Junior’s Gone Mild

Test: Martin 000C JR-10E Bass

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(Bild: Dieter Stork)

In den Bereichen Gitarre und Bass gibt es einige legendäre Firmen, die bald 80 Jahre alt werden, oder 90, 130 und gar 150. Aber keine ist so alt wie C. F. Martin & Company, die stramm auf die 200 zugeht – und immer noch von der Familie Martin betrieben wird. Auf ihren reichlichen Lorbeeren ruht sie sich dabei noch lange nicht aus!

Entsprechend gab es letztes Jahr eine Menge Neuheiten, darunter auch der putzige, kleine Akustikbass, der zum Songschreiben und Üben unplugged genauso geeignet sein soll wie zum verstärkten Einsatz.

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NIEDLICH!

Die 000 (Null/Null/Null, normalerweise ausgesprochen als „Triple O(h)“ war Anfang des 20. Jahrhunderts die größte Gitarre, die Martin baute, bevor sie von der deutlich größeren Dreadnought überholt wurde. Beim 000C JR-10E Bass ist das eher als formale Orientierung zu sehen. Wie das „Junior“ schon andeutet, ist der Bass klein, seine Body-Silhouette sogar kleiner als eine 000-Gitarre, während die Dicke des Bodys recht normal ausfällt und von 3 3/16 Zoll auf 4 Zoll ansteigt. Mit einer Mensur von 24 Zoll (knapp 61 cm) liegt der Bass deutlich unter 30”-Shortscale, ist aber noch größer als die meisten Ukulelenbässe. Boden und Zargen sind aus massivem Sapele. Das afrikanische Holz ist zwar kein Mahagoni, stammt aber aus der gleichen Familie und punktet mit schöner Farbe und Maserung. Unterstrichen wird das von einer feinen Mattlackierung, die die Hölzer seidig glänzen lässt.

Die mit einem mehrschichtigen Binding versehene Decke ist aus ebenfalls massiver Fichte, während das Material des am 14. Bund angesetzten Halses nur als „ausgesuchtes Hartholz“ umschrieben wird. Seine Maserung und Poren wirken gröber als Mahagoni und Ähnliches. Der Halsfuß ist angesetzt, die abgewinkelte Kopfplatte mit der charakteristisch eckigen Martin-Form dagegen nicht. Der Sattel ist aus Corian, einem Acrylstein-Material der Firma DuPont (deren Autolacke Fender für Custom Colors nahm), das Griffbrett ist aus Richlite. Für dieses schon 1943 während des Zweiten Weltkrieges in den USA erfundene Material werden Lagen hochwertigen, FSC-zertifizierten oder recycelten Papiers, das mit Harzen versetzt ist, von Hand kreuzweise gelegt und unter Hitze und Druck gebacken. Das Ergebnis sieht mit dunkler Farbe und feiner Maserung nach leicht mattem Ebenholz aus.

Zwanzig für E-Bass-Verhältnisse schmale Bundstäbchen wurden eingesetzt und von einer Plek-Maschine computergesteuert exakt abgerichtet und poliert. Dazu gibt es Perlmutt-Dots mit doppelten Punkten im siebten und zwölften Bund. „28 Style“ nennt Martin das, nach ihrem weit über hundert Jahre alten Nummernsystem, das die Ausstattung der Instrumente beschreibt. Apropos Zierrat: Dazu gehören auch noch die mehrschichtige Rosette mit einem breiten Perlmutt-Mittelstreifen ums Schallloch und ein etwas zaghaft geflecktes Tortoise-Pickguard.

(Bild: Dieter Stork)

Keineswegs nur Zierde ist der Stahlstab, für den kein Inbus beiliegt – Einstellarbeiten soll man bitte in der Martin-Servicewerkstatt erledigen lassen. Hm … Die Mechaniken mit Martin-Label kommen von Gotoh und haben recht dicke, zylindrische Achsen. Die Bridge, wiederum aus Richlite, entspricht einer klassischen Steel-String-Brücke mit Stegeinlage aus White Tusq von Graph Tech und Saitenpins aus Plastik, die etwas schöner entgratet sein könnten, aber die Saiten sicher fixieren. Palm Muting ist mit den Pins so gut wie unmöglich, da muss man etwas erfinderisch werden. Damit der Bass auch im lauteren Kontext eingesetzt werden kann, kommt er mit einem Fishman-Pickup. Das Bedienelement des Vorverstärkers, an dem Volume und Tone geregelt werden, ist über das Schallloch zugänglich, in der Zarge sitzt die Kombination aus einem leicht zu öffnendem Batteriefach für den 9V-Block und der Ausgangsbuchse.

(Bild: Dieter Stork)

NÜTZLICH!

Im Sitzen bringt sich der kompakte 000C JR wie von selbst in eine angenehme Spielposition. Bei der kurzen Mensur ist es nicht weiter verwunderlich, dass die linke Hand sehr unangestrengt agieren kann. Neben der Abrichtung durch den Plek-Automaten, die eine für Akustikbass-Verhältnisse sehr niedrige, schnarrfreie Saitenlage zulässt, trägt auch die Abrundung der Griffbrettkanten zum guten Spielgefühl bei. Dank dieser Rolled Edges schmiegt sich der mit 44 mm am Sattel eher breite, dabei aber nicht zu dicke Hals wie selbstverständlich in die Hand. Einzig der Sattel könnte für die beiden äußeren Saiten etwas tiefer gekerbt sein, um es perfekt zu machen. Dank des Cutaways ist es möglich, die Lagen im Sitzen tatsächlich bis ganz zum Ende auszunutzen. Trotz des stabilen Halsfußes und dem steilen Übergang zum Korpus ist auch der 20. Bund auf der E-Saite ohne große Verrenkungen erreichbar.

Und der Weg nach oben lohnt sich! Naturgemäß wird der Ton stupsiger, je höher man kommt, aber er singt noch genug für melodiöse Einlagen und hat genug Sustain für stehende Akkorde. Auch in den tiefen Lagen überzeugt der akustische Sound. Ich glaube, niemand wird ernsthaft fetten Tiefbass oder mit Westerngitarren mithaltende Lautstärken erwarten, und das will der kleine Martin auch nicht. Für sich gespielt macht er akustisch richtig Laune mit einem in sich stimmigen Ton, der eher auf einem tiefen Mittenfundament ruht. Sonor und eher weich, mit ausreichend präzisem Attack für gute Definition, reagiert er gut auf unterschiedliche Anschlagspositionen und gibt auch dynamisches Spiel gut wieder. An dieser Stelle muss ich explizit auch die Saiten loben. Die wurden speziell für die Junior-Bässe entwickelt (es gibt auch noch einen in Dreadnought-Form ohne Cutaway) und haben eine Phosphor-Bronze-Wicklung auf einem Nylonkern. Die Stärken lesen sich mit 45/56/71/96 recht ungewöhnlich, in der Praxis spielen sie sich aber so normal, wie das für einen so kleinen Akustikbass möglich ist.

Zum Spielspaß gehört auch der geringe Saitenzug, ohne dass die Saiten durch übermäßige Auslenkungen beim Anschlag und entsprechende Nebengeräusche auf sich aufmerksam machen würden. Ebenfalls hervorzuheben ist die saubere Intonation. Die ist bei Akustikbässen oft ein Problem und gelegentlich gar abenteuerlich – hier ist es das genaue Gegenteil! Im Zusammenspiel von Saiten, korrekt platziertem Steg und sorgfältig kompensierter Stegeinlage ergibt sich in der Oktave und darüber hinaus eine Abweichung von nur wenigen Cent. Hut ab!

Um den Bass an den Gurt zu nehmen, muss ein Pin erst in die vorgesehene Bohrung gedrückt werden, der andere ist schon am Halsfuß angeschraubt. Die allerhöchsten Bünde sind so nicht mehr ganz so leicht erreichbar, ansonsten bleibt alles gleich, der Bass hängt leicht, aber stabil an mir. Dann geht’s auch gleich noch an den Verstärker. Mit Volume und Tone voll aufgedreht, dringt ein punchiger Breitband-Ton an mein Ohr, mit knackigem Piezo-Attack. Mit dem schönen akustischen Sound hat das nicht wirklich viel zu tun, aber immerhin sind die Saiten sehr gleichmäßig abgenommen. Mit der Höhenblende kurz vor ganz zugedreht wird es deutlich schöner für meinen Geschmack, gegebenenfalls lässt sich am Amp oder einem externen Preamp ja noch präziser eingreifen.

So oder so ist der Junior in einem Bandkontext gut einsetzbar, füllt seinen Raum gut aus und setzt sich angenehm durch, wenn ich das möchte. Auch für eine schnelle Demoaufnahme ist der Pickup nützlich, auch wenn ich generell zumindest Unterstützung per Mikrofonabnahme bevorzugen würde.

(Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

„Wie man eine Gitarre mit diesem Ton baut, ist kein Geheimnis. Man braucht Sorgfalt und Geduld: Sorgfalt in der Wahl der Materialien, der Proportionierung, der vielen kleinen Details, die zum Spielkomfort von Spielerin und Spieler beitragen, und Geduld, die nötige Zeit aufzubringen, jedes Element fertigzustellen. Eine gute Gitarre kann nicht zum Preis einer schlechten gebaut werden, aber wer bereut schon die Mehrausgabe, wenn man dafür auf einer guten Gitarre spielt?“

Dieser Text von F. H. Martin aus dem Katalog von 1904 passt erstaunlich gut zum 000C JR-10E. Der Bass macht direkt Spaß und erfüllt spielend seinen Auftrag, komfortabel und transportabel zu sein. Je länger ich mich mit ihm beschäftigt habe, desto mehr wusste ich die überlegten und gut umgesetzten Details zu würdigen, die ihn im Sinne von F. H. Martin zu einem wirklich guten Instrument machen. Zum persönlichen Antesten sehr empfohlen!

PLUS

  • Größe
  • Spielgefühl
  • ausgewogener akustischer Sound
  • Saiten
  • Intonation
  • Gigbag

MINUS

  • kein Werkzeug
  • Palm Mutes schwierig
  • Sattelkerben E und G minimal hoch


(erschienen in Gitarre & Bass 04/2023)

Produkt: Gitarre & Bass 11/2023
Gitarre & Bass 11/2023
IM TEST: Knaggs Guitars Eric Steckel Kenai T/S +++ Fender Limited Edition Tom DeLonge +++ Stratocaster +++ Cort G290 FAT II +++ Guild D-140 / D-140CE +++ Fender Vintera II 60s Precision Bass +++ Captain Black Betty 1x12 Combo +++ Origin Effects DCX Bass Tone Shaper & Drive +++ Strymon Cloudburst Ambient Reverb +++ Boss IR-200

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