Rock´n´Roll Zirkus oder wahre Gefühle?

5 legendäre Gitarren-Zerstörer

Das Malträtieren der E-Gitarre kam in den 60ern in der Rock-Musik regelrecht in Mode. Pete Townshend, Jimi Hendrix, Ritchie Blackmore und später Kurt Cobain haben ihre Instrumente auch schon mal öffentlich zerkleinert – und diese spektakulären Momente sind Rock-Chronisten und Fans in Erinnerung geblieben. Auch wenn eine solche Aktion heute eher belächelt wird und zum Ritual erstarrt ist: Damals war das eine Sensation. 

Jimmi Hendrix verbrennt auf der Bühne seine Gitarre
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Mit einer E-Gitarre kann man ja eine Menge anstellen. Unvergessen ist die Live-Show von Paul Gilbert (Mr. Big, Racer X), bei der er mit der Anschlaghand einen Elektro-Bohrer an die Saiten führte. Reeves Gabrels (David Bowie) verwendete für den gleichen Zweck gar einen Vibrator. Ebenfalls experimentierfreudig waren die Sonic-Youth-Musiker Thurston Moore und Lee Ranaldo: Sie klemmten Drumsticks oder auch Schraubenzieher unter die Saiten bei der Suche nach neuen Sounds. Aber dies ist natürlich alles harmlos gegen das Zerschlagen einer Gitarre, mitten hinein in den Verstärkerturm.

Hier ein kleines aber feines Sammelsorium 5 epischer Gittarren-Zerstörungsorgien

 

1. Pete Townshend (The Who)

The-Who-Gitarrist Pete Townshend gilt als der erste Rockmusiker, der seine Sechssaitige in aller Öffentlichkeit zerstörte. Bekannt wurde er als Gitarrenschlächter vor allem durch den Auftritt in der englischen TV-Sendung „Ready, Steady, Go“ 1965. The Who stellten ihre neue Single ,I Can’t Explain‘ vor, gegen Ende des Stücks zertrümmerten Townshend und Drummer Keith Moon ihre Instrumente. Ein Gastspiel in dieser Fernseh-Show war ohnehin eine Erfolgsgarantie für eine Band, denn die Musik-Fans der 60s schauten zwangsweise diese beliebte Sendung – die Erfindung eines Musikkanals und MTV sollte bekanntlich noch zwei Jahrzehnte dauern. Aber sicher nicht zuletzt wegen dieser spektakulären Performance schoss ,I Can’t Explain‘ in den Charts nach oben.

Pete Townshend zerstört sein Equipement
FOTO: Archiv
Zerkleinerte als erster sein Equipment: Pete Townshend von The Who

Ganz England sprach von dieser neuen und aggressiven Londoner Band, die auf ihren Plakaten verkündete, dass sie „Maximum R&B“ spiele. The Who waren damals eine Sensation: Ein Gitarrist, der seine Gitarre mit ausholenden Armbewegungen anzuschlagen pflegte und dabei aussah wie eine Windmühle, ein äußerst virtuoser bis unbeherrschter Schlagzeuger, Roger Daltrey als exaltierter Frontmann – und am Ende eines Konzerts wurden die Drums, die Gitarre und die dazugehörigen Amps demoliert. Bassist John Entwistle behielt übrigens stets die Fassung und spielte stoisch weiter, während Townshend und Moon ausflippten. Townshends Inspiration für diese Zerstörungsorgien soll angeblich ein Vortrag über „Autodestruktive Kunst“ gewesen sein. Pete, damals Student der Ealing School of Art, kam mit der Theorie des Künstlers Gustav Metzger in Berührung, an dessen Ende die Zerstörung eines Kunstwerks steht.

Diese Ideen griffen auch britische Kunststudenten auf. So wurden etwa „Auto-Destruction Happenings“ initiiert, bei denen z. B. ein Klavier aus großer Höhe auf den Boden gestürzt wurde. Die Überreste wurden außerdem noch verbrannt. Allerdings gibt es auch eine profanere Erklärung für Townshends Zertrümmerungsaktionen. Bei einem Auftritt im Londoner Marquee-Club soll Pete bei einem Luftsprung mit dem Gitarrenhals die niedrige Saal-Decke berührt haben. Der Hals brach, Townshend wurde wütend und gab dem unbrauchbar gewordenen, beschädigten Instrument endgültig den Rest. Andere Quellen besagen, dass Townshend mit dem P.A.-Sound unzufrieden gewesen sein soll, und deshalb Dampf abgelassen hat. Schlagzeuger Moon wurde jedenfalls durch diese Aktion inspiriert, auch sein Drumset zu zerkleinern.

Die Instrumentenzerstörung durch Teenager, die gerade mal um die 20 Jahre alt waren, wurde von den Jugendlichen der 1960er Jahre als Protest aufgefasst, der sich gegen die Zwänge und Regeln einer für sie bornierten Erwachsenen- und Elternwelt richtete. Zerstörte Gitarren und Amps, eine für damalige Verhältnisse hohe BühnenLautstärke, sich wild gebärdende Musiker, das alles brach eindeutig mit den Konventionen des etablierten Kulturbetriebs. „I hope I die before I get old”, sangen The Who in ihrem Riesen-Hit ,My Generation‘ von 1965 – und zerdepperten noch mal schnell in einer letzten großen Geste ihre Instrumente.

 

2. Jeff Beck (The Yardbirds)

Solche Theatralik ist für Filme natürlich wie geschaffen, und Michelangelo Antonioni griff dieses Show-Element für seinen Kultstreifen „Blow Up“ (1966) auf. Ursprünglich wollte der italienische Regisseur The Who verpflichten, die er sich jedoch nicht leisten konnte. Als zweite Wahl engagierte er die britischen Rave-Rocker The Yardbirds, die in einer Szene in einem Live-Club die Nummer ,Stroll On‘ spielen (eigentlich handelt es sich um das Stück ,Train Kept A Rollin‘’, jedoch mit einem anderen Text).

Bilderreihe mit Jeff Beck
FOTO: Archiv
Kultfilm der 60s: Jeff Beck explodiert in Antonionis Blow Up

Antonioni wollte, dass Lead-Gitarrist Jeff Beck während des Stücks seine Gitarre zerschlägt. Der weigerte sich zunächst mit dem Hinweis darauf, dass es sich um eine Gibson Les Paul handele und dieses Instrument zu wertvoll sei. Man einigte sich schließlich und Beck zerschlug ein billigeres Höfner-Modell. Ansonsten war Jeff Beck nicht dafür bekannt, seine Gitarren zu zerstören.

Bilderreihe mit Jeff Beck (2)

 

3. Jimi Hendrix 

Ganz im Gegensatz zu Jimi Hendrix: Er ist sicherlich zusammen mit Townshend der populärste Protagonist, wenn es um das professionelle Zerlegen einer Gitarre geht. Hendrix war ohnehin ein auffälliger Bühnenakteur und der auffälligste Gitarrist Ende der 60er Jahre sowieso: Er spielte die Gitarre hinter dem Rücken, mit den Zähnen, dem Ellbogen, und sein Einsatz von Feedback ist legendär. Aber er ging noch weiter, rammte – zumindest bei einigen seiner Konzerte – seine Gitarre, vornehmlich eine Fender Stratocaster, gegen die Amps und Lautsprecher-Boxen.

Da das Equipment noch eingeschaltet war, inszenierte Hendrix nicht nur ein optisches sondern auch akustisches Spektakel. Seinen Höhepunkt fand diese Performance beim Monterey Pop Festival 1967. The Who hatten bereits ihren Auftritt mit der obligatorischen Zerstörungsnummer abgezogen, als die Jimi Hendrix Experience die Bühne betrat. Am Ende des Konzerts begann Jimi seine Gitarre mehrfach an seiner Verstärkeranlage zu reiben. Schließlich warf er sie auf den Boden, kniete sich vor ihr hin, überschüttete sie mit (Feuerzeug-) Benzin und zündete sie an. Anschließend zerschlug er sie – dies alles unter Ohren betäubendem Amp-Krach. Diese spektakuläre Aktion hat sich bis heute den Hendrix-Fans ins Hirn gebrannt: Jimi war derjenige, der seine Gitarre in Flammen gesetzt hat. Dabei spielte er eigentlich selten mit dem Feuer, man nimmt an, insgesamt nur drei Mal, nämlich in London, bei einer Show in Miami und eben in Monterey.

Jimi Hendrix zerstört sein Equipement

Die Idee soll Hendrix laut Experience-Basssist Noel Redding von dem Journalisten Keith Altham haben; ursprünglich sollte die Gitarre bei der Nummer ,Fire‘ angezündet werden. Wann Jimi zum ersten Mal eine Gitarre zerschlug, ist nicht ganz sicher. Hendrix-Manager Chas Chandler berichtet von einem Wutausbruch bei einem Konzert im Münchner „Big Apple“ 1966. Jimi hatte wohl aus Versehen seine eigene Gitarre beschädigt, und aus Ärger über sich selbst demolierte er die Gitarre vor den Augen des begeisterten Publikums – angeblich war dies der erste Fall von Hendrix’scher Gitarren-Zerstörung. Chandler erkannte sofort das medienwirksame Potenzial hinter dieser Aktion: „Dem deutschen Publikum hat das sehr gefallen, und da haben wir uns entschieden, die Zertrümmerungsorgie als Teil der Auftrittsdramaturgie beizubehalten, wenn das ein gute Presse gab oder die Situation es verlangte.“

Nimmt man diese Aussage Chandlers für bare Münze, wird deutlich, dass Hendrix, genauso wie Townshend, die Demolierung von Gitarren später bewusst als Show-Element einsetzte, dies allerdings, gemessen an den ca. 500 Auftritten seiner kurzen Karriere, relativ selten und wohl eher spontan. So sagte er in einem Interview 1967 zu diesem Thema: „Jedes Konzert ist anders, das Ganze ist nämlich mehr improvisiert, eine spontane Gefühlssache. Und egal, was ich mache, mit den Zähnen spielen oder mit den Ellbogen oder was auch immer, das mache ich nur, weil es mir gerade in diesem Moment Spaß macht.“ Zwei Jahre später, 1969, stand Jimi Hendrix seinen Ausbrüchen auf der Bühne kritischer gegenüber: „Wir machen jetzt nicht mehr so viele Sachen kaputt. Das war nur so eine Frustrationsphase, die wir damals durchgemacht haben. Wir machen es wirklich nicht mehr allzu oft. Wir konzentrieren uns vor allem auf die Musik. Wir haben das gemacht, um Aufmerksamkeit zu erregen, und auch weil es uns selbst etwas gegeben hat. Aber dann sind die Leute auf den falschen Dampfer gekommen, haben unsere Sachen nicht mehr richtig zu schätzen gewusst. Die sind nur noch gekommen, um uns zu sehen, und nicht, um uns zu hören, und das war einfach nicht okay.”

 

4. Ritchie Blackmore (Deep Purple)

“ The show must go on – das wusste auch Band-Diktator und 70s-Ausnahme-Rock-Gitarrist Ritchie Blackmore von Deep Purple, der bekannt war für seine Gitarren-Zerstörungsorgien. Vor allem sein Auftritt beim „California Jam“ 1974 machte ihn in dieser Hinsicht berühmt. Zunächst demolierte er mit seiner Gitarre eine Fernsehkamera, die sich zwischen ihn und das Publikum gedrängt hatte, dann schüttete er Benzin auf seine Verstärkeranlage und zündete sie an. Choleriker Blackmore war offensichtlich sauer auf den Kameramann, vielleicht war ihm aber auch sein Hit ,Smoke On The Water‘ mit der Refrainzeile „The fire in the sky“ etwas zu Kopfe gestiegen.

Zum Glück stand – welch ein Zufall! – Benzin und eine Anzündhilfe bereit, damit Blackmore seinen Emotionen freien Lauf lassen konnte.

 

5. Wendy O. Williams (Plasmatics)

Mitte der 70er Jahre kam die Punk-Welle und mit ihr eine neue Jugendbewegung auf, deren Schlagwort „Anarchie“ lautete. Man lief im Irokesen-Schnitt herum, färbte sich die Haare bunt, trug zerrissene Klamotten und stach sich, je nach Überzeugungsgrad, eine Sicherheitsnadel durch die Backe. Die neuen Bands hießen The Sex Pistols, U.K. Subs, The Damned und Ramones, ihre Musik war ungeschliffen, schnell und rau. Dass Zerstörung von den Punk-Bands als Show-Element wieder aufgegriffen wurde, war naheliegend. Symbolisch ist das Album-Cover ,London Calling‘ (1979) von The Clash: Abgebildet ist Bassist Paul Simonon, wie er gerade seinen Viersaiter auf der Bühne zerschlägt.

The Clash

Die 1979 in New York gegründeten Plasmatics waren wohl die auffälligste Combo, wenn es um das Thema Zerstörung auf der Bühne ging. Frontfrau Wendy O. Williams zerlegte mit einer Kreissäge eine mit Theaterblut gefüllte Menschenpuppe, außerdem explodierten Autos, das Equipment wurde zum Teil in Flammen gesetzt – und eine Les Paul wurde zersägt. Was für ein Theater aus heutiger Sicht …

 

Und sonst so?

In den 90ern pflegte Grunge-Star Kurt Cobain von Nirvana seine Fender Mustang auf der Bühne zu zerschlagen. Für den Linkshänder war dies ein echtes Problem, denn Ersatz für sein Lieblingsinstrument, eine Mustang in der Lefthand-Version, war gar nicht so einfach aufzutreiben. Auch Country-PopStar Garth Brooks hat auf der Bühne Gitarren zerdeppert, als sorgsam inszenierte und wohl geplante Show-Einlage. Und VintageRocker Dave Wyndorf von Monster Magnet lässt es sich ebenfalls nicht nehmen, auf der Bühne eine Gitarre anzuzünden.

Dieses alte Rock-’n’-Roll-Ritual der Zerstörung findet seit Pete Townshend viele Nachahmer – und wird in erster Linie von den Musikern als Show-Element verstanden. „Die Autodestruktion verfolgt eigentlich keinen richtigen Zweck“, sagte Pete Townshend einmal, „es gibt überhaupt keinen Grund dafür. Irgendeiner von den Bee Gees sagte mal zu mir: Du würdest keine Stradivari (-Geige) zerstören, oder? Die Antwort lautet: Natürlich würde ich keine Stradivari zerschlagen. Aber eine Gibson-Gitarre, die aus einer Produktions-Linie kommt? Fuck it.” Sicher, aus Zuschauer- und Gitarristensicht könnte man einwenden, dass es schade ist um das schöne Instrument – gerade angesichts der heutigen Preise, etwa für Gibson-Gitarren. Gemessen an dem steigenden Aufwand, der seit Ende der 60er Jahre bis heute bei großen Rock-Konzerten betrieben wird, ist eine zerstörte Gitarre jedoch wohl eher ein kleinerer finanzieller Posten.

Außerdem ist wohl davon auszugehen, dass die Musiker zumindest nicht immer ihre besten Stücke auf der Bühne zerdepperten, sondern einige billige Ersatzklampfen zu diesem Zweck bereitstanden, wie im Fall von Ritchie Blackmore dokumentiert. Und auch von Pete Townshend ist bekannt, dass er Mitte der Sechziger während der Fahrten zum nächsten Konzert seine am Vorabend zerlegte Rickenbacker-Gitarre wieder notdürftig zusammenflickte. In Abhängigkeit von der Popularität eines Gitarristen können die demolierten Instrumente eine interessante Geschichte haben, wie jene Fender Stratocaster Sunburst, die Hendrix bei einem Konzert 1967 im London Astoria und später bei einem Auftritt in Miami angezündet hat.

Bürgerschreck Frank Zappa, der ebenfalls bei diesem Festival auftrat, nahm die Gitarre an sich und restaurierte sie. Zappa spielte dieses Instrument auf seinem Album ,Zoot Allures‘ (1976), dann verschwand es in der Versenkung. Zappas Sohn Dweezil fand die Gitarre, zerlegt in ihre Einzelteile , unter einer Treppe im Studio seines Vaters, und der schenkte sie ihm. Am 24. September 2002 ließ Zappa Junior dieses Instrument, wieder restauriert, versteigern. Den angesetzten Mindestpreis von 340.000 britischen Pfund konnte die Hendrix-Strat nicht erreichen, aber immerhin wurden 300.000 Pfund geboten. Nicht schlecht für eine E-Gitarre, die teilweise am Pickguard, an den Pickups sowie am gesamten Hals verbrannt ist.

Das Team von Loudwire hat ebenfalls 10 legendäre Gitarrenzerstörer aufgelistet:

2 Kommentare zu “5 legendäre Gitarren-Zerstörer”
    • Heinz Rebellius

      Na ja, der Artikel ist ja nur über 5 Zerstörer geschrieben – und da gibt es mit Sicherheit noch einige mehr da draußen. Paul Stanley ist auch einer von ihnen.

      Antworten
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