Die Ein-Mann-Armee

Frank Turner im Interview

(Bild: Universal / James Medina)

In den 60ern waren es Bob Dylan, Woody Guthrie und Pete Seeger, die zum Protest gegen das Establishment aufriefen. In den 80ern setzte Billy Bragg diese Tradition fort. Jetzt ist es Frank Turner, der sich als musikalische Ein-Mann-Armee mit Gitarre und Gesang versucht.

Der 36-Jährige ist ein Einzelkämpfer gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt. Seine bevorzugte Waffe: Eine akustische Gitarre – zu der sich nun erstmals elektronische Beats gesellen. Nicht, so betont Francis Edward Turner (wie er richtig heißt), weil er sich dem Formatradio und den Hörgewohnheiten des Mainstream-Publikums anbiedern wolle, sondern weil es höchste Zeit für einen Tapetenwechsel sei.

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Somit erinnert er auf ,Be More Kind‘ denn auch dezent an Ed Sheeran. Der gravierende Unterschied zum Rotschopf: Die Texte. Mr. Turner singt zwar auch über Liebe, Glück und Verlust, aber mit einem bissigen, rebellischen Unterton. Und er hat immer einen genüsslichen Seitenhieb auf Lager. Sei es gegen Donald Trump, den er in „1933“ mit Hitler vergleicht, gegen englische Politiker, denen er jedes Verantwortungsbewusstsein abspricht, oder gegen den Zeitgeist, der ihn den „21st Century Survival Blues“ singen lässt. Wir trafen den in Bahrain geborenen Briten in Berlin.

Interview

(Bild: Henry W. Laurisch (CC BY-SA 4.0))

Frank, auf deinem aktuellen Album weichst du erstmals von deinem bewährten Sound ab. War es Zeit für eine Veränderung?

Ich denke, dass Künstler einfach die Verpflichtung haben, sich im Laufe der Zeit immer wieder neu zu orientieren. Das ist wichtig. Gerade in meinem Fall. Denn ,Positive Songs For Negative People‘, mein letztes Album, war ja der musikalische Versuch, sich auf das absolut Notwendigste, auf ein Minimum zu reduzieren. Was bedeutet, dass wir es komplett live aufgenommen und in gerade einmal neun Tagen fertiggestellt haben. Es war ein Erfolg, und ich war völlig zufrieden damit.

Aber gleichzeitig ist es an der Zeit, etwas Neues zu probieren. Und zu allem Überfluss hatte ich relativ lange eine fiese Schreibblockade, weshalb ich anfing, auf meinem Laptop mit elektronischen Sounds herumzuspielen – einfach, um zu sehen, wohin das führt. Die Texte ergaben sich allein daraus, dass die Welt 2016 verrückt wurde.

Hattest du denn das Gefühl, alles erreicht zu haben, was du mit Folk und Punkrock erreichen konntest?

Ich habe das Gefühl, dass ich mit meinen letzten sechs Alben alles getan habe, was man mit einem minimalistischen Setup aus Gesang und Gitarre erreichen kann. Also: Ich habe das Feld ausführlich beackert – so sehr, dass ich dringend etwas anderes brauche. Ich spiele meine alten Songs immer noch live. Aber ich fand es auch spannend, mit diesem Album ein paar neue Sachen auszuprobieren. Das hat mir das Gefühl gegeben, ich wäre wieder 21 – als ich mein erstes Album gemacht habe. Und an ,Be More Kind‘ haben wir länger gearbeitet als an jedem anderen. Was nicht zuletzt daran lag, dass ich mich an Sachen versucht habe, von denen ich bislang keine Ahnung hatte. Gerade die Stücke, die mehr Beat-orientiert sind, habe ich immer und immer wieder bearbeitet, um sicherzustellen, dass sie nicht zu amateurmäßig klingen.

Angeblich interessierst du dich schon länger für elektronische Musik. Wie kommt es, dass sich das nie in deinen Sachen niedergeschlagen hat?

Oh, als ich 19 war, hatte ich mal eine Phase, in der ich versucht habe, elektronische Musik zu machen – einfach, weil ich viel davon gehört habe. Aber meine Versuche waren ein Fiasko, ein totaler Flop. Also habe ich mich auf Dinge konzentriert, in denen ich gut bin. Aber: Das hier ist ja kein Electro-Album. Es weist lediglich Einflüsse dieser Welt auf. Und es war eine nette Art, diese Barriere, die bislang in meinen Songs herrschte, einzureißen und diese Seite meines Musikgeschmacks ein bisschen mehr in den Vordergrund zu rücken.

Ist ,Be More Kind‘ dann für Frank Turner so etwas wie ,Trans‘ für Neil Young?

Es ist nicht so, dass ich ein großer Fan von ,Trans‘ wäre. Von daher kommt ihm ,Be More Kind‘ hoffentlich nicht allzu nahe. Aber ich denke zum Beispiel, dass das Album von The Postal Service ein sehr guter Referenz-Punkt ist. Und ich war auch schon ein Fan von Jimmy Tamborello, ehe er sich mit Ben Gibbard von Death Cab For Cutie zusammengetan hat. Ich hielt das Album für eine wirklich interessante Synthese aus Singer/Songwriter-Tradition und elektronischen Einflüssen. Nur: Mein Album verfolgt diesen Ansatz gar nicht so konsequent – auch, wenn das natürlich ein cooler Gedanke ist.

(Bild: Universal / James Medina)

Was erwartet uns bei deinen Konzerten im Herbst?

Es ist schon länger her, das ich durch Deutschland getourt bin, und deswegen ist das erste, was ich sagen muss: „Entschuldigen sie bitte, meine deutschen Freunde, bis bald.“ Das ist alles, was ich an Deutsch kann. Und es stimmt: Es ist wirklich länger her, seit ich dort das letzte Mal unterwegs war. Von daher bin ich sehr aufgeregt, dass ich im November wiederkomme. Aber: Es wird nicht das einzige Mal sein, dass ich dieses Album in Deutschland vorstelle – ich plane noch weitere Besuche, weil Deutschland immer sehr gut zu mir war. Und weil ich schon ganz aufgeregt bin, das Material der neuen Platte zu spielen.

Das umzusetzen, stellt ein paar musikalische wie auch logistische Herausforderungen dar. Denn, wie gesagt, wir haben eine Menge Zeit im Studio verbracht, bei der wir bewusst nicht darüber nachgedacht haben, wie man die Songs live darbieten könnte. Und nun gibt es Tracks, die drei Drumbeats gleichzeitig aufweisen. Ich bin mir alles andere als sicher, wie zum Henker ich damit umgehen soll. Aber das kriege ich schon noch raus. Und die eine Sache, bei der ich ganz unverfroren populistisch bin, ist die Zusammenstellung der Set-Liste. Ich will niemandem die alten Songs vorenthalten, sondern weiterhin spielen, was die Leute hören wollen.

Was für Gitarren hast du diesmal dabei?

Meine beiden Gibson Hummingbirds, die ich mittlerweile seit 2014 spiele – und von denen ich mich so schnell auch nicht trennen werde. Sie sind leicht, sie haben einen großartigen Sound und sie sind nicht so anfällig wie andere Instrumente, die ich in der Vergangenheit hatte. Ich meine, wenn ich auf der Bühne stehe, bewege ich mich viel – und mit mir die Gitarre. Insofern muss sie einfach etwas aushalten können und nicht sofort kaputtgehen. Und die Hummingbirds können einiges einstecken. Sie sind wie für die Bühne geschaffen – zumindest, was meine Ansprüche betrifft. Ich prügle sprichwörtlich das Letzte aus ihnen heraus. Und bislang haben sie sich als ziemlich robust erwiesen.

Wobei du zu Hause bzw. im Studio aber noch etwas weitaus Exklusiveres und Teureres einsetzt, oder?

Stimmt. Ich habe noch eine Gibson J-45. Eine neue Gitarre, die aber Teil einer Serie namens „Antique Range“ ist – was schon irgendwie seltsam ist. Außerdem eine ´57er Gibson Country Western – zum Aufnehmen, aber auch für ganz spezielle Anlässe. Also das ist keine Gitarre, die ich jeden Tag einsetze, sondern nur in besonderen Momenten. Sie ist das Teuerste, was ich mir je gegönnt habe – und ich bin kein besonders materialistischer Mensch. Ich gebe nicht viel Geld aus. Es ist mir scheißegal was ich trage, ich habe kein Auto, ich trinke nicht in teuren Bars und speise nicht in exklusiven Restaurants. Das einzig Extravagante, was ich mir je gegönnt habe, ist diese Gitarre.

Und ich kann bis heute kaum glauben, dass ich mir überhaupt so ein Teil zugelegt habe. Ich meine, ich habe mit einer alten Dove geliebäugelt oder mit einer Original-Hummingbird. Das schien eher mein Ding zu sein. Aber als ich anfing, sie zu spielen, hat sie mich richtig angesprungen. Sie hat einen wunderbaren „full-bodied tone“. Und wegen ihr habe ich auch angefangen, Bluegrass-Flatpicking zu lernen. Einfach, weil es gut dazu passt.

Wie steht es mit Amps? Was setzt du da ein?

Gar nichts!

Wie bitte?

Auch das ist eine Sache, die ich über die Jahre gelernt habe. Schließlich spiele ich mit einer richtig lauten Rockband – meistens jedenfalls. Trotzdem will ich, dass mein Instrument einen warmen akustischen Sound hat, so natürlich und unverfälscht wie möglich. Deshalb verwende ich eine Fishman Aura Acoustic D.I. Box mit Hummingbird-Presets, wodurch ich denselben Vibe erziele, wie ihn die Gitarre ursprünglich besitzt – also ohne Mikrofone. Die wären auch nicht besonders praktisch, weil es eine richtige Rock´n´Roll-Show ist, ich mich viel bewege und auch mal ins Publikum springe. Deshalb habe ich keine Amps, sondern In-Ear-Monitoring.

Und im Studio?

Da habe ich nur für die elektrischen Sachen – die ich auf der Bühne nicht übernehme – einen Verstärker. Und zwar einen Kemper Profiler Head.

Was für eine Gitarre spielst du, wenn es mal elektrisch sein darf/muss?

Eine ES Les Paul in „arctic white“. Die Gitarre hat mir Gibson vor ein paar Jahren geschickt. Ich habe eine elektrische mit starkem Klang und geringem Gewicht gesucht. Nachdem ich das ihnen gegenüber erwähnte, ließen sie mir diese Gitarre zukommen, die es einfach getroffen hat. Sie war genau das, wonach ich gesucht habe.

Discografie

Sleep Is For The Week (Xtra Mile, 2007)
Love Ire & Song (Epitaph, 2008)
Poetry Of The Deed (Epitaph, 2009)
England Keep My Bones (Epitaph, 2011)
Tape Deck Heart (Universal, 2013)
Positive Songs For Negative People (Universal, 2015)
Be More Kind (Universal, 2018)

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(erschienen in Gitarre & Bass 09/2018)

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