Harleys für alle?

Test: Harley Benton JJ-45OP und JP-45OP

Anzeige

Seit fast 25 Jahren sorgt Thomann mit seiner Eigenmarke Harley Benton für ordentlich Wirbel im Anfänger:innen-Bereich. Neu im Sortiment ist das dynamische Testduo, das mit offenporiger Korpuslackierung und geröstetem Hälsen höchst zeitgemäß daherkommt.

Ein bunte Auswahl an Farben steht ebenso zur Auswahl wie die Frage, ob man lieber einen passiven PJ oder einen aktiven JJ hätte.

Anzeige

KONSTRUKTION

Der Korpus besteht bei beiden aus Esche, bei den Testbässen sind sie unsymmetrisch zwei- (JP) bzw. dreiteilig (JJ) zusammengesetzt, und zwar so geschickt, dass sich ein recht harmonischer Maserungsverlauf ergibt. Das Finish wirkt wie sandgestrahlt, die Rippen besagter Maserung sind also deutlich fühlbar durch die matte Lackierung. Die ist sauber ausgeführt, der JJ kommt im Naturlook, der JP in Sunburst.

Die schnittigen Pickguards sind farblich angepasst, wobei mir hier das hübsche Schildpatt besser gefällt als das etwas einfach wirkende White Pearl. Der sechsfach angeschraubte Hals ist aus geröstetem kanadischem Ahorn, also ein thermobehandeltes Holz, dem unter hoher Temperatur Feuchtigkeit entzogen wurde und dessen Struktur gelichzeitig dadurch so verändert wurde, dass es stabiler und unempfindlicher werden soll. Bei meinen Testbässen fällt die Röstung deutlich unterschiedlich aus, der JP ist wesentlich heller geblieben. Beiden gemeinsam ist, dass die (Ver-)Färbung stellenweise ungleichmäßig ist, was strukturell kein Problem darstellen sollte.

Die angeschäftete Kopfplatte ist nach hinten abgewinkelt und spart so den Saitenniederhalter, das aufgeleimte Griffbrett ist ebenfalls aus Röstahorn. 24 Medium-Jumbo-Bünde sind hier eingesetzt. Die sind sauber abgerichtet mit angenehm verrundeten Bundenden – den letzten Feinschliff haben sie nicht mehr bekommen, aber für den Preis … Die Mechaniken sind bei beiden generische, gekapselte Typen. Sie laufen nicht so sahnig wie die großen Vorbilder, bringen die Bässe aber mit minimalem Geknurpsel in Stimmung und halten diese dann auch.

Die Brücken sind Fenderähnliche Blechwinkel-Derivate, beim JP ist sie von Wilkinson mit Messingreitern und macht einen etwas wertigeren Eindruck. Der große Unterschied zwischen den beiden Modellen ist natürlich die Pickup-Bestückung samt der folgenden Elektronik: Das JP-Modell hat Tonabnehmer in PJ-Konfiguration, die über Volume, Balance, und Tone geregelt werden – alles rein passiv und an eine Buchse auf einem etwas dünnen Buchsenblech ausgegeben.

Volume, Balance und aktiver Zweiband-EQ beim JJ-Bass

 

Der JJ hat – wenig überraschend – zwei passive J-Pickups, die mit Volume, Balance und einem aktiven, gestackten Zweiband-Equalizer gekoppelt sind. Hier geht es über eine Rohrbuchse an den Amp. Eine Passiv-Option gibt es nicht, was auch wieder mit Blick auf den Preis verzeihlich ist. Dafür ist das Batteriefach auf der Rückseite so, wie ich es mag: Ohne Werkzeug zu öffnen, und der 9V-Block kann nicht verpolt eingelegt werden. Allen Tonabnehmern ist gemein, dass die von unten mit Barrenmagneten magnetisierten Polstücke recht weit aus den Gehäusen ragen, das sollte eigentlich leicht und ohne Zusatzkosten zu korrigieren sein. Dafür sind sie immerhin angenehm abgerundet.

Volume-, Balance- und Tone-Poti beim JP-Bass

 

BESPIELBARKEIT/SOUND

Am Gurt hängen beide Bässe ausgesprochen ausgewogen, der JP mit schlanken 3,6 kg, der JJ mit immer noch tragbaren 4,2 kg. Beiden hilft die gestreckte Korpusform, die manchen bekannt vorkommen könnte. Gleich zweimal wird auf der zugehörigen Produktseite auf das „proprietäre“ und „hauseigene (…) Design von Harley Benton“ hingewiesen – wer das mal überprüfen mag, findet in G&B 03/22 einen interessanten Testbericht …

Direkt aus dem Karton sind beide Testbässe bestens spielbar, sodass ich eigentlich gar nicht die übliche Einstellrunde machen muss. Sollte das nötig sein, sind Saitenlage und Oktave an den Bücken schnell eingestellt, die Halskrümmung ist über das superpraktische Speichenrad mit einem Metallstab (der beiliegt) ebenso schnell justiert wie mit einem Inbusschlüssel oder einem schmalen Schraubendreher. Wie schon erwähnt, auch wenn die Bünde etwas kratzig sind, was vor allem beim Saitenziehen auffällt, sind sie sonst gut abgerichtet. Nichts schnarrt oder rasselt in irgendeiner Lage, bei einer eher flachen Saitenlage. Geröstete Hälse fassen sich in der Regel sehr angenehm an, da machen die beiden hier keine Ausnahme. In Kombination mit der guten Justierung, dem angenehmen Halsprofil und der Sattelbreite von 40 mm ergibt das ein sehr entspanntes Arbeitsfeld für die linke Hand.

Trocken angespielt klingen die beiden Bässe praktisch gleich. Die Ansprache ist knackig-spritzig, das Sustain gleichmäßig – und das in allen Lagen, Deadspots sind nicht auszumachen. Das ist angesichts der Preisklasse schon beeindruckend. Die Ausstattung der Testbässe mit D‘Addario-Saiten schadet da sicherlich auch nicht. Zuerst darf der JP an den Amp. Hm, den frischen und knackigen Trockenton bekommen die Tonabnehmer nicht rüber, es klingt immer etwas verhalten und verhangen. Der geneigten Anfängerin bzw. dem geneigten Anfänger wird es egal sein, genau wie die Tatsache, dass in Mittelstellung des Balancereglers D- und G-Saite etwas weniger Punch haben als die beiden tiefen, weil hier andere Auslöschungen zwischen den beiden Pickups stattfinden. Ein kleiner Dreh am durchaus sensiblen Balancepoti raus aus der Mitte und schon ist es gleichmäßiger.

Man ahnt schon anhand der Einbauposition, dass der vordere Abnehmer keinen „echten“ Preci-Ton bringen kann, er sitzt fast 2,5 cm weiter Richtung Hals. Preci-ähnlich kann er aber durchaus und klingt angenehm tief und rund. Der Stegpickup befindet sich in typischer Position und klingt ergo dem Vorbild näher. Den klassischen Jaco-Sound mit runtergedrehter Höhenblende bekommt der Bass so halb hin, es fehlt der nötige Punch und die Bissigkeit, dazu nimmt der Höhenregler auf den letzten Millimetern zu viel Ton weg. Aber für die Preisklasse … Die Kombination aus beiden Pickups bietet eine Interpretation des PJ-Tons mit, wie schon beschrieben, nochmal anderen Auslöschungen als normal. Klingt eigen, kann sich hören lassen!

Der Wechsel auf den JJ bringt zuerst nochmal zwei optische Einsichten: Der schmalere Saitenabstand der Brücke lässt die Saiten nicht mittig zwischen den Polstücken verlaufen. Ist beim JP ähnlich, aber durch die anderen Bestückung nicht so offensichtlich. Und während die Potiknöpfe beim JP keine Markierung haben, und so jegliches Statement zu ihrer Einstellung elegant umgehen, sind die Punkte beim JJ korrekt orientiert, wenn alle Regler „voll auf“ sind, was aber bei Balance und EQ wenig Sinn macht. Naja, ist ja schnell korrigiert, im Gegensatz zur Brücke.

Am üblichen Platz sitzen dafür die Tonabnehmer, die entsprechend Jazz-Bass-ähnliche Klänge hören lassen, mit dem typischen, leicht mittenreduzierten Allroundton in Mittelstellung und den üblichen Verschiebungen zu den knurrigen Tiefmitten am Steg sowie kehligen Hochmitten am Hals. Die Aktivschaltung sorgt schon in Neutralstellung für glasigere Höhen, ohne den grundsätzlichen Eindruck, den ich schon beim JP hatte, abschütteln zu können. Bei der Dosierung der Klangregelung sollte man Vorsicht walten lassen, da sitzt ganz schön viel Power dahinter – zu viel, wenn man nicht aufpasst. Der Höhenregler gibt dem Ton eine fast Exciter-hafte Note, klingt interessant!

Runtergedreht schafft er nicht das angenehm runde einer guten passiven Blende. Fairerweise muss ich sagen, dass das die wenigsten rein aktiven Schaltungen können. Was die Nebengeräusche angeht, verhalten sich beide Bässe „typisch“: Beim JP ist der P-Pickup solo frei von Brummen, was in Mittelstellung zunimmt und mit dem J-Abnehmer alleine am intensivsten ist, während beim JJ die Mittelstellung gegenüber den beiden Einzelabnehmern ruhig ist. Alles unauffällig, auch der aktive EQ macht keine übermäßigen Geräusche.

RESÜMEE

Was man da für kleines Geld bekommt, ist schon wirklich erstaunlich. Balance und Bespielbarkeit lassen keine Wünsche offen, die Holzsubstanz macht einen guten Eindruck. Klar aber auch, dass man bei den Preisen Abstriche machen muss. Ein Set gute Tonabnehmer kann schon mal mehr kosten als jeder dieser Bässe, aber mit den eingebauten kann man erstmal arbeiten. Das gilt auch für die Mechaniken, die nicht so schön rund laufen wie teurere Modelle, aber ihren Dienst noch anständig verrichten. Damit kann man die ersten (und zweiten und vielleicht auch noch dritten) Schritte am Bass gut angehen. Wenn die Holzsubstanz sich dann als haltbar erweist, lohnt sich vielleicht sogar ein Aufrüsten mit guten Parts.

PLUS

● gleichmäßiger Ton
● Bespielbarkeit
● eigener Klang JP-45
● Gewicht JP-45
● Balance
● D‘Addario Saiten
● Werkseinstellung Testbässe

MINUS

● Saitenabstand Brücke vs. Pickups

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2022)

Produkt: 30 Jahre Gitarre & Bass – Mark Knopfler
30 Jahre Gitarre & Bass – Mark Knopfler
Du möchtest spielen wie Mark Knopfler? Dann hol Dir unser Download-Special, mit geballten Informationen aus 30 Jahren Gitarre & Bass, zum senationellen Preis.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Es geht doch nix über Harley Benton…..

    Auf diesen Kommentar antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren