Der letzte Rebell

David Crosby: Ich habe noch nie so viele Songs geschrieben wie jetzt

David Crosby
FOTO: Buzz Person

Er ist lebendige Rockgeschichte: David Crosby gilt als Gründungsmitglied der Byrds und von Crosby, Stills, Nash und manchmal Young. Er hat in Woodstock, Monterey und Altamont gespielt, jahrelang harte Drogen genommen, war im Gefängnis, mehrfach pleite und hat sich doch immer wieder aufgerappelt. Jetzt, mit 76, erlebt er eine späte kreative Blütephase: Sein Album ‚Sky Trails‘ ist bereits das dritte seit 2014 – und eines seiner stärksten. Wir haben ihn in Los Angeles getroffen.

Die Gegenwart, so der kleine, weißhaarige Mann, der von seinen Freunden nur Croz genannt wird, sei eine Katastrophe: Der neue Präsident sei ein Faschist. Rassismus und Sexismus wären an der Tagesordnung. Der Durchschnittsamerikaner würde belogen und betrogen, den Wirtschaftsimperialisten stünden Türen und Tore offen und die Musikkultur gehe vor die Hunde. „Was ich da höre, hat nichts mit guten Songs zu tun, sondern es ist uninspiriert und langweilig. Keiner hat mehr den Mut zu sagen, was wichtig ist. Und noch schlimmer: Die Streaming-Dienste verdienen sich eine goldene Nase, bezahlen die Künstler aber nicht. Man macht nur noch Geld, wenn man tourt.“

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Was dem weißhaarigen Althippie allerdings immer schwerer fällt: Er leidet unter Diabetes-2, Hepatitis C und „zig Sachen, von denen ich gar nicht weiß, was sie bedeuten. Ich bin ein menschliches Wrack, weil ich in den 70ern und 80ern alle Drogen genommen habe, die es gibt. Natürlich bedaure ich das, aber ich versuche auch, die Zeit, die mir noch bleibt, so gut wie möglich zu nutzen und der Welt zu beweisen, dass wir, also die Hippie-Generation, noch längst nicht aufgeben.“

Deshalb hat er in den letzten vier Jahren gleich drei Solo-Alben aufgenommen. Sein aktuelles, ‚Sky Trails‘, ist mit einer exquisiten neunköpfigen Band um seinen Sohn James Raymond entstanden, erinnert zuweilen an Steely Dan und glänzt mit Liebeserklärungen an das Leben, seine Frau und die Freuden der sexuellen Ertüchtigung. Aber auch mit bissigen Anklageschriften an Politiker, Industrielle und Medien. „Dieses Land ist keine Demokratie mehr. Sie haben alles zerstört, was den Gründervätern heilig war. Und deshalb hilft nur Rebellion. Also auf die Straße gehen und dieses korrupte Pack aus dem Weißen Haus und dem Capitol verjagen. Dafür singe und kämpfe ich, solange ich kann.“ Aber der Reihe nach …

interview

‚Sky Trails‘ ist dein drittes Album seit 2014. Sprich: Du legst ein rasantes Arbeitspensum vor – während du früher unglaublich langsam warst. Wie kommt‘s? Hast du einen Lauf?

David Crosby: Den habe ich wirklich. Und das ist eine faszinierende Sache. Schließlich war ich nie sehr produktiv. Mein ganzes Leben nicht. Ich habe zwar gute Songs geschrieben, aber nicht wirklich viele. Und nie so viele wie jetzt. Wenn ich abends zu Hause bin, schalte ich die bunten Glaslampen im Schlafzimmer ein, mache ein Feuer im Kamin, greife zur Gitarre, zünde mir einen Joint an und fange an zu spielen.

Ist das deine aktuelle Routine?

David Crosby: Oh ja, ich schreibe inzwischen täglich – was früher geradezu unmöglich gewesen wäre. Da habe ich ewig gebraucht, um das, was mir durch den Kopf ging, in Songs zu kleiden. Und ich war geradezu verschwenderisch mit meinen Ideen – in dem Sinne, dass ich viel zu spät angefangen habe, sie bewusst aufzuschreiben und sie nicht einfach so ziehen zu lassen. Was ich Joni Mitchell verdanke. Sie hat mich irgendwann zur Rede gestellt. Nach dem Motto: „Croz, du musst aufschreiben, was du gerade gesagt hast. Einfach, weil es gut war und es im nächsten Moment weg ist, wenn du es nicht festhältst.“ Da sind mir gleich mehrere Lichter aufgegangen.

David Crosby
FOTO: Daniel Garcia

Welche Gitarren verwendest du zum Songwriting – was hast du bei diesen nächtlichen Kreativschüben zur Hand?

David Crosby: Zwei von meinen Martin D-45s. Ich habe drei Stück, die ich gleichzeitig gekauft habe – Ende der 60er. Lundberg‘s, ein berühmter Gitarrenladen in Berkeley, hatte eine ganze Reihe davon – und ich habe mir irgendwann, als ich gerade ein bisschen Geld übrig hatte, einfach die besten drei ausgesucht. Die D-45 ist ja geradezu legendär – das ist die Martin, die jeder will. Für das neue Album habe ich auch noch ein paar von meinen McAlisters verwendet.

Die angeblich mit einer witzigen Geschichte einhergehen …

David Crosby: Genau! Da war dieser Typ, der vor zehn Jahren einfach so vor meiner Haustür stand – aus heiterem Himmel. Er meinte: „Mein Name ist Roy McAlister und ich habe dir eine Gitarre gebaut. Willst du sie mal ausprobieren?“ Zuerst dachte ich: „Verdammt, die klingt bestimmt schrecklich – wie komme ich aus der Nummer wieder raus?“ Dann übergab er mir diese Triple-O-Gitarre und es war tatsächlich die beste, die ich je gespielt habe. Einfach der Hammer! Ich war so gerührt, dass ich ihm noch fünf weitere abgekauft habe – und wir sind gute Freunde geworden. Er zählt zu den besten Gitarrenbauern auf diesem Planeten. Das Besondere an den McAlisters ist das fantastische Holz, das er verwendet. Eine Menge Wechseldrehwüchsiges und Haselfichten. Er baut Gitarren, die sofort gut klingen, ohne dass sie eingespielt werden müssten.

Greifst du auf dem Album auch gelegentlich zur Elektrischen?

David Crosby: Ja, ich habe eine Strat mit Alembic-Pickups und zwölf Saiten. Außerdem noch eine kleine, 12-saitige Hammertone, die ebenfalls brillant ist. Und ich habe mal wieder meine alte Martin D-18 hervorgekramt, die ich schon seit den Byrds habe.

David Crosby
FOTO: Eva Rinaldi CC2.0

Das klingt nach einer ziemlich imposanten Sammlung …

David Crosby: Das ist Definitionssache. Ich sammle sie nicht um des Sammelns Willen, sondern um sie tatsächlich zu spielen. Ich bin nicht einer dieser Typen, die nur scharf auf etwas sind, weil es mal jemand Berühmtem gehört hat oder das einfach toll aussieht. Ich habe Gitarren, weil sie toll klingen. Wenn ich irgendwo eine finde, die einen spektakulären Sound und eine unglaubliche Obertonstruktur aufweist, dann schlage ich zu.

Was sich wie ein roter Faden durch dein Spiel zieht, ist der Verzicht auf Standard-Tunings. Wie kommt das?

David Crosby: Ich liebe es, mit Tunings herumzuspielen. Das habe ich von Kollegen gelernt, die viel bessere Gitarristen als ich waren und sind. Nämlich Joni Mitchell und Michael Hedges. Gerade Hedges war ein Genie – der wahrscheinlich beste Gitarrist des letzten Jahrhunderts. Er und Joni haben viel mit Tunings probiert. Und ich habe mir vieles von ihnen abgeschaut, indem ich mit ihnen gearbeitet habe. Wir haben zusammen gespielt, zusammen aufgenommen und mit Joni habe ich ja auch längere Zeit gelebt, weil sie meine Freundin war. Sie war unglaublich gut in dem, was sie tat. Es kam öfter vor, dass ich ewig an einem Song herumgedoktert habe und als ich ihn ihr dann vorspielte, meinte sie: „Das ist nett, David“ – um mir dann drei Stücke zu präsentieren, die sie in der letzten Nacht geschrieben hatte. Das war ziemlich frustrierend. Und auf ‚Sky Trails‘ verwende ich fünf unterschiedliche Tunings – wobei mein Favorit ganz klar Eb-Bb-D-G-Bb-D ist. Ich will immer diese dichten Bündelton-Akkorde. Was daher rührt, dass ich oft irgendwelche Jazz-Keyboarder höre und mir wünsche, ich könnte so spielen wie sie. (lacht)

Mit wem würdest du gerne zusammenarbeiten, sofern sich die Chance dazu ergeben würde?

David Crosby: Mit Pink. Und wenn du sie zufällig mal treffen solltest, sag ihr, dass David Crosby seinen Hut vor ihr zieht – und zwar ganz tief. Und dass ich wahnsinnig gerne etwas mit ihr machen würde. Einfach, weil ich sie für eine tolle Sängerin halte – und weil ich ein paar gute Songs für sie schreiben könnte. Das weiß ich.

David Crosby
FOTO: Christopher Michel CC2.0

Einige der Songs auf deinem aktuellen Album – allen voran der Opener ‚She‘s Got To Be Somewhere‘ – weisen einen starken Steely-Dan-Vibe auf …

David Crosby: (kreischt laut auf) Dann habe ich alles richtig gemacht! Denn ich liebe Steely Dan – und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich etwas in dieser Richtung machen sollte. Also den Song habe ich schon Monate vor Walter Beckers Tod geschrieben. Und als ich dann hörte, dass es ihn erwischt hat, hat mich das umgehauen. Momentan ist es wirklich so, dass ich jeden Monat jemanden verliere, den ich liebe. Und Steely Dan war immer meine Lieblingsband – gleich nach den Beatles. Ihr Songwriting ist der Wahnsinn. Und wie sie zusammen klingen, ist eine wunderbare Sache. Nur: Ich spiele längst nicht so gut wie Walter. Das ist eine Tatsache.

Inhaltlich dreht sich die Platte um Liebe und ein besseres, harmonisches Miteinander. Also klassische Hippie-Themen, denen du dich schon während deiner gesamten Karriere widmest. Gleichzeitig, und das war lange nicht der Fall, haben Songs wie ‚Capital‘ aber auch etwas Rebellisches und Revolutionäres. Wie kommt‘s?

David Crosby: Weil es heute wichtig ist, Farbe zu bekennen und zu sagen, was man denkt. Um die Menschen aufzuwecken, wachzurütteln und zum Umdenken zu bewegen. Es ist doch so: Unsere Politiker sind entsetzlich – gerade in Amerika. Sie leisten einen völlig inakzeptablen Job. Auch schon vor Trump. Im Kongress gibt es höchstens vier Leute mit Gewissen. Der Rest ist Gesindel, das sich an die Wirtschaft verkauft. Das fing vor langer Zeit an – mit den Eisenbahn- und Ölbaronen. Heutzutage gehört ihnen alles und jeder. Die rufen dann einfach an und sagen: „Wir brauchen dringend einen netten kleinen Krieg. Und wir haben euch letztes Jahr acht Millionen Dollar gegeben. Also macht mal.“ Das passiert dann auch. Diese Typen beherrschen das Land.

Glaubst du, dass du die breite Öffentlichkeit mit dieser Botschaft erreichst – gerade die Jugend, die kaum noch bewusst Musik konsumiert?

David Crosby: Ich versuche es zumindest. Und wenn ich es nicht täte, wäre das ein Eingeständnis der eigenen Schwäche und Ineffizienz. Also dass Musik keinerlei Relevanz mehr hat und einfach ungehört verhallt. Und das ist, meiner Meinung nach, nicht der Fall. Ich denke, dass viele junge Leute es kapieren und auch wirklich etwas verändern wollen – überall auf der Welt. Schließlich beruhen die Missstände – gerade in den USA – nicht auf ihnen, sondern auf den alten, weißen, reichen Männern. Sie sind es, die den Schaden angerichtet haben. Nicht die Jugend. Die tut niemandem etwas, aber sie kriegt den Stiefeltritt. Sie wird unterdrückt und ausgenutzt, und das kapiert sie mittlerweile auch. Sie ist extrem unzufrieden. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich dagegen erhebt. Ich persönlich warte dringend auf einen wütenden Song – auf ein zweites ‚Ohio‘. Einer, der den Mächtigen in den Hintern tritt. Daran arbeite ich auch selbst. Ich habe schon seitenweise Worte gesammelt. Und ich sage den Menschen im Netz: „Die Tür ist offen – legt los!“ Denn wir brauchen eine neue Hymne wie ‚We Shall Overcome‘ – nur bissiger.

David Crosby
FOTO: Raph_PH CC2.0

Erfahrungsgemäß sorgen harte Zeiten in Gesellschaft und Staat für umso bessere Kunst. Würdest du dem zustimmen?

David Crosby: Hoffentlich! (lacht) Und hoffentlich ist das, was ich heute mache, gute Kunst. Ansonsten empfehle ich ‚Tin Foil Hat‘ von Todd Rundgren und Donald Fagen – das ist der Wahnsinn. Einfach unglaublich witzig.

Danke für das Interview! 


Diskografie

Solo:
If I Could Only Remember My Name (1971)
Oh Yes, I Can (1989)
Thousand Roads (1993)
Croz (2014)
Lighthouse (2016)
Sky Trails (2017)
mit The Byrds:
Mr. Tambourine Man (1965)
Turn! Turn! Turn! (1965)
Fifth Dimension (1966)
Younger Than Yesterday (1967)
The Notorious Byrd Brothers (1968)
mit Graham Nash:
Graham Nash/David Crosby (1972)
Wind On The Water (1975)
Whistling Down The Wire (1976)
Crosby & Nash (2004)
mit Crosby, Stills, Nash (& Young):
Crosby, Stills & Nash (1969)
Déjà Vu (1970)
CSN (1977)
Daylight Again (1982)
American Dream (1988)
Live It Up (1990)
After The Storm (1994)
Looking Forward (1999)
mit CPR:
Live At Cuesta College (1998)
CPR (1998)
Live At The Wiltern (1999)
Just Like Gravity (2001)

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(erschienen in Gitarre & Bass 02/2018)

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