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Bass & Soundingenieur plays Juno

Interview mit Transkription: Amos Williams & Tesseract

TesseracT wurde 2003 vom Gitarristen Acle Kahney gegründet. Ursprünglich als Solo-Projekt konzipiert, kristallisierte sich 2006 das Lineup mit dem Gitarristen James Monteith, dem Schlagzeuger Jay Postpones und dem Bassisten Amos Williams heraus, das bis heute besteht, während die Position der Leadvocals öfter wechselte. Die Band gilt als einer der Pioniere des Djent, einem Subgenre des Progressive Metal, das auf rhythmisch komplexen, ultratiefen und heftig abgedämpften Gitarrenriffs basiert, wie sie der Meshuggah-Gitarrist Fredrik Thordendal wohl als erster gespielt hat.

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Amos Williams musikalische Entwicklung begann mit Schlagzeug und Perkussion. Er erhielt eine klassische Ausbildung, und neben Orchester-Parts rückte schnell die Solo-Snare-Drum in Symphonien in seinen Fokus. Zur Ausbildung gehörten Konzerte dazu, und die musikalische Laufbahn ergab sich von selbst: „Ich habe mich nie bewusst für diesen Weg entschieden. Interessant ist, dass ich schon in sehr frühem Alter auf der Bühne gestanden habe, das war für mich ganz normal und fühlte sich natürlich an.“

Auf die Frage, wie er zum Bass kam, antwortet Amos: „Oh, das ist schwierige Frage. Ich erinnere mich daran, dass das eher eine Art Irrtum war. Ich habe in den späten 80er-Jahren Bands wie Iron Maiden und Guns N‘ Roses gehört und ich glaubte damals, dass dieser coole, satte, verzerrte Sound nur vom Bass kam. Ich wusste, was eine Gitarre war, dass die Lead-Gitarre die hohen Noten spielte.

Und seltsam wie ich in den 80ern war, war ich der Überzeugung, der ganze Rest käme vom Bass. Also fing ich damit an und fand sehr schnell heraus, dass ich mich geirrt hatte. Aber nachdem es heute total angesagt ist, einen fett verzerrten Bass-Ton zu haben, lag ich damals vielleicht doch nicht ganz falsch und blickte nur in die Zukunft. Damals aber machtest du was falsch, wenn der Bass zerrte.“ Besonders ‚Appetite For Destruction‘ von Guns N‘ Roses übte auf Amos eine große Faszination aus. Aber auch Bands wie Red Hot Chili Peppers, Faith No More, Iron Maiden, Slayer und Rage Against The Machine gehörten zu seinen frühen Favoriten.

Später begann er, sich für Funk und Jazz zu interessieren. Er hatte wenig traditionellen Instrumentalunterricht und lernte viel als Ensemble-Mitglied in den Funk- und Jazz-Bands seiner Schule. Seine Vorbilder am Bass wurden der RHCP-Bassist Flea und Victor Wooten. Wie der Djent-Erfinder Fredrik Thordendal, der die Fusion-Gitarristen Allan Holdsworth und Wayne Krantz als wichtigste Einflüsse nennt, ist auch Amos Williams deutlich von Jazz und Fusion geprägt und setzt auf unterschiedliche Spieltechniken wie Tapping, Fingerstyle in Pastorius-Tradition, Slapping à la Mark King und Flea, Double Thumbing im Stil von Victor Wooten und ein ganzes Arsenal an unterschiedlich erzeugten Dead-Notes: „Ich will mich nicht nur auf den Bass reduzieren. Er ist nur das Instrument, auf dem ich mich bei TesseracT ausdrücke. Ich fühle mich eher wie ein Perkussionist, der Bass spielt.“

Und Amos schultert auch noch die Rolle des Production Managers, ist also verantwortlich für alles, was visuell und tontechnisch auf der Bühne passiert. Weil er sehr häufig in tiefen Registern des Instruments spielt und gleichzeitig höchste Ansprüche an den Bandsound hat, hat er sich viele Gedanken gemacht, um seinen Bass-Sound zu optimieren. Er spielt live mit einem In-Ear-System und verzichtet auf Bass-Amps auf der Bühne. Er verfügt über ein enormes technisches Wissen, was Akustik angeht. In einem Video für die Web-Community reverb.com referiert er, dass der Mensch die Richtung von Schall bei Frequenzen unter 200 Hz nicht mehr orten kann, weil eine Amplitude länger ist als der Abstand zwischen den Ohren. Für ihn ist der Bass-Sound fast wie ein Hologramm, man hört fast ausschließlich die Obertöne über dem Grundton, und das Gehirn ergänzt die fehlenden tiefen Frequenzen.

Für diesen Artikel haben wir noch etwas tiefer gegraben und Amos Williams zu seiner EQ-Philosophie sowie zu der Geschichte hinter dem Song ‚Juno‘ befragt, dessen Transkription ebenfalls von Amos abgesegnet wurde.


INTERVIEW

Der Song ‚Juno‘ stammt von dem aktuellen Album ‚Sonder‘, das am 20. April 2018 erschienen ist. Und am 19. Mai dieses Jahres veröffentlichte Amos Williams seinen Basspart, den er im Rahmen der ‚Live In The Lockdown‘-Session eingespielt hat. Zum Einsatz kam bei diesem Song ein viersaitiger Ibanez AFR-Bass, gestimmt auf Ab, F, Bb, Eb. Dessen Signal lief über einen Warwick-Hellborg-Preamp und wurde mit einem RME-UFX-Interface digitalisiert und mit Pro Tools aufgenommen. Doch nun erst einmal zum Interview.

Auf deinem Pedalboard sieht man einen MXR-10-Band-EQ mit charakteristischen Absenkungen. Behältst du dieses Setting immer bei, oder passt du es an?

Seit meinem Interview bei Reverb.com bin ich auf einer nicht endenden Suche nach dem guten Ton. Und mittlerweile verlasse ich mich immer mehr nur auf den Bass. EQs benutze ich nur noch, um die Profile unterschiedlicher Bässe anzupassen. Weil wir mittlerweile ausschließlich mit Line-Signalen arbeiten und keine Amps und Boxen mehr auf der Bühne haben, bin ich von der Saalakustik ziemlich unabhängig. Ich möchte unbedingt noch mehr mit PlugIns von DAWs arbeiten, und genauso mit Geräten wie dem Quad Cortex von Neural DSP oder auch dem Kemper Profiler. Ich glaube, so kann ich meine Vorbereitungszeit für die Shows minimieren und mich ganz dem Groove hingeben.

Kannst du uns die Entstehungsgeschichte von ‚Juno‘ erzählen?

Ja, die ist spannend. Am Anfang unserer Kompositionen steht meistens Acle Kahney, unser Gitarrist. Er hat einen Ansatz, mit dem er selbst aus banal wirkenden Riffs wertvolles destillieren kann. Er baut aus einfachen Komponenten Komplexes oder sogar Chaotisches. ‚Juno‘ entstand in der Kooperation zwischen Acle, Aiden O’Brien, unserem langjährigen Live-Sound-Ingenieur und -Designer, und mir selbst – aber nicht auf die Art, wie du es dir vielleicht vorstellst. Im Wesentlichen sind das zwei sich widersprechende Ideen, die wir kombiniert haben, und die trotzdem gut zusammenpassen. Aidan stellte sich der Herausforderung, ein typisches TesseracT-Riff zu schreiben, schräg, stumpfsinnig, scheinbar falsch, das aber, gesehen durch die TesseracT-Brille, doch funktioniert.

Dies mündete in dem fahrigen, scharfkantigen Riff, das Acle und ich in einen „Groove Train“ verwandelten – unser eigener Begriff für diese Art Riffs, deren Pausen aufgefüllt werden mit Dead Notes, fast als wenn wir Schlagzeug spielten auf unseren Gitarren. Der Song ist ein perfektes Beispiel für Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg. Die zweite Hälfte wurde aufgenommen in meiner Wohnung in Shanghai, damals lebte ich noch in China. Der Bass in den Verses wurde ein Jahr später in England aufgenommen, wo ich nach dem Umzug wieder wohnte. Ungewöhnlich ist, dass Acle und Aiden die Funk-Parts geschrieben haben, und ich diesen nur noch mehr Pfeffer verlieh, während der melodiöse Teil von mir kam. Also genau anders herum als es viele erwarten würden. Im zweiten Teil hört man Parts, die ich an unterschiedlichen Orten auf dem Globus aufgenommen habe. Ich bin froh, dass das jetzt möglich ist, denn so kann die Band weiter existieren, obwohl wir an weit entfernten Orten wohnen.

Bei meinem Versuch, das Stück im B-Teil zu analysieren, fand ich heraus, dass das Riff, das in Takt 17 beginnt, aus einem 4/4- Takt und einem 5/8-Takt besteht und dann gegen den 4/4-Beat des Schlagzeugs zweimal wiederholt wird. Und der insgesamt sechstaktige Part scheint mir auch die Basis von C Verse zu sein. Liege ich da richtig?

Ja und nein, und das ist vielleicht die Grauzone von TesseracT. Die Auffassung beeinflusst das Feel. Sogar innerhalb der Band haben wir unterschiedliche Auffassungen von der Musik. Ich habe eher einen lyrischen, phrasenbezogenen Ansatz, in dem ich die Patterns als kleine Songs höre, mit sich leicht unterscheidenden Melodien. Unser Schlagzeuger dagegen sieht die Patterns eben nur als solche. Du hast recht, was die Länge der Wiederholung angeht. Aber in diesen Wiederholungen sind kleine Modifikationen, je nachdem, ob sie in den Wiederholungen auf oder gegen den Beat fallen. Und so verlängere oder kürze ich die Notenlänge, um den Synkopen mehr Textur zu geben.

Im Part D Riff wechselt die Taktart auf 12/8, das neue Tempo liegt bei 144 bpm für die punktierten Viertel. Somit ist das Tempo in Echtzeit exakt gleich wie in Songteil B Riff. Allerdings wurde die Melodie leicht geändert, damit sie besser funktioniert in Bezug auf den neuen Referenzpuls der punktierten Viertelnote.

Acle komponiert oft Riffs oder Beats mit gleichem Tempo in Echtzeit, meistens in 12/8 oder 6/8 gegen 4/4. So steckt in Achteln bei einem definierten Tempo ein zweites Tempo, wenn diese in Dreier-Gruppen betont werden. Diesen spaßigen Trick haben wir sehr oft auf unserem ersten Album eingesetzt, um schlagartig das Tempo umschalten zu können, diesen Wechsel dabei aber elegant zu gestalten. Dabei setzen wir den Übergang so in Szene, dass das Schlagzeug diesen mit einem Fill vorbereitet. Bei ‚Juno‘ schalten wir um auf einen 12/8-Groove, um ein eindeutiges Feel von triolischen Achteln zu etablieren, was es uns letztendlich leichter macht, innerhalb dieser Subdivision zu grooven. So entsteht ein Swing, der gegen einen anderen Puls ohne das triolische Feeling nicht so organisch wäre.


TRANSKRIPTION

In dem Track wechselt Amos Williams zwischen drei Spieltechniken: Fingerstyle, Slap und Double Thumbing. Auffällig ist, dass Amos die letzten zwei Sechzehntel in Takt 17, c und b, mit einer gewaltigen Überstreckung vom 3. Bund A-Saite auf den 7. Bund E-Saite greift. Als Erklärung dafür antwortet er wie folgt: „Das c und b auf verschiedenen Saiten zu spielen, ermöglicht, dass ich das ganze Riff in einer Lage spielen kann, oder zumindest so nah wie möglich an einer Position. So kann ich das d am fünften Bund der h-Saite ganz leicht als Hammer On mit meinem Mittelfinger spielen. Das fühlt sich besser an, klingt besser, und ist tighter. Weil ich als Drummer angefangen habe, sind meine Hände sehr belastbar, und Überstreckungen über fünf Bünde machen mir keine Mühe. Mir ist klar, dass das nicht für jeden machbar ist, vor allem mit kleineren Händen.

Part A & B:

Part C, D & E:

Das komplette Video mit Amos’ Performance zum Song ‚Juno‘ findet ihr unter www.gitarrebass.de/amoswilliams.

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2021)

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