Interview:

Mark Tremonti & Brian Marshall von Alter Bridge

Treffen mit Alter Bridge sind immer wieder ganz besondere Ereignisse. Einerseits trifft man eine kompositorisch wie handwerklich erstklassige Band an, bei der alle vier Musiker auf allerhöchstem Niveau spielen. Andererseits überrascht einen Gitarrist Mark Tremonti nahezu jedes Mal mit neuen Instrumenten, die er erst kurz zuvor entworfen und entwickelt hat.

(Bild: Napalm)

Diesmal waren es unter anderem ein neuer PRS-Concept-Prototyp und eine PRS-Tremonti-Signature-Baritone-Hybrid- Gitarre. Als die Band Anfang Dezember in Hamburg gastierte, durften wir exklusiv beim Soundcheck die neuen Instrumente begutachten und uns gleichzeitig von der nicht nur sehr disziplinierten, sondern auch ungemein entspannten Arbeitsweise der Gruppe überzeugen. Anschließend standen uns Mark Tremonti und Bassist Brian Marshall zum Interview zur Verfügung.

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Brian, worin besteht für einen Bassisten die besondere Herausforderung bei Alter Bridge?

Brian: Diese Frage ist leicht zu beantworten: mit den beiden Gitarristen mithalten zu können. (lacht) Mark und Myles sind völlig unterschiedliche Musiker. Mark spielt sehr aggressiv aber gleichzeitig auch filigran. Sein Stil unterscheidet sich von Myles enorm, der eher der bluesige Typ ist. Als Bassist hängt man immer dazwischen und muss beide Welten miteinander in Kontakt bringen. Das war in all den Jahren nicht immer ganz einfach und hat mich so manch schlaflose Nacht gekostet. Aber ich denke, dass ich in der Zwischenzeit meine eigene Position gefunden habe und im Gesamtmix der Band einen eigenen Bereich besetze. Übrigens: Auf der Bühne ist dies ja noch einmal eine völlig andere Herausforderung als im Studio. Denn in den betreffenden Hallen oder Clubs muss man die schwierigen Gegebenheiten vor Ort berücksichtigen und hat oft damit zu kämpfen, dass dort aufgrund der baulichen Situation ungünstige Frequenzen entstehen können.

Fährst du deshalb auf der Bühne einen anderen Sound als im Studio? Oder setzt du sogar andere Instrumente und Verstärker ein?

Brian: Im Laufe meiner Karriere bin ich im Studio irgendwann bei einem Music-Man- Bass mit aktiven Tonabnehmern gelandet. Allerdings hatte ich immer Schwierigkeiten, den Sound von aktiven Pickups auch mit passiven Tonabnehmern zu erzeugen, denn auf der Bühne habe ich über viele Jahre passive Fender- und Sadowsky-Bässe gespielt. Vor einigen Monaten habe ich mich dann entschieden, aktive Music- Man-Bässe auch auf der Bühne schwerpunktmäßig zu spielen, und da ich wegen der vielen Gitarren- und Tuning-Wechsel öfter mal das Instrument tauschen muss und man innerhalb einer Show möglichst nicht von aktiven zu passiven Tonabnehmern wechseln sollte, um den Sound- Mann nicht auf die Palme zu bringen, habe ich meinen Sadowsky-Bass von passiv auf aktiv umgerüstet. Hinzu kommen ein paar wenige Effektgeräte, vor allem ein Tech 21 SansAmp und auf dieser Tour zum ersten Mal auch ein Dunlop-Distortion- Pedal. Das alles läuft über einen Ashdown- ABM-900 mit zwei 8×10-Cabinets und einer 2×15-Box. Das alles macht natürlich einen Höllenalarm, aber ich mag es, wenn man die tiefen Frequenzen in der Magengegend spürt und die ganze Bühne vibriert. Manchmal ist so etwas besser als Sex. (lacht)

Mark: (schaut seinen Kollegen mit großen Augen an) Wow!

Ihr scheint ja richtig Spaß auf der Bühne zu haben, oder Mark?

Mark: Klingt zumindest so, nicht wahr? Scheinbar habe ich vorhin beim Soundcheck irgendwas verpasst. (lacht)

Vielleicht liegt es daran, dass du sehr intensiv mit deinem Gitarrentechniker Jeremy an deinem Sound gebastelt hast. Du schienst nicht sonderlich glücklich mit dem, was da aus deinen Boxen kam.

Mark: Das hast du richtig beobachtet. Anfangs war der Sound fürchterlich.

Weil die Halle beim Soundcheck noch menschenleer war und der Sound deswegen unglaublich hallte?

Mark: Sicherlich klingt eine Halle immer dann besser, wenn Leute drin sind. Dadurch wird der Sound etwas gedämpft, er ist dann nicht mehr ganz so grell, und es schwingen nicht so viele Echos auf die Bühne zurück. Aber heute war das Problem ein anderes: Während der letzten Wochen klang mein Amp eigentlich immer hervorragend, aber in Europa ist die Stromspannung jeden Abend anders. Und das hat großen Einfluss auf den Sound. Ehrlich gesagt: Wenn der Strom in einer Halle eine zu geringe Spannung hat, klingt der Verstärker deutlich besser, als wenn die Spannung zu hoch ist.

Für so etwas gibt es aber doch Spannungs- Regulatoren.

Mark: Das ist richtig, aber die lassen sich meistens nur auf jeweils fünf Volt genau einstellen. Wenn man sie auf 125 Volt einstellen würde, klänge der Amp einfach nicht gut.

Das bedeutet: Die Stromspannung in der Halle unterscheidet sich von Stadt zu Stadt?

Mark: Nicht nur das, sie unterscheidet sich innerhalb der gleichen Stadt auch von Halle zu Halle. Das passiert einem übrigens ebenso in Amerika. Auf der letzten US-Tour mit Alter Bridge hatten wir jeden Abend andere Spannungswerte. Ich suche momentan nach einem Gerät, das sich den Strom aus der Leitung zieht und dann exakt die Spannung abgibt, die man für seinen Amp haben möchte. Es ist kein Spannungsregulator, sondern es erzeugt quasi seinen eigenen Strom. Die meisten meiner Amps benötigen 120 Volt, aber ich habe herausgefunden, dass sie besser klingen, wenn sie etwas weniger als 120 Volt bekommen. Heute ist die Voltzahl ein wenig zu hoch, dadurch singt der Amp nicht, sondern klingt ziemlich kratzig.

Was genau machst du in einem solchen Fall?

Mark: Ich nehme etwas Verzerrung raus, habe den Presence-Regler ein wenig zurückgedreht, manchmal nehme ich auch einige tiefe Frequenzen heraus, wodurch der Sound etwas präziser wird.

Die tiefen Frequenzen können den Sound ja sowieso schnell matschig machen.

Mark: Richtig. Diese Erfahrung musste ich auch schon machen. Früher wollte ich immer einen möglichst fetten Sound und drehte die Bässe voll rein. Aber dadurch geht die Schärfe verloren, es matscht dann nur noch. Heute habe ich den Bass-Regler meistens auf 12 Uhr oder 13 Uhr stehen. Ein guter Live-Sound ist immer wie ein bewegliches Ziel: man muss ständig nachjustieren. Aber es macht gleichzeitig auch Spaß, sich jeden Abend dieser Herausforderung aufs Neue zu stellen … Die ganz großen Hallen haben überwiegend Betonbühnen, und die klingen nie wirklich gut, es sei denn, man würde auch die Gitarrenboxen aus Beton herstellen. Spielt man große Metal-Festivals, dann sind die Bühnen meistens Metallkonstruktionen, und auch die klingen nicht gut. Es gilt halt immer noch die alte Faustregel: je mehr Holz, umso besser klingt es.

Brian: Zumal man auf Holzbühnen die Musik auch spüren kann. In dem Moment, in dem der Drummer in die Bass-Drum tritt, spürst du es physisch. Bei Metall- oder auch Betonbühnen spürst du nichts.

Lasst ihr euch von solchen äußerlichen Faktoren beeinflussen? Oder hat man nach so vielen Konzerten irgendwann die Routine, dass einem der Bühnen-Sound völlig egal ist?

Mark: Oh nein, überhaupt nicht. Wenn einem der Sound nicht gefällt, spielt man ungewollt etwas steifer. Am besten spielt man immer dann, wenn man sich rundum wohl fühlt.

Wie habt ihr euch auf diese Tour vorbereitet? Jeder für sich alleine oder im Kollektiv?

Brian: Ich habe mich allein und zu Hause auf die Tour vorbereitet. Ich kenne mich gut mit den Standards auf unserer Setliste aus und muss daher nicht jedes Mal ganz von vorne anfangen. Ich setze mich einfach ein paar Wochen vor Tourbeginn hin und spiele die Songs immer und immer wieder durch, um die gewohnte Routine zu bekommen. Natürlich ist es etwas anderes, mit der gesamten Band zu proben, weshalb wir direkt von Tourstart zusätzlich eine Produktionsprobe haben. Außerdem ist unsere Show jeden Abend ein klein wenig anders, damit jedes Publikum seine ganz spezielle Show geboten bekommt.

Aus diesem Grund gibt es immer die ausgedehnten Soundchecks?

Brian: Ja, plus ein ausgedehntes Warm- Up-Programm.

Jeden Abend?

Brian: Jeden Abend! Nein, falsch: Jeden Tag, und zwar von morgens bis abends.

Du übst den ganzen Tag über?

Brian: Eigentlich spiele ich ununterbrochen Songs, Skalen, alles. Ich möchte einfach so gut wie möglich vorbereitet sein und meine Finger immer schön beweglich halten.

Wie ist das bei dir, Mark?

Mark: Ganz ähnlich, wobei in meinem Fall hinzukommt, dass ich oft bereits morgens Gitarren-Clinics gebe, von dort geht es direkt zum Soundcheck, dann ist das übliche Meet & Greet mit Fans, anschließend das Abendessen, und unmittelbar danach greife ich sofort wieder zur Gitarre. Bei mir ist das Problem eher, dass ich mitunter zu viel spiele. Wenn man seinen Fingern keine Pause gönnt, spielt man am Abend nicht gut. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich meine besten Shows an Tagen spiele, an denen ich die Gitarre vorher kaum angefasst habe. Aber auf eine solche Formel verlasse ich mich lieber nicht, sondern versuche mich immer ausreichend und umfassend warmzuspielen.

Was genau spielst du bei den Warm- Ups?

Mark: Ich nehme mir die Setliste zur Hand und übe alle schwierigen Passagen. Dann nehme ich mir die Soli vor und spiele sie drei bis viermal durch, übe die kleinen Widerhaken, die jeder Song zu bieten hat, oder verändere kleine Parts, die ich vielleicht mal als junger Musiker geschrieben habe und die mir heute nicht mehr gefallen. Ich möchte immer perfekt vorbereitet auf die Bühne gehen, um den Zuschauern die volle Show zu bieten.

Wer sind denn die Idole euerer Jugend?

Brian: Ich war immer schon Fan von starken Rhythmusgruppen und habe als Jugendlicher vor allem Rush heiß und innig geliebt. Geddy Lee ist einer meiner ultimativen Vorbilder, ebenso Steve Harris von Iron Maiden oder John Paul Jones von Led Zeppelin. Ich stand immer schon auf Classic Rock.Wie ist das bei dir, Mark? Ist Alter Bridge die Fortsetzung deiner musikalischen Jugendliebe, oder sind es eher die Songs auf deinen Soloscheiben?

Mark: Als Jugendlicher stand ich total auf Speed-Metal, das war es, was ich unbedingt machen wollte. In meinen ersten Bands war allerdings nicht allzu viel davon zu hören, weil die Jungs jedes Mal eine Krise bekamen, wenn ich Riffs im Galopp spielte. (grinst) Deshalb habe ich ja überhaupt nur angefangen, Soloscheiben aufzunehmen, weil dieser Speed-Metal ein wichtiger Teil meiner Jugend war, den ich nicht vollends vernachlässigen wollte. Aber je älter ich werde, umso mehr stehe ich auf klassische Rock-Gitarristen, auf Blues und Jazz. Ich habe den Eindruck, dass dies der Bereich ist, in dem ich mich am stärksten weiterentwickeln kann. Bislang ist dieser Fortschritt ein wenig zu kurz gekommen, weil ich nie lange genug einen bestimmten Stil gespielt habe. Aber dank Myles, der ein großartiger Improvisator und Blues- und Jazz-Gitarrist ist, weiß ich, wie hoch die Messlatte liegt. Wenn ich mal kurz das Gefühl habe, mich ein wenig verbessert zu haben, muss ich nur mit Myles spielen und weiß dann sofort, dass es noch ein langer Weg wird.

Wird das auch Einfluss auf deine Arbeit als Solokünstler haben?

Mark: In gewissem Maße sicherlich, aber letztendlich sind die Tremonti-Veröffentlichungen bewusst anders als die von Alter Bridge. Bei meinen Soloscheiben kann ich hemmungslos Speed-Metal spielen, wenn ich es möchte, außerdem singe ich selbst. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied zu dem, was Myles singt. Alter Bridge präsentieren eher den atmosphärischen, epischen Sound, während Tremonti geradlinigen Metal macht. In beiden Bands sind aber starke Melodien das wichtigste Kriterium.

Letzte Frage: Was steht bei euch 2017 auf dem Terminkalender?

Mark: Ein Tremonti-Solo-Album wird es im kommenden Jahr voraussichtlich nicht geben, dafür sind wir mit Alter Bridge zu lange auf Tour. Im Frühjahr geht es durch Amerika und Australien, im Frühsommer kommen die amerikanischen Festivals, im Spätsommer die europäischen, und dann schauen wir, was der Herbst noch so bringt.

Du hast noch etwas vergessen, Mark!

Mark: … und was, bitte?

Deinen ersten eigenen Signature- Amp!

Mark: Oh, du hast Recht, den hätte ich jetzt tatsächlich fast vergessen. Wir beide haben in früheren Interviews ja schon öfters darüber gesprochen, dass ich eigentlich nie einen Signature-Amp entwickeln wollte, obwohl – und gerade weil? – ich ein riesiger Amp-Fanatiker bin. Ich wollte immer die Freiheit behalten, jeden Amp zu spielen, der mir gefällt, anstatt immer nur meinen eigenen spielen zu müssen, weil ich ihn selbst entwickelt habe. Aber dann wurde mir bewusst, dass ich eigentlich immer schon mal einen 15-Watt-Einstiegsverstärker designen wollte, und genau das habe ich jetzt gemacht. Das Gerät heißt PRS MT 15, mit dem Prototypen habe ich sämtliche Gitarren für das aktuelle Alter-Bridge-Album ,The Last Hero‘ aufgenommen. Ich habe mich lange mit Paul Reed Smith über das Konzept unterhalten und ihm gesagt, dass der Verkaufspreis auf jeden Fall unter 700 Dollar liegen sollte. Und für diesen Preis bekommt man wirklich ein Hammerteil, mit tollem Sound und sehr vielseitig einsetzbar.

Wann kommt er auf den Markt?

Der Plan ist, dass er ab März 2017 lieferbar sein soll. Ich freu mich schon riesig darauf!

Wir auch! Danke für das nette Gespräch euch beiden!


Aus Gitarre & Bass 02/2017

 

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