(Bild: Dieter Stork)
PRAXIS UND SOUNDS
OK, der erste Zusammenbau war etwas fummelig, aber nun steht sie hier. Die aufgebaute Snipar. Und sie ist schon irgendwie cool. Klar, überhaupt nichts für Traditionalisten, aber man muss schon bewundern, was heutzutage möglich ist.
Während der Korpus durch die Bauweise etwas auf dem Oberschenkel beziehungsweise am Arm federt und nachgibt, ist der Aluminiumhals bombenfest. Er ist auf der Rückseite im Mittelteil komplett flach und zu den Kanten hin deutlich abgerundet. Er ähnelt also einem U mit flachem Boden. Das erinnert mich interessanterweise an den Strandberg Endurneck und liegt mir ziemlich gut. Beim Zusammenbau hatte ich noch Bedenken bezüglich der spürbaren Kante am Übergang der beiden Halsteile und möglicher Probleme mit der Stimmstabilität. Beides ist zum Glück überhaupt kein Problem. Ja, ersteres merkt man etwas, aber wirklich nicht dramatisch. Und die Stimmung hält die Snipar (wohl dank Locking Tunern) sogar besser als erwartet. Wenn man bedenkt, dass man sie nach dem Zusammenbau ohnehin neu stimmen muss, sollte das kein Problem sein. Ich weiß nicht, ob es ein absichtliches Designelement oder nur meinem Glück zu verdanken ist: Wenn man die hintere Ablage für das Bein beim Zusammenbau einfach weglässt, steht die Gitarre sogar aufrecht und frei auf dem Boden. So wurde das Zimmer um ein modernes Designobjekt bereichert.
Es gibt lediglich zwei Dinge, die ich der Konstruktion ankreiden muss: Der Rand des oberen „Korpusflügels“ ist ziemlich breit. Da es sich nur um einen Rahmen handelt, hat man hier eine recht harte Kante, die für meinen Oberarm beim Spielen eher unangenehm ist. Das muss allerdings so sein, da die Gitarre dank dieser Breite sicher eingepackt werden kann. Zweitens sollte man bedenken, dass die Buchse hinter der Brücke und somit „innen“ liegt. Ein gerades Kabel passt hier nicht, man muss ein abgewinkeltes nutzen. Was soll’s.
Jetzt würde ich aber auch gerne wissen, wie sie klingt. Der Tonabnehmer sieht nämlich ziemlich ungewohnt aus. Er ist superflach, um Platz zu sparen. Ich wusste nicht so recht, was ich erwarten sollte, und wurde sehr positiv überrascht. Die ganze Gitarre klingt – sicherlich auch wegen der vollwertigen 25″ Mensur – erwachsen und ernstzunehmend. Der Tonabnehmer geht hierbei ganz stark in die klassische Singlecoil-Richtung. Um es ganz grob einzuordnen, eher 60er oder moderner. Nicht 50er. Der Klang ist deutlich voller als der meiner Jaguar und erinnert auch ein wenig an Lipsticks, hat aber etwas weniger Jangle und Fundament.
Vermutlich ist niemand in erster Linie wegen des Sounds an dieser Gitarre interessiert, aber ich war mehr als positiv überrascht. Hier gibt es einen markanten, eigenen Ton zu hören. Ich persönlich hätte mich über einen zusätzlichen Stegtonabnehmer gefreut, muss aber zugeben, dass das minimalistische Konzept so konsequenter umgesetzt werden konnte. Die Philosophie, dass Volume- und Tonregler (hier) überflüssig sind, weil man das auch später mit einem beliebigen Device regeln kann gehe ich voll mit, das passt alles zusammen.
Eine kleine Warnung noch an alle, die bisweilen Probleme mit den mittleren Tonabnehmern bei Strats und dergleichen haben, weil sie beim Spielen in den Weg kommen. Das kann hier auch ein Problem sein. Durch die Konstruktion und den extrem flachen Pickup werden die Saiten immer nur knapp über dem Korpus angeschlagen. Weil es hier kein Tonabnehmer ist, der im Weg ist, sondern einfach der verlängerte Hals, kann man auch nicht einfach die Position des Anschlags ändern. Auch das Griffbrett ist komplett flach. Das passt zwar ins Design, wer aber den 7,25″-Radius alter Fenders gewohnt ist, wird sich damit nicht wohlfühlen.
KONKURRENZ-CHECK
Mittlerweile gibt es wirklich sehr kompetente und konkurrenzfähige Reisegitarren. Mit Traveler Guitar gibt es eine Firma, die sich komplett diesem Konzept verschrieben hat und seit vielen Jahren erfolgreich gute Reisegitarren baut. Die Donner Hush habe ich bereits erwähnt. Sie hat das Alleinstellungsmerkmal, dass direkt Ampsimulationen und Effekte verbaut sind. Die Strandberg Meloria bietet das gleiche Konzept mit einfahrbaren Seiten – nur kaufen kann man sie aktuell ohnehin nicht.
Das waren jetzt alles eher „Ich reise und brauche wirklich etwas Kleines“-Gitarren. Dann gibt es natürlich seit vielen Jahren die Modelle von Steinberger und seit 14 Jahren auch die von Strandberg. Letztere ist aktuell meine Reisegitarre der Wahl. Aber auch wenn sie kleiner als eine reguläre Gitarre ist, so ist sie dennoch viel größer als alle zuvor genannten. Zudem noch teurer, aber auch hochwertiger (gebrauchte Steinbergers explizit ausgenommen).
Aktuell habe ich die Strandberg und die Snipar mit dem Valeton GP-50 erfolgreich unterwegs im Einsatz. Es ist wirklich ein Traum, in welcher Zeit wir leben, was das Reisen mit Gitarren angeht.
RESÜMEE – WENIGER IST MEHR
Ganz egal, wie man zur Idee einer Reisegitarre, oder der Snipar konkret steht: Man muss neidlos anerkennen, dass hier konstruktionell einiges an Herzblut und guten Ideen eingeflossen ist. Ist die Snipar perfekt? Bestimmt nicht. Aber ist sie funktional, neu, ideenreich, innovativ und für eine Gitarre aus der EU wirklich günstig? Auf jeden Fall! Wenn du viel unterwegs bist, nicht immer mit dem eigenen Auto mit großem Kofferraum reist und auch mal mehr als nur ein paar Minuten Gitarre spielen möchtest, könnte die Snipar genau das sein, was du gesucht hast. Mir hat sie viel Spaß bereitet! ●
Plus
- tolle Idee
- super klein und leicht
- erwachsener Klang
- günstiger Preis
Minus
- Zusammenbau dauert etwas
- Zarge etwas unbequem

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2026)