Produkt: Akustikgitarren ABC – Alles über Akustik Gitarren
Akustikgitarren ABC – Alles über Akustik Gitarren
In diesem Special findest du alles über Akustik-Gitarren+++ A-Gitarren-Historie, Recording, Songwriting+++Tipps & Tricks von Profis+++
Im Interview

Stefan Stoppok: Neue Wesen, neue Themen

(Bild: Robert Grischek)

Man kann ihn ohne Übertreibung als Universaltalent bezeichnen: Stefan Stoppok ist sowohl Songschreiber und Texter als auch versier­ter Gitarrist und Produzent. Und auch wenn sich Kollegen wie Westernhagen, Grönemeyer oder Lindenberg einer ver­gleichsweise größeren Popularität erfreuen, besetzt der 64-Jährige seit nunmehr 40 Jahren eine eigene Nische in der deutschspra­chigen Rockmusik.

Stoppoks neuestes Album heißt ‚Jubel‘, ein Titel, der sicher­lich nicht zuletzt von der ersten Single ‚Verjubeln‘ inspiriert wurde. In diesem Song geht es um den Raubbau an der Natur und um rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Stoppok singt: „Vielleicht kommen neue Wesen, die sich besser benehmen, mit ganz neuen Thesen und besseren Themen“, eine Hoffnung, die er ganz sicher nicht mit dem derzeitigen Präsiden­ten der USA verbindet. Welche besseren Themen er selbst parat und mit welchem Equipment er das hörenswerte Werk eingespielt hat, verriet er uns in einem ausführlichen Gespräch.

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Stefan, wie und wann beginnen bei dir generell die Arbeiten an einem neuen Album?

Im Grunde genommen komponiere ich permanent. Etwa ein halbes Jahr, nachdem ein Album veröffentlicht wurde, gehen die ersten Gedanken dann wieder in Richtung nächste Scheibe. Bei ‚Jubel‘ hatte ich zu Beginn zwei, drei Nummern, kleine Highlights, wie ich fand, die sozusagen als Basis für ein neues Album taugten. Man spürt, dass man so langsam wieder in Fahrt kommt und dass die Ideen gut genug sind, um damit ein neues Album anbahnen zu können. Irgendwann macht es einfach Klick und man stellt fest, dass die grobe Richtung stimmt.

Welches waren die allerersten Nummern für ‚Jubel‘?

Ich hatte mit ‚Geld oder Leben‘ und ‚Morgen kommt die Müllab­fuhr‘ zwei erste, recht vielversprechende Stücke in petto. Im März 2019, während eines Urlaubs mit meiner Frau auf Bali, habe ich dann in sehr entspannter Atmosphäre die ersten Zeilen zu ‚Pack mit an‘, ‚Eine Annahme‘, ‚Mal dein Herz an‘ und ‚Verjubeln‘ geschrieben. Danach wusste ich, dass ich konkreter planen kann. Ich bin dann sozusagen im Fluss, die Ideen sprudeln, und ich weiß genau, wie ich funktionieren muss. Natürlich geht ein solcher Prozess immer auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen einher.

(Bild: Stefan Stoppok)

So entstehen dann Zeilen wie „Nimm den Stein, den du gerade schmeißen wolltest, und leg ihn zu den anderen, denn wir brauchen ihn, um die Straße zu bauen, auf der wir hier weiter wandern können“ aus dem Stück ‚Pack mit an‘, bei dem es ums Umdenken und um die Idee geht, das gleiche Utensil für einen sinnvolleren Zweck zu nutzen. Oder es entsteht eine Nummer wie ‚100 Mio Follower‘ über Donald Trump und all den aufgeblasenen Wahnsinn um ihn herum. Man merkt dann schnell, wie relevant bestimmte Themen derzeit sind.

Du arbeitest an deinen Ideen also zunächst ganz alleine?

Ja. In diesem Fall habe ich mich sogar zwei Wochen lang in Bayern in das Haus eines Freundes, der in Urlaub war, zurückgezogen und konkret an den Songs gefeilt. Dabei ist zum Beispiel auch noch ‚Lass sie rein‘ entstanden. Wenn ich alleine bin, bekomme ich ein klareres Bild vom Ganzen, auch aus der Sicht des Produzenten.

Apropos: Beschränkt sich deine Tätigkeit als Produzent eigentlich nur auf deine eigenen Alben?

Im Grunde genommen schon. Ich bin nicht dafür geschaffen, daneben zu sitzen und für andere zu arbeiten. Ich muss in eine Sache selbst involviert sein. Außerdem arbeite ich eher intuitiv und bin technisch nicht so versiert, sodass eine Produktion auch schon mal in die Hose gehen kann, wenn ich sie betreue. Ich selbst möchte eigentlich nicht einmal einen externen Toningenieur dabeihaben, ich mag es lieber, wenn alle Anwesenden gemeinsam musizieren.

Das beschränkt sich allerdings aufs Aufnehmen, das Mischen übernimmt mein Organist Sebel, der in seinem Studio ein sagenhaft gut klingendes ADT-Pult hat, das mit meinem Tascam 600 nicht zu vergleichen ist. Außerdem verliert man mit der Zeit den Blick fürs Wesentliche, insofern ist es besser, dass Sebel die Stücke mixt. Er hat zunächst den richtigen Sound für meine Stimme gefunden und dann die übrigen Instrumente drumherum gebaut.

Wie darf man sich das Songwriting konkret vorstellen? Du am Frühstückstisch, mit einer Akustikgitarre, Akkordfolgen ausprobieren, Melodien und Texte testen?

Exakt. Ich komponiere auf der Gitarre und bevorzuge auf meiner 12-saitigen Martin D-35 ein Open-D-Tuning, wie es bei ‚Verjubeln‘, ‚Kein Update‘ oder ‚Lass sie rein‘ zu hören ist. Ich habe meine Lieblingssounds, ich stehe auf meine alte Gibson ES-335 und meine 67er Hagström III, die allerdings je nach Song immer ein wenig anders klingen. Im Vergleich zum Vorgängeralbum, das gemeinsam mit meiner Band und quasi live im Studio entstanden ist, habe ich bei ‚Jubel‘ diesmal etwas anders gearbeitet.

Woraus entsteht bei dir der allererste Funke eines Songs? Aus einer Melodie, einer Akkordfolge, einer bestimmten Textzeile?

Meistens ist es der spezielle Rhythmus einer Textzeile, zu der mir fast immer sofort auch eine Melodie einfällt. Ein gutes Beispiel ist die Nummer ‚Morgen kommt die Müllabfuhr‘, die ich schon vor eineinhalb Jahren mit Reggie Worthy und Sönke Reich spontan im Studio aufgenommen habe. Die Textidee stammt noch aus einer Zeit, als ich in einem abgelegenen Haus in Worpswede wohnte und die Tonne bei der wöchentlichen Müllabfuhr 500 Meter weit zur Straße schieben musste, obwohl sie gerade einmal zur Hälfte voll war, da ich nur wenig Müll produziere. Während des Schiebens sang ich immer vor mich hin: „Morgen kommt die Müllabfuhr, aber ham wir denn auch genug Müll gemacht?“ Abgesehen davon gibt es aber natürlich auch Stücke, die völlig anders entstanden sind.

Zum Beispiel?

Der Text zu ‚Ein Sternehotel‘ lag mehr als zehn Jahre lang bei mir herum, er wurde damals in Zusammenarbeit mit Danny Dziuk verfasst. Von Zeit zu Zeit durchforste ich mein Archiv, dabei fiel mir dieser Text wieder in die Hände, zu dem ich seinerzeit nicht die passende Musik gefunden hatte. Diesmal kam mir jedoch sofort eine Idee für die Melodie.

Wie und wo wurde das Album aufgenommen?

In meinem eigenen CST-Studio in Hamburg, über Computer und über meine 24-SpurOtari-2-Zoll-Bandmaschine, die ich vor 15 oder 16 Jahren gekauft habe. Der PC ist über einen Adams Smith Zeta Three Synchronizer mit der Bandmaschine kombiniert, die Drums wurden ohne Clicktrack oder Quantisierung in den Computer geladen. Als Schlagzeuger bin ich zwar nicht unbedingt eine Koryphäe, aber aufgrund meines Soloprogramms kann ich zumindest den Beat halten. Und wenn ich mal eine Bassdrum nicht sauber genug treffe, wird halt ein Sample draufgepackt, fertig. Mit Wally und Sebel arbeite ich schon so lange, dass ich genau weiß, wer anschließend was spielen soll. Ich bin diesmal vergleichsweise freier vorgegangen und habe mehr Experimente gewagt.

Mit welchen Gitarren hast du die neue Scheibe eingespielt?

Mit der bereits erwähnten Gibson ES-335, der Hagström III und einer 72er Martin D-35. Hinzu kamen eine 67er Fender Telecaster mit Bigsby, eine Martin D-16 GT, eine Guild JF-30 von 1990, eine zwölfsaitige Takamine EN-10, eine Tobias Kaul Waldzither aus dem Jahr 2018 und ein fünfsaitiges Leo-Fender-Banjo, das um 1970 gebaut wurde.

Stoppoks 67er Hagström III
1967er Fender Telecaster mit Bigsby

Sammelst du Gitarren?

Nein, jedenfalls nicht bewusst. Ich bin kein Nerd, aber ich liebe meine Gibson und meine Hagström.

Wie viele Gitarren besitzt du denn insgesamt, inklusive der akustischen?

Es müssen so an die 50 sein, davon etwa 20 akustische und ca. 30 E-Gitarren. Über die Jahre sammelt sich dann doch so einiges an, man staunt da manchmal selbst.

Welche Amps sind auf ‚Jubel‘ hören?

Ein George Dennis Mighty Mouse, ein Fender Blues Deluxe und ein Echolette E51 mit einem Echolette Gitarren-Lesley. Mein Studio-Equipment besteht zurzeit aus der besagten Otari MTR 90 Mark III und dem Adam Smith Synchronizer, plus einem Lynx-Aurora16-Wandler, RME-8CH-Interface, einem Focusrite Red 1 und einem TL-Audio-Indigo-Preamp. Hinzu kommen eine ADL-300G-DI-Box, Cubase 6 und meine Tascam-M600-Konsole. An Mikrofonen stehen mir unter anderem ein Neumann U47, AKG C414, JZ-2, JZ-6, Shure SM57, diverse Sennheiser und Audio Technica sowie ein Microtech Gefell GM 3H und ein Røde NT-2000 zur Verfügung.

Echolette E51 Röhren-Bandecho
Fulltone Supa-Trem, Korg DT-10 Tuner, George Dennis GD60 Wah-Volume-Switch, T-Rex Twin Boost …
… sowie Electro-Harmonix Small Stone Phaser & TC Electronic Nova Repeater RPT-1

Gibt es eigentlich konkrete Vorbilder, die dich als Gitarristen beeinflusst haben?

Jimi Hendrix war derjenige, der mich überhaupt erst zur Gitarre gebracht hat. Dabei faszinierte mich nicht nur sein Sound, sondern vor allem die Intensität und seine Originalität. Was Hendrix spielte, gab es vorher nirgendwo anders. Außerdem stand ich immer schon auf John Martyn, der eine ungewöhnliche Slap-Technik hatte. Von ihm gibt es einen Song namens ‚May You Never‘, den ich unfassbar gut finde und zu dem ich – quasi als Pendant – die Nummer ‚Wetterprophet‘ geschrieben habe.

Generell stehe ich total auf englische Folkrock-Bands der 70er, beispielsweise Fairport Convention mit Jerry Donahue, der eine tolle Pedal-Steel-Gitarre spielte. Ich bin auch großer Fan von Richard Thompson, Albert Lee und vor allem Alvin Lee von Ten Years After. ‚Going Home‘ ist einfach ein Klassiker. Außerdem finde ich Tommy Emmanuel toll, oder auch Rafael Cortés, ein guter Freund von mit. Kennst du eigentlich Marcel Dadi?

Nein.

Marcel Dadi ist ein französischer Musiker, der das Ragtime-Picking perfekt beherrscht. Von ihm stammt die Nummer ‚Song For Kathy‘. 1975 war ich in Toulouse, damals noch als Straßenmusiker, und traf bei einem wunderschönen Sonnenuntergang am Strand einen Kollegen, der dieses Stück spielen konnte. Ich ging sofort zu ihm und sagte: „Das musst du mir zeigen, auch wenn es die halbe Nacht dauert!“

Letzte Frage: Bist du nach der Fertigstellung einer Scheibe ausgebrannt, müde, überarbeitet? Brauchst du anschließend eine längere Pause?

Nein, überhaupt nicht. Ich greife nach jedem Frühstück zur Gitarre und habe meist sofort eine gute Idee. Deswegen existieren bei mir Unmengen an Archivmaterial auf Kassette, auf Bändern, auf dem Computer. Die Kreativität hört bei mir nie auf, und es gibt zwei Möglichkeiten, wie ich mit den Ideen jeweils verfahre: Entweder lasse ich sie liegen und greife sie später noch einmal auf, oder aber ich arbeite sofort an ihnen weiter. Ich kenne keine einzige Situation in meinem Leben, in der ich keine Ideen hatte.

Vielen Dank, Stefan, für das nette Gespräch!

(erschienen in Gitarre & Bass 07/2020)

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