In der Höhle des Löwen

Dave Grohl (Foo Fighters): „Slayer trifft die Beach Boys“

Foo Fighters
(Bild: Sony)

Zur Veröffentlichung des neunten Foo-Fighters-Albums ,Concrete And Gold‘ lädt Dave Grohl ins Allerheiligste: Sein „606 Studio“ in Northridge im San Fernando Valley, etwa 45 Autominuten nördlich von Hollywood. Eine Mischung aus Band-Büro, Equipment-Lager, Spielwiese, Tonstudio, Proberaum und Privatmuseum. Gitarre & Bass lustwandelte durch die Räumlichkeiten und sprach mit dem 48-jährigen Multitalent.

Northridge ist ein wenig einladendes Viertel, das aus einer Ansammlung unauffälliger, einstöckiger Lagerhäuser besteht, die nur selten so etwas wie Firmenschilder oder Nummern aufweisen und sich kaum voneinander unterscheiden. Das gilt auch für das „Studio 606“ – wäre da nicht diese Hauswand, die mit einem überdimensionalen Lemmy-Portrait verziert ist. „Eine Hommage an einen großartigen Menschen, mit dem ich eng befreundet war“, erklärt Grohl, der nach dem Drücken der Studio-Klingel höchstpersönlich an der Tür erscheint.

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Foo Fighters
(Bild: Marcel Anders)

Nach Betreten der Räumlichkeiten eröffnen sich dem Auge des perplexen Besuchers ein blitzblankes Hochlager, in dem sich das gesamte Bühnenequipment der sechsköpfigen Band befindet, ein riesiger Live-Raum, eine geräumige Regie, eine Lounge mit Flippern und Spielautomaten, Küche, Bar und gemütlichen Couches. Dazu ein Archiv, in dem Grohl sämtliche Master-Bänder und Live-Mitschnitte aufbewahrt, und Gänge voller Devotionalien, Tour-Souvenirs, gerahmten Fotos und Postern. Nicht nur von den Foo Fighters und Daves Vorgängerband Nirvana, sondern auch von Led Zeppelin, Johnny Cash, Bob Dylan, den Rolling Stones und Sir Paul McCartney. Das meiste signiert und mit persönlicher Widmung. „Das ist mein Privatmuseum“, so Grohl, der Vollbart, langes, wallendes Haar und schwarze Hornbrille trägt. „Lauter Kram, der mir wahnsinnig viel bedeutet, aber den ich zu Hause nicht aufhängen darf. Also landet er hier.“ Mit diesen Worten geht es ins Archiv, das er als „my hall of shame“ bezeichnet und in dem sich unzählige Festplatten, aber auch Tonbänder mit allem befinden, was er je aufgenommen hat. Grohl serviert dampfenden Kaffee aus einer Thermoskanne, steckt sich eine Zigarette an und atmet tief durch.

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(Bild: Marcel Anders)

interview

Ursprünglich wolltest du nach der letzten Tour eine extensive Pause einlegen. Wie kommt es, dass du bereits jetzt – viel früher als geplant – ein neues Album veröffentlichst?

Dave Grohl: Es ging nicht anders. Ich meine, zunächst habe ich die freie Zeit sehr genossen – bis meine Töchter meinten: „Dad, wann gehst du wieder auf Tour? Warum hängst du die ganze Zeit zu Hause rum?“ Und darauf ich: „Weil ich eine Auszeit brauche. Ein Jahr oder so.“ Die Vorstellung, dass ich immer da bin und etwas mit ihnen unternehmen will, hat ihnen offensichtlich nicht gefallen. Also begann ich, neue Ideen zu entwickeln. Als ich nach ca. sechs Monaten genügend beisammen hatte, wollte ich sie nicht unnötig zurückhalten, sondern so schnell wie möglich umsetzen. Deswegen brach ich die Auszeit ab und trommelte die Band zusammen. Die meisten von den Jungs waren noch im Urlaub – und ziemlich überrascht.

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(Bild: YouTube)

Hast du dich nach vier Dekaden Rockmusik nie gefragt, ob du vielleicht zu alt dafür wirst oder wie lange du dir das noch antun willst?

Dave Grohl: Oh, das frage ich mich im Grunde schon die letzten 15 Jahre. (lacht) Im Ernst: Das Gefühl ist nichts Neues. Als ich mit den Foo Fighters angefangen habe, war ich 25 oder 26 und dachte: „In meinen 30ern mache ich das bestimmt nicht mehr – dann bin ich schlichtweg zu alt.“ Aber wenn du auf der Bühne oder im Studio stehst und Musik machst, sind diese Gedanken schlichtweg nicht existent. Genauso wenig, wie du durchs Leben schreitest und kontinuierlich daran denkst, dass du bereits 48 bist. Du fühlst dich eher, wie du dich immer gefühlt hast – eben wie mit 25 und keinen Tag älter. Zumindest geht es mir so – bis ich mein Spiegelbild im Fenster, im Spiegel oder sonst wo sehe und mich frage: „Oh mein Gott, was ist denn mit mir passiert?“ Ansonsten hinterfragt man die Halbwertszeit einer Sache jedoch nicht, solange sie sich frisch und lebendig anfühlt. Ich hatte immer das Gefühl, dass noch Leben in dieser Band steckt, sie immer noch tolle Songs hervorbringt und live eine echte Macht ist. Insofern: Warum sollten wir aufhören und uns von etwas so Wunderbarem trennen?

War es von Anfang an so geplant, dass ,Concrete And Gold‘ wie „Slayer trifft die Beach Boys“ klingt, wie du es bezeichnest?

Dave Grohl: Das ist etwas, das ich schon immer wollte. Nämlich ein Album aufzunehmen, das in Sachen Musik, Instrumentierung und Dynamik richtig vielseitig ist. Und irgendwie hatte auch jedes meiner bisherigen Alben etwas davon. Dieses Spektrum war mir schon immer wichtig.

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(Bild: YouTube)

Also ,Concrete And Gold‘ – beinharter Beton und glänzendes Edelmetall? Eine passende Beschreibung des Albums?

Dave Grohl: Das Lustige ist, dass mir diese Assoziation zuerst nicht bewusst war. Ich dachte einfach, der Song ,Concrete And Gold‘ wäre ein guter, weil positiver Schlusspunkt des Albums. Aber gleichzeitig fasst er es auch zusammen. Nämlich diese Dualität des Sounds. Dieses raue, ungeschliffene Fundament aus krachigen Rock-Riffs und die wunderbaren, geradezu strahlenden Melodien und Harmonien, die darüber liegen.

Es gibt Spekulationen darüber, wie die Foo Fighters als Band funktionieren – ob es sich dabei um eine richtige Gruppe mit demokratischer Entscheidungsgewalt handelt, oder ob es dein verkapptes Solo-Projekt mit fünf Handlangern ist. Klär uns auf!

Dave Grohl: Gerne! Es ist nicht so, dass ich der uneingeschränkte Herrscher bin und alles im Alleingang entscheide. Ich bin kein Despot – und die Jungs sind nicht meine Angestellten oder Leibeignen, sondern haben sehr wohl ein Mitspracherecht. Und: Ich erwarte von ihnen, dass sie selbst aktiv werden, sich beim Songwriting, bei den Texten, bei der Präsentation und all den Dingen einbringen, die bei einer Band anfallen. Sie sollen sich nicht nur auf mich verlassen, sondern ihren Beitrag dazu leisten, dass die Foo Fighters funktionieren, und das tun sie auch. Sie sagen mir zum Beispiel klipp und klar, wenn sie etwas nicht mögen oder wenn sie denken, dass ich Blödsinn mache. Was öfter vorkommt.

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(Bild: YouTube)

Wobei du aber wieder sämtliche Songs im Alleingang geschrieben hast und sich der Rest der Band nebenbei mit Solo-Alben und Nebenprojekten austoben muss.

Dave Grohl: Aber nur, weil sie da Sachen machen, die so gar nicht zu den Foo Fighters passen, die sie unmöglich im Kontext dieser Band umsetzen könnten. Insofern: Ja, ich schreibe fast alles, aber sie helfen mir, es auszuarbeiten, sie steuern ihre eigenen Parts bei und sie leisten definitiv ihren Beitrag dazu. Ich gebe ihnen nicht vor, was sie zu spielen haben, sondern versuche sie allenfalls ein bisschen in die Richtung zu lenken, die mir vorschwebt. Und das Recht nehme ich mir heraus, weil ich derjenige bin, der alle Verträge unterschreibt, der den Kopf hinhält und auf den alles zurückfällt. Außerdem habe ich keine Solo-Alben – nur alle paar Jahre mal ein Projekt oder einen Aushilfsjob als Drummer.

Wie kommt es, dass du alles auf einer Gibson Trini Lopez Deluxe schreibst? Was ist so besonderes an der Gitarre?

Dave Grohl: Das ist so etwas wie ein Ritual – und die Gitarre steht für den charakteristischen Sound der Foo Fighters. Deswegen habe ich damit bislang jeden Song auf jedem Album geschrieben. Und was mindestens so wichtig ist: Sie ist wunderschön. Ich käme gar nicht auf die Idee, eine andere zu verwenden. Als ich sie 1992 in einem Musikgeschäft in Maryland erworben habe, war ich noch Drummer bei Nirvana und fing an, über eigene Songs nachzudenken. Dafür brauchte ich eine Gitarre mit einem guten Klang. Von der Trini Lopez gibt es nur etwa 300 Exemplare und sie ähnelt einer ES-335, hat aber F-Löcher in Diamanten-Form und eine etwas andere Kopfplatte. Natürlich wusste ich zunächst nicht, wer Trini Lopez ist. Aber er scheint genauso cool gewesen zu sein, wie seine Gitarre. (lacht)

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(Bild: YouTube)

,Concrete And Gold‘ ist ein recht düsteres Album geworden. Liegt das daran, wie die Texte entstanden sind – du alleine in einem gemieteten Apartment, wo du im Fernsehen all die verrückten Ereignisse in den USA und in der Welt verfolgt hast? Ist das dein Zeitgeist-Blues, den du da besingst?

Dave Grohl: Die Texte sind das Ergebnis davon, dass ich monatelang zu Hause rumgesessen und zu viel ferngesehen habe – über den Zustand der Welt und den politischen Irrsinn in den USA. Ich meine, es ist unfassbar, was da passiert. Und irgendwann habe ich eine kleine Wohnung in Ojai, eine Stunde nördlich von Los Angeles, angemietet, um mich auszuklinken, ohne Fernseher, der eine Schreckensmeldung nach der nächsten verkündet. Ich wollte untertauchen, ein paar Flaschen Wein trinken und in Ruhe Musik machen. Das aktuelle Klima auf diesem Planeten ist wirklich erschreckend. Gegensätzliche Meinungen sorgen für derartige Konflikte, dass ich als Musiker eigentlich nur eine Sache machen kann: Nämlich Songs schreiben, die die Leute zusammenbringen, die sie mitsingen können und die ihnen das Gefühl von Hoffnung und Lebensfreude vermitteln. Bei Foo-Fighters-Konzerten treffen Menschen mit ganz unterschiedlichen Standpunkten aufeinander. Außerdem gehören sie unterschiedlichen sozialen Schichten, Rassen, Religionen und Nationalitäten an. Aber: Sie schaffen es, für zwei Stunden zusammenzukommen und mit uns zu singen. Und das allein ist mein Ziel. Ich möchte niemanden ausgrenzen, sondern für ein friedliches Neben- und Miteinander sorgen. So, wie es in der Realität leider nicht möglich ist, weil da so viele Institutionen existieren, die nur darauf aus sind, uns zu spalten, uns gegeneinander aufzuwiegeln und für Hass zu sorgen. Sie zielen darauf ab, dass Misstrauen zu erzeugen, damit wir uns nicht gegen den wahren, gemeinsamen Feind verbünden.

Die Verschwörungstheorie, dass wir alle ein Spielball der Reichen und Mächtigen sind, die uns besser kontrollieren und manipulieren können, wenn wir uns gegenseitig misstrauen?

Dave Grohl: Das ist meine Meinung, in der ich mich jeden Tag aufs Neue bestätigt fühle – denn alles, was Trump vom Stapel lässt, dient nur dazu, für noch tiefere Gräben in der Bevölkerung zu sorgen. Für noch mehr Gegensätze und noch mehr Hass. Er will, dass sich beide Seiten – seine Befürworter wie Gegner – aneinander aufreiben und dabei so viel Energie verlieren, dass er freie Bahn hat. Das ist seine offenkundige Strategie. Deswegen müssen wir uns ganz schnell zusammenreißen und wieder an einem Strang ziehen. Wir müssen wieder ein Volk werden, und für mich ist Musik das perfekte Medium dazu. Sie überwindet Sprachbarrieren, sie lässt Leute tanzen und singen und sie gibt ihnen das Gefühl von Zusammenhalt und Hoffnung. Wenn ich einen Songtext schreibe, bin ich zwar nicht so direkt politisch wie die Kollegen von Rage Against The Machine, aber ich versuche doch, meinen Frust über die Gegenwart auszudrücken.

Foo Fighters
(Bild: Sony)

Die Außenwand dieses Gebäudes ziert ein großes Lemmy-Portrait. Hand aufs Herz: Vermisst du ihn?

Dave Grohl: Und wie! Wir waren schließlich eng befreundet und haben uns regelmäßig getroffen, um über Musik oder über Gott und die Welt zu quatschen. Er war ein unglaublich weiser, erfahrener und intelligenter Typ – und unfassbar witzig. Manchmal dachte ich, er wäre so etwas wie mein Ersatzvater. Eben dieser Typ, dem ich alles erzählen kann, der immer ein Ohr für mich hat und der mir hilft, meine Probleme in den Griff zu kriegen. Das war Lemmy. Aber er war natürlich auch ein Draufgänger und ein Lebenskünstler. Eben ein echtes Unikum, das es in der Form nicht noch einmal gibt. Ich habe eine Wand meines Studios mit einem riesigen Portrait von ihm bemalen lassen – das von der Straße aus zu sehen ist. Es signalisiert den Leuten, die vorbeikommen: Hier ist es laut. Hier wird Rock´n´Roll gemacht. Und hier herrscht Integrität. Das sind zumindest die Dinge, die ich damit assoziiere. Im Gedenken an einen tollen Kerl…

Dasselbe wird auch von dir behauptet. Eben dass du der netteste Rockstar der Welt bist. Wie denkst du über dieses Image? Wie sehr entspricht es der Realität?

Dave Grohl: Na ja, es fällt mir schwer, das zu beurteilen. Das einzige, was ich dazu sagen kann, ist, dass ich mich bemühe, jedem Menschen mit Anstand und Respekt zu begegnen. Einfach, weil ich so erzogen wurde. Und weil ich das selbst von anderen erwarte. Weil ich weiß, dass es nichts Schlimmeres gibt, als von einem Musiker, den man bewundert, enttäuscht zu werden, weil er sich im wahren Leben als blödes Arschloch erweist. Das ist mir ein paar Mal passiert. Wobei ich jetzt keine Namen nenne. Nur: Das tut wahnsinnig weh und zerstört so viele Träume und Ideale. Insofern: Wer mich nett behandelt, den behandle ich nett. Aber: Ich kann auch richtig sauer werden. Frag meine Kinder – die schaffen es ganz leicht, mich auf die Palme zu bringen. (lacht) [2435]


diskografie

Foo Fighters (1995)
The Colour And The Shape (1997)
There Is Nothing Left To Lose (1999)
One By One (2002)
In Your Honor (2005)
Echoes, Silence, Patience & Grace (2007)
Wasting Light (2011)
Sonic Highways (2014)
Concrete And Gold (2017)


(erschienen in Gitarre & Bass 11/2017)

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