Jede Menge Klassiker

Die Gibson ES-Serie: Von der Archtop bis zur Semiacoustic

In der traditionsreichen Firmengeschichte Gibsons nimmt die Einführung der mit dem Kürzel ES bezeichneten Instrumente durchaus den Status eines wesentlichen Meilensteins für sich in Anspruch.

Ganz allgemein betrachtet erringt der Hersteller, beginnend mit der Einführung der ersten marktfähigen E-Gitarre Ende der 30er Jahre bis zur konsequenten Elektrifizierung völlig neuartiger, nicht mehr nur traditionsverlängernder Designs in den stilbildenden 50er Jahren unter Ted McCarty, die führende Rolle im amerikanischen Gitarrenbau.

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Über die Jahre erschienen unter dem Begriff „Electric Spanish“ (denn dafür steht ES) verschiedene selbständige Reihen überaus erfolgreicher und bis heute unverzichtbarer Electrics, die nicht ohne Grund Legionen von Spielern in ihren Bann gezogen haben.

 

Der folgende chronologisch geordnete Überblick der wesentlichen Modell-Reihen zeigt die Vielfalt und Innovationsfreude der Gibson-Entwickler.

Auffällig ist dabei die große Lücke, die von Anfang der 60er Jahre bis zum Ende der 70er reicht. Die Fülle der Ideen und Entwicklungsschübe, die sich vornehmlich in den 50er Jahren geradezu überschlagen hatten, schien ihren Niederschlag in gesetzten, praxisgerechten und definitiven Instrumenten gefunden zu haben.

Einige der geradezu voranstürzenden Entwürfe waren gar zu weit gegangen für ihre Zeit – man denke nur an die Flying V und die Explorer – aber selbst der heutige Klassiker Les Paul musste bekanntlich einmal wegen mangelnder Umsätze wieder aus dem Programm genommen werden.

In den 60ern hatten die Musiker dann jedenfalls Luft genug, um die Neuerungen wirklich anzunehmen, die überraschenden Möglichkeiten auszuloten und in originäre Klänge zu übersetzen. Heute arbeitet Gibson wieder verstärkt an der Verfeinerung und Fortschreibung der legendären Konzepte. Traditionspflege durch Erstellung detailgenauer Reissue-Modelle auf der einen und den nach vorn gerichteten Blick mit Hilfe von moderat innovativen neuen Designs auf der anderen Seite sind die Stützpfeiler der erfolgreichen Firmenpolitik.

 

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Am Anfang stand die ES-150! Na ja, in dieser schöpfungsgeschichtlichen Bedeutung wohl nicht ganz, aber immerhin hatte Gibson mit der ES-150 Ende 1936 die erste „elektrische“ Gitarre auf den Markt gebracht. Im Gegensatz zu den Instrumenten der Konkurrenz schreibt man diesen frühen Exponaten aus dem Hause Gibson auch heute noch hohe Qualitäten als Jazz-Gitarren zu. Das ist nicht zuletzt Charlie Christian zu verdanken, jenem sagenumwobenen frühen Giganten der elektrifizierten Gitarre, der zunächst die ES-150, später dann auch die ES-250 spielte und popularisierte. Charlie Christian erregte als Mitglied der Benny- Goodman-Band und durch seine Sessions mit den frühen BeBop-Musikern großes Aufsehen und gilt als Begründer des elektrischen Jazz-Gitarrenspiels.

Er starb mit nur 26 Jahren im März 1942 an Tuberkulose. Wie Christian suchten viele Musiker zu jener Zeit nach Möglichkeiten, sich in den lauter werdenden Bands mit der Gitarre überhaupt noch durchzusetzen. Die bis an ein eben noch verträgliches Limit getriebenen Korpusgrößen der Gitarren gaben nun nichts mehr her und die Elektrifizierung war der logische Schritt in die Zukunft. Zuvor hatte der weitsichtige Ingenieur Lloyd Loar (Gibson- Mitarbeiter von 1919 bis 1924) bereits in den 20er Jahren mit Pickups und Verstärkern experimentiert, dann auch eine eigene Produktion, die kurzlebige „Vivi-Tone Company“ mit nur wenig erfolgreichen elektrischen Instrumenten ins Leben gerufen, aber erst mit der ES-150, basierend auf dem schlichten akustischen Modell L-50, war es Gibson vergönnt, quasi über Nacht erfolgreich zu werden.

Eine ES-150 von 1936
ES-150 1936

Eigentlich handelte es sich um eine konventionelle Gitarre, mit geschnitzter Decke und Kreuzbebalkung, die jedoch mit jenem später „Charlie Christian Typ“ genannten Stab-Pickup nebst Bakelite- Knöpfen zur Volumen- und Tonkontrolle ausgestattet wurde. Im ersten Jahr der Produktion, 1937, wurden immerhin schon 504 Instrumente ausgeliefert, aber es sollte noch eine Zeit dauern, bis die Gitarristen wirklich verstanden, dass nun nicht nur die Lautstärke für das Comping, also für das gewohnte akkordische Begleiten der Bläser angehoben werden konnte, sondern „Single-note“-Soli vergleichbar in Lautstärke und Flüssigkeit mit denen eines Saxophonisten möglich wurden. John Lee Hooker berichtet aus dieser Zeit über T-Bone Walker: „T-Bone war der erste, den ich überhaupt mit einer elektrischen Gitarre sah, einer Gibson.

Um 1940 sah ich ihn im Rainbow Ballroom in Detroit und er ließ mich einmal darauf spielen. Sofort danach ging ich los und kaufte mir auch eine. Er ist der Vater der elektrischen Blues- Gitarre.“ Ende 1937 wurde die einfache ES-100 mit etwas kleinerem Korpus, 1938 dann die aufwändiger hergestellte ES-250 ins Programm genommen. Die ES-150 blieb abgesehen von einer Produktionsunterbrechung durch den 2. Weltkrieg immerhin bis 1956 im Programm, die ES-250 wurde bereits 1940 wieder gestrichen.

 

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Abgelöst wurde die ES-250 durch das Modell ES-300, auffällig gekennzeichnet durch einen riesigen, diagonal gestellten Pickup mit erstmals einzeln justierbaren Polepieces. Schon 1941 wurde der Tonabnehmer dann deutlich kleiner und nur noch leicht schräg in Stegposition montiert. Auf der ES-300 war erstmals nun auch das „crown“-Inlay zu sehen, das später zu einem Markenzeichen für Gibson-Gitarren werden sollte. Die Fichtendecke wurde im Gegensatz zu den Vorläufern mit einer parallelen Bebalkung unterbaut. Bereits 1942 kam die Produktion der ES-300 kriegsbedingt zum Erliegen.

Als das Modell dann 1946 wieder ins Programm genommen wurde, wies es wesentliche Veränderungen auf: der Korpus bestand nun insgesamt aus laminiertem Ahorn und ein P-90- Singlecoil-Pickup fand sich in der Halsposition. Ende 1948 wurde das Modell in einer doppelten P-90-Version aktualisiert, konnte sich aber vor allem wegen eines fehlenden Cutaways nicht erfolgreich durchsetzen und wurde daraufhin 1952 wieder aus dem Sortiment genommen. Praktisch parallel zur ES-300 wurde 1941 die preisgünstige ES-125 ins Programm aufgenommen (es handelte sich im Prinzip um die umbenannte ES-100), deren Produktion bereits im Jahr darauf aber ebenfalls eingestellt werden musste.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie 1946 mit größerem laminierten Ahorn-Korpus (16″) und einzelnem P-90-Pickup am Hals wieder eingeführt und entwickelte sich in der Folgezeit zu einem richtigen Renner, was dann bereits 1947 zu einer Ergänzung des Sortiments um die ES-150 führte, welche über einen größeren Korpus (17″) und etwas gehobenere Ausstattung verfügte. Auch ohne ein Cutaway waren diese Gitarren zu ihrer Zeit sehr beliebt. Die ES-150 hielt zwar nur bis 1956 durch, aber die kleine Schwester ES- 125 schaffte es immerhin und fast unbemerkt bis 1970. Schöne Beispiele für ihren Sound, auch in heutigen Tagen, bieten die Produktionen von Chris Whitley, der sie wegen ihrer irgendwie spröden, rudimentären Sounds immer wieder gerne einsetzt.

 

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1947 erblickte mit der ES-350 das erste Gibson- Instrument mit Cutaway das Licht der Welt. 1949 wurde das Modell dann mit zwei Pickups aufgewertet, allerdings sollte diese Gitarre schon bald durch nachfolgende Hollowbody- Electrics aus dem eigenen Hause übertrumpft werden und führte dadurch eher ein Schattendasein. 1955 wurde ihre Produktion mit vollem Korpus dann auch eingestellt und zu einer der ersten Thinline- Gitarren mit Namen ES-350T modifiziert (s. u.).Einen echten Klassiker schufen die Gibson- Leute 1949 mit dem Modell ES-175.

Eine ES-175 von 1958
ES-175 1958

Zunächst kamen wenige Exemplare mit einem einzelnen P-90-Pickup auf den Markt, aber schon 1953 gab es die ES-175D dann mit zwei Einspulern. Bereits 1952 und 1953 war das Modell so beliebt, dass mehr als 1000 Einheiten hergestellt wurden. Obwohl diese Mengen in den nachfolgenden Jahren dann nicht mehr erreicht wurden, gewann diese Gitarre mit ihrer nicht zu großen Korpusform und dem zeitgemäßen spitzen Cutaway beständig Freunde, vornehmlich im Jazz-Lager. Ab 1957 spendierte man ihr dann auch Humbucker. Die prominente Riege der ES-175 Spieler umfasst so unterschiedliche Musiker wie Jazz-Legende Joe Pass, Pat Metheny in seinen ersten Jahren oder Yes-Gitarrist Steve Howe.

Die ES-5, ebenfalls 1949 ins Rennen geschickt, besaß für ihre Zeit das absolut außergewöhnliche Merkmal von gleich drei Tonabnehmern. Als elektrische Top-Version der berühmten L-5 angekündigt, markierte sie auch finanziell die Spitze des Angebots. Die ES-5 hatte grundsätzlich die Abmessungen der L-5, aber sie war vollständig aus „Curly Maple“ gefertigt, also ohne die Fichtendecke der L-5. Die drei P-90-Pickups konnten mit drei einzelnen Volumenreglern und einem Master-Volume kontrolliert werden, allerdings ließ sie keine schaltbaren Presets zu. Ein Handicap, das bei einer überarbeiteten Version, 1955 unter dem Namen Switchmaster vorgestellt, durch eine aktualisierte Elektronik kompensiert wurde. Die neue Version verfügte über individuelle Volumen- und Tonregler pro Pickup, sowie einen 4-Weg-Schalter, der die Tonabnehmer jeweils einzeln oder alle gemeinsam schaltete und damit zum Namensgeber wurde. Die Produktion der ES-5/Switchmaster wurde 1962 eingestellt. Carl Perkins zelebrierte seinen klassischen Rockabilly-Gitarrenstil u. a. mit einer Gibson Switchmaster.

 

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Die ES-140 ist eher eine etwas skurrile Randerscheinung im Gibson-Programm. Ihre Dreiviertel-Größe täuscht allerdings leicht darüber hinweg, dass es sich tatsächlich um eine spielbare Gitarre handelt, durchaus gefertigt im üblichen Gibson-Standard: Kleiner Korpus aus laminiertem Ahorn, spitzes Cutaway, einteiliger Mahagonihals, 58er Mensur und ein einzelner Singlecoil-Pickup in der Halsposition kennzeichnen das zierliche Instrument.

Von 1950 bis 1956 gab es dieses Modell mit vollem Korpus, ab 1957 bis zu seinem Ende 1968 dann als Thinline-Ausführung ES-140 T. Immerhin wurden insgesamt an die 4000 Einheiten von den beiden Versionen der ES-140 ausgeliefert. Als Gibson dann 1952 die ES-295 einführte, zeigte sie gleich mehrere richtungsweisende Ausstattungsdetails.

Eine Gibson Goldtop ES-295 von 1956
Gibsons erste Goldtop ES-295, 1956

Die Korpusform der ES- 295 war zunächst der ES-175 entlehnt, wartete im Gegensatz zu der aber gleich mit zwei Tonabnehmern auf (die ES-175 hatte zu dieser Zeit nur einen), und sie kam als erste Gitarre überhaupt mit einer „All gold“- Lackierung, die bald auch beim Les-Paul- Modell Verwendung fand. Die ES-295 war damit im Grunde so etwas wie die Luxusausgabe der ES-175 und eben auch entsprechend teurer. Immerhin verfügte sie schon über getrennte Volumen- und Tonregelung, einen 3-Weg-Toggle-Switch zur Pickup-Wahl sowie ein Trapeze-Tailpiece, wie es auch auf den ersten Les Pauls erschien.

Cremefarbene Pickup-Kappen und ein floral-goldenes Motiv auf dem Schlagbrett unterstrichen das prachtvolle Design. Nach anfänglichen Erfolgen bei den jungen Rock-’n’-Roll-Helden der frühen 50er – Scotty Moore spielte die ersten Sun-Sessions für Elvis Presley mit einer ES-295, bevor er zur L-5 und Super 400 wechselte – ließ das Interesse aber bereits Mitte des Jahrzehnts deutlich nach und Gibson nahm das Instrument 1958 wieder aus dem Programm. 1954 erschien die ES-135 (einige Exemplare sind auch als ES-130 gestempelt) als etwas besser ausgestattete ES-125 auf dem Markt. Das Griffbrett war eingebunden und besaß die aufwändigeren „trapezoid inlays“. Das Modell hielt sich nur bis 1958. Die Cutaway- Form hatte bereits die Szene erobert und verdrängte die nun bei elektrischen Gitarren altmodisch anmutende und spieltechnisch einschränkende Vollkorpus-Konstruktion.

1991 fand dann eine Gitarre mit Namen ES-135 in einer völlig veränderten Gestalt den Weg zurück ins Gibson-Programm (siehe unten). Mitte der 50er machte Gibson sich auf den Weg, eine neue Linie einzuschlagen und entwickelte die bahnbrechende Thinline-Konstruktion. Da die ArchTop-Gitarren ohnehin durch die Montage von Pickups auf die Decke viel von ihrem ursprünglichen Klang eingebüßt hatten, entschloss man sich, den Korpus zugunsten der leichteren Handhabung schmaler zu gestalten.

Als erstes Modell der neuen T-Linie erschien die ES-225. Auch die Byrdland mit ihrem schmalen Korpus wurde übrigens 1955 eingeführt. In der Silhouette glich die ES-225 der ES-175, besaß aber nur einen einzelnen, in die Mitte zwischen Griffbrett und Steg platzierten P- 90-Pickup. Das Trapeze-Tailpiece war der frühen Les Paul entliehen, ansonsten beließ man das Instrument in schlichter Ausstattung. 1956 kam ergänzend die ES-225 TD mit zwei P-90-Singlecoils dazu, allerdings wurden dem Modell die im folgenden Jahr z. B. auf die ES-175 u.v.a. installierten Humbucker vorenthalten – wohl einer der Gründe, die zur Einstellung der Produktion im Jahre 1958 führten.

Bernie Marsden zeigt seine Gitarre
Bernie Marsden mit Gibson ES 335

 

Ebenfalls 1955 eingeführt wurde die ES-350 T, und zwar als Alternative zur etwas fescheren Byrdland. Der wesentliche Unterschied ist in ihrem Korpus aus gesperrtem Ahorn zu finden, ansonsten verfügte sie über die identischen Korpus- und Halsdimensionen der Byrdland. Die Entwicklung der ES-350 durchlief drei verschiedene Stufen, deren erste (1955 bis 1957) durch zwei Singlecoil-P-90- Pickups, sowie ein gerundetes venezianisches Cutaway gekennzeichnet war.

In der zweiten Phase (1957 bis 1960) bekam sie als eins der ersten Electric-Spanish-Instrumente überhaupt Humbucker verpasst, und von 1961 bis zur Einstellung der Produktion 1963 zeigte sie einen überarbeiteten Korpus mit spitzem florentinischen Cutaway. Mit jeweils mehr als 200 Exemplaren waren 1956 und 1957 die erfolgreichsten Jahre der ES- 350 TD, wohl ausgelöst vornehmlich durch den Rock-Pionier Chuck Berry, der mit dieser Gitarre Hits wie ,Maybellene‘ oder ,Rock & Roll Music‘ auf ganz unverwechselbare Art in seiner „Duck walk“-Pose zelebrierte. Danach ging die Zahl der produzierten Einheiten deutlich zurück, vor allen Dingen durch die neuerstandene Konkurrenz aus dem eigenen Hause.

 

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1958 gelang Gibson ein grandioser Coup mit der Vorstellung der ES-335. Der sich spontan einstellende Erfolg beruhte auf der konsequenten Weiterführung der Thinline- Konstruktion hin zu einem neuartigen, zwitterhaften Gitarrentyp, der auf die strukturelle Mischung aus Hollowbody und Solidbody setzte. Ted McCarty hatte zusammen mit seinem R&D-Department ein gänzlich neues Kapitel im modernen Gitarrenbau aufgeschlagen.

Larry Carlton mit ES-335
Larry Carlton ist Mr. 335

Der Korpus der 335 TD verfügte nur noch über hohle Seitenflügel, während in der Mitte ein durchgezogener massiver so genannter Sustain-Block alle Eigenschaften einer soliden Konstruktion einbrachte, also auch die bei zunehmenden Lautstärken gefürchteten Rückkopplungen weitestgehend ausschloss. Das Prinzip wurde „Semi-Solid“ oder auch „Semi-Acoustic“ genannt. Dazu kam das bis dahin noch nie da gewesene doppelte Cutaway-Design mit den berühmten Micky-Maus-Ohren. Dieses erlaubte ein großzügiges Bespielen des Halses bis hin in die obersten Lagen.

Die flache Korpusform erhöhte darüber hinaus noch den allgemeinen Spielkomfort und zwei der eben erst erfundenen „P.A.F.“-Humbucker sorgten für eine nebengeräuscharme kraftvolle elektrische Tonwandlung. Der Brückenschlag zwischen den elektrischen Arch-Tops und den Solidbody-Modellen war geglückt und der Erfolg stellte sich quasi über Nacht ein. Bis heute gehört die ES-335-Serie zu den grandiosen, viel gerühmten, und stilübergreifend gespielten Entwicklungen aus dem Hause Gibson.

Die ES-335 TD erfährt in ihren frühen Jahren noch einige kleinere kosmetische Veränderungen. So bekommen die „Ohren“ einen etwas schlankeren Zuschnitt und das Halsprofil variiert leicht in den einzelnen Jahrgängen. 1981 wird das Modell dann in ES-335 DOT umbenannt, ab 1990 heißt es ES-335 Reissue und heute ist die 335 in großer Variationsbreite in der Electric Collection als auch in der Custom Shop Collection zu finden.

Eric Clapton 1968
1968 Eric Clapton mit seiner ES-335 zu Cream-Zeiten

Zuvor bereits wurden zahlreiche Sonderausgaben und „Limited Runs“ von der bewährten Konstruktion herausgegeben. Im gleichen Jahr (1958) gesellte sich dem Erfolgsmodell noch ein hochwertiger ausgestattetes Schwesterinstrument mit Namen ES-355 an die Seite. Ein etwas schmaleres Ebenholzgriffbrett, Blockeinlagen, Split-Diamond- Kopfeinlage, multiple Bindings, die damals neuen Grover-Rotomatic-Mechaniken, fast immer ein Bigsby-Vibrato und vergoldete Hardware waren die unterschiedlichen Merkmale. Zunächst wurde eine Mono- Version der ES-355 TD eingeführt, im Jahr darauf folgte die zweite Ausgabe mit dem Zusatz SV für „Stereo Variotone“, also einer Aufstockung der 355 mit einem 6-Positionen- Drehschalter und Stereo-Auslegung. Beide Ausführungen blieben fortlaufend nebeneinander bis 1970 in Produktion.

In diesem Jahr nahm man dann die Mono- Ausgabe, eh in kleineren Mengen ausgeliefert, aus dem Programm. 1982 dann wurde die 355er-Serie schließlich ganz eingestellt. Heute gibt es sie wieder als Custom-Shop- Modell oder etwas verdeckt als „B.B. King Lucille“ (s. u.). 1959 wurde die 3er-Linie noch um zwei weitere Thinline-Modelle erweitert.

Die ES-345 sollte die Lücke zwischen der 335 und der 355 schließen. Der Variotone-Schalter war Standard auf der 345, dazu kam das Modell mit einem gebundenen Palisandergriffbrett inklusive doppelten Parallelogramm-Einlagen. Das Griffbrett der 345 war, vergleichbar mit der 355, etwas schmaler gestaltet als bei der 335, die Hardware vergoldet. Ausführungen mit Bigsby-Vibrato erhielten wie bei der 335 auch eine „Custom made“-Plakette, angebracht über den bereits gebohrten Löchern für den nun nicht mehr benötigten Stoptail-Saitenhalter. Die 345 erreichte immerhin höhere Verkaufszahlen als die 355 und blieb bis 1983 im Programm.

Gary Moore mit ES-345
Gary Moore wechselte 2001 von der Les Paul zu ES-345

Auch sie gibt es heute wieder als Reissue- Modell aus dem Gibson-Custom-Shop. Im gleichen Jahr wurde mit der ES-330 noch ein alternatives Modell vorgestellt, das allerdings, anders als die formal vergleichbaren Schwesterinstrumente, über keine semi-solide Konstruktion verfügte. Ähnlich wie die 225 besaß sie keinen soliden Block im Korpusinneren und dazu war der Hals in Höhe des 16. Bundes, statt wie bei den zuvor beschriebenen verwandten Instrumenten am 19. Bund, in den Korpus eingesetzt.

Anfangs wurde die 330 optional mit einem (330 T) oder zwei P-90-Singlecoils (330 TD) in schwarzen „Dog Ear“-Plastikkappen geliefert. Die 330 T überlebte das Jahr 1962 nicht, die TD-Ausführung hielt sich bis 1972 im Angebot, und wurde ab 1969 gar mit langem Hals (wie 335) gefertigt. In den späten 50ern und frühen 60ern war die ES-330 zahlenmäßig betrachtet gar das erfolgreichste Modell der Thinline-Reihe und ihr transparenter, glockenhafter Klang – vergleichbar mit der Epiphone Casino – wurde stilbildend für den typischen Beat-Sound.

 

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1960 folgten die ES-125 TC mit einem P-90 in der Halsposition und die ES-125 TCD (später TDC) mit zwei Singlecoil-Pickups als schlichte Low-Budget-Modelle der kurz zuvor aus dem Programm gestrichenen ES- 225. Die Spezifikationen waren durchaus vergleichbar, ausgenommen die nun aufgesetzte Bridge mit Trapez-Saitenhalter. Das unauffällige Thinline Hollowbody-Modell verkaufte sich nicht schlecht und schaffte es, bis ins Jahr 1970/71 zu überleben. Als prominentester Spieler einer ES-125 TDC kann Blues-Rocker George Thorogood gelten.

Um auch den unteren Preisbereich abzudecken wurde 1962 noch die ES-120 T als etwas spätes Non-Cutaway-Modell ins Programm genommen. Korpus- und Halsdimensionen entsprechen denen der ES-125, nur das großzügig über das untere F-Loch ausgedehnte Schlagbrett mit aufmontiertem, schwächlichem Single-Coil-Pickup aus der Melody Maker machte den Unterschied.

Bis 1965 verkaufte sich das Sparmodell gut, dann nahmen die Umsätze kontinuierlich ab, bis es 1970 vom Markt genommen wurde. Ende 1964 wollte Gibson mit einem Signature- Modell den weltweiten Übernacht-Erfolg von ,If I Had A Hammer‘ von Trini Lopez ausnutzen, um sich ein zeitgemäßes Image bei den jungen Musikern zu verschaffen. Das Modell Trini Lopez Standard baute dabei stark auf die ES-335-Konstruktion, überraschte allerdings mit einer Fender-artigen Kopfplatte, die später (!) auch an der Firebird Verwendung finden sollte. Extravagant sollten die „Diamond-shaped“-Schalllöcher und Griffbretteinlagen wirken, denn – merkwürdig genug für einen Signature-Deal – Trini Lopez war nicht als Gitarrist bekannt, sondern eher als Entertainer und Sänger.

Eine Holzeinlage mit Namenszug kam noch ergänzend hinzu. Gut 2200 Exemplare wurden immerhin gebaut; 1970 sprach jedoch niemand mehr von Trini Lopez und das gleichnamige Gitarren-Modell verschwand in der Versenkung. Gelegentlich kann man diese eher seltene ES-Gitarre allerdings noch sehen, z. B. bei Noel Gallagher, wenn man ein Oasis-Konzert besucht. In den frühen 60er Jahren werden aufgrund des Folk- und Folk-Rock-Booms verstärkt 12- saitige E-Gitarren gespielt und Gibson präsentiert als Antwort darauf die ES-335-12, deren Sound dann auch gleich mit dem Mega- Hit ,California Dreaming‘ der Mamas & Papas um die Welt ging. Mit mehr als 2000 Exemplaren zwischen 1965 und 1971 ist diese semi-akustische Version (alle anderen sind Solidbodys) unter den hauseigenen elektrischen 12Strings immerhin das erfolgreichste Instrument.

Mark Knopfler mit ES-335
Mark Knopfler mit einer 59er ES-335

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Ende der 70er Jahre war Gibson bemüht, modernen Trends gerecht zu werden und brachte zeitbezogene Neuerungen in sein bewährtes Semi-Solid-Konzept der 3er-Reihe ein. Die ES-347 TD wartete 1978 mit einem „Fine-tuning“- Tailpiece und „Coil-tapped“- Pickups auf, die wahlweise die Schaltung von Singlecoil- oder Humbucker- Sounds ermöglichten. Es folgte 1979 die ESArtist, welche einen geschlossenen Korpus ohne F-Löcher aufwies und mit aktiver Elek tronik ausgerüstet war. Die Gitarre ging mit ihren klanglichen Möglichkeiten tendenziell in die Richtung High Fidelity, was nicht gerade auf Gegenliebe bei den Musikern traf.

Steve Howe verwendete dieses Modell ausgiebig in seiner Asia-Phase Anfang der 80er Jahre. 1979 widmete Gibson dem Jazz-Gitarristen Howard Roberts ein Signature-Modell, das ebenfalls in der ES-Reihe geführt wird: die Howard Roberts Fusion. In seinen laminierten Ahornkorpus ist ein Sustainblock aus Chromyte (Balsa) eingeleimt und das tief geschnittene Cutaway zeigt ähnliche Konturen wie eine Les Paul. Ahornhals mit Ebenholz- Griffbrett, zwei Humbucker und 22 Bünde sind Standard.

Anfangs mit TP-6 Tailpiece ausgestattet, bekam die 1988 eingeführte Nachfolgeversion Howard Roberts Fusion II ein 6-Finger-Tailpiece, die bis heute gültige Ausgabe Fusion III dann goldene Hardware. Wenn es ein Synonym für die ES-355 gibt, so heißt es B.B. King. Der große Blues-Mann ist seit Jahrzehnten untrennbar mit diesem Modell verbunden, und Gibson ehrte den Meister 1980 für diese Treue mit der Einführung eines Serienmodells unter seinem Namen, später ergänzt durch den von ihm für sein Instrument liebevoll benutzten Rufnamen Lucille. Ausgestattet ist sie weitgehend wie gehabt, bis auf fehlende F-Löcher, ein TP-6 Tailpiece und die Lucille-Kopfplatteneinlage.

Gibson Katalogauszug
Katalog Thinline

 

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Das Artist Modell Herb Ellis (ES-165) ähnelt stark der ES-175, verfügt folglich über einen laminierten Korpus aus Ahorn plus Mahagonihals mit Palisandergriffbrett und den bekannten Parallelogramm-Einlagen, unterscheidet sich aber durch die Ausstattung mit nur einem Pickup (490R) in Halsposition und mit 20 statt der 22 Bünde im Griffbrett der ES-175. Ebenfalls 1991 erwacht unter dem alten Namen ES-135 ein nun davon konstruktiv völlig unterschiedlich erstelltes Instrument zu neuem Leben.

Formal folgt die Gitarre dem Dauerbrenner ES- 175, verfügt aber über einen etwas flacheren Korpus aus geschichtetem Ahorn mit Sustainblock aus leichtem Chromyte und im Gegensatz zur ES-175 (Hals aus Mahagoni) über einen Ahornhals mit Palisandergriffbrett. Ein spitzes Cutaway und zwei P- 100-Pickups, Humbucker im P-90-Format, vervollständigen die Ausstattung. 1998/99 gibt es nur in Deutschland eine „Limited run“-Auflage mit ’57-Classic-Humbucking- Pickups. Heute ist die ES-135 als vergleichbar erschwingliches Instrument mit erprobten Features des klassisch bewährten Gitarrenbaus in aktualisierter Ausführung in einer umfangreichen Farbpalette und wahlweise mit P-100 oder ’57-Classic-Humbucker- Pickups zu haben.

Mit deutlich verkleinertem Body kommt eine überarbeitete 335-Form unter dem Namen ES-336 ins Custom-Shop-Programm. Neu ist für dieses Gitarrenmodell die Bauweise auf Grundlage massiver Hölzer. Ein ausgehöhlter Mahagoni-Korpus mit solidem Mittel-Block wird hier mit einer massiven, geschnitzten Ahorndecke versehen. Schmale Kopfplatte für geraden Saitenzug, ’57 Classic Humbucker und verchromte Hardware sind weitere Merkmale dieser Gitarre.

Die ES-336 gibt es aktuell auch noch in einer teureren „Figured Top“-Auflage mit kräftig geriegelter massiver Decke, aber auch wieder mit Standardkopfplatten- Design. 1997 wird mit der ES- 346 dazu noch eine Variante der ES-336 in gehobener Ausstattung vorgestellt. Geflammtes Ahorn, mehrfache Einfassungen, Doppel- Parallelogramm- Einlagen und goldene Hardware sind die Kennzeichen dieser Luxusversion, die auch Grundlage wird für das aktuelle Paul- Jackson-Signature-Modell aus dem Gibson-Custom-Shop ist.

 

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Das vielleicht interessanteste Instrument der letzten Jahre ist Gibson mit der Konstruktion der ES-446 geglückt. Das Herzstück dieser Gitarre ist eine massive Fichtendecke, deren Wölbung und stützende Leisten aus einem Stück herausgearbeitet werden. Aufgesetzt auf einen großteils ausgefrästen Mahagonikorpus bildet sie eine gesunde Basis für exzellente Klangentfaltung. Dazu gesellt sich ein Mahagonihals mit ungebundenem Palisandergriffbrett und Dot-Einlagen. Die 446 zeigt mit großer Schlichtheit in der allgemeinen Ausstattung ein überraschendes Understatement, denn ihre akustischen Kräfte sind bemerkenswert, wie auch deren elegante elektrische Wandlung über die zwei ’57er-Classic-Humbucker. Die Gitarre ist leicht, verfügt über ein sehr schönes Sustain und einen lebhaft substanziellen Ton. Aufmerksame Beobachter konnten sie schon bei aktuellen Formationen wie Nickelback oder in der Band von Alanis Morissette sichten.

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FOTO: Dieter Stork
ES-339: Ohne f-Löcher, dafür mit Power-Steg-Pickup und eingebautem Booster

Mehr zur Thema Gibson ES und anderen Gibson Gitarren findest du in unserer Gibson Sonderausgabe!

 

Aus Gitarre & Bass Gibson Special 2002

3 Kommentare zu “Die Gibson ES-Serie: Von der Archtop bis zur Semiacoustic”
  1. Ulrich Schulze-Roßbach

    Die ES-340 fehlt! 1501 Stück gebaut von 1969 – 1973

    Antworten
  2. René Gilly

    Das Bild von Gary Moore zeigt ihn mit einer ES 355!. Diesen Gitarrentyp hat er in den späten 90ern häufig gespielt (evtl. auch noch danach). Es gibt genügend Beispiele auf Youtube und auf Konzert-DVDs.

    Antworten
  3. René Gilly

    Nachtrag, da der Artikel ja 2018 aktualisiert worden ist: Es fehlt auch die ES 137 – m.E. eine sehr vielseitige und hochwertige Gitarre, ein sehr gelungene Mischung aus ES und Les Paul!

    Antworten
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