(Bild: Dieter Stork)
Seit 1999 steht BTB bei Ibanez für Boutique Bass, eine Modellreihe als Gegenentwurf zu den zierlicheren Soundgears: Mit großem Body und extralanger Mensur – selbst bei den Viersaitern – sind sie echte Kraftpakete. Ganz neu im Programm ist der BTB886MS aus dem Ibanez Bass Workshop. Dessen Anspruch ist es, innovative Instrumente abseits des Mainstreams zu entwickeln.
Schon der erste Eindruck des BTB in seinem Softcase ist gut: Was für ein schöner Bass! Die Maserung! Die Linien, die sich durch die voneinander abgesetzten Hölzer ergeben! Und diese warme, ziegelrote Farbe, die Ibanez „Brown Topaz Burst Flat” getauft hat!
SECHS RICHTIGE
Auch das Gewicht ist beeindruckend, als ich den Bass in die Hand nehme. Meine übliche Waage versagt mit „Overload” den Dienst, erst eine mit mehr Kapazität verrät mir, dass ich es mit einem 5,3 Kilogramm schweren Kaventsmann von einem Bass zu tun habe. Offensichtlich ist die Esche, die den Hauptteil der Korpusflügel ausmacht, von der heftigeren Sorte.
Esche kommt ebenfalls zum Einsatz als Deckenholz, das den durchgehenden Hals freilässt und mit einer Lage Okoume abgesetzt ist. Dadurch entstehen die bereits angesprochenen Linien, die wie eine natürliche Deckeneinfassung wirken. „Flat” bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Ibanez den Bass matt lackiert hat, wodurch die Maserung sehr schön sichtbar und fühlbar wird.
Das gilt auch für den Hals, der aus drei Streifen Ahorn mit zwei dünnen Stringern aus Walnuss zusammengesetzt ist. Hälse mit mehr Masse haben gemeinhin weniger Probleme mit der Stabilität. Dennoch hat man dem BTB zusätzliche Graphitstäbe unter dem Griffbrett spendiert, die für zusätzliche Festigkeit und eine gleichmäßigere Ansprache sorgen.
Das Holz der Wahl für das Fretboard ist Panga Panga. Die Art mit dem niedlich klingenden Namen ist mit der im Bassbau schon länger geläufigen Wenge verwandt. Beim Testbass hat sie eine gleichmäßig dunkle Färbung mit ähnlich groben Poren wie Wenge. Anders als diese ist Panga Panga aber keine gefährdete Art – gut so.
Die sauber bearbeiteten Bünde haben ein Medium-Format, das auf diesem großen Bass fast zierlich wirkt. Die Bundenden sind wie gewohnt akkurat verrundet und die Bundschlitze verschwinden hinter einem unauffälligen schwarzen Binding. Klare Dots und sehr hübsche Abalone-Punkte im Griffbrett weisen den Weg.
Vor über 30 Jahren brachte Sheldon Dingwall seinen ersten Fan-Fret-Bass auf Basis des älteren Patents von Ralph Novak heraus. Inzwischen hat sich dieses Design nicht nur bei Dingwall-Bässen etabliert. Auch der BTB886MS bietet Multi-Scale, um den tiefen Saiten über eine verlängerte Mensur eine klarere Artikulation zu geben. Der Fächer geht hier von regulären 34 Zoll für die G-Saite auf 37 Zoll für das tiefe H.
Die Saiten sind von D’Addario und wurden aus einzelnen NYXL-Saiten zusammengestellt. Wenn ein Wechsel ansteht, muss also ein passender Satz besorgt werden, wobei besonders auf die Länge der beiden tiefsten Saiten zu achten ist. Die Mechaniken sind in Gotoh-Manier gekapselte Modelle, die Brücke setzt sich aus sechs Ibanez-eigenen Monorails zusammen.
Diese können in Saitenlage und Oktave justiert werden und erlauben auch eine geringe Anpassung des Saitenabstands. Allerdings ist das minimal, man muss sich auf die werksseitig gegebenen 17 mm einstellen. Ebenfalls Ibanez-eigene Produkte sind die Tonabnehmer. Zwei Spulen ergeben jeweils einen Humbucker, wobei jede Spule ihr eigenes, in der Höhe separat zu verstellendes Gehäuse hat.
(Bild: Dieter Stork)
Ein netter Nebeneffekt dieser Konstruktion in Kombination mit den abgerundeten Enden ist eine saubere Daumenauflage. Mit großen, gut ablesbaren Metall-Potiknöpfen lassen sich Volume und die Balance des 3-Band-Equalizers einstellen. Zwei Minischalter sind für aktiv/passiv und drei Mittenfrequenzen zuständig.
Die Batterie sitzt in einem eigenen Fach auf der Rückseite und ist ohne Werkzeug austauschbar. Ein Schraubendreher ist nötig für den Blick ins E-Fach, was ich schnell wieder zumache angesichts des Kabelwusts und der freifliegenden Platine, die immerhin gegen Kurzschlüsse isoliert ist. Na, Hauptsache funktioniert, und da kenne ich Ibanez als sehr zuverlässig.
(Bild: Dieter Stork)
Zuverlässig funktioniert auch die Neutrik-Ausgangsbuchse. Ihre Arretierung sehe ich immer etwas zwiespältig, vor allem Winkelstecker bekomme ich oft mit einer Hand kaum raus – Fluch und Segen gleichzeitig.
DER ANKER DER BAND
Mit einem Gurt an den konventionellen großen Pins gibt es auch nicht den Hauch von Kopflastigkeit, die Balance ist absolut perfekt. Allerdings stellt sich auch direkt das Gefühl ein, einen ordentlichen Bootsanker auf der Schulter zu tragen … Im Sitzen macht sich der BTB erstaunlich gut, da merke ich das Gewicht weniger.
Die BTB-Linienführung war von Anfang an klar und eher kantig, so ist auch der 886 geschnitten. Durch geschickte Aussparungen ergeben sich trotzdem ein komfortables Handling und eine sehr gute Erreichbarkeit der hohen Lagen. Erst der 24. Bund auf der H-Saite bereitet mir Schwierigkeiten.
Direkt aus dem Softcase ist der Bass schon gut eingestellt, oft ist Ibanez da konservativer. Ich kann die Saitenlage aber problemlos und schnarrfrei noch sportlicher einstellen. Auch der korpusseitig gut zugängliche Stahlstab arbeitet entspannt und reicht aus, um dem breiten Hals gleichmäßig mehr oder weniger Krümmung zu verpassen.
Mittlerweile sind Multiscales/Fan Frets ja, wie schon geschrieben, nicht mehr so exotisch. Wer sich immer noch fragt, wie man darauf spielen soll, sollte nicht viel nachdenken, sondern den Bass einfach in die Hand nehmen und loslegen. Man kommt sehr schnell damit klar.
Der 886MS belohnt einen schon beim trockenen Anspielen mit einem enormen Ton. Jede Note klingt wie eine Glocke mit klarer, präziser Ansprache und festem, transparentem Bass bis in die allertiefsten Lagen. Da haben die Pickups schon ganz ohne Batterie passiv geschaltet leichtes Spiel.
Sie kommen sauber rüber, mit genau der richtigen Füllmenge an tragfähigen Mitten, auch in der mittenreduzierenden Mittelposition des Balancereglers. Dieser arbeitet schön gleichmäßig und bietet vielfältige Mischungen an. Der Halspickup allein erzeugt einen fundamentalen Ton.
Mit etwas zurückgedrehter Höhenblende, die sich im Minusbereich des Treblepotis befindet, ergibt sich ein Ton, der sich recht traditionell in viele musikalische Lagen einfügt – und dabei sehr stabil und gleichmäßig bleibt. Schön nökig kommt der Stegpickup, der im Level gut an den Kollegen angeglichen ist. Hier mag ich die Tonblende auch ganz zugedreht, es wird im weitesten Sinne Jaco-esk.
Etwas mehr Pfund könnte er allerdings vertragen, dafür ist ja der aktive EQ an Bord. Wie fast immer stellt sich zunächst die Erkenntnis ein, dass eine zugedrehte passive Höhenblende und ein zugedrehtes aktives Höhenpoti sehr unterschiedlich klingen. Nach einem sanften Dreh am eher tief ansetzenden Bassregler nehme ich zum Ausgleich der jetzt fehlenden Mitten den Mittenregler dazu.
Dieser lässt sich über einen Dreiweg-Minischalter in der Frequenz auf 250, 450 oder 700 Hz einstellen. Da ist für ziemlich jeden Bedarf im musikalischen Kontext bei schnellem Zugriff was dabei. Aufgedreht macht auch das Höhenpoti eine gute Figur: Es setzt hoch an und gibt dem ohnehin nicht höhenarmen Ton zusätzliche Luftigkeit.
Er wird sehr klar nach vorne geholt, ohne dass übermäßiges Rauschen auftritt oder es unangenehm wird. Im E-Fach sieht es nicht gerade nach Boutique aus, aber ich habe absolut nichts an den Ergebnissen auszusetzen.
(Bild: Dieter Stork)
RESÜMEE
Neue Klangwelten mit dem Medium E-Bass erkunden, das möchte Ibanez mit den Instrumenten aus dem Bass Workshop ermöglichen. Ganz neu im Sinne von „noch nie vorher dagewesen” ist es nicht, was der BTB886MS-BRF liefert, aber eine durchdachte Palette an sehr breit nutzbaren Klangfarben.
Verpackt in einem exzellent zu bespielenden, akkurat gefertigten Bass mit klaren Linien, schönen Maserungen und einer wunderbaren Farbgebung, ist der einzige Wermutstropfen das hohe Gewicht meines Testbasses. Dennoch klare Antestempfehlung, vielleicht finden sich, wenn man das denn möchte, in den Läden ja auch leichtere Exemplare!

(erschienen in Gitarre & Bass 02/2026)