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Neue Wege wagen

Interview: Jon Flemming Olsen

(Bild: Anne de Wolff)

Ein bisschen verrückt ist die Idee schon, aber das Ergebnis gibt ihm allemal Recht: Jon Flemming Olsen hat sein drittes Soloalbum live vor Publikum aufgenommen, aber Applaus ist keiner zu hören. Dafür bekommen die Songs von ‚Mann auf dem Seil‘, unterstützt von einem Bremer Streichquartett, einen Raum zum Atmen und eine eindringliche Direktheit, wie es bei einer Studio-Produktion kaum möglich gewesen wäre. Ein mitreißendes Songwriter-Album!

Jon Flemming Olsen hat so viele Talente und damit auch Erfolg, dass man als Interviewer gar nicht so recht weiß, wonach man ihn zuerst befragen soll. Nach seinem Alter Ego namens Ingo, das er in Olli Dittrichs Improvisations-Schauspiel-Serie ‚Dittsche‘ mimt? Nach seinem musikalischen Werdegang, der ihn zunächst von ambitionierten ersten Band-Projekten zu Chart-Hits mit Texas Lightning führte? Nach seiner Karriere als Grafikdesigner, im Zuge derer er Plattencover u.a. von Selig, Udo Lindenberg, Annett Louisan, Echt und Stefan Gwildis gestalten durfte, womit er ebenfalls Gold- und Platin-Auszeichnungen einheimste? Oder sollte man all dies unerwähnt lassen, wenn man mit dem heutigen Musiker Jon Flemming Olsen spricht, der im Oktober letzten Jahres ein so fantastisches drittes Soloalbum veröffentlicht?

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Erwähnt ist seine Vorgeschichte hiermit ja, aber sie spielt für die Rezeption seiner unaufdringlichen, aber intensiven Liedermacher-Musik kaum eine Rolle, denn diese Platte, ihr Entstehungsprozess und die für den kammermusikalischen Kontext extrem groß klingenden Aufnahmen geben genug Stoff für Fragen.

(Bild: Anne de Wolff)

INTERVIEW

Jon Flemming, zwei Dinge fallen auf, wenn man sich mit deinem Werdegang beschäftigt: Zum einen, dass du, seit du auf Deutsch Musik machst, immer das gleiche Team um dich herum hast …

Ja, das sind alles gute Freunde von mir. Insbesondere Anne de Wolff und Markus Schmidt, der schon damals bei Texas Lightning Gitarren und Banjos gespielt hat. Ich mag es gerne, mit Leuten Musik zu machen, die ich schon lange kenne. Ich mag einfach diese Vertrautheit. In dieser Hinsicht war das aktuelle Album aber auch ein großer Schritt ins Unbekannte. Denn das Streichquartett „Konsonaz“ kannte ich vorher nicht. Und ich musste auch erst herausfinden, ob ich musikalisch überhaupt dazu in der Lage bin, Streicher-Arrangements zu schreiben, die mir selbst ausreichend gut gefallen. Wäre das nicht so gewesen, wäre es schwierig geworden. Natürlich hätte ich diese Arbeiten auch an andere Leute wie Anne de Wolff oder Hagen Kuhr abgeben können, aber das hätte ich im Zweifelsfall für das ganze Album auch gar nicht finanzieren können.

… zum anderen, dass du schon zu Beginn deiner Karriere Anfang der 90er-Jahre mit Leuten zusammengespielt hast, die später dann anderweitig erfolgreich wurden: Christian Neander und Leo Schmidthals von Selig und natürlich Olli Dittrich. War es einfach Glück, dass du früh die richtigen Freunde gefunden hast?

Natürlich kann man es Glück nennen, wenn man Leute trifft, die sich im selben Feld betätigen und darin auch vorankommen. Natürlich wäre ganz vieles in meinem Leben gar nicht passiert, wenn Olli und ich uns nicht Ende der 80er-Jahre kennengelernt hätten. Ich habe ja eine Zeit lang in seiner Band mitgespielt. Ohne das wären viele andere Sachen nicht passiert. Aber das ist ja in jeder Biografie so. Man lernt Menschen kennen, die im gleichen Bereich unterwegs sind, und wächst dann im besten Falle mit ihnen weiter.

Wobei viele deiner Tätigkeiten auch Öffentlichkeit bekommen haben. Sei es in der Musik, als Grafik-Designer oder im Fernsehen. So einen Werdegang wünschen sich viele, selbstverständlich ist er aber nicht.

Das stimmt. Wobei ich natürlich auch oft gescheitert bin im Leben. Welcome Home, meine Band damals mit Christian Neander und Leo Schmidthals war eine tolle Band, und wir haben uns wahnsinnig angestrengt, einen Major-Deal zu bekommen. Letzten Endes haben wir es aber nicht geschafft, obwohl Firmen interessiert waren und wir Showcases gespielt haben. Aber einen Meter davor hieß es dann immer: „Nee, doch nicht.“ Das war tatsächlich ein großes Scheitern.

Ich sehe mein Leben also nicht als endlose Aneinanderreihung von Erfolgen. Und das mit der Grafik hat mich von klein auf schon immer zusätzlich zur Musik interessiert, auch weil mein Vater Grafiker war. Ich bin im Vinyl-Zeitalter aufgewachsen, und da hat man sich eben, während die Platte lief, das Cover angeguckt hat. Diesen optischen Aspekt in der Musik fand ich immer toll. Und als das mit der Band gescheitert war, habe ich mich eben bei den Plattenfirmen als Grafiker angeboten.

Lass uns mal auf die Aufnahmen zu sprechen kommen. Würdest du ‚Mann auf dem Seil‘ als Live-Album bezeichnen? Schließlich war Publikum da – das allerdings nicht klatschen durfte.

Ja, das klingt erstmal eigenartig, aber die Leute haben natürlich auch geklatscht. Ich hatte sie nur vorher gebeten, nicht in die Schlussakkorde reinzuklatschen, sondern sie ausklingen zu lassen und dann erst nach einem Handzeichen von mir mit dem Applaus anzufangen. Das war natürlich ein bisschen komisch, da das ja auch Konzentration von den Zuhörern erfordert. Auf eine Art war das ein Korsett, aber es hat auch eine besondere Spannung in diesen Abend gebracht. Gegen Ende gab es zwei, drei Songs, bei denen es nicht mehr geklappt hat.

(Bild: Anne de Wolff)

Aber es ist ja auch ein gutes Zeichen, wenn die Leute so einen Drang haben zu applaudieren und dann vergessen, dass sie es nicht dürfen. Ein paar Schlussakkorde haben wir deshalb nochmal gespielt, um sie im Nachhinein dranbasteln zu können. Ich wollte diese Atmosphäre, aber ich wollte keine Live-Platte.


EQUIPMENT

INSTRUMENTE

    • Takamine EF450SM SB (+ Takamine Tri-Ax 2 Pickup)
    • Martin Custom Jumbo Style 21 1935 (+ L.R.Baggs M1 Active Soundhole Pickup)
    • Eastman MD615 Tobaccoburst (+ Fishman M-300 Nashville)
    • Regal Tenorgitarre 1929 (+ K&K Aloha Twin)
    • Irish Bouzouki

FLOORBOARD

    • Switch für alle Instrumente: Lehle 3AT1 SGOS
    • Tenor-Gitarre Preamp: Headway EDB2
    • Mandoline Preamp: L.R. Baggs Para Acoustic DI
    • Lehle Mono Volume 90

Warum hast du überhaupt diese Form mit Publikum gewählt? Du hättest das Album ja auch im gleichen Saal ohne Menschen aufnehmen können.

Das wäre nicht dasselbe gewesen. Denn natürlich macht es die Sache schwieriger, wenn man die Stücke nicht endlos wiederholen kann. Das erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit und eine erhöhte innere Spannung, die sich hoffentlich nicht in Verkrampftheit oder Angst verkehrt. Ich wollte, dass man weiß, man hat nur einen Schuss oder zur Not zwei. Wenn man zwei Versionen hat, lässt sich auch hinterher immer noch ein Ton austauschen. Aber die Basis ist das, was man an diesem Abend aufgenommen hat.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich mir erst hinterher gedacht habe, dass das auch komplett in die Hose hätte gehen können. Ich bin ein großer Fan von Joe Jacksons Album ‚Big World‘ von 1986, das er genauso aufgenommen hat. Ich habe mir immer eingebildet, dass man hört, dass er nicht im Studio ist. Man hört, dass da Menschen angesungen werden, und es macht einen Unterschied, ob man in einen leeren Raum reinsingt, oder ob man die Menschen noch schemenhaft erkennt.

Wie hast du die Gitarren abgenommen?

Mit Pickup und Mikro. Ich habe ein kleines Kondensatormikrofon von Neumann verwendet, was gut war, auch wenn es wegen der Übersprechungen nur begrenzt in den Mix einzubauen war. Aber es hat trotzdem dafür gesorgt, dass die Gitarren ein wenig lebendiger und echter klingen. In meiner Hauptgitarre, einer Takamine, und in meiner Martin sind jeweils magnetische Tonabnehmer. Die Mandolinen und die Bouzouki werden jeweils von einem Fishman-Pickup verstärkt. Und in der Tenorgitarre sind zwei dieser Klebepunkte von K&K.

Hast du zu den Aufnahmen noch Overdubs gemacht?

Das war die schwierigste Entscheidung in dem ganzen Prozess. Es gab ein paar Songs, bei denen eigentlich von Anfang an klar war, dass sie zum Beispiel noch eine zweite Stimme brauchen. Also habe ich ein paar zweite Stimmen eingesungen und dachte eigentlich, dass ich es dabei belasse. Aber dann war da ein alter Freund von mir, der gerade nichts zu tun hatte, und mir deshalb Berge von Chören aufgenommen hat. Davon habe ich ungefähr die Hälfte verwendet. Aber es war von Anfang an klar, dass ich nicht noch eine zweite Gitarre spielen würde oder ein Klavier oder ähnliches. Höchstens ein paar Shaker und ein Glockenspiel, und das sehr sparsam. Der Großteil des Endresultats sollte schon das sein, was an dem Abend auch stattgefunden hat.

Warum spielst du eigentlich keine E-Gitarre mehr?

Eigentlich habe ich seit Texas Lightning, also seit Ende der 90er, in Bands oder auf der Bühne ausschließlich akustische Instrumente gespielt. Natürlich stehen hier noch E-Gitarren herum, aber ich muss erschütternderweise gestehen, dass ich sie seit 20 Jahren nicht mehr angefasst habe. Irgendwie ist aus mir mit der Zeit ein Akustikgitarrist geworden.


(Geplante) Tourdaten:

  • 03.07.2021 Steinhude, Insel Wilhelmstein
  • 10.07.2021 Minden, Fort A
  • 30.07.2021 Boltenhagen, Seebrückenfest
  • 31.07.2021 Uelzen, Neues Schauspielhaus
  • 01.08.2021 Lemwerder, Gartenkultur-Musikfestival
  • 04.09.2021 Harburg, Fischhalle
  • 11.09.2021 Fritzlar, Kulturscheune
  • 12.09.2021 Wendelstein, La Trova
  • 16.10.2021 Rostock, Ursprung
  • 13.11.2021 Schönberg, Kornboden
  • 14.12.2021 Kiel, Kulturforum

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2021)

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