Die Bandgeschichte

Guns N‘ Roses: Geschichte einer Rock ‘n‘ Roll Ikone

Guns N’ Roses

„Aus meiner Sicht haben wir nichts verloren. Für mich ist das Glas immer halb voll. Wir waren fünf Straßenjungs, die an ihre Träume geglaubt haben. Wir haben in Clubs gespielt und plötzlich die großen Arenen gerockt. Wir waren nie trendy. Wir haben die anderen L.A.-Bands gehasst. All diese hübschen, dummen Bands mit ihren toupierten Haaren. Wir kamen vom Punk-Rock und machten wahren, ehrlichen Rock ‘n‘ Roll. Wir haben die Band aus der Gosse bis in die Stadien gebracht. Schade nur, wie die Sache zu Ende ging.“

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Das sagt Duff McKagan, Ex-Bassist einer der erfolgreichsten Acts des Rock. Guns N’ Roses sorgten in nur wenigen Jahren für Erfolge, Skandale und Schlagzeilen wie keine andere Band. Guns N’ Roses hat unzählige Hits geschrieben, Erfolge gefeiert, Rekorde gebrochen und einige Tabus dazu. Sie hat für den Running Gag des Musik-Business gesorgt und ihn nun doch noch wahr werden lassen. 2008 hieß es dann: Vorhang auf für das kaum noch für möglich gehaltene Album ‚Chinese Democracy‘ – das erste nach 15 Jahren. Erinnern wir uns, was bisher geschah…

Welcome to the jungle

1985 proben ein paar junge Musiker in einem lausigen Appartement unweit des Sunset Strip in Los Angeles. Der Raum, kaum größer als 15 Quadratmeter, ist gleichzeitig Lebensmittelpunkt und Headquarter zweier Freunde aus Lafayette, Indiana, die der Provinz entflohen sind, um in der Metropole den amerikanischen Traum wahr werden zu lassen. Sänger William Bailey nennt sich fortan Axl Rose, Gitarrist Jeffrey Isbell heißt nun Izzy Stradlin. Beide heuern zunächst bei unterschiedlichen Bands an.

Die wirtschaftliche Not lässt ihnen keine rechte Wahl. Stradlin schnallt sich seine Gitarre gleich für mehrere Formationen um: Naughty Women, Shire und Atoms, parallel gründet Rose eine eigene Band mit Gitarrist Chris Weber, Bassist André Roxx und Drummer Johnny Christ. Man nennt sich Hollywood Rose. Doch die Band hält nicht lange. Rose wechselt zu den L.A. Guns. Deren Formation besteht neben Rose aus den Gitarristen Tracii Guns und Izzy Stradlin, Drummer Rob Gardener und Bassist Ole Beich.

Als der Tieftöner ausscheidet, meldet sich ein gewisser Duff McKagan auf eine eilig geschaltete Annonce und prahlt, er habe bereits in 30 Bands gespielt, sei gerade bei der Formation Road Crew ausgestiegen und wäre als Multiinstrumentalist (Bass, Gitarre, Schlagzeug) sowieso genau der Richtige. Der blasse Bassist aus Seattle, mit den blond gefärbten Haaren und seiner Punk-Attitude bekommt den Job. Er ist es auch, der wenig später seine Kumpels von Road Crew – Gitarrist Slash und Drummer Steven Adler – zu Guns N’ Roses holen wird.

Slash, ein drahtiger, kettenrauchender Lockenkopf mit tief hängender Paula, wird im englischen Stoke-On-Trend geboren und versucht sein Glück als Gunner ebenso wie der aus Ohio stammende Schlagzeuger Steve Adler. Die Band ist geboren. Als Grundnahrungsmittel dienen Fusel, Kippen und Weißbrot mit Erdnussbutter, als Bühne das schnell berüchtigte 15 Quadratmeter-Drecksloch am Sunset Strip.

„An diesem Ort herrschte akute Ansteckungsgefahr“, erinnert sich McKagan später. „Eine sehr ungemütliche Gefängniszelle“, findet Slash später amüsiert, „aber bei uns ging jedes Wochenende die größte Party in L.A. ab. Suff gab’s an der nächsten Ecke.

Da war ein Schnapsladen, der diesen Fusel namens Nightrain verkaufte. Für nur fünf Dollar waren wir alle total hinüber. Wir haben uns von dem Zeug ernährt.“ Während die Band einen Konsens aus Rock, Blues und Heavy Metal schmiedet, ist McKagan die Schnittstelle zum Punk, was er mit „Ramones“- und „C-B-G.B.‘s“-Shirts gerne zur Schau stellt. Fast hätte er sogar bei den britischen Punks Angelic Upstarts ein Engagement angenommen: Als Schlagzeuger! Doch jetzt macht er sich daran, Guns N’ Roses an den Start zu bringen und bemüht sich um Gigs für eine erste Tour an der US-Westküste. Er überzeugt die anderen sich schnell ein Set mit ein paar Songs draufzuschaffen und loszulegen. Nach angeblich nur vier Tagen Proben beladen sie einen klapprigen Bus und ziehen mit ein paar eilig gestrickten Nummern im Gepäck los.

Die Generalprobe geht gründlich schief: Ihr Bus bricht zusammen, der Auftritt wird gecancelt und beim eilig organisierten Ausweichtermin legen Guns N’ Roses „einen völlig beschissenen Gig“ hin. Die Süddeutsche Zeitung weiß später „weil das Geld zum Proberaum nicht reicht, geben sie learningby-doing-Konzerte.“ Auch der Titel ist Programm: „Hell Tour 1985“. Doch sie wollen es wissen. Man tourt unerschrocken quer durch die USA – und hat sogar Erfolg! Die Band braucht einen Manager.

Man trifft sich mit Tim Collins von Aerosmith, doch der macht schnell einen Rückzieher, nachdem die Musiker nach dem Meeting die Hotelbar leertrinken und Collins eine Rechnung über 450 Dollar präsentieren. Nach einigen überforderten Kandidaten fühlt sich erst der Neuseeländer Alan Niven dieser Band gewachsen und rät den Jungs zur Aufnahme einer EP: ‚Live ?!*@ Like A Suicide‘. Die 25.000 gepressten Exemplare sind flott vergriffen und werden schon bald nach Erscheinen des Debütalbums auf Second-Hand-Märkten für 100 Dollar gehandelt. Ein rasanter Wertzuwachs, der den stetig steigenden Stellenwert von GN’R dokumentiert.

Manager Niven gelingt es 1986 den Deal mit Geffen Records einzufädeln. Natürlich nachdem sich die Band zuvor von allen interessierten Plattenfirmen hat fürstlich hofieren und bewirten lassen. Die A&R-Scouts sämtlicher Major-Companies sind fasziniert von der „What The Fuck“-Attitüde der Newcomer

Heißhunger nach Zerstörung

Mit ihrem hedonistischen Lebensstil und dem kompromisslosen High-Energy-Rock sind Guns N’ Roses 1987 der heißeste Tipp in Los Angeles. Die Band ist inzwischen ins „Hellhouse“ in West Hollywood umgezogen, einem Fabrikgebäude das für wüste Partys, Groupies, Drogen und Razzien bekannt ist. Laut Musikjournalist Paul Elliott „geben Guns N’ Roses nicht nur vor, die degeneriertesten Drecksäcke zu sein, die der Rock ‘n‘ Roll jemals hervorgebracht hat. Sie waren es wirklich. Axl Rose hat es in seinem Heimatstaat Indiana auf mehr als 20 Verhaftungen gebracht, Stadlin war ein Junkie, ein anderes Mitglied dealte mit Heroin.“

Und McKagan kann auf eine stattliche Liste von Autoeinbrüchen in L.A. verweisen. Die Band wandelt auf einem schmalen Grat, und ihre Plattenfirma stärkt sogar dieses Image: „Sie werden es schaffen, wenn sie lange genug leben.“ Es ist Zeit das Debüt anzugehen. Ausgerechnet Produzent Mike Clink der Survivors ‚Eye Of The Tiger‘ auf Hochglanz poliert hatte, soll ‚Appetite For Destruction‘ produzieren. Der Mann ist ernsthaft schockiert, als er die Jungs trifft und übernimmt den Job unter einer Bedingung: „Keine Drogen im Studio!“

Slash kontert locker: „Ich beschränkte mich tagsüber also auf Jack Daniel’s, Kaffee und Marlboros“. Um danach aufs Abendprogramm umzuschalten: „Ich soff damals die halbe Nacht. Irgendwann crashte ich meinen Lieferwagen, nachdem ich am Steuer ohnmächtig geworden war. Als ich aufwachte, saß ich mitten auf der Straße, neben mir irgendein Mädel.“

Eine typische Szene für die Musiker dieser Band, die zur ‚Use Your Illusion‘-Tour ungeahnte Ausmaße annehmen sollte. GN’R arbeiten konzentriert am Debüt und schaffen einen aggressiven, lauten, elektrischen und lässigen Sound mit Einflüssen von den Rolling Stones, Motörhead und den Ramones, denen sie eine ordentliche Portion Adrenalin, Dreck, Drogen und Suff verpassen. Guns N’ Roses erfinden den Rock ‘n‘ Roll nicht neu.

Aber sie verpassen ihm ein verdammt spannendes Lebensgefühl. Sänger Rose versucht das in Worte zu fassen und schreit seine Gefühle in ‚Welcome To The Jungle‘ raus, wie es ist, als Landei nach L.A. zu kommen. Um der Sache zusätzliche Authentizität zu verleihen „vögelte Axl für den Song ‚Rocket Queen‘ im Studio eine Stripperin. Und die war gut drauf“, erinnert sich McKagan später. Doch es gibt auch den sanften Axl, der mit ‚Sweet Child O’ Mine‘ seiner zukünftigen Frau Erin Everly, der Tochter des Everly Brother Don, ein Ständchen singt.

Der Song entstand in nur fünf Minuten. Doch Slashs Gitarren-Lick hielt der Rest der Band anfangs nur für einen Scherz. „Die lachten sich kaputt und meinten: Was zum Teufel, soll das denn für ein Song sein?“ Der Erfolg gab Slash jedoch Recht. Der amerikanische Rolling Stone nennt GN‘R derweil eine „brutale Band für brutale Zeiten“. Denn während Peter Gabriel, Bob Geldof, Sting und U2 die Welt musikalisch zu einen, wenn nicht gar zu retten versuchen, höhnt Rose, die Musikszene sei seit den Sex Pistols zur „verdammten Schwanzlutscherei“ verkommen.

Um das Gegenteil gleich mal praktisch zu demonstrieren, geht man auf Tour mit The Cult und ersetzt sogar Whitesnake bei der US-Tour von Mötley Crüe. Europa empfängt GN’R anfänglich mit Skepsis: Beim ersten Gastspiel im UK wird die Bühne des altehrwürdigen Londoner Marquee Club knietief mit Pappbechern eingedeckt. Willkommensgrüße sehen anders aus. Und der Daily Mirror befindet: „Widerlicher als die Beastie Boys.“

Dennoch: Die eingangs beschriebene „akute Ansteckungsgefahr“ scheint sich langsam zu bewahrheiten. Nicht nur bei den Fans. Leider auch sehr konkret im direkten Umfeld der Musiker. Während der Tour mit Mötley Crüe kann deren Bassist Nikki Sixx nach einer Überdosis Heroin im Hotel gerade noch wiederbelebt werden. Anschließend checken diverse Band- und Crew-Mitglieder in Reha-Kliniken ein. Nur GN’R feiern feste weiter.

Immerhin erscheint am 01. August 1987 ‚Appetite For Destruction‘. Doch zunächst läuft der Verkauf schleppend an. Da nutzt Medienmogul David Geffen seine Machtposition und interveniert höchstpersönlich, damit das Video zu ‚Welcome To The Jungle‘ von MTV gesendet wird. Ein geschickter wie wirksamer Schachzug: Als an jenem Sonntagmorgen das Video zum ersten Mal läuft, bricht die Telefonzentrale bei MTV zusammen. Alle Zuschauer haben die gleiche Frage: Wer ist diese Band? Parallel zum Airplay steigt das Album langsam, aber stetig in die Top 40 der Billboard Charts bis es sich im Februar 1988 auf der Pole Position niederlässt.

Rose & Band feiern den Etappensieg: Aus der Gosse in die Glam-Welt! Welcome To The Jungle! Appetite For Extension! Denn das Debütwerk wird sich in den ersten Jahren 15 Millionen Mal verkaufen, glatte 5 Millionen mehr als Nirvanas Jahrhundertwerk ‚Nevermind‘. Und das, obwohl die amerikanischen Großhandelsketten den Verkauf des Albums anfangs boykottieren! Jeder GN’R-Musiker verdient in den ersten vier Jahren seiner Karriere rund 60 Millionen Dollar. Randnotiz: Bei der gemeinsamen Tour mit Aerosmith gibt‘s eine gestrenge Ansage von Tyler & Perry, backstage keine Partys zu feiern, durch die die ehemaligen „Toxic Twins“ auf dumme Gedanken kommen könnten.

Altamont & Sorgen

Manager Goldstein, früher Bodyguard der Band Air Supply, leitet inzwischen die Geschicke der Band. Und verschafft ihr zum nächsten Album ‚GN‘R Lies‘ einen noch besseren Deal. Das Album, dessen Titel im Original: „Guns N’ Roses Lies! The Sex, The Drugs, The Violence, The Shocking Truth‘ heißen sollte und von Magazinen wie „Circus“ als „psychotischer Garagen-Rock“ beschrieben wird, sorgt für neuen Zündstoff: Rose macht sich einmal mehr neue Freunde mit rassistischen und homophoben Anspielungen, laut Wochenzeitung „ein Rundumschlag gegen Homosexuelle, Immigranten, Schwarze“.

Auch wenn Rose später revidiert, er habe nichts gegen Homosexuelle und mache selbst „Niggermusik“. Der Nachfolger schießt in die Top 5 der Album-Charts und leistet ‚Appetite For Destruction‘ – längst mit Edelmetall überzogen – Gesellschaft. Man ist in feinster Gesellschaft, denn nicht viele Rock-Bands genießen seinerzeit die Höhenluft der Album-Charts, wo sonst ausnahmslos der Pop regiert: Mitunter dürfen Bon Jovi, Van Halen, Def Leppard oder Whitesnake am Erfolg schnuppern.

Und nun auch die Schmuddelkinder aus L.A., die „es vom Leben auf der Straße bis ins Penthouse geschafft haben“. Eine echte Erfolgsgeschichte. Doch eine Band, die derart am Abgrund steht, die die Lust an der (Selbst-)Zerstörung praktiziert, wird irgendwann mit der Realität und mitunter tragischen Folgen konfrontiert.

1988 erlebt die Band zunächst ihr Altamont. Beim „Monsters-Of-Rock“- Festial in Donnington heizen GN’R die 100.000 Besucher kräftig auf. Im Moshpit vor der Bühne kocht die Menge über, es gibt kein Halten mehr. Zwei Fans kommen im Gedränge zu Tode. „Als mir unser Manager davon erzählte, war plötzlich alles anders“, sagt Slash. „Nach dem Gipfel direkt in den Abgrund – das war zu viel. Wir waren danach nie wieder so sorglos wie zuvor.“ Wir schreiben 1990. Das nächste Album wird immer wieder verschoben. Medial macht sich die Meinung breit, die Band überspanne den Bogen. Tatsächlich jedoch haben GN’R mit einer Menge interner Probleme zu kämpfen. Anfängliche Unpässlichkeiten werden zu chronischen Ausfälle, die Band, ohnehin gesundheitlich labil, ist angeschlagen.

Der Drahtseilakt aus Drogen, Suff und dem anstrengenden Leben auf Tour fordert Tribut. Autor, Intimkenner und Biograf Dany Sugerman zitiert in seinem Buch ‚Guns N’ Roses‘ (Goldmann ISBN 3-442-41412-1) Slash aus jenen Tagen: „Wenn wir nachmittags aufstehen, um den Soundcheck zu machen, trinken wir so viel, dass wir spielen können, weil uns die Hände flattern, wie Windmühlenflügel. Also was machen wir? Wir saufen. Wir saufen und saufen und dann sind wir gut drauf.

Am nächsten Tag wachst du dann mit irgendeiner Tussie auf … du weißt nicht mal, wie die überhaupt heißt … du hast irgendwelchen abgefuckten verrückten Scheiß auf deinem Pimmel … dein Bett ist total nass vor Pisse und du sagst: Hör mal Baby, tu mir ‘nen Gefallen und besorg mir ein bisschen Booze.“ Innerhalb der Band beginnen Streitigkeiten. Und der Frontmann reagiert besonders sensibel. Am 24. Juli gastieren GN’R im Amphitheater von Dallas.

Am Tag zuvor hatte Slash mit seinen Kumpels ausgiebig seinen 23 Geburtstag gefeiert – bis auf Rose, der sich beleidigt in seinem Hotelzimmer verbarrikadierte. Vom Rest der Band bekommt Slash eine Torte mit der Aufschrift „Happy Fuckin’ Birthday You Fucker“. Beim Konzert spielt die Band den Queensrÿche–Song ‚The Needle Lies‘ – eine Referenz an die Probleme in der Band. „Vor allem zwischen den Touren hatte ich die größten Schwierigkeiten“, gesteht Slash später. Klar: Der allabendliche Adrenalin-Kick fehlt. 1990 lebt Slash in der Wohnung der PR-Managerin Arlett Vereecke.

Als die Slash beim Heroin spritzen erwischt, kann der Lockenwuschel einer gezielten Bratpfannenattacke nur knapp entkommen. Auch Axl Rose erkennt den Ernst der Lage. Er droht seinen Kollegen immer wieder mit Rauschmiss oder Alleingang, für den Fall, dass diese ihren Drogenkonsum nicht in den Griff bekämen. Nicht umsonst hat er sich „Victory Or Die“ in den Unterarm stechen lassen. Rose will den Erfolg nicht gefährden.

Ironischerweise ist ausgerechnet er am weitesten vom Ramones-Zitat entfernt, dass er auf seinem T-Shirt gerne zur Schau trägt: „Never Too Young To Die“. Doch der Sänger macht ernst: Im September 1990 wird Drummer Steven Adler gefeuert, nach einem letzten Gig beim „Farm Aid IV“- Festival in England, bei dem Adlers Zustand derart bedauerlich ist, dass er seinen Part selbst bei diesem kurzen Set kaum spielen kann.

Er wird durch The-Cult-Drummer Matt Sorum ersetzt. Parallel hierzu holt man auch gleich den Keyboarder Dizzy Reed in die Band. Adler indes begründet eine traurige Tradition der Gunner: er zieht gegen seine ehemalige Band vor Gericht. Er verklagt seine Kumpels auf Schadensersatz, weil die ihn animiert hätten Drogen zu konsumieren. Man einigt sich (natürlich) außergerichtlich. Der Drummer erhält 2,5 Millionen Dollar Schweigegeld und spielt fortan in Las Vegas mit seiner Band Adlers Appetite.

Alles nur Illusion?

Mitte 1990 beginnen die Aufnahmen zu ‚Use Your Illusion‘. Rose hat inzwischen die Kontrolle in der Band übernommen. „Er führte sich immer mehr wie ein Diktator auf“, beklagt Duff McKagan. Nach dem Ende der Band in Originalbesetzung wird Axl Rose gegenüber dem Rolling-Stone-Magazin sagen: „Kauf nie ein Auto mit Freunden zusammen. Niemand saß am Steuer. Oder alle gleichzeitig.

Am Ende fährt das Auto unweigerlich in den Abgrund. Die Sache war die: Nimm die Solo-Alben der Jungs, da sind prima Sachen drauf. Aber für eine GN’R-Platte hätten sie nie getaugt.“ Doch auch Roses Regime bringt keine wirkliche Kontinuität und ändert den Status Quo nicht. Er ist frustriert. Ausgerechnet bei einem Support-Konzert mit den Rolling Stones ist er es, der seine Band in Schwierigkeiten bringt, in dem er sie (und die Fans) eine Stunde warten lässt.

Er bekommt seine Launen, seine Unberechenbarkeit und seine Wutausbrüche immer weniger unter Kontrolle, was ihm den Ruf des manisch Depressiven einbringt. Colleen Combs, Roses’ langjährige Assistentin, erinnert sich im amerikanischen „Spin Magazine“: „Axl zeigte mehr und mehr paranoide Züge. Er dachte irgendjemand sei hinter ihm her, irgendjemand wolle ihn umbringen. „Er wurde immer eitler, färbte sich die Augenbrauen und hat sich plötzlich nur noch von Sushi ernährt.“ Wie schockierend … Dennoch ist Rose maßgeblich am kommenden Magnum Opus ‚Use Your Illusion I + II‘ beteiligt, ein Doppelwerk, das zeitgleich am 17. September 1991 erscheint.

McKagan wird den Titel für die Fans später als Imperativ deuten: „Geh, und erfüll dir deinen Traum. Man kann seinen Traum leben, alles ist möglich, wenn man nur hart genug daran arbeitet. Ich habe meinen Traum erreicht.“ 36 Songs umfasst das Großwerk, dessen erste Single ‚You Could Be Mine‘ gleichzeitig Titel-Song des Kino-Kassenschlagers „Terminator 2“ wird. An jenem 17. November öffnen die Plattenläden in den USA bereits um Mitternacht. Bis zu den Morgenstunden gehen 80.000 Alben über die Ladentische. Beide Platten belegen die ersten Plätze der US-Billboard-Charts und verkaufen sich in den ersten Monaten 20 Millionen Mal.

Doch der Triumph ist teuer erkauft. Izzy Stradlin verlässt kurz vor Veröffentlichung von ‚Use Your Illusion‘ die Band mit der Begründung „der kommerzielle Overkill und der Ausverkauf von GN’R gehe mit seiner schwindenden Identifikation mit der Band einher.” Soweit Stradlins Meinung. Andere Stimmen benutzen das unfreundliche Wort „gefeuert“. Denn Izzy hat massive Probleme seinen Part des Live-Sets auf die Reihe zu kriegen. Zuletzt benötigt er einen Teleprompter für die wenigen Textzeilen seiner Vocals. Dazu häufen sich peinliche Ausfälle, wie jene Verhaftung 1989 auf dem Flughafen von Phoenix, nachdem er betrunken im Flieger auf den Teppich der Kabine uriniert, eine Stewardess beleidigt und dazu auch noch beharrlich geraucht hatte.

Aber auch Axl bastelt am Image des Bad Boy: Er füllt die Schlagzeilen mit der Scheidung von Ehefrau Erin, die behauptet, Axl habe sie im Drogenrausch gefesselt und sexuell misshandelt. Der „Rolling Stone“ nimmt sich dieser Story detailreich an, und berichtet über Drogenentzug, Axls luxuriösen Fuhrpark, und die Gerüchte über den möglichen Split der Band. Rock-‘n‘-Roll-Gossip Deluxe.

Stradlin veröffentlicht ein Jahr später sein Solo-Debüt ‚Izzy Stradlin & The Ju Hounds‘. Bei den Gunnern ersetzt ihn Gilby Clarke, dessen Karriere als Gitarrist von Candy begonnen hatte und der mit Kill For Thrills bereits Plattenerfahrung besitzt. Clarke lebt praktischerweise in Los Angeles und kennt Stradlin seit Jahren. Clarke zögert deshalb zunächst, als Slash ihm den Job bei GN’R anbietet. Es ist eine Zeit des Umbruchs…

Derweil lädt die Band unter dem Motto „Get In The Ring“ zur Tour. Und zieht im August 1991 zum ersten Mal seit 1987 durch Deutschland; Höhepunkt ist ein skandalträchtiges Konzert auf dem Mannheimer Mainmarktgelände: Rose lässt die Fans mehr als eine Stunde warten, geht dann auch noch nach nur 15 Minuten wieder von der Bühne, weil er das Publikum „lahm“ findet. Er setzt angeblich nur deshalb das Konzert fort, weil ein vorausschauender Mitarbeiter des Konzerveranstalters alle Bühnenausgänge verschließen ließ.

Mit gehöriger Wut im Bauch legt Axl schließlich eine furiose Show hin. Nach 192 Konzerten in 27 Ländern in einem Zeitraum von 26 Monaten mit sagenhaften sieben Millionen Besuchern ist die Band derart erledigt, dass sie an den Folgen zerbrechen wird. Slash hat seine Ernährung längst auf Rock-‘n‘-Roll Vollkost umgestellt: Jack Daniel’s und Wodka, Reihenfolge wahlweise, Hauptsache hohe Drehzahl.

Der Luxus auf Tour hat längst bizarre Formen angenommen. Matt Sorum gibt zu Protokoll, dass die Band ein komplettes Spielcasino mitführt. „Es gab ohne Ende Hummer und Champus.“ Bis zu 100.000 Dollar geben GN’R pro Abend für ihre After-Show-Partys aus, exklusive jener „curfew violation fees“, also jener Geldbußen, weil die Band mal zu spät kommt, ihre Konzerte überzieht oder nicht ordentlich zu Ende bringt − oder schlimmeres.

Wie etwa an jenem 22. Juli 1991 in Riverport, einem Vorort von St. Louis. Rose gerät in Rage, weil ihn ein Fan provoziert und fotografiert haben soll. Rose springt von der Bühne und knöpft sich den vermeintlichen Provokateur vor und soll ihn geschlagen haben. Danach bricht er das Konzert unter wüsten Beschimpfungen ab. Die Menge macht aus dem Venue Kleinholz.

Sachschaden: Zwei Millionen Dollar. Die Show ist indes monumental: 250 000 Watt Sound-Anlage, pyrotechnische Effekte und Feuerwerk, jede Menge Bühnenlicht sowie Wasserfontänen zur Ballade ‚November Rain‘, zu der mittels Hydraulik ein weißer Flügel auf die Bühne gehoben wird. Als Klavierhocker dient Rose eine umgebaute Harley Davidson. Hinzu kommen neuerdings auch zwei Backing-Sängerinen und eine Bläsersektion was niemand unter den Fans so richtig versteht.

Das Magazin „Life mutmaßt indes, „die Energie, die diese Band live versprüht, reicht, um in den USA alle Haushalte mit Strom zu versorgen.“ Derweil werden laut Presse Backstage „alle Rock-‘n‘-Roll-Klischees durchdekliniert“ da inzwischen „mehr Groupies als Roadies“ den Tross begleiten.

Slash sagt später im Musikexpress dazu: „Das ganze Brimborium hat die Band belastet. Wir konnten gar nicht damit umgehen, mit dem ganzen Luxus.“ Und obwohl diese Tour auf DVD verewigt ist, wird die volle Wahrheit wohl nie ans Tageslicht kommen. Das Material des Film-Teams, das die Band begleitete und das den Arbeitstitel ‚The Perfect Crime‘ trägt, ist schnell in den Giftschränken der Band weggeschlossen worden.

Weitere Randnotiz der Pop-Geschichte: Bei den MTV Video Music Awards kommt es Backstage zum Eklat zwischen dem Lager von Guns N’ Roses und Nirvana, der fast mit einer Schlägerei zwischen Rose und Cobain endet. Courtney Love hatte es gewagt, Axl in Alkohollaune zu fragen, ob er nicht Taufpate von Töchterchen Francis Bean werden wolle, worauf Roses Antwort an Cobain zitiert wird: „Sag deiner Schlampe, sie soll ruhig sein, oder ich mach dich nieder!” Cobain rächt sich, indem er nach seinem Auftritt genüsslich auf das Klavier des wartenden Axl spuckt.

Mit dem Ende der Tour im Dezember 1992 verliert die Band mal wieder ein Mitglied. Rose feuert Gilby Clarke, der – wie sollte es anders sein – die Band verklagt, weil er der Meinung ist, ihm würden Tantiemen zustehen. 1995 erreicht ihn ein Brief von GN’R-Anwältin Laurie Soriano mit der Bewilligung einer nicht näher genannten Summe, die die Sache aus der Welt schafft. Zwischendurch erscheint die eher lustlose Punk-Cover-Kollektion ‚The Spaghetti Incident‘ mit Songs der U.K. Subs, The Ramones oder The Misfits. Das Album floppt.

Kritiker verhöhnen es als ‚The Spaghetti Accident‘. Ansonsten sind jene Tage geprägt vom Aufarbeiten und Wunden lecken nach der letzten Tour. Der Band liegen massenhaft Klageschriften und Verfahren aus allen Ländern vor, Forderungen in Millionenhöhe, Bußgelder und Konventionalstrafen. Laut Rolling Stone dokumentieren diese Unterlagen, Schriften und Gerichtsakten „den Aufstieg und Fall einer Band“, und zeigen das Profil von Axl Rose, „eines komplizierten Menschen, der sensibel sein kann und lustig, aber auch herrschsüchtig, obsessiv, unglücklich. Ein Mann, den der Ruhm sehr verändert hat.“

Und der sich nur noch selten aus dem Haus geht. Die einzigen Menschen die ihn regelmäßig sehen sind sein Bodyguard Earl und seine Haushälterin Beta. „Er mag halt nicht besonders viele Leute“, meint Manager Goldstein diplomatisch. Rose versteckt sich immer öfter in seiner Villa in Malibu. Er lernt Gitarre spielen und am Computer Songs zu produzieren, während McKagans Bauchspeicheldrüse verrücktspielt und er knapp dem Tod entgeht. Der positive Effekt: Seit dem ist McKagan clean.

Rose entdeckt derweil für sich die Homöopathie und versucht bei seiner Band Echinacea, Grüntee und Protein-Cocktails populär zu machen. Im Januar 1994 besucht er Sharon Maynard, alias Yoda, die Leiterin eines New-Age-Zentrums in Sedona, Arizona. Das Zentrum heißt frei übersetzt „Himmelsbogen“ und versteht sich als Bildungseinrichtung. Rose braucht Ruhe. Die Band nimmt eine Auszeit. Slash dagegen leidet unter dem bekannten Syndrom: Gestern noch ein Gott auf der Bühne, heute zu Hause den Müll runterbringen.

Doch bevor ihn die gefährliche Phase des Drogenkonsums aus Langeweile befällt, spielte er lieber sein Solodebüt ‚It‘s Five O‘Clock Somewhere‘ ein. „Ich komme nach einer Tour oft an den Punkt, an dem ich nichts mit mir anzufangen weiß. Dann verursache ich meist Ärger. Nach zweieinhalb Jahren unterwegs durch große Stadien ist es wirklich furchtbar, zu Hause zu sein. Also habe ich mir ein kleines Studio eingerichtet, und angefangen zu schreiben.“

Der Ausstieg von Slash und McKagan

„Knock, Knock, Knocking On Studio‘s Door“ lautet die Überschrift des Musikexpress im Februar 1996. Guns N’ Roses hätten sich wieder zusammengerauft und arbeiteten an einem neuen Album, so töne es aus den USA. Axl, Slash und Duff würden unabhängig voneinander an neuen Ideen arbeiten und man könne im Herbst ein neues Album erwarten, wird auch Manager Goldstein zitiert.

Doch 1996 wird ein schweres Jahr für Rose. Seine Mutter stirbt im Mai, gerade mal 51- jährig, dazu sein Songwriting-Partner West Arkeen mit gerade Mal 36, nach einer Überdosis. Ob die Band auf Tour gehen werde, hänge in erster Linie davon ab, wie sich das Album verkaufen werde, meint Goldstein, er sei jedoch „zuversichtlich“, dass die Band in ihrer derzeitigen Verfassung in der Lage sei, ihre frühere Bedeutung in der Welt des Rock ‘n‘ Roll zurückzuerobern.

„Die Jungs sind clean und in blendender Verfassung“ geht er allen Gerüchten offensiv entgegen. „Es ist genau die richtige Zeit um es der Welt noch einmal zu zeigen.“ Für Slash dagegen ist es genau der richtige Zeitpunkt, um auszusteigen. Er verlässt die Band 1996, auch weil er mit dem Gilby-Clarke-Ersatz Paul Huge – ein Kumpel von Axl – nichts anfangen kann. Rose nimmt dem Zylinderträger diesen Abschied noch Jahre später krumm. „Ich hab in meinem Leben wegen allem möglichen geheult, aber solch heiße Tränen der Wut … vor allem weil ich einfach nicht kapierte was da ablief. Slash spielte mit jedem, von Space Ghost bis Michael Jackson. Ich schnall‘s einfach nicht.“

GN’Rs Gitarren-Chefs, gestern und heute

Kommt noch schlimmer: Auch Bassist Duff McKagan quitiert seinen Dienst. Offiziell steigt er 1998 aus. Rose zieht sich erneut nach Sedona zurück, und wird mal wieder verhaftet, nach einem Konflikt mit einem Sicherheitsbeamten des Sky Harbour Airports in Phoenix. Der Security-Mann hatte es gewagt, Axls Handgepäck inspizieren zu wollen. Der wollte das nicht. Als man ihm droht, ihn zu verhaften und Rose mault, das sei ihm „scheißegal“ machen die Behörden kurzerhand ernst. Das Verfahren wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ kostet ja auch nur lächerliche 5000 Dollar Strafe.

Derweil macht sich McKagan in einem Interview Sorgen: „Axl ist noch immer mein Freund, mein Bruder, wir haben viel zusammen durchgemacht. Aber zu viele Leute um ihn herum weichen sein Gehirn auf, machen ihn konfus. Um es so zu sagen: Er lebt möglicherweise nicht mehr in derselben Welt wie du und ich.“ Wie immer, wenn eine Band im Umbruch ist, werden die alten Schätze verhökert. Die Plattenfirma vermeldet die Live-CD ‚Live Era 87-93‘ mit so ziemlich allen Hits (außer ‚Civil War‘). Durch die Veröffentlichung gewinnt Rose zudem Zeit an neuen Songs zu arbeiten.

Ein erstes Stück namens ‚Oh My God‘ erscheint auf dem Soundtrack zum Schwarzenegger-Streifen ‚End Of Days‘, über den Axl später sagt, er handle „von der gesellschaftlichen Unterdrückung mächtiger, oft lähmender Emotionen, von denen manche stillschweigend akzeptiert werden, deren Ursachenforschung aber erschwert und oftmals verhindert wird.“ Nun ja.

Die Musiker, die Rose nun um sich schart, sind Keyboarder Dizzy Reed, Ex-Replacements-Bassist Tommy Stinson, Gitarrist Paul Huge, Jane’s-Addiction-Gitarrist Dave Navarro und Nine-Inch-Nails-Gitarrist Gitarrist Robin Finck (der im August 1999 wieder aussteigt, worüber Axl so sauer ist, dass er dessen Spuren komplett löschen lässt), dazu Session-Drummer Josh Freese und Ex-Replacements-Drummer Dave Abruzzese. „Man stelle sich Led Zeppelins ‚Physical Graffiti‘ vor, remixed von Beck und Trent Reznor, und man erhält ein Vorstellung wie der neue Axl klingt“, schreibt der „Rolling Stone“ seinerzeit.

Die neuen Guns N’ Roses arbeiten im Complex Studio in L.A. „Axl lässt tonnenweise Gitarren und Effekte ankarren“, heißt es weiter. „Es ist die reinste Musikwarenmesse“, wird ein Beteiligter zitiert. Und was die Gitarrenanlage angeht, meint Drummer Abruzzese: „Das klang wie ein Güterzug, den man irgendwie auch spielen kann.“ Auf sein neues Line-Up angesprochen verkündet Axl zunächst mal, dass er die alleinigen Rechte am Namen der Band besäße.

Und er lege auch Wert darauf, dass alle Gunners, außer Adler, nicht gefeuert wurden, sondern aus freien Stücken die Band verlassen hätten. Wir erinnern uns: Hinter den Kulissen tobt ein stiller Papierkrieg der Anwälte der ehemaligen Mitglieder, der bis heute dauert: Es geht um Song-Rechte, verschwundene Tantiemen, um Rechte an geistigem Eigentum, ganz generell. Im März 2006 antwortet Roses Anwältin auf eine von „Manipulator Saul Slash Hudsons diversen unbegründeten Klagen“ mal wieder

Ende des Wartens: Die Guns N’ Roses Reunion

„Ich glaube, dass er eine fantastische Platte hinlegt“, mutmaßt derweil Metallica-Drummer Lars Ulrich über ‚Chinese Democracy‘, jenes geheimnisvolle neue GN’R-Album, das im Sommer 2000 erscheinen soll. Tatsächlich bekommt der US-Journalist David Fricke im Februar in einem Tonstudio im San Fernando Valley eine Audienz mit Axl Rose und dazu eine Hand voll neuer Songs vorgestellt, an denen Axl mit akribischer Perfektion – nach eigenen Angaben – nun schon seit 1991 feilt. Rose ist inzwischen Mitte Dreißig und nicht mehr ganz so drahtig, wie noch vor einem Jahrzehnt.

Die Exzesse haben Substanz gekostet, auch wenn er Kickboxen betreibt und gnadenlos gesund leben soll. Manager Goldstein erklärt vollmundig, die Band habe „die Musik zu 99 Prozent und den Gesang zu 80 Prozent im Kasten.“ Ausgangspunkt für den legendärsten aller heutigen Running Gags des Musik-Biz. „Wir versuchen GN‘R wieder aufzubauen“, wird Rose im Interview schwärmen.

„Unter diesem Namen habe ich schon immer Musik gemacht, bevor die anderen dazu stießen. Nur fühlte sich das irgendwann nicht mehr richtig an. Immerhin war ich ja nicht derjenige, der sich einfach aus dem Staub gemacht hat.“ Rose spricht von Slash wie ein gekränkter Ehemann von seiner Scheidung. „Wir waren am Anfang bettelarm, das hielt uns zusammen.

Dadurch wurden wir, was wir waren.“ Kurz darauf gibt Rose ein Interview auf MTV und verkündet „über 70 neue Songs eingespielt zu haben“, das Album werde ‚Chinese Democracy‘ heißen und sei vom New Yorker Tausendsassa Moby produziert, der Guns N’ Roses fit machen solle, für das neue Jahrtausend. Doch der geht recht schnell wieder von Bord. „Rose schien jedem zu misstrauen. Er wirkte wie ein geschlagener Hund“, verrät Moby später. „Es dauerte einfach alles zu lange. Zu viel wurde herumprobiert, aufgenommen, wieder beiseitegelegt, vergessen.“

Erste Songs tragen Arbeitstitel wie ‚Catcher In The Rye‘, ‚The Blues‘ und ‚TWAT (There Was A Time)‘, ein weiterer namens ‚Oklahoma‘ behandelt die Scheidung von seiner Frau Erin. Die Liste wird schnell länger: „If The Word“, ‚There‘s A Time‘, ,Prostitute‘, ,Sorry‘, ,Leave Me Alone‘, ,Seven‘, ,The General‘ und ein gutes Dutzend mehr. Der Titel ‚Better‘ zum Beispiel untermalt 2006 einen Werbeclip auf der Homepage von Harley Davidson, wird aber nach nur einem Tag wieder zurückgezogen.

Axl ist euphorisch über seine neue Band unter der Leitung von Produzent Sean Beavan (Marilyn Manson, NIN). „Die Jungs passen zueinander, sagt er, „das war in der Vergangenheit ja nicht immer der Fall.“ Trotzdem lädt Rose Gäste wie Zakk Wylde. Der zeigt sich verblüfft. „Es gab für keinen Song irgendeine Melodie, und null Texte.“ Wylde konzentriert sich lieber weiter auf sein Projekt Black Label Society. Und das Magazin „Rolling Stone“ wagt die ketzerische Frage: „Wer will eigentlich noch eine Band mit nur einem Urmitglied?“

Parallel, im Jahr 2002, treten Slash, McKagan und Matt Sorum bei einem Benefizkonzert gemeinsam auf und beschließen, eine Band zu gründen. Nach mehreren Umbesetzungen steht schließlich das Line-Up mit Sänger Scott Weiland. Man nennt sich Velvet Revolver und schickt als erste Single ‚Set Me Free‘ – vom Soundtrack zu ‚Hulk – ins Rennen. Man versteht sich als „Contraband“, und so heißt dann auch das Debüt, das im Juni 2004 erscheint.

Doch bekanntlich gibt‘s schnell (Drogen-)Probleme mit Frontmann Weiland, der die Band unlängst verlassen hat. Auch bei Rose hört das Personalkarussel nicht auf sich zu drehen: Im März 2004 verlässt Gitarrist Buckethead Guns N’ Roses aus „gesundheitlichen und internen Problemen.“ Dennoch gibt die Band am 12. Mai in New York ihr Comeback-Konzert und startet eine Tour die sie auch durch Europa führt. Pfingsten spielt die Band „Rock Am Ring” und bestreitet dort ein umjubeltes Set mit alten und brandneuen Songs.

Bei einzelnen Shows soll selbst Izzy Stradlin als Gast vorbei geschaut haben. Drummer Mantia dagegen wirft nach der Hälfte der Tour das Handtuch und wird durch Frank Ferrer ersetzt. Ebenfalls neu an Bord sind Lead-Gitarrist Ron Thal und Rhythmusgitarrist Richard Fortus. Im Februar 2007 teilen GN‘R offiziell mit, die Arbeiten an ‚Chinese Democracy‘ seien abgeschlossen. Das Album werde am 23. November 2008 erscheinen. Das legendäre Werk soll einer Vorabmeldung des Magazins „Der Spiegel“ zufolge in den USA zunächst nur beim Unterhaltungselektronikkonzern Best Buy erhältlich sein.

Die erste Single-Auskopplung ‚Shackler’s Revenge‘ dagegen soll, wie es gerade Metallica vorexerziert haben, im Videogame ‚Rock Band‘‚ ausgekoppelt werden, und die zweite Single ‚If The World‘ wird den Hollywood-Films ‚Der Mann, der niemals lebte‘ mit Leonardo DiCaprio und Russell Crowe untermalen. Nicht schlecht.

Hell yeah!!!

Sollte der G’N’R-Running-Gag tatsächlich seine Auflösung erfahren? Unerschütterlich tickt auf der Website der Band der Countdown zum Release runter – Tage, Stunden, Minuten, Sekunden. Auf den Tag genau 15 Jahre nach dem letzten Studiowerk ‚The Spaghetti Incident‘ erschien nun das Album, über das die New York Times einst schrieb, es sei die „teuerste Platte, die nie gemacht wurde.“

Das änderte sich spätestens mit der Vorabvorstellung auf der Internet-Plattform myspace, wo ‚Chinese Democracy‘ ab dem 20.11. in voller Länge zu hören war. Und während die Plattenfirma noch höchste Geheimhaltungsstufe propagierte, jubelt User „Jimmie MF James“ bereits über ‚Chinese Democracy‘: „Hell Yeah!!!“

Dem möchte man sich bereits nach Hören des gleichnamigen Openers anschließen. Der startet nach einem atmosphärischen Intro mit einem satten Stakkato-Gitarren-Riff, das auf dem Thema des Songs basiert.

Die neuen GN’R-Musiker – als Mitglieder sind neben Axl Rose (voc), Tommy Stinson (b), Dizzy Reed (kb), Ron Thal (aka Bumblefoot, g), Chris Pitman (kb/b), Richard Fortus (g) und Frank Ferrer (dr) angebeben – präsentieren ihren typischen High-Energy-Rock, als würde sich mit diesem Song alles entladen, was sich bei Rose in 15 Jahren aufgestaut hat.

Gitarren-Fans werden gleich die Mundwinkel nach oben ziehen über ein sportliches wie trickreiches Toggle-Switch-Akrobatik-Solo von Buckethead (g) im gleichnamigen Opener. Auch der Nachfolger, ‚Shackler‘s Revenge‘ eine Midtempo-Rocker mit hymnischen Refrain und ein paar schrägen Gitarrenakzenten bietet im Mittelteil ein furioses Solo mit Sweep-Arpeggios, Bumblefoot Ron Thals nächste Duftmarke auf dem Album (mehr Infos gibt’s unter www.bumblefoot.com). Auffällig ist auch die Wandlungsfähigkeit von Axl Roses Stimme.

In ‚Better‘ liefert er eine Gesangs-Performance, wie man sie sich von einem Shouter seiner Klasse wünscht: lässig, kraftvoll, unmissverständlich – das ist der Axl Rose, auf den die Fans Jahre gewartet haben. Auch ‚Better‘ liefert Motivationsstoff für Gitarrenfreunde, denn neben einem sportlichen ersten Solo gibt‘s im zweiten Teil des Songs das erste melodische Solo mit einem butterweichen Les-Paul-Sound zum dahinschmelzen.

Zweifellos eine der stärksten Nummern des Albums. Mit ‚Street Of Dreams‘ gibt‘s natürlich auch die obligate Klavierhymne im Stile von ‚November Rain‘, mit ‚Catcher In The Rye‘ einen luftig federnden Midtempo-Rock ‘n‘ Roller und mit ‚Riad n‘ The Bedouins‘ einen geheimnisvoll anmutenden Rocker der klanglich und kompositorisch – und nicht zuletzt wegen Roses‘ hoher Gesangsstimme – deutlich an Robert Plant und Led Zeppelin erinnert, bis schließlich das mit Streichern veredelte ‚Prostitute‘ dem Album einen würdigen Schlussakkord verleiht.

Gutes Album, kein Zweifel. Aber eben auch nur das: Ein Album. Was auch immer dazu geführt haben mag, dass dessen Realisierung so viele Jahre benötigte und mehr als 13 Million US-Dollar verschlungen haben soll – irgendwann wird sich Rose eingestehen, dass es verschenkte Jahre waren, in denen er auf diesem Niveau den Fans so manch weiteres Studiowerk hätte bescheren können.

Im März 2008 versprach der amerikanische Getränkehersteller Dr. Pepper jedem US-Bürger – außer den abtrünnigen Gitarristen Slash und Buckethead – eine Getränkedose schenken zu wollen, sollte ‚Chinese Democracy‘ tatsächlich 2008 veröffentlicht werden. Rose antwortete darauf mit dem Angebot, sich seine Dose selbst zu kaufen und sie mit Buckethead zu teilen. Im Herbst musste dieses Versprechen tatsächlich eingelöst werden – Chinese Democracy erschien am 22. November.

Seit Dezember 2009 tourten Guns N’ Roses immer mal wieder durch Asien, Europa, Südamerika, Australien und auch die USA. Das letzte Konzert in Deutschland spielten die Rocker am 8. Juni in Mönchengladbach. Bassist Duff McKegan gab 2010 und erneut 2014 Gastspiele.

Guns N‘ Roses auf Tour in 2016!

Seit dem 8. April steht fest: Sie tun es wirklich! In las Vegas standen die Gründungsmitglieder Axl Rose, Slash und Duff McKagan gemeinsam auf der Bühne

 

 


 

 

Guns N’ Roses Diskografie

 

  • Live ?!*@ Like A Suicide, EP 1985
  • Appetite For Destruction, 1987
  • Lies, 1988
  • Use Your Illusion I, 1991
  • Use Your Illusion II, 1991
  • The Spaghetti Incident, 1993
  • Guns N’ Roses – Live Era 87-93, 2000
  • Greatest Hits, 2004
  • Chinese Democracy, 2008
  • Appetite for Democracy: Live at the Hard Rock Casino – Las Vegas, 2014

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Na, da werden sich vielleicht einige Konten beängstigend geleert haben. Kasperletheater, und alle machen mit.

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  2. Für Axl kommt die Reunion sicherlich 10 Jahre zu spät, da nagt mittlerweile auch der Zahn der Zeit..

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  3. Ein leider sehr sehr schlecht recherchierter Artikel voller Klatsch und Tratsch.

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  4. Leute, die Band im “Get In The Ring”-Clip ist NICHT Guns N’ Roses, das ist eine Cover-Band!! Oh Mann …

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  5. Also ich finde es schade und ein bisschen traurig das izzy stradlin heute nur noch selten bei g.n.r zu sehen ist und steven adler fehlt mir irgendwie auch aber dennoch denke ich dass man ein guns n roses konzert nicht verpassen sollte auch wenn izzy von Richard an der Rhythmus gitarre ersetzt wird steven von f.ferer an den drums ich find axl immer noch klasse und man darf auch all die tollen songs nicht vergessen z.b November rain oder civil war ebenso wie better diese lieder werden immer bei einem g.n.r konzert dabei sein und ist cool aber die jungs hätten wirklich etwas länger zusammen hallten können jedenfalls in den oder besser gesagt Anfang der 90er das ist meine meinung dazu

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