meiner Mutter und meinem Stiefvater, einem klassischen Pianisten, der unter anderem Stücke von Haydn, Chopin, Debussy und Bach spielte, von Texas nach Los Angeles zog, lernte ich klassische Musik kennen. Mit 15 kaufte ich mir ein Album mit Flamenco-Stücken und war so begeistert, dass ich unbedingt nach Spanien wollte, um mit Zigeunern in kleinen Dörfern zu leben. Dann entdeckte ich die ägyptische Sängerin Oum Kalsoum, die einen Oud-Spieler in ihrer Band hatte, und fing an Oud (eine arabische Kurzhals-Laute) zu spielen. Ich war immer schon in alle Richtungen offen. Natürlich liebte ich auch die Beatles, die Stones, Eric Clapton usw.

Die Mehrzahl deiner wichtigsten Engagements waren bei britischen Musiker. Wie war es für jemanden wie dich, der tief im Herzen Amerikas musiksozialisiert wurde?

Kein großer Unterschied, wie ich finde, denn in England und Amerika wurde der Blues immer schon gleichermaßen hoch geschätzt. Keith Richards spielte eh genauso dreckig wie alle anderen in dieser Szene. Eric Clapton zum Beispiel gehört zu den meistrespektierten Blues-Musikern der Welt und hat sogar seine eigenen amerikanischen Vorbilder beeinflusst. Sogar B.B. und Freddie King respektierten ihn und seine Musik.

Wie kam eigentlich dein Kontakt zu ihm zustande?

Eric hatte mein zweites Album ,Jellycream‘ gehört und wurde Fan der Scheibe. Er besorgte sich meine Telefonnummer und rief mich an. Er fragte, ob wir uns treffen könnten. Wir saßen stundenlang zusammen und unterhielten uns über unsere Idole. Ich war überrascht, dass er die gleichen Helden wie ich hat, obwohl ich aus Texas stamme und einige wirklich obskure Vorbilder hatte. Aber Eric kannte sie alle. Ich staunte, dass Eric als Nachkriegskind in England die gleichen Sachen gehört hatte, die ich in den Achtzigern in Texas für mich entdeckte. Wir sprachen sofort die gleiche musikalische Sprache, wohingegen ich in meiner Schule keinen einzigen Mitschüler kannte, der etwas mit dem Namen Lightnin’ Hopkins hätte anfangen können. Es haute mich um, wie ähnlich sich Erics und meine Sicht auf die Musik waren.

Und was konntest du von Roger Waters lernen?

Bei Roger konnte und musste ich lernen, Teil einer riesigen Maschinerie zu sein, bei der ein Rädchen ins andere greift, damit alles funktioniert. Etwas wie dieses habe ich vorher und nachher nie wieder erlebt.

War es schwierig?

Ja, am Anfang schon. Immerhin musste ich die Parts von David Gilmour übernehmen, sowohl an der Gitarre als auch als Sänger. Ich hatte mich in meiner Jugend nie mit Pink Floyd beschäftigt und musste daher sämtliche Songs von der Pike auf lernen. Diese Art Musik lernt man nicht oberflächlich, man muss in sie eintauchen, um sie in ihrer Gänze zu verstehen. Diese Musik ist wirklich sorgsam ausgedacht und aufwendig produziert.

Bist du zum Pink-Floyd-Fan geworden?

Ja, absolut, vom ersten Moment, an dem ich mich mit den Songs beschäftigte. Rogers Songwriting ist einfach unglaublich gut, er gehört zu den großartigsten Komponisten aller Zeiten, seine Produktionen sind außergewöhnlich. Für mich war es wie ein Geschenk, das ich mit etwa 30 Jahren bekam. Roger mochte mich, mein Gitarrenspiel, meinen Gesang. Er gab mir alle künstlerischen Freiheiten. Mit Ausnahme von signifikanten Passagen der Pink-Floyd-Songs, die man nicht verändern darf, weil sie prägend sind, wie etwa die Melodie in ,Mother‘, die den Song erst so richtig prägnant macht. An diesen Eckpunkten hielt ich natürlich fest, an anderen wie etwa in ,Comfortably Numb‘ spielte ich den ersten Teil des Solos genauso wie Gilmour, um den freien Teil am Ende des Songs individuell zu gestalten. Snowy White, der andere Gitarrist der Band, ist ein ruhiger, sehr besonnener Mensch, der sich niemals in fremde Belange einmischt und insofern auf mein Spiel keinen Einfluss nahm. Aber der dritte Gitarrist, Andy Fairweather Low, machte Vorschläge, gab mir Tipps, er ist wirklich ein guter Freund geworden.

Apropos: Aus Freunden besteht auch deine eigene Band, mit der du ,Rich Man‘ aufgenommen hast. Interessanterweise bist du ebenso der Produzent des Albums. Eine weitere Fähigkeit, die dich auszeichnet.

Der Grund, weshalb ich ,Rich Man‘ selbst produziert habe, ist meine konkrete Vorstellung vom Sound der Scheibe. Ich wusste, was ich wollte und wie ich das Ziel erreiche. Ich arbeite bereits seit 1988 in Studios, außerdem produziere ich seit Jahren andere Künstler. Allerdings holte ich mir einige Freunde zur Seite, die mir bei der Produktion halfen. So haben es ja auch die Beatles und die Stones häufig gemacht. Immer wenn ich mir nicht ganz sicher war, in welche Richtung es weitergehen sollte, oder wenn ich an eine Mauer stieß, die ich offensichtlich nicht überwinden konnte, holte ich mir einen meiner Co-Produzenten ins Studio und bat darum: „Kannst du dich solange in den Kontrollraum setzen, bis wir diesen Part eingespielt haben?“ So konnte ich ihn fragen: „War der Take gut? Oder sollten wir es besser noch einmal versuchen?“

Die besondere Stärke des Albums liegt in seiner rhythmischen Vielfalt, mit Songs, bei denen die fabelhaften Grooves die Melodien erst so richtig zum Leuchten bringen. Man spürt, dass du in jungen Jahren Schlagzeug gespielt hast.

Mein Vater war Drummer, irgendwie bestand meine ganze Familie aus Schlagzeugern, insofern war es wohl logisch, dass ich als Kind mit dem Schlagzeug anfing.

Für dich sind die Grooves deiner Songs wichtiger als deren Melodien?

Nein. Melodien sorgen dafür, dass man einen Song nicht wieder vergisst. Der Rhythmus ist quasi das Bett der Melodien. Melodie und Text machen den Song zu etwas Unvergänglichem. Nimm ein Stück von Bach, es hat zwar keinen Text, aber es hat eine Melodie. Die Melodie ist das, woran man sich später erinnert, der Rhythmus sorgt dafür, dass sich der Song gut anfühlt. Kennst du Glenn Gould?

Den kanadischen Klassik-Pianisten!

Exakt. Er war der erste – oder zumindest der erste mir bekannte – Musiker, der Bach-Stücken eine völlig neue Rhythmik und damit einen komplett anderen Ausdruck gab. Früher waren alle BachInterpretationen sehr mechanisch und geradlinig. Glenn Gould änderte die Tempi, verlangsamte Passagen, beschleunigte andere, und gab den Stücken eine eigene, ungewöhnliche Rhythmik. Die damalige Musikerpolizei rümpfte darüber zwar die Nase und schickte ihn zum Teufel, aber für mich gilt: Ich habe niemand anderen Bach-Stücke dermaßen wundervoll spielen gehört wie Glenn Gould. Der Rhythmus sorgt dafür, dass der Zuhörer einen Bezug zur Melodie bekommt. Rhythmus legt die Bewegung deines Körpers fest, und auch die Schwingungen deiner Seele. Melodien dagegen sind die Sprache des Lebens.

Wirst du in absehbarer Zeit ein weiteres Solo-Album aufnehmen oder stehen bei dir prominente Engagements an?

In diesem Jahr ist mein vorrangiges Ziel, mich in Europa als Solomusiker zu etablieren. In Amerika ist mir das bereits seit langem gelungen, in Europa dagegen bin ich noch vergleichsweise unbekannt. Im September oder Oktober werde ich dann zurück ins Studio gehen und ein weiteres Album aufnehmen.

Letzte Frage: Hast du den Eindruck, zu lange für andere Musiker gespielt und deine eigene Karriere vernachlässigt zu haben?

Nein, denn meine Philosophie besagt, dass jede Erfahrung einen Musiker zum nächst höheren Level bringt, und insofern waren die Jahre mit Eric Clapton und Roger Waters für meine Entwicklung als Musiker von immenser Bedeutung. Ein Album wie ,Rich Man‘ wäre mir ohne diese Erfahrungen niemals gelungen. Wenn man bedenkt, wie viele Jahre mir als Mensch auf dieser Erde insgesamt zur Verfügung stehen, ist es möglicherweise wirklich etwas spät, mit 48 Jahren seine eigene Karriere zu starten. (lacht) Aber ich bin da in guter Gesellschaft: Auch Albert King startete seine Karriere in seinen Vierzigern, Lucinda Williams war sogar schon über 50, als sie ihren ersten Hit hatte. Insofern: Ich bin jetzt da und schaue, wie weit es mich voranbringt.

Viel Glück, Doyle, und angesichts des fabelhaften Albums ,Rich Man‘ darf man wohl mehr als nur zuversichtlich sein! 

 

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