Als ob es nie eine andere Besetzung gegeben hat: Nach seinem überzeugenden Einstand auf ‚=1‘ vor zwei Jahren, als der irische Gitarrist Simon McBride die legendären Deep Purple wieder zu einer rein britischen Formation machte, verhilft er der Band mit dem neuen Album ‚Splat!‘ zu einem Comeback ihrer ureigensten Tugenden.
Wie ihm das gelungen ist? Indem er seine Kollegen Ian Gillan (Gesang), Roger Glover (Bass), Ian Paice (Schlagzeug) und Don Airey (Keyboards) daran erinnert hat, wie man „die Hütte einreißt“ (O-Ton McBride). Hier die Rezepte seines Hardrock-Dampfhammers!
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Simon, stimmst du mir zu, dass ‚Splat!‘ dein Deep-Purple-Debüt ‚=1‘ an Spielfreude noch übertrifft?
Um ehrlich zu sein, denke ich darüber nicht nach. Wir haben weder versucht, es heavier, noch wie in den Siebzigern klingen zu lassen, sondern einfach gespielt. Gerade deshalb ist das Album in der jetzigen Form entstanden.
Ich bin seit vier Jahren in der Band, und wie in jeder neuen Beziehung hat das Maß an Vertrautheit zugenommen. Aber wie ich immer wieder sage: Es ist egal, wer in diese Band kommt, es klingt automatisch nach Deep Purple, weil es eben Paicey, Roger und Gillan sind, und auch Don schon seit vielen Jahren dabei ist. Paicey und Roger spielen auf ihre eigene Art, und Gillan ist einfach ein Genie.
Täuscht mein Eindruck, dass Deep Purple dank dir wieder britischer klingen?
Mag sein. Ich komme vom Hardrock, und Dons Diskografie ist so lang wie meine Hofeinfahrt. Amerikaner spielen eventuell etwas präziser, während Briten gerne die Hütte einreißen.
Das ist nicht besser, sondern einfach anders. Aber mit meiner britischen Spielweise sind Deep Purple möglicherweise tatsächlich wieder bei dem Sound gelandet, der sie berühmt gemacht hat.
Gab es vor Beginn der Arbeiten an ‚Splat!‘ einen künstlerischen Fahrplan?
Nein. Wir hatten eine sehr lange Tour hinter uns, es ging direkt weiter mit dem Songwriting, ohne Vorbesprechung, ohne Analyse. Unser Equipment wurde aufgebaut, dann hieß es: „Lasst uns einfach spielen, egal was dabei herauskommt.“
Also klimperte ich irgendein Riff, und wenn es Paicey oder Roger oder Don gefiel, stieg einer von ihnen ein, und wenn nicht, dann nicht. Ich hatte auf meinem Handy zwar einige vorgefertigte Riffs, aber ich möchte immer zuerst herausfinden, was passiert, wenn wir zu fünft und spontan arbeiten.
Es hat etwas Magisches, denn wenn man mit vier anderen Musikern im selben Raum sitzt, spielt man anders. Man sagt nicht: „Lasst uns ein Album wie ‚Machine Head‘ schreiben!“, denn genau das funktioniert nicht. Man bleibt einfach im Hier und Jetzt und legt los.
(Bild: Matthias Mineur)
Und, zack, schon hat man die erste Single?
Na ja, so in etwa. (lacht) ‚Arrogant Boy‘ stammt eigentlich von meinem kleinen Gitarrensolo, das ich live spiele, ein schnelles Picking auf nur einer Saite. Irgendwann hatte Paicey mal erwähnt, dass wir damit etwas machen sollten. Also bin ich angefangen, das Lick zu spielen. Don stieg darauf ein, plötzlich war dieses Riff da, und so entstand ‚Arrogant Boy‘.
Bei ‚Jessica’s Bra‘ war es ähnlich. Der Song basiert auf einem traditionell-irischen Thema, mit dem ich während einer kurzen Pause im Studio herumgespielt habe. Die anderen waren unterwegs, Tee trinken, nur Gillan und ich blieben im Raum. Gillan saß an seinem Tisch, schrieb Texte, während ich diese kleine Melodie spielte, langsam und mit cleanem Sound.
Plötzlich sprang Gillan auf und fragte: „Was ist das?“ Ich darauf: „Irgendwas bedeutungsloses, das ich eigentlich nur vor mich hin geklimpert habe!“ Dazu Gillan: „Das ist echt cool!“ Dann kamen Don, Roger und Paicey zurück in den Raum, zehn Minuten später hatten wir ein komplettes neues Lied.
Oder nimm ‚Sacred Land‘, er basiert auf einem simplen E-Akkord, Paicey stieg ein, und Don spielte ein Thema dazu. So etwas passiert bei uns immer superschnell, so dass man nur schwerlich sagen kann: Diese Idee stammt von mir, oder von Don, Roger oder Paicey.
Das neue Album klingt nach einem Riesenspaß. War es auch harte Arbeit?
Jede Jamsession ist ein großer Spaß, aber auch harte Arbeit. Schwierig wird es immer dann, wenn man eine an sich brauchbare Idee nicht adäquat umgesetzt bekommt. Wie schon erwähnt kamen wir von einer langen Tour, dementsprechend waren alle müde und wollten am liebsten nach Hause.
Die Stimmung war also etwas gedrückt, ohne dass wir uns gestritten haben. Ursprünglich waren zehn Tage angesetzt, aber am achten Tag waren alle völlig ausgelaugt: „Ich kann nicht mehr, ich bin fertig!“ Trotzdem stammt die Grundlage nahezu aller Songs von dieser ersten Session.
Bei der zweiten Session ging es dann darum, mit frischen Ohren die Ideen zu verdichten, zu verfeinern und daraus Songs zu machen. Ein richtiges Lied ist es sowieso erst dann, wenn Gillan dazu singt. Text und Gesang sind immer das Letzte, was gemacht wird, sodass wir erst dann wissen, ob die Idee etwas taugt.
Als wir ‚Arrogant Boy‘ zum ersten Mal instrumental gespielt haben, hätte ich nicht erwartet, dass daraus mal eine Single wird. Ich hielt es eher für eine Art selbstverliebten Unsinn von Don und mir. Doch dann legte Gillan seinen Gesang drüber, und sofort wusste ich: Das ist die erste Single!
Ich sage Ian immer wieder: „Mann, ich könnte alles spielen, du würdest es automatisch großartig klingen lassen!“ Ian ist ein Genie, ich weiß nicht, wie er das macht!
Erzähl bitte etwas über dein aktuelles Equipment!
Meine Ausrüstung ist weitestgehend gleich geblieben, ich spiele weiterhin dieselben Engl-Amps, die speziell für mich modifiziert wurden. Meine Effekte wechseln häufig, es würde zu weit gehen, sie alle aufzuführen. Alle Effekte laufen durch ein G3 von GigRig.
Meine Gitarre geht direkt in den Amp, ohne zunächst die Pedalkette zu tangieren. Effekte werden nur dann aktiviert, wenn das G3 dazugeschaltet wird, zum Beispiel bei Hall und Delay. Manchmal überlasse ich die Effekte aber auch der Post-Production, etwa bei Octaver oder Phaser.
Nagelneu ist der gelbe PRS-Prototyp, den du auf ‚Splat!‘ erstmals gespielt hast, oder?
Das stimmt. Meine Gitarren bei Deep Purple stammen allesamt von PRS, aber Paul Reed Smith hat ein paar neue Modelle entwickelt, ohne Trussrod, was meiner Meinung nach der absolute Game-Changer ist, weil Ton und Sustain ohne Trussrod ganz anders sind. Ich hätte nie gedacht, dass der Unterschied so groß sein würde.
(Bild: Matthias Mineur)
Heilige Scheiße, das Ding lebt, diese Gitarre singt! Ich brauche nicht mehr so viel Gain und ich muss auch nicht härter spielen. Die Gitarre unterstützt mich regelrecht.
Ich habe im Studio einen Test mit unserem Produzenten Bob Ezrin gemacht: Nachdem ich den PRS-Prototyp bei allen Songs gespielt hatte, weil er großartig klingt und perfekt funktionierte, habe ich bei einer Nummer testweise zu einer meiner älteren Gitarren gegriffen, nur um herauszufinden, ob Bob mir überhaupt zuhört. Innerhalb von drei Sekunden hörte ich ihn meckern: „Moment mal, irgendetwas stimmt mit deinem Sound nicht! Hast du etwas geändert?“
Ich erklärte ihm, dass ich zu einem meiner älteren Modelle gewechselt habe. Darauf er: „Gefällt mir nicht! Nimm wieder den gelben Prototyp!“
McBrides Pedalboard im Detail – von TC Electronics Plethora X3 (Reverb/Chorus/Delay) über das Boss RE-202 Space Echo, MXR Phase 90 und den PRS-Wind-Through-The-Trees-Flanger bis zum Ibanez Tube Screamer, dem Jam Pedals Waterfall und dem Jam Pedals RetroVibe. In der unteren Reihe sorgen TC Electronics Sub’N’Up und ein Octavia-Fuzz von Wahlbruch für Verzerrung, während das PRS-Horsemeat-Overdrive für weitere Zerre sorgt und Mary Cries die Dynamik kontrolliert. DigiTechs Whammy Ricochet und Drop sind für Pitch-Effekte zuständig, gesteuert wird das Ganze über den GigRig-G3-Switcher. (Bild: Matthias Mineur)
Gibt es schon einen Namen für die Gitarre, wird es womöglich ein Simon-McBride-Signature-Modell?
Aktuell gibt es noch keinen Namen, es ist ein reiner Prototyp, den wir derzeit testen. Ich weiß nicht, ob es mal mein Signature-Modell werden wird, man wird sehen.
Wäre eigentlich folgerichtig, angesichts deiner generellen Lobeshymnen für PRS-Gitarren, oder nicht?
Ich weiß nicht, wie viele PRS-Gitarren ich zu Hause und in meinem Rig habe, aber sobald ich diese hier in die Hand genommen habe, beschleicht mich das Gefühl, dass ich ab jetzt nichts anderes mehr spielen kann. Scheiße! (lacht) Ich habe mich schon jetzt total an sie gewöhnt.
Offenbar war auch Keith Urban, der im Song ‚Diabolo‘ als Gastmusiker zu hören ist, ziemlich beeindruckt!
Keith besitzt eine Gitarrensammlung, die vermutlich mehr als fünf Millionen Dollar wert ist, seltene Les Pauls, alte SGs, alles wirklich sehr teuer. Aber als er meine gelbe PRS in die Hand nahm, sagte er sofort: „Diese Gitarre muss ich mir unbedingt besorgen!“
Der Custom-modifizierte Engl Artist Edition plus Boxen (Bild: Matthias Mineur)
Hast du denn bei Overdubs und Layern kein anderes Modell verwendet, was man für größere Sound-Fülle ja eigentlich macht?
Normalerweise mache ich das tatsächlich. Wenn es mein eigenes Ding wäre, würde ich zusätzlich zum PRS-Prototyp eventuell eine Telecaster spielen, vielleicht mit einem Vox AC 30 oder so ähnlich, und dies mit der PRS und dem Marshall-ähnlichen Sound meines Engl-Amps mischen. Eine Telecaster mit AC 30 würde den hohen Mittenbereich anheben und die PRS/Engl-Kombination obenherum abrunden.
Aber bei Deep Purple ist das nicht notwendig, denn hier gibt es Don Airey mit seiner Hammond-Orgel und seinem Marshall, wodurch ausreichend musikalische Informationen vorhanden sind, denen man keine weiteren hinzufügen muss. Deshalb habe ich in meinem Homestudio nur dann eine zusätzliche Telecaster gespielt, wenn ich einer Idee von der Songwriting-Session einen weiteren Part hinzufügen wollte. Für die richtigen Heavy-Songs gibt es natürlich auch eine Baritongitarre.
Wie gewohnt sind alle eure Songs und Gitarren im Standard-Tuning.
Natürlich könnte man Drop-Tunings wählen, damit es ein bisschen heavier klingt, doch das würde nicht zu diesem klassischen Rock-Ding passen. Früher habe ich meine Gitarre mitunter tiefer gestimmt und dickere Saiten gespielt, um aus einer Stratocaster mit den eher dünn klingenden Tonabnehmern den möglichst fettesten Klang herauszuholen. Für Deep Purple ist Standardstimmung jedoch die beste Option, auch, weil wir mit einem Hammond-Organisten spielen.
Soll ich Don etwa fragen, ob er alles einen Halbton tiefer spielen kann? Weißt du, was er antworten würde? „Ja, das könnte ich, aber es gefällt mir nicht!“
Wie oft wechselst du während der Aufnahme die Saiten?
Im Allgemeinen versuchen wir, zwei Songs pro Tag einzuspielen, manchmal auch drei. Ich spiele 0.10er bis 0.46er-Strings und komme meistens drei Songs lang mit einem Saitensatz aus. Man merkt von allein, wann man die Saiten wechseln muss.
Es sind nicht unbedingt die drei hohen G-, B- und E-Saiten, bei denen man es als Erstes hört, sondern fast immer die umwickelten Saiten. Weil sie diejenigen sind, die den ganzen Dreck sammeln und dadurch ihr Sustain verlieren. Ein weiteres Indiz ist, wenn eine Gitarre ständig die Stimmung verliert.
Simon, kommen wir zur letzten Frage: Ein Gerücht besagt, das ‚Splat!‘ das letzte Studioalbum von Deep Purple sein wird. Stimmt das?
Punkt eins: Glaub niemals Gerüchten und, Punkt zwei: Verbreite sie nicht weiter! Bob Ezrin spricht schon jetzt von einem weiteren Album im nächsten Jahr. Wir werden also darüber reden und dann sehen, was passiert.
Wir haben derzeit viel Spaß, und solange alle noch fit sind, gibt es keinen Grund, nicht noch eine weitere Platte zu machen. Aktuell befinden wir uns in einem Flow, also können wir genauso gut weitermachen!
Das ist ein sehr gutes Gerücht!
Vor allem ist es eines, dem du trauen kannst. (lacht) …