Mini-Amp und Box

Test: Vox Mini MV50 Rock + AC BC112

 

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Nutube Technology, der Begriff beschreibt, was die Verstärkerwinzlinge besonders macht. Dahinter verbirgt sich ein Halbleiterbauelement namens „Nutube 6P1“ (vakuum-fluoriszierendes Display), das in seiner Funktionsweise einer 12AX7-Vorstufenröhre gleicht. Wie schon bei vielen anderen Produkten, verfolgt Vox hiermit auf alternativem Weg weiterhin die Idee, Halbleiterschaltungen mit Röhren-Modulen zu verfeinern. Bislang wurde eben eine 12AX7 in die betreffenden Geräte integriert. Hier erleben wir nun den ersten Vorstoß, den mittelalterlichen Glaskolben überflüssig zu machen. Fakt ist, dass man so kleine, kompakte Verstärker wie die MV 50s anders gar nicht auf diese tonale Ebene heben könnte; kein Platz für eine Röhre.

innovative technik

Die Verstärkerschaltungen der MV 50s sind Hybride. In der Vorstufe werden die Gitarrensignale von analoger Technik bearbeitet, für die Leistung sorgt eine ClassD-Endstufe. Die Ausstattung ist denkbar schlicht und reduziert. Drei Potis (Gain, Tone und Volume) werden an der Rückseite ergänzt durch einen EQ-Schalter, der zwei Grund-Sounds wählbar macht. Der Lautsprecherausgang ist in der Anschlussimpedanz umschaltbar. Damit einher gehen Unterschiede in der maximal verfügbaren Leistung: bei 4 Ohm ist es das Maximum von nominal 50 Watt, bei 8 Ohm halbiert sich der Wert, bei 16 Ohm stehen nur noch ein Viertel, 12,5 Watt zur Verfügung. Ein netter Gimmick in Form eines VU-Meters zeigt an der Front an, wieviel Leistung gerade abgefordert wird.

Die Verstärker verfügen ansonsten noch über einen klangkorrigierten Phones/ Line-Ausgang und zwei Schiebeschalter, Standby und Eco. Letzterer dient dazu, die Auto-Power-Off-Funktion bei Bedarf zu deaktivieren. Die Geräte brauchen als Spannungsversorgung 19VDC/3,43A. Ein passendes Netzteil gehört zum Lieferumfang. Seitens der Mechanik stehen die Verstärker sehr gut da. Stabile Gehäuse aus Stahlblech – darin ist die ziemlich aufwendige Elektronik gut behütet untergebracht. An der Verarbeitung gibt es nicht das Geringste auszusetzen, alles gut.

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Die 1×12″-Box ist in den Abmessungen kompakt gehalten, aber nicht auf ein mögliches Minimum geschrumpft. Logisch, ein gewisses Volumen muss ein Gehäuse haben, um in 1×12-Bauweise überhaupt Tonfülle entfalten zu können. Vox sucht die Wiedergabe zu optimieren, indem in der angeschraubten Rückwand unten eine ovale (Reflex-) Öffnung eingearbeitet ist. Zusätzlich sorgt ein in der Mitte des Innenraums waagerecht angebrachter Rahmen für Stabilität und kontrolliertes Resonanzverhalten. Die Box ist innen mit schwarzem Lack behandelt, außen ist das Gehäuse in feingenarbtes Vinyl gekleidet. Die fein gewobene Frontbespannung ist straff aufgespannt und maximal luftdurchlässig. Gummifüße an der Unterseite, oben ein großer Schalengriff zwei parallel gelegte Eingangsbuchsen, weißes Piping an der Front – die BC112 ist sauber verarbeitet und macht optisch einen hochwertigen Eindruck.

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Ein Rahmen dämpft die Gehäuseresonanzen (Bild: Dieter Stork)

Auf Schutzkappen an den Ecken verzichtet Vox, wohl nicht zuletzt wegen der Formgebung mit ihren stark verrundeten Kanten. Den Lautsprecher liefert Celestion. Es handelt sich um den maximal mit 70 Watt belastbaren V-Type, eines der Niedrigpreismodelle, den man als Allrounder bezeichnen kann.

energiebündel

Der Test des MV 50 Clean in der April-Ausgabe hat offenbart, dass die Nutube-Technology grundsätzlich ziemlich überzeugend funktioniert. Beleg dafür sind zwei wesentliche Punkte: 1. die musikalische, röhrenähnliche Sound-Formung und 2. eine hohe, dynamisch kraftvolle Leistung (wobei die angegebenen und messtechnisch nachweisbaren 50 Watt subjektiv nicht so laut wirken wie bei einem wertigen Röhren-Amp; hat was mit dem Dämpfungsfaktor und anderen elektrischen und messtechnischen Gegebenheiten zu tun). Diese Eigenschaften sind natürlich auch bei unseren Testkandidaten, den Versionen „Rock“ und „AC“ prägend für den Sound.

Die Ausrichtung des MV50 Rock geht wie erwartet in Richtung hoher Verzerrungsreserven. Erreicht wird so etwas wie eine heiße Retro-Ebene, kein High-Gain. Der Toncharakter ist kultiviert britisch, der kleine Amp „beißt“ , ohne in den Höhen zu scharf anzugreifen. Das Klangbild ist kompakt mit einer ordentlichen Portion Transparenz und hat viel von der Attack-Nachgiebigkeit, der Kompression, die man an elegant aufgebauten Röhrenschaltungen schätzt. In den unteren Frequenzen stellt der MV50 Rock reichlich Energie zur Verfügung, sodass die Klangbilder auch voluminös und kraftvoll wirken, bzw. gedämpft gespielte Noten auf den Saiten E6 und A5 gesunden Schub erzeugen.

Die wichtigste Frage ist wohl, ob sich denn die Verzerrungen so harmonisch ausbilden, wie man es bei dem Hinweis auf emulierte Röhrentechnik erwartet. Klares Ja, gerade das ist ja ob seiner Kultur so überraschend; alles Halbleiter, und doch schwingt viel vom Röhren-Charisma im Ton. Wie es energische Rockamps oft tun, erzeugt allerdings auch der MV50 Rock in den unteren Mitten Intermodulationen, die einen „bösen“ Unterton in die Distortion bringen. Den Overdrive-Grenzbereich meistert der MV50 Rock ebenfalls sehr ansprechend. Die Anzerrungen entwickeln sich zwar nicht optimal feingliedrig, stehen aber qualitativ mindestens auf dem Niveau erstklassiger Overdrive-Pedale.

Stichwort Variabilität. Der einsame Tone-Regler kann natürlich kein breites Klangspektrum bereitstellen. Er bestimmt in erster Linie den Höhengehalt, womit man halt unterschiedliche Gitarren in die geeignete Balance bringen kann. So gesehen ist der MV50 Rock mehr oder minder das oft zitierte One-Trick-Pony. Oder sagen wir Two-Trick, weil man die Sound-Formung in zwei Bereiche unterteilen kann, Overdrive und Distortion.

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Dieser Chip „ersetzt“ die 12AX7 (Bild: Dieter Stork)

Wenn irgendwo hinter Vox das Kürzel AC geschrieben steht, macht es bei Vintage-Fans klick. Sofort kommt der AC30 in den Sinn (ok, bei manchen vielleicht eher der AC15 oder AC10). Und ja, darum geht es natürlich bei dem MV50 AC. Die offizielle Produktinfo sagt „Die Weiterentwicklung des legendären Sounds! Der MV50 AC liefert den typischen Chime und Crunch des VOX AC30.“ Holla, eine vollmundige Ansage, wie auch die anderen Produkte der Modellserie in den Prospekten überschwänglich „glorifiziert“ werden. Tut mir leid, ich kann dem nur sehr bedingt zustimmen, was unter anderem daran liegt, dass ich schon lange erklärter AC30-Fan bin und viel Erfahrung habe, weil ich seit Jahren mit mehreren dieser alten Schätzchen arbeite.

Beim MV50 AC ist das Grundtimbre der Verzerrungen trotz mehr Höhenbrillanz dem des MV50 Rock ähnlich. Und darin schwingt wenig von der luftigen, glasig-frischen Höhenwiedergabe, die ein AC30 in seiner Paradedisziplin, dem Overdrive geringer bis moderater Intensität erzielt. Aber man muss nun nicht vollkommen unzufrieden sein. Feinfühlig ausgesteuert – mit möglichst wenig Gain sozusagen, und höhenbetont – kann der MV 50 AC durchaus die Aura des Vintage-Urahns heraufbeschwören, nur eben nicht wirklich mit dem „typischen Chime und Crunch“.

Gut und praktisch ist, dass die Gain-Reserven hoch liegen und der Amp damit eine zweite Sound-Ebene erreicht, die des kräftigen Crunchs. Riffs und Chords im Retro-Rock, Blues und Artverwandtes sind die stilistischen Felder, in denen sich der MV 50 AC am wohlsten fühlt. Bei beiden Verstärkern ist die Klangqualität des Phones/Line Out-Anschlusses gut gelungen. Heißt, für Recording ist das D.I.-Signal gut verwertbar. Kopf-/Ohrhörer sind kritisch, wenn man laut hören will. Das Klangbild kann dann doch anstrengend wirken. Was u. a. damit zu tun hat, dass die MV-Amps wie man es bei Hybrid- und Modeling-Verstärkern oft erlebt, in den Hochmitten etwas „drängeln“.

Während die kleine BC108, die wir im ersten Test im Team mit dem MV 50 Clean auf die Probe stellten, für die Bühne kaum taugt, geht die BC112 um ein Vielfaches beherzter ans Werk und kann sich ohne Weiteres im Live-Einsatz behaupten. Das liegt zum einen daran, dass sie mit kontrollierter Wiedergabe hohe Schalldrücke liefert, zum anderen an der ausgewogenen Klangqualität, es stechen keine unangenehmen Frequenzen hervor, die Höhen sind mild. Alles bewertet unter Verwendung der MV-Amps.

Zum positiven Höreindruck trägt maßgeblich bei, dass die BC112, so klein wie sie ist, doch Kraft und Fülle in den unteren Frequenzen verbreitet. Es sind zwar nicht wirklich Bässe um 100 Hz die da herauskommen, sondern Tiefmitten (ca. 160 – 200 Hz), aber das tönt schon recht fett. Jedenfalls fetter als man es von Cabinets dieser Größe üblicherweise erwarten darf. Die BC112 ist insofern auch generell empfehlenswert. Sie hat hier vor Ort an mehreren hochwertigen Röhrenverstärkern ihre Qualitäten bewiesen.

alternativen

Hybridverstärker, die tatsächlich direkt mit dem MV50 Rock und MV50 AC vergleichbar sind? Schwierig, man muss wohl eingestehen, dass sie zumindest derzeit allein auf weiter Flur stehen. Anders bei der BC112. Der Markt hat in dieser Kategorie viel zu bieten, auch in niedrigeren Preisregionen. Z. B. von Fender das Bassbreaker BB-112 Enclosure oder von Palmer das Modell Cab 112 MAV.

resümee

MV50 Rock und MV50 AC, beide Amps haben in diesem Test bewiesen, dass sie in der Tonformung respektable Ergebnisse erzielen. Sie beeindrucken mit hoher Verstärkerleistung und Kultur in der Tonqualität. Variabilität wird bei Ihnen allerdings nicht groß geschrieben. In Verbindung mit der ausbalanciert abgestimmten BC112 ergeben die MV-Amps ein kompaktes, wohlklingendes Stack, mit dem man sich getrost in einer (nicht allzu lauten) Band auf die Bühne wagen darf.

Wunderbar, alles gut? Nun, im Grunde ja, man bedenke aber, dass das Konzept der MV-Amps – eines ohne FX-Weg – die Anwendung speziell macht. Effektpedale vor dem Eingang, Hall, Echo, Flanging „verziert“ von der Amp-Distortion? … das ist die Crux, geht nicht, hier bleibt man zwangsläufig Purist. Oder anders ausgedrückt: Wer das will, sollte besser zum MV50 CL greifen, der hat es drauf, Powerblock für das Pedalboard zu sein. An den Preisen gibt es nichts auszusetzen, sie sind gesund angesetzt. Man bedenke, die MV-Amps kosten kaum mehr als manches Edel-Boutique-Distortion-Pedal. Die BC112 ist weder zu teuer noch besonders günstig, sie reiht sich nahtlos in das Marktgefüge ein. [1990]

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Hinweise zu den Soundfiles:

Für die Aufnahmen kamen zwei Mikrofone mit Großflächenmembran zum Einsatz, ein AM11 von Groove-Tubes/Alesis und ein C414 von AKG, nahe platziert vor dem Speaker der BC112.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor und EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und gemastert. Das Plug-In „Platinum-Reverb“ steuerte die Raumsimulationen bei.

Die Instrumente sind eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 (m. JB-Humbucker v. Seymour Duncan am Steg) und eine Steinberger GL4-T.

Die Amps sind schlicht in der Ausstattung. Gain, Tone, Volume, keine Sound-Umschaltung, wenn man wie hier unterschiedliche Klangfarben erleben möchte muss man entsprechend nachregeln.

Der MV50 AC eifert dem legendären AC30 nach, von dessen Ruhm Vox bis heute profitiert. Die Clips 1 und 2 zeigen, dass der Charakter des Vorbilds durchaus erkennbar ist, wenngleich sich das Höhenspektrum längst nicht so transparent und frisch entfaltet.

Der andere MV50 mit Namen „Rock“ hat hohe Gain-Reserven und kann daher breitbandig eingesetzt werden. Er beherrscht Clean, Overdrive, Crunch und klassische Distortion.

Clip 8 und Clip 9 präsentieren mein Referenz-Riff (RefRiff), das ich mit jedem Test-Amp/-Distortion-Pedal einspiele, damit man den Charakter der von uns getesteten Produkte quasi auf einer neutralen Ebene vergleichen kann.

Ich wünsche gute „Unterhaltung“ und…, wenn möglich, bitte laut anhören, über ordentliche Boxen, nicht Kopfhörer! ;-).

Fragen, Anregungen und ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de. Es klappt nicht immer, aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

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