Produkt: Robert Cray Special
Robert Cray Special
Alles über Robert Cray, Godfather des Blues, auf mehr als 30 Seiten im großen Story und Gear Special.
Auf Sinatras Spuren

Interview: Robert Cray

(Bild: Frank Witzelmaier)

Viel Seele, wenig Eile – seit vier Dekaden prägt der 66-jährige Grammy-Preisträger die Blues-Szene mit seinem ganz eigenen Stil. Wie in seinem Spiel beschränkt er sich auch beim Reden auf das Wesentliche. Dennoch gibt es zum neuen Album ‚That’s What I Heard‘ einiges zu erzählen.

Robert, ‚That’s What I Heard‘ ist dein 19. Studio-Album, wenn ich richtig informiert bin.

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Ich weiß es selbst gar nicht genau. Ich habe mich nicht hingesetzt und nachgezählt.

Dein Debüt ‚Who’s Been Talkin‘?‘ erschien 1980. Du bringst jetzt seit vierzig Jahren Platten heraus.

Das stimmt.

Was machst du, damit du dich nicht selbst langweilst oder wiederholst, wenn du mit deinen Musikern ins Studio gehst?

Das ist keine Herausforderung für uns. Wir kommen immer mit einer positiven Einstellung ins Studio und haben viel Spaß – besonders wenn wir mit Steve Jordan arbeiten. Er ist ein exzellenter Produzent und Musiker – und auch ein exzellenter Organisator von Musikern.

Ich frage, weil du dich gewöhnlich im engen Rahmen eines Quartetts aus Drums, Bass, Tasten und Gitarren bewegst – mit einigen Musikern spielst du schon seit ewigen Zeiten zusammen, etwa Richard Cousins am Bass.

Korrekt.

(Bild: Jeff Katz)

Machst du dir da keine tieferen Gedanken über Dinge wie unterschiedliche Stilmittel oder das passende Studio? Oder ist die Frische vor allem eine Sache des Kopfes?

Nein, ich muss den Jungs nichts sagen. Jeder weiß, was wir im Studio erreichen wollen. Steve hilft uns dann, in diese Richtung zu kommen. Das funktioniert sehr gut, und so wollen wir es belassen. Aber es gab dieses Mal auch etwas Neues: Wir haben an einem Ort aufgenommen, an dem wir vorher noch nicht waren – in den Capitol Studios, einem sehr geschichtsträchtigen Studiokomplex in Los Angeles. Das hat es für uns ziemlich spannend gemacht.

Warum habt ihr diesen Ort ausgewählt?

Wir haben noch nie in einem solch historischen Studio aufgenommen. Dort steht die Halleinheit, die Les Paul gebaut hat, außerdem arbeiten bei Capitol tolle Ingenieure. Dieses Setting, und dazu die Tatsache, dass wir so etwas noch nie gemacht hatten, war optimal für uns.

Habt ihr das alte Equipment verwendet, das es dort gibt?

Ja. Wir haben zwar nicht auf Band aufgenommen, aber wir haben viel von dem alten Zeug benutzt. Der große Al Schmitt (legendärer Engineer und Produzent, der schon mit Duke Ellington, Sam Cooke und Elvis Presley gearbeitet hat; d. Verf.) hat uns mit dem Setup geholfen. Das war fantastisch.

Hast du auch was von den Gitarrensachen verwendet? Oder hast du dich auf dein gewohntes Equipment verlassen?

Ich habe mein eigenes Zeug mitgebracht. Aber unser Keyboarder hat auf dem Klavier gespielt, an dem schon Nat King Cole gesessen hat. Und ich habe auf dem Stuhl gehockt, auf dem früher Frank Sinatra saß. Und dazu all die tollen Fotos von all den Leuten, die dort waren – es ist ein sehr historisches Gebäude. Wir gingen jeden Tag durch diese ehrwürdigen Gänge und haben uns auch einige der anderen Studios angeschaut. Das war eine beeindruckende Erfahrung.

Wurde die Wahl des Studios auch dadurch beeinflusst, dass du dein letztes Album in den ebenfalls legendären Royal Studios in Memphis mit dessen berühmter Hi-Rhythm-Hausband auf- genommen hast?

Es war eher eine Sache alter Kontakte: Steve Jordan und ich haben in der Vergangenheit immer wieder mit Niko Bolas gearbeitet – einem tollen Engineer, der wiederum seit vielen Jahren mit Al Schmitt bei Capitol aktiv ist. Steve und Niko kamen mit der Idee an, dass wir bei Capitol aufnehmen sollten.

Du hast Steve Jordan schon mehrfach erwähnt. Warum kommt ihr so gut miteinander klar?

Während der Aufnahmen wurde uns bewusst, dass wir seit mittlerweile 30 Jahren Freunde sind. Zum ersten Mal trafen wir uns, als wir 1986 den Film ‚Hail! Hail! Rock’n’Roll‘ gemacht haben. Wir kommen auch deswegen so gut miteinander klar, weil sich unser Musikgeschmack in weiten Teilen deckt. Außerdem schätzen wir die Musik des jeweils anderen sehr. Im Studio nehmen wir die Vorgaben von Steve äußerst gerne an. Es ist neben der privaten auch eine hervorragende Arbeitsbeziehung.

Ein paar Fragen zum Equipment: Hast du bei den Aufnahmen wie- der deine Standards und Favoriten verwendet – die Matchless-Amps, Fenders und Magnatones? Und natürlich die Strats, die du sonst immer benutzt? Oder kam etwas Neues dazu?

Es waren all die gleichen Sachen: Ich habe ein paar Magnatones mitgebracht, einen 260er (35 Watt, Zweikanaler, 2×12“, verschiedene Modelle wurden zwischen 1957 und 1962 gebaut) sowie einen 280er (50 Watt, Stereo, 2×12“, ebenfalls 1957-1962), dazu einen Fender Twin, einen Super Reverb und einen Matchless. Ich glaube, das war auch schon alles, was die Amps angeht. Die Gitarren waren überwiegend Fender-Robert-Cray-Signature-Modelle.

(Bild: Jeff Katz)

Dazu kam noch eine James Trussart SteelDeVille Single Cutaway. Wir haben sie auf ‚My Baby Likes To Boogaloo‘ verwendet, und ich glaube auch auf dem Song ‚Burying Ground‘.

Mir ist bei einigen Songs ein spezieller Effekt aufgefallen, zum ersten Mal direkt beim Opener – ein spezieller, Vibrato-artiger Sound. Womit hast du den gemacht?

Das ist der Magnatone.

Das Vibrato davon?

Genau. Das Vibrato des Magnatone funktioniert nicht wie ein reguläres Vibrato in einem Fender-Amp (das ja ein Tremolo ist, Anm. d. Verf.), es verändert tatsächlich die Tonhöhe (Magnatone nannte es „F. M. Vibrato“, für „Frequency Modulation“, Anm. d. Verf.).

Du hast mir mal gesagt, dass du deine Soli normalerweise improvisierst. Du spielst die Songs ein paar Mal mit der Band, und wenn du dann ins Studio gehst, hast du Grundideen, die du dann aber spontan umsetzt. War es dieses Mal auch so?

Yeah, auf die gleiche Weise. Es ist nicht so, dass ich eine Idee ewig lange ausarbeite und übe. Es passiert immer spontan.

Dabei lässt du dich aber nie gehen. Ich habe letztes Jahr mit Gary Clark Jr. gesprochen. Er sagte mir viel Gutes über Jimmie Vaughan – auch weil der ein Gitarrist sei, der niemals überspielt. Für dich trifft das genauso zu. Wie kriegst du das hin?

Zunächst mal muss ich Gary Clark zustimmen, was das Statement über Jimmie Vaughan angeht. Das ist etwas, das auch ich an Jimmie liebe. Die Sache ist: Du musst im Moment und für den Song spielen, anstatt dich gehen zu lassen und in den Automatik-Modus zu schalten. Du musst an den Song denken. Es ist eine Unterhaltung.

Wenn B. B. King spielte, war das ein Teil der Unterhaltung und stand im Bezug zum Text. Das ist der Ansatz. Und: Du musst dem Sound der Gitarre Zeit geben. Es spricht nichts dagegen, viele Noten zu spielen, wenn das dem Kontext des Songs entspricht, etwa wenn du Bebop spielst. Aber das ist bei mir nicht der Fall. Ich gebe dem Ton Zeit, damit er sich entfalten kann.

Bedeutet das auch, dass du auf der Bühne immer einen klaren Kopf behältst und dich nie gehen lässt?

Ich versuche es. Und genau das ist der harte Teil – wenn du auf der Büh­ne stehst, aufgedreht bist und das Publikum dich pusht. Die Herausfor­derung ist, in dieser Situation ruhig zu bleiben. Spiel den Song! Es ist genauso wichtig, Raum zu haben, wie es ist, ihn zu füllen. Du kannst und solltest mit der Zeit spielen.

Etwas anderes: Du bist für deinen cleanen Strat-Sound bekannt. Hast du je mit Overdrive-Pedalen experimentiert?

Nein. Wenn ich einen schmutzigeren Sound will, hole ich ihn mir aus dem Amp. Das einzige Pedal, das ich verwende, ist der Vibrato-Schalter auf der Bühne, und dazu ein bisschen Hall.

(Bild: Mascot)

Nochmal zu Gary Clark Jr.: Wie siehst du die aktuelle Blues-Szene und wer wird in zehn Jahren die Fackel tragen? Hast du eine Idee?

Das ist schwer zu sagen. Jeder, der aktuell unterwegs ist, bringt etwas Eigenes ein. Du hast Gary Clark erwähnt, aber man kann genauso gut Derek Trucks nennen: Beide haben einen Blues-Background, fügen die­ser Basis aber weitere Stilelemente hinzu – so wie wir es auch machen. Bei uns ist es der Rhythm-&-Blues-Faktor.

Ich denke, so wird es sich ent­wickeln. Jeder mit einem bluesigen Hintergrund wird etwas hinzufügen, das er sonst noch mag. Und so wird es am Laufen bleiben. Wir alle vermissen die großen Bluesmen wie Muddy Waters, B. B. King, John Lee Hooker, Albert Collins, Albert King oder Freddie King. Das war eine komplett andere Ära. Mittlerweile hat sich alles verändert.

Apropos verändert: Entwickelt sich dein Spiel noch? Du bist mittler­weile 66 Jahre alt und spielst seit mehr als fünf Jahrzehnten Gitarre. Passiert da noch was?

Ich denke schon. Es fällt mir zwar nicht auf, aber es hat sich über die Jah­re verändert. Wenn ich mir alte Sachen anhöre, wird mir das dann auch bewusst. Ich spiele heute weniger und bin nicht mehr so busy. Wenn ich etwa mein zweites Album ‚Bad Influence‘ von 1983 auflege, und danach etwas von heute, dann merke ich sehr wohl, dass ich mich verändert habe. Ich würde sagen, mein Spiel ist ein bisschen weniger geschäftig. Aber das sehe ich eher positiv – vor allem, wenn mir Menschen sagen, dass sie ein paar Töne hören und dann wissen, dass ich es bin.

Hast du unter den zwölf Songs des neuen Albums eigentlich besondere Favoriten?

Das kann ich nicht sagen, es ist alles noch so neu für uns. Ich habe schlicht den ganzen Prozess des Album-Machens genossen. Spezielle Favoriten haben sich da noch nicht herauskristallisiert.

‚This Man‘, hat ein sehr markantes Lick. War das die Basis des Songs oder kam das später?

Das kam zur gleichen Zeit wie die Idee für den Text.

Und dann ‚You’ll Want Me Back‘ von Curtis Mayfield. Warum hast du das ausgewählt?

Das ist schon seit ewigen Zeiten ein Favorit von mir. Ich hatte es auf mei­nem iPhone und habe es mir auf Reisen angehört. Und mir dabei gesagt: „Vielleicht sollten wir das aufnehmen.“

Es gibt auch eine traditionelle Gospelnummer, das erwähnte ‚Burying Ground‘.

Sie wurde 1956 von The Sensational Nightingales aufgenommen. Als Steve und ich uns über Songs unterhielten, schlug er vor, dass ich mal ein Gos­pel-Cover machen sollte. Ich habe kurz darüber nachgedacht, dann das Album aus meinem Plattenschrank gezogen – und mich dafür entschie­den. Ich bin ein großer Fan von Gospel-Musik. Einige der alten Gospel-Bands habe ich schon als Kind gehört. Mein Vater hat zu Hause viel Gospel gespielt, vor allem an Sonntagen. Im Lauf der Jahre habe ich immer wieder nach Dingen gesucht, die mich an damals erinnern.

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2020)

 

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