Begnadet & Begnadigt

Eric Gales: Die Gitarre und die Musik sind für mich wie Medizin

Eric Gales
(Bild: Mineur)

Er war gestrauchelt, tief gefallen, war im Gefängnis, am Boden, und ist zum Glück wieder aufgestanden: Der amerikanische Bluesrock-Gitarrist Eric Gales hat offenbar die tiefste Krise seines Lebens überwunden und erfreut sich derzeit bester Gesundheit.

Die Drogensucht ist – hoffentlich für alle Zeiten! – Vergangenheit, seine Musik dafür mehr denn je zukunftsgerichtet und inspirierend. Wir trafen den 43-Jährigen in Dortmund im Rahmen der Mascot Blues Tour, schauten uns sein aktuelles Equipment an und erfuhren einige spannende Details über die schwierigste Phase seines Lebens.

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interview

Eric, zur Freude der Öffentlichkeit und deiner Fans bist du endlich wieder in fabelhafter Verfassung und kannst auf der Bühne Vollgas geben. Hat sich durch die lange Pause etwas an deiner Haltung zur Musik geändert, oder ist alles wie früher?

Die Kraft und die Leidenschaft für meine Musik sind gleich geblieben. Aber es gibt dennoch einen Unterschied zu früher: Ich habe mich als Songschreiber noch einmal spürbar weiterentwickelt. Mittlerweile habe ich viel mehr Lebenserfahrung und demzufolge auch mehr Themen, über die ich schreiben kann. So gesehen ist ‚Middle Of The Road‘ ein autobiographisches Album, das erzählt, wer ich heute bin, woher ich komme, was ich in der Zwischenzeit erlebt habe. Es zeigt etwas über den Lebenswandel, den ich vollzogen habe. Ich merke, dass es mir zurzeit besser denn je geht und ich an der Art von Leben, wie ich es momentan führe, unbedingt festhalten möchte.

Man hat den Eindruck, dass du dich noch einmal ähnlich rasant weiterentwickelst wie zu Beginn deiner Karriere.

Das mag stimmen. Als junger Musiker habe ich wirklich riesengroße Fortschritte in allen Bereichen gemacht. Aber das gilt auch für die Gegenwart, nach all dem Scheiß, den ich gemacht und für den ich gebüßt habe.

Du sprichst von deinem Gefängnisaufenthalt, unter anderem wegen Waffen- und Drogenbesitz.

Richtig. Ich habe zum Glück meine musikalischen Stärken wiederentdeckt, nachdem sie einige Jahre verschüttet zu sein schienen. Ich bin durch einige dramatische Veränderungen meines Lebens gegangen, und habe mich und meine Musik anschließend neu entdecken dürfen.

Das müssen harte Jahre gewesen sein.

Oh ja, sehr harte Jahre sogar. Aber sie waren selbstverschuldet. Ich war hochgradig drogenabhängig, ich war im Knast, aber ich habe überlebt. Heute bin ich seit zwei Jahren clean und das Leben fühlt sich fantastisch an. Vielleicht stecke ich deshalb so voller Ideen. In meinen neuen Liedern stecken viele tatsächliche Geschichten, viele tiefe Gefühle. Ich stehe wieder auf der Bühne, sehe das Publikum, und viele Erinnerungen an frühere Zeiten kommen hoch. Für mich gibt es jetzt nur noch diesen Weg, den ich eingeschlagen habe, nichts anderes mehr.

Hast du für dich selbst eine Erklärung gefunden, weshalb du so tief abgerutscht bist. Gibt es einen Grund für deine Drogensucht, den Gefängnisaufenthalt?

Oh Mann, ich habe einfach viele falsche Entscheidungen getroffen. Das Leben bringt einen dort hin, wohin man es selbst steuert. Ich meine: Das alles, meine Probleme, meine Fehler, erstrecken sich ja über 20 Jahre. Viele andere Menschen sind in dieser Zeit daran zugrunde gegangen und sogar gestorben. Zum Glück ist mir das erspart geblieben. Es waren wohl alles Dinge, durch die ich gehen und die ich durchleben musste, um schließlich dort landen zu können, wo ich mich heute befinde. Es musste wohl alles so kommen, damit ich mich eines Tages wiederentdecken konnte. Die Gegenwart ist für mich überragend und unglaublich inspirierend. Ich hätte dies nicht für möglich gehalten.

Deswegen besitzt du auch die Offenheit, dein Publikum daran teilhaben zu lassen.

Exakt! Ich erzähle jeden Abend vor Beginn der Show den Leuten meine Geschichte, damit sie verstehen, was sie da gerade sehen, woher all die Leidenschaft und die starken Gefühle kommen. Die Öffentlichkeit soll verstehen, woher ich die Kraft für meine 90-minütige Show nehme. Ich sehe, dass die Leute das hören wollen und total durchdrehen, wenn ich dann anschließend meine Songs spiele.

Eric Gales
Die beiden DV Mark FG212V Frank Gambale Signature Cabinets (Bild: Mineur)

Sind die Gitarre und deine Musik die wichtigsten therapeutischen Bestandteile deines heutigen Lebens?

Absolut. Die Gitarre und die Musik spielen eine überragende Rolle in meinem Leben. Für mich ist das wie Medizin. Es bedeutet mir unendlich viel, jeden Abend auf der Bühne zu stehen und spielen zu können. Ich stehe da und denke: Oh Mann, was für ein Glück! Und wie inspirierend! Das, was ich von den Zuschauern zurückbekomme, reicht, um diesen Weg weiterzugehen. Selbst dann, wenn es nur eine einzige Person im Publikum ist, die ich wirklich mit meiner Musik erreiche.

Deine persönliche Krise ist sicherlich ein riesengroßer Themenfundus, aus dem sich bei neuen Songs glänzend schöpfen lässt. Nach mehr als einem Dutzend Alben sind viele andere Themen sicherlich schon mal von dir aufgegriffen worden.

Richtig. Aber irgendwoher kommen immer neue Ideen, manche davon stellen eine besondere Herausforderung dar, doch alle bieten die Chance, etwas Sinnvolles und Hörenswertes daraus zu entwickeln. Natürlich suche ich immer nach frischen Inspirationen, insofern ist deine Frage durchaus gerechtfertigt, woher man nach 15 Alben noch neue Ideen bekommen soll. 15 Alben bedeuten 150 Songs. Minimum. Insofern ist es nicht immer ganz leicht, neue Themen zu finden. Aber als Songschreiber hat man sowieso immer alle Antennen aufgestellt und sucht nach spannenden Themen, nach Überschriften, nach Inhalten.

Eric Gales
Sein Pedalboard u. a. mit Tech 21 DLA Boost, T-Rex Fuel Tank, Boss TU-3, MXR Bass Envelope Filter, Dunlop Jimi Hendrix Octavio, EWS Eric Gales Brute Drive, Digitech Whammy 5 (Bild: Mineur)

Ist denn bei deinen Songs immer erst das Thema da, der Inhalt, der Text? Oder doch die Musik?

Immer erst die Musik. Es sei denn, ich habe eine bestimmte Headline im Kopf, dann kann es auch schon mal sein, dass ich von dort ausgehend die Musik schreibe. Aber normalerweise ist ein starkes Riff der Beginn eines jeden Songs, das Riff und der Groove, sie zusammen bilden das Fundament eines neuen Songs. Und zwar beides gleichwertig. Ich sehe mich ja auch nicht nur als rhythmisch orientierter oder nur melodisch veranlagter Musiker, sondern als beides in einer Person.

Gibt es diesbezüglich konkrete Vorbilder?

Vorbilder im eigentlichen Sinne nicht. Ich bin stark von Gospel geprägt, bin als Kind sehr oft in der Kirche gewesen. Danach habe ich die Musik von Albert King, Muddy Waters und John Lee Hooker kennengelernt. Anschließend folgte Jimi Hendrix, dann Leute wie Stevie Ray Vaughan oder Robin Trower. Hendrix hatte einen riesengroßen Einfluss auf mich, aber auch Wes Montgomery, Eric Clapton, Jeff Beck, Kenny Burrell, Chet Atkins oder Jerry Reed. Von ihnen suche ich mir die besten Momente aus und übernehme sie in mein Spiel.

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Kommen wir auf dein aktuelles Equipment zu sprechen: Ich habe vorhin beim Soundcheck zwei ungewöhnliche und sehr interessante Gitarren gesehen. Kannst du etwas über sie erzählen?

Gerne! Meine Hauptgitarre ist eine Magneto, sie nennt sich ‚Eric Gales Raw Dawg Custom‘ und basiert auf dem Sonnet-Modell, mit einem zweiteiligen Korpus aus amerikanischer Erle, einem Hals aus kanadischem Hard-Rock-Maple und einem Griffbrett aus indischem Palisander. Das Finish nennt sich Light Mercury Silver, die Gitarre besitzt drei Custom-Singlecoils. Die andere, die du gesehen hast, ist eine Knaggs Severn T2 Trem Aged Scotch. Ein sehr schönes Modell mit einem tollen Klang.

Eric Gales
Seine Magneto Eric Gales Raw Dawg Custom in Light Mercury Silver (Bild: Mineur)

Ich habe im Laufe der Jahre mit vielen verschiedenen Firmen zusammengearbeitet, mit Paul Reed Smith, Saint Blues und Olympus, Instrumente, die ich allesamt immer noch spiele, hinzu kommt zu Hause eine sehr schöne 62er-Fender-Stratocaster. Aber diese Gitarren kann ich natürlich nicht alle mit auf Tour nehmen. Deswegen habe ich nur meine beiden neuesten Entdeckungen mitgebracht, die Magneto und die Knaggs, zwei Firmen, mit denen ich seit einiger Zeit kooperiere und mit deren Gitarren ich vornehmlich spiele.

Auch dein neuer DV-Mark-Amp ist zumindest auf deutschen Bühnen ein vergleichsweise seltener Anblick.

Der Amp wurde von einigen sehr guten Mitarbeitern bei Markbass gebaut. Er ist brandneu und nennt sich ‚Raw Dawg Eric Gales‘. Es ist also mein Signature-Amp, auf den ich sehr stolz bin.

Eric Gales
Sein neuer DV Mark Raw Dawg Eric Gales Amp (Bild: Mineur)

Letzte Frage: Was kann man in nächster Zukunft von dir erwarten. Ich hörte, dass du schon wieder an einem neuen Album arbeitest.

Das stimmt. Ich habe gerade mit dem Songwriting angefangen. Ansonsten werde ich so viel wie möglich touren, wobei ich in dieser Zeit trotzdem weiter komponieren werde. Ich mag diese Kombination aus Konzerten und Ideensammeln. Wenn dann zwischendurch kurz Pause ist, werde ich sicherlich genug Material zusammengetragen haben, um sie in einem Studio einzuspielen. Die Aufnahmen beginnen Ende August, Anfang September. Ich habe Zuhause zwar ein kleines Studio, in dem ich schwerpunktmäßig mit Logic arbeite, aber das Album werde ich voraussichtlich in Los Angeles einspielen.

Okay, danke Eric, für deine Zeit. Wünsche dir alles Gute für deine kommenden Ziele.

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(erschienen in Gitarre & Bass 09/2018)

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