Der Muse-Bassist im Interview

Christopher Wolstenholme über Pedals, Bässe & den Muse-Stil

 

Die Band Muse
(Bild: Warner)

Es gibt Bassisten, die sich als Teamplayer verstehen, versierte Techniker, die gerne entsprechend glänzen, und es gibt Christopher Wolstenholme, den Viersaiter von Muse. Ein Brite, der zwischen den Welten pendelt, mehrere Instrumente beherrscht, sich als zuverlässiger musikalischer Dienstleister bezeichnet und nichts lieber tut, als tagelang mit neuen Effekten nebst Verstärkern zu experimentieren. Das war 2009 Grund genug für Gitarre & Bass, den großen Tüftler mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen …

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Um dabei Erstaunliches zu entdecken: Der stämmige Kerl mit den kurz rasierten Haaren, der ketterauchend in einer Suite des Hamburger Park Hyatt Hotels hockt, ist nicht nur das mit Abstand netteste der drei Muse-Mitglieder, sondern auch eine echte Koryphäe: Einer, der mit seinem permanenten Drang nach wildem Experimentieren maßgeblichen Anteil an der rasanten Entwicklung der Band aus Teignmouth hat, für ihren Übergang von der kauzigen, kleinen Indie-Band zur großen, stadionkompatiblen Progressive-Rock-Formation steht, und auch den atemberaubenden Quantensprung auf ihrem aktuellen Werk ,The Resistance‘ mitzuverantworten hat.

Eben das Abdriften in zunehmend elektronische Klänge, aber auch in immer opulentere, bombastischere Rock-Sinfonien, die bis zu zwölf Minuten dauern, und das Wort „pompös“ auf eine ganz neue, einsame Spitze treiben. Wobei die drei Thirtysomethings jedoch nicht selbstverliebt, arrogant und größenwahnsinnig agieren, sondern immer noch mit beiden (bzw. allen sechs) Beinen im Leben stehen. Eben, weil sie sich nicht für Rockstars, sondern für Musiker halten. Weil sie ihre Kunst ernst nehmen, sich selbst aber nicht, und weil sie nur zu gerne über den gruppendynamischen Tellerrand blicken.

Allen voran Christopher Wolstenholme, der im Gespräch gerne und viel lacht, von seiner Zusammenarbeit mit anderen Bands schwärmt und in der Tat einige unkonventionelle Ansätze verfolgt – gerade als Bassist.

Chris, angeblich hast du als Schlagzeuger angefangen. Stimmt das?

Christopher Wolstenholme: Nein, ich war erst Gitarrist, dann Schlagzeuger. Also die erste Band, in der ich gespielt habe, hatte zwei Gitarristen – und ich war einer davon. Bis sie sich entschieden, dass sie keine zwei Gitarren brauchen. (lacht) Da bin ich ausgestiegen und habe woanders mitgemacht.

Bis der Schlagzeuger meiner alten Band gegangen ist, und sie mich fragten, ob ich nicht zurückkommen, und seinen Platz einnehmen wolle. Was ich so witzig fand, dass ich das dann zwei Jahre lang getan habe. Und ich spiele immer noch Schlagzeug. Also vor allem zu Hause. Vor einem Jahr habe ich mal kurzzeitig in einer lokalen Band ausgeholfen, die gute Freunde von mir sind. Sie hatten ihren Drummer verloren und brauchten jemanden, der sie bei einer TV-Aufzeichnung in London begleitet. Da bin ich dann eingesprungen, was ein Riesenspaß war. Vor allem für mich – denn ich hatte schon ewig nicht mehr in einer Band getrommelt.

Darf man fragen, wie sie heißen?

Christopher Wolstenholme: Das ist eine Band aus Teignmouth, demselben Ort, in dem ich lebe. Und sie heißen Hey Molly. Richtig bekannt sind sie aber nicht. Was sich wahrscheinlich jetzt ändert. (lacht) Und mein Auftritt mit ihnen ist auch noch irgendwo im Internet zu sehen. Das war wirklich ziemlich lustig. Und es macht mir auch immer noch Riesenspaß, Schlagzeug zu spielen – selbst, wenn der Bass längst mein Hauptinstrument ist.

Hat das Drumming dein Bass-Spiel in irgendeiner Weise beeinflusst? Bist du dadurch rhythmusorientierter?

Christopher Wolstenholme: Ich denke schon. Ganz einfach weil ich das immer so gesehen habe: Die besten Rhythmus-Gruppen sind die, wo der Bass und das Schlagzeug wie ein Instrument rüberkommen. Also als ob sie von ein und derselben Person gespielt würden. Und ich schätze, vom Schlagzeug zum Bass zu wechseln bzw. genau dieses Wissen zu erwerben, ist definitiv sehr hilfreich. Einfach, weil dir dadurch klar wird, wie beides funktioniert – und worauf es im Zusammenspiel ankommt.

Demnach hast du das Ohr eines Schlagzeugers?

Christopher Wolstenholme: Definitiv. Zumal Dom (Dominic Howard) und ich ja auch ständig über Drums reden. Wenn wir im Studio sind, gebe ich immer jede Menge Kommentare dazu ab, wie seine Drums klingen sollten. Und so sind wir alle – wir reden ständig untereinander über unsere Instrumente.

Also, Dom hat zum Beispiel immer irgendwelche Ideen, wie der Bass oder die Gitarren klingen sollten. Und wir sind prinzipiell sehr offen, was Anmerkungen und Vorschläge betrifft. Sprich: Wir haben da ganz konkrete Vorstellungen und schrecken auch nicht davor zurück, sie zu äußern. Da fühlt sich keiner auf die Füße getreten, oder so. Wobei es dabei dann natürlich sehr nützlich ist, wenn man einen Background aus unterschiedlichen Instrumenten besitzt. Ganz klar…

Kannst du dich noch an deinen allerersten Bass erinnern?

Christopher Wolstenholme: Nicht wirklich. Ich weiß nur, dass er ziemlicher Schrott war, aber nicht mehr, von welcher Firma oder so. Ich glaube, er hieß einfach nur Mustang. Womit ich jetzt keinen Fender Mustang meine, sondern einfach nur einen Mustang. Und den hatte ich von einem Mädchen, das mit uns zur Schule ging. Sie hat ihn mir für 50 Pfund oder etwas in der Art verkauft. Er war also extrem billig, ein richtig übles Teil.

Aber ich habe ihn jahrelang benutzt. Bis Matts Mutter jemanden aufgetan hat, der Bass spielte, und der mir einen Washburn gegeben hat. Eben dieses Teil aus den 80ern, das ich dann auch eine ganze Weile verwendet habe. Aber sobald ich ein bisschen Geld hatte, habe ich mir einen Bass-Collection-Bass zugelegt und auch regelmäßig verwendet. Mittlerweile spiele ich viele unterschiedliche Sachen. Also alles, was ich in die Finger kriege.

Demnach hast du über die Jahre einiges an Equipment zusammengetragen?

Christopher Wolstenholme: Aber sicher. Ich meine, ich sammle ja auch jede Menge Gitarren. Und ich habe unglaublich viel Kram gehortet, weil ich ständig auf eBay unterwegs bin. Wenn ich da etwas sehe, dann sage ich meistens: „Das muss ich haben!!!“ Und ich ersteigere es. (lacht) Was dafür sorgt, dass mein Haus ein einziges Ersatzteillager ist. Als ob du einen Gitarrenladen betrittst. Und ich sammle vor allem Vintage-Kram. Aber nicht so die typischen, gängigen Sachen, sondern eher ausgefallene Teile.

Zum Beispiel?

Christopher Wolstenholme: Zum Beispiel einen wirklich netten BurnsVista-Sonic-6-Saiter von 1963. Und in letzter Zeit habe ich mir da einiges zugelegt. Denn ich stehe immer mehr auf Gibson-Bässe, die ja nicht wirklich populär sind. Jedenfalls nicht im Moment. Wobei ich gerade erst vier davon gekauft habe. Eben einen EB0, einen EB3, einen Grabber und einen Ripper. Das sind meine neuesten Errungenschaften, und die verwende ich auf dem Album. Außerdem habe ich mir noch ein paar alte Fender Jazz Bässe zugelegt.

Angeblich war auch ein Rickenbacker dabei …

Christopher Wolstenholme: Ja, und davon habe ich mittlerweile drei Stück – einen neuen und zwei aus den 70ern. Nur: Auf dem Album habe ich sie nicht verwendet. Sie waren auf dem letzten dabei, aber nicht bei diesem. Denn die Sache mit den Rickenbackers ist die: Sie funktionieren nur für ganz bestimmte Sache, weil sie so höhenlastig klingen, dass es fast so ist, als ob du eine Gitarre spielst. Im Ernst … (lacht)

Und wie steht es mit Amps?

Christopher Wolstenholme: Ich bin ein Marshall-Typ. (lacht) Ich benutze sie aber nur für die verzerrten Sachen. Ich mag Marshall, und ich verwende die Amps jetzt schon seit neun Jahren, weil sie so zuverlässig sind und nie den Geist aufgeben. Es ist jedenfalls noch nie passiert, dass mich einer im Stich gelassen hätte. Die sind wirklich laut und extrem zuverlässig. Ich habe nur ein Problem mit ihnen – für einen netten, sauberen Sound, lassen sie ein bisschen Charakter vermissen.

Deshalb bin ich, ehe wir mit den Aufnahmen zu diesem Album begonnen haben, auch in ein paar Musikgeschäfte gegangen und habe jede Menge unterschiedliche Sachen probiert. Was ich dabei erkannt habe, ist folgendes: Ich stehe auf diesen neuen Ampeg-Reissue-Head. Dieses Teil ist einfach großartig, und eins davon habe ich auch sofort im Studio eingesetzt. Eben ausschließlich für saubere Sounds. Ich kann den Amp nur halt nicht live verwenden, weil er momentan nicht immer einwandfrei funktioniert. Er macht eine Menge Brummgeräusche, was auf der Bühne nicht wirklich gut kommt.

Was benutzt du demnach auf der Bühne?

Christopher Wolstenholme: Die Marshalls! Wobei ich aber noch ein paar andere Sachen probiert habe. Vor ein paar Tagen habe ich zum Beispiel mit jeder Menge Bass-Verstärkern rumexperimentiert, um zu sehen, ob etwas für mich dabei ist. Ich habe sie alle durchprobiert, und letztlich bin ich doch wieder zu den Marshalls zurückgekehrt. Es war einfach nichts dabei, das mich wirklich überzeugt hätte, und nur annähernd an sie heranreicht.

Ich weiß einfach, dass sie funktionieren und muss mir keine Sorgen darüber machen, dass sie plötzlich den Geist aufgeben, während ich gerade spiele oder etwas in der Art. Was einfach wichtig ist – eben noch eine Sache, über die man sich keine Sorgen machen muss, und die einem viel Ärger erspart.

Aber je größer die Hallen sind, desto mehr Equipment kannst du auffahren, oder?

Christopher Wolstenholme: Stimmt. Aber du musst trotzdem ein bisschen vorsichtig sein. Also, du kannst da nicht Sachen mitnehmen, auf die du dich nicht 100prozentig verlassen kannst. Sonst sorgt das für böse Überraschungen. Ich meine, klar: Seit wir mehr als einen Truck dabei haben, nehme ich auch Ersatzgeräte mit – oder Sachen, die man einfach mal antesten oder ausprobieren möchte.

Aber es ist doch so: Selbst wenn du ein Ersatzgerät hast – setzt der Verstärker bei einem bestimmten Song aus, ist die Musik unwiderruflich ruiniert. Und es dauert immer eine gewisse Zeit, um Sachen auszutauschen. Dazu kommt, dass das auch extrem nervig ist. Insofern ist es wichtig zu wissen, dass man etwas Zuverlässiges hat, etwas, das wirklich funktioniert – komme, was wolle.

Und meine Marshalls haben mich in den neun Jahren nur ein einziges Mal im Stich gelassen. Das ist wirklich eine beeindruckende Bilanz – gerade im Hinblick auf die vielen Konzerte, die wir in der Zeit gespielt haben. Man kann sich also darauf verlassen, und muss sich keine Sorgen machen. Was den Stressfaktor beim Spielen deutlich reduziert. Und, die Marshalls sind ja irrsinnig laut. Deshalb haben wir im Studio einen separaten Raum nur für den Bass, in den sich niemand hineintraut, weil es dort fast schmerzhaft laut ist.

Und eine Menge der Distortion-Sounds, die ich verwende, sind ungemein kraftvoll. Ich habe zum Beispiel ein Big-Muff-Pedal und dieses andere Teil namens Woolly Mammoth. Wenn du die richtig aufdrehst und richtig laut spielst, ist es einfach unmöglich, im selben Raum zu sein. (kichert)

Wieso die ganzen Effekte? Setzt du die wirklich alle ein, oder ist das nur ein Sammeltick?

Christopher Wolstenholme: (lacht) Es ist schon so, dass wir bei den Aufnahmen jeden Song unterschiedlich angehen – also, dass wir uns bemühen, ihn nicht nur anders aufzubauen, sondern auch ein anderes Equipment einzusetzen. Ganz abgesehen davon, dass es toll ist, ein bisschen Abwechslung innerhalb eines Songs zu haben, statt eines einzigen, immer gleichen Bass-Sounds, der sich womöglich sogar durch das gesamte Album zieht.

Hinzu kommt: Einige Sachen funktionieren bei bestimmten Songs besser als bei anderen, wo sie vielleicht völlig deplaziert wirken. Also ist es wichtig, eine gewisse Auswahl zu haben. Ich meine, klar habe ich mehr Pedale, als ich vielleicht brauche, aber es kommt immer wieder vor, dass wir auf Tour sind, Soundcheck machen und an ein paar neuen Ideen rumbasteln. Dann ist es toll, ein Pedal hervorzukramen, das du eher selten oder vielleicht sogar noch nie benutzt hast, und zu sehen, wie es sich in diesem Zusammenhang macht.

Wenn du Glück hast – und das ist öfter der Fall – passt es sogar sehr, sehr gut. Insofern ist es toll, viele verschiedene Optionen zu haben. Und ich habe so um die 25 Pedale in meinem Rig. Irgendetwas in der Art.

Natürlich sind einige davon reines Spielzeug, also Sachen, bei denen es Spaß macht, damit herumzuspielen. Ich habe zum Beispiel ein paar Pedale, die großartig sind, wenn du einfach ein bisschen für dich alleine rumtüfteln willst, aber die halt nicht in den Band-Kontext passen bzw. da völlig sinnlos wären.

Insofern ist das meiste reiner Spaß – ich spiele halt gerne mit Sachen herum. Und unter zehn Pedalen, die völlig nutzlos sind, findest du immer eins, das schlichtweg großartig ist.

Klingt, als wäre das eine Sache, mit der du dich sehr intensiv befasst. Wie und wo findest du Pedale und sonstiges Zubehör – mal abgesehen von eBay natürlich?

Christopher Wolstenholme: Oh ja, eBay ist schon eine richtige Sucht … Aber ich gehe halt auch regelmäßig in Musikgeschäfte, schaue mich um, und wenn da Sachen sind, die ich noch nicht kenne, dann probiere ich sie aus. Außerdem kennen wir als Band mehrere Leute, die einen Gitarrenladen haben oder für das britische Bass-Magazin arbeiten. Die bekommen zum Beispiel ständig neue Pedale geschickt, die sie rezensieren sollen. Und nicht wenige davon landen dann bei mir. (lacht)

Im Ernst? Was soll ich sagen? Ich bin mit dem Chefredakteur befreundet, und er leiht mir ständig welche aus. Wofür ich mich dann entweder mit einem kurzen telefonischen Kommentar revanchiere, oder ich bespreche sie selbst. Wenn auch unter anderem Namen … (lacht)

Und wenn ich etwas richtig, richtig spannend finde, ruft er bei dem Hersteller an und sagt: „Kannst du uns bitte noch ein Exemplar davon schicken? Der Typ von Muse würde es gerne für etwas einsetzen.“ Und darauf heißt es fast immer: „Klar, kein Problem“. Weshalb ich da sehr, sehr viel Kram bekomme – was großartig ist.

Denn seien wir ehrlich: Die meisten Musikläden haben einfach das Standard-Repertoire, während es da draußen so viel gibt, was wirklich interessant ist. Und meiner Meinung nach ist der ungewöhnliche Kram auch immer der bessere. Also das ist es, was ich wirklich spannend finde.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben und wie hat er sich über zehn Jahre und fünf Albumproduktionen verändert?

Christopher Wolstenholme: Weil ich als Gitarrist angefangen habe, hat das in den ersten Jahren natürlich auch mein Bass-Spiel beeinflusst. Also ich habe ihn eigentlich genauso gehandhabt, wie eine Gitarre. Einfach, weil es eine gewisse Zeit dauert, ehe man erkennt, dass der Bass doch ein ganz anderes Instrument ist. Man muss ihn allein deshalb ganz anders angehen.

Im Laufe der Jahre, also je länger wir zusammen gespielt haben, hat sich mein Stil dann immer mehr nach der Art und Weise gerichtet wie Matt seine Gitarre bearbeitet, denn er ist nun mal einer dieser Typen, die nicht nur Akkorde spielen. Sein Stil ist sehr melodisch, und ab und zu auch sehr locker, in dem Sinne, dass er über allem anderen agiert. Und ihm das zu ermöglichen, sprich ihm die nötige Freiheit dazu zu geben, darin besteht meine Hauptaufgabe.

Ich bin also dafür verantwortlich, alles entsprechend zusammenzuhalten. Und deshalb bilden Dom und ich da auch eine sehr, sehr konstante Rhythmussektion, die Matt genau diesen Freiraum gibt.

Das heißt, du lieferst die Grundlage für seine extravaganten Soli?

Christopher Wolstenholme: Definitiv. Ich schätze, Dom und ich halten das Ganze zusammen. Während Matt halt wieder eine Sache für sich ist. Allein was die Melodie und die Harmonie betrifft – also, was er da spielt.

Wobei die Art, wie wir die Gitarren- und Bassmelodien angehen, oft an die Arbeitsweise eines Streichquartetts erinnert. Denn statt die ganze Zeit nur den Grundton zu liefern, kreieren wir Harmonien mit Gitarrenmelodien. Zwar nicht ständig und immer, aber doch gerade auf diesem Album.

Und ich finde es nett, den Bass zum Lead-Instrument zu machen, und ihn den Song führen zu lassen. Weshalb die Basslinie in ,Hysteria‘ und ,Time Is Running Out‘ ja fast die Hookline des Songs ist. Und das ist eher ungewöhnlich. Denn bei den meisten Leuten ist der Bass nur dazu da, um die Basis auszufüllen und entsprechend zusammenzuhalten. Dabei ist es toll, den Bass manchmal als melodisches Instrument einzusetzen.

In der Manier eines Peter Hook, dem langjährigen New Order-Bassisten?

Christopher Wolstenholme: Ganz genau. Und es gab ja auch einen Song auf dem letzten Album, der diesem Ansatz gefolgt ist. Nämlich richtig starke Melodien auf dem Bass zu spielen. Das haben wir auf den letzten beiden Platten definitiv mehr beherzigt als in den Jahren zuvor. So viel ist sicher. Ich bin ja auch ein großer Fan der Beach Boys. Eben weil ich total auf die Basslinien von Brian Wilson stehe.

Ich meine, ich weiß, dass er sie nicht selbst gespielt hat, aber seine Arrangements in Stücken wie ,God Only Knows‘ sind einfach Wahnsinn. Gerade, weil sie so ungewöhnlich sind. Er bemüht da kaum Grundnoten. Stattdessen benutzt er den Bass als ein sehr melodisches Instrument, und legt den Schwerpunkt nicht so sehr auf den Rhythmus.

Deshalb bin ich der Meinung, dass er einige der interessantesten Basslinien aller Zeiten geschrieben hat. Aber weißt du, wen ich als Bassisten richtig toll finde? Flea! Der hat eine wahnsinnig gute Balance. Eben in der Hinsicht, dass es unglaublich viele Bassisten gibt, die eine umwerfende Technik haben.

Aber genau das finde ich nicht wirklich musikalisch. Denn da liegt der Schwerpunkt – wie gesagt – viel zu sehr auf der Technik. Es dreht sich nur darum, wie gut, wie schnell und wie hart man etwas spielt. Was ja an für sich nichts Schlechtes ist, aber emotional bewegt mich das überhaupt nicht.

Während Flea extrem viel Gefühl rüberbringt?

Christopher Wolstenholme: Richtig. Das ist seine große Stärke. Er kann auch diesen ganzen harten Kram, weil er technisch absolut versiert ist. Aber in erster Linie macht er doch das, was für den Song am Besten ist. Er spielt sehr melodisch und mit einer Menge Gefühl. Wobei das für seine Verhältnisse wahrscheinlich sogar ausgesprochen simpel ist.

Also, ich bin mir sicher, dass er oft in die Versuchung kommt, da einfach richtig loszulegen und frei zu improvisieren. Aber er hat sich halt gut unter Kontrolle. Er weiß genau, worauf es ankommt, und er kriegt eine tolle Balance zwischen der Technik und der Melodie hin. Was das betrifft, ist er unschlagbar – und er spielt mit unglaublich viel Gefühl.

Irgendwelche neuen Bassisten, die du irgendwo gesehen oder gehört hast, und dir positiv aufgefallen sind?

Christopher Wolstenholme: Na ja, das letzte Konzert, was ich mir angeschaut habe, und wo ich einen richtig guten Bassisten erlebt habe, war von Mars Volta. Der Typ hat mich regelrecht umgehauen. Denn er hat es wirklich drauf und ist unglaublich tight. Also technisch sehr, sehr begabt, aber ohne da irgendwelchen Blödsinn zu machen, der nicht sein muss. Den halte ich für richtig gut.

Wobei ich mich in letzter Zeit so auf Muse konzentriere, dass ich eh nicht viel neue Musik höre. Auch, wenn ich mir sicher bin, dass es da bestimmt einiges gibt. Nur: Im letzten Jahr war ich viel zu beschäftigt. Und – das muss ich auch zugeben – vielleicht auch ein bisschen faul … Und: Die meiste Freude macht mir einfach das Spielen unserer eigenen Songs. Das ist wirklich so.

Wenn du nicht gerade in einem Hotelzimmer sitzt und zwölf Stunden lang Interviews gibst, übst du dann noch täglich?

Christopher Wolstenholme: Meistens schon. Aber halt nicht nur Bass. Wenn ich zu Hause bin, wo ich mein eigenes kleines Studio habe, dann spiele ich Bass, Schlagzeug und Gitarre, und zwar ständig. Ich bin wirklich die meiste Zeit des Tages im Studio – sofern mich meine Frau und die Kinder lassen. Und selbst, wenn sie mich gewaltig auf Trab halten – einmal täglich greife ich mindestens zum Bass. Das muss einfach sein.

Dein Sänger und Gitarrist Matt ist bekannt für sein spezielles Verhältnis zu seinen Instrumenten. Etwa was die Manson-Signature-Modelle betrifft. Kannst du das nachvollziehen?

Christopher Wolstenholme: Ich halte das für toll. Und das ist auch der Grund, warum es da draußen keinen gibt, der wie Matt klingt. Das ist ja der Sinn der Sache, wenn du Signature-Kram verwendest: Du willst etwas Eigenständiges und Originelles haben, etwas das nur du einsetzt. Woraus sich ein weiteres Problem mit diesem ganzen Vintage-Zeug ergibt.

Ich verwende das zwar wahnsinnig gerne, aber es existiert halt immer die Gefahr, dass man genauso klingt, wie derjenige, der das Teil vor dir verwendet hat. Deshalb bemühe ich mich, alten mit neuem Kram zu kombinieren.

Ein Beispiel: Ich verwende Vintage-Bässe, aber gleichzeitig extrem moderne Pedale, und genau das kreiert einen völlig neuen Sound. Ganz einfach, weil diese Pedale ja noch nicht erfunden waren, als es den Bass längst gegeben hat. Von daher ist es toll, verschiedene – wenn nicht sogar gegensätzliche – Sachen miteinander zu verbinden, und unterschiedliche Elemente aus unterschiedlichen Zeiten zu benutzen.

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