Hohl, aber herzlich

Gretsch G5442BDC Electromatic TR im Test

Hollowbody-E-Bass von Gretsch, rot, liegend
FOTO: Dieter Stork

 

Der Wunsch nach Instrumenten im Retro-Style ist ungebrochen, und so lassen mittlerweile einige Hersteller auch in Fernost aufwendige Halb- und Vollresonanz-Bässe zu erschwinglichen Preisen fertigen. Auch die Traditionsschmiede Gretsch macht das Spiel mit und bringt eine Korea-Variante dieser ansonsten kostspieligen Spezies auf den Markt.

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Hinter dem etwas kryptisch anmutenden Namen verbirgt sich ein neuer Vertreter der Electromatic-Serie, die das Programm des Gretsch-Programms preislich nach unten abrundet. Glücklicherweise wurde nicht an der optischen Gestaltung des Instrumentes gespart, und der Bass ist Gretsch-typisch ein echter Hingucker. Mit einer gehörigen Portion Understatement und Detailverliebtheit weiß er auf den ersten Blick das große Paar Schuhe zu füllen, das ihm der Firmenname vorgibt.

 

Konstruktion des Gretsch G5442BDC Electromatic TR

Sofort fällt das klassische Erscheinungsbild des imposanten Vollresonanz-Basses auf. Die schiere Größe der Korpusfläche ist dabei kein rein gestalterisches Element, sondern trägt auch dem akustischen Konzept des groß gewachsenen Shortscale-Instruments Rechnung. Man sollte daher allerdings als kleinerer Bassist unbedingt vorab eine Anprobe wagen!

Die Korpusform des Basses an sich ist im Wesentlichen der Double-Cut-Version der White Falcon und anderer Gretsch-Modelle entliehen. Es handelt sich dabei um eine Hollowbody-Konstruktion aus fünfschichtigem Ahorn-Laminat. Bewusst verzichtet der Hersteller auf einen Sustainblock und schöpft hierdurch das Potential an Resonanz und Klangfülle voll aus. Lediglich ein kleiner Holzblock, etwa in der Größe einer Streichholzschachtel, verbindet auf Höhe der Brücke Decke und Boden miteinander und verleiht so dem Body an entscheidender Stelle Stabilität. Außerdem reduziert diese statische Verbindung von Decke und Boden die Rückkopplungs-Anfälligkeit. Parallel zum Saitenverlauf sind außerdem zwei dünne Ahornstreben mit der Decke verleimt, welche zusammen mit dem entlang der Zarge verlaufenden Rahmen ein robustes Skelett bilden. Insgesamt leistet sich Gretsch keine Patzer bei der Holzverarbeitung und so sind auch die F-Löcher sauber und ohne Fransen gefräst. Es überrascht daher nicht, dass auch die Hals-Korpus Verbindung absolut frei von Mängeln ist.

Der schlanke Ahornhals mit angeschäfteter Kopfplatte ist traditionell in einem leichten Winkel perfekt eingeleimt. Als Griffbrettmaterial kommt kontrastreiches Palisander mit feinen und eng stehenden Poren zum Einsatz, das mit sauber eingelassenen Block- Einlagen und 20 perfekt polierten Bundstäbchen glänzt. Das Holz ist nicht zu trocken und dadurch weniger spröde als es bei einigen anderen Instrumenten aus Fernost-Produktion der Fall ist. Bei der Farbauswahl beschränkt sich der Hersteller auf wenige klassische Farben und bietet den Bass neben der getesteten transparent roten Variante nur noch in Schwarz an. Beide Versionen sind hochglänzend lackiert und an Hals, Korpus und F-Löchern mit Bindings versehen. Leider finden sich bei Letzteren Schwächen in Form von kleinen Farbspritzern. Auch die etwas rustikale Kerbung des Plastiksattels fällt ins Auge, das geht besser!

Bei der Auswahl der Hardware sucht man vergebens nach vertrauten Markenprodukten und trifft überwiegend auf soliden Standard aus der Fernost-Produktion. Sowohl die klassische zweiteilige Brücke als auch die geschlossenen Stimmmechaniken halten jedoch einer genaueren Begutachtung stand und weisen keinerlei Mängel in Verarbeitung und Funktion auf. Zwar lassen sich die Saitenreiter in der Höhe nicht einzeln justieren, doch die Saiten liegen in einem ausgewogenen Höhen-Verhältnis zueinander und die Saitenreiter folgen dem Griffbrettradius. Unterm Strich überzeugt die Hardware, wodurch ein „Upgrade“ auf kostspielige Marken-Produkte erst einmal unnötig erscheint. Um stets den passenden Ton zu finden, stehen dem Spieler zwei Tonabnehmer im Mini-Humbucker-Format zur Verfügung. Die optisch ansprechenden Aggregate sind in Pickup-Rahmen aus verchromtem Blech montiert und lassen sich in ihrer Höhe problemlos der Saitenlage anpassen. Um zwischen verschiedenen Rhythmuspassagen einen schnellen Wechsel des Grund-Sounds zu ermöglichen, hat Gretsch den Pickup-Wahlschalter am oberen Cutaway positioniert. Von dort aus wird das Signal an eine klassische Jazz-Bass-Schaltung mit zwei Volume- und einem Tone-Regler weitergeleitet, wobei Gretsch-typisch ein Master-Volume-Poti hinzugefügt wurde. Ein gelungenes Konzept!

Durch kleine Details wie die gravierten Potiknöpfe oder der passend zu den Gurtpins ausgewählte Pickup-Wahlschalter erscheint der Bass auch in Details optisch stimmig, was zur Folge hat, dass man ihn einfach gerne in die Hand nimmt und erst einmal als Lieblingsgerät für entspanntes Sofakanten-Spiel auswählt.

 

gretsch_g5442bdc_electromatic_tr_1
FOTO: Dieter Stork

 

Der Gretsch G5442BDC Electromatic TR in der Praxis

Obwohl der Gretsch-Bass bis hierher nur minimale Patzer offenbart hat, wird der erste Praxistest durch ein paar unnötige Mankos getrübt. Bei den ersten Gehversuchen erschwert zunächst die hohe Saitenlage jegliche Form von entspanntem Spiel. Dazu gesellt sich ein mechanisches Rasseln, das im unverstärkten Betrieb so laut ist, dass man sich zunächst nicht sicher ist, ob man es hier nicht mit einem Perkussionsinstrument zu tun hat. Nachdem ich den Halsspannstab nachgezogen und die Brücke etwas gesenkt habe, ist die Bespielbarkeit zufriedenstellend und auch die Herkunft des Rasselns lokalisiert: Die Federn der Steg-Pickup-Aufhängung haben zu wenig Gegendruck, was durch das Absenken des Tonabnehmers jedoch leicht zu beheben ist. Bei einem genaueren Blick auf den Pickup-Rahmen fällt hierbei auf, dass dieser fast lose auf der Decke liegt, da sämtliche Schrauben nicht richtig angezogen sind. Ärgerlich!

Nachdem der erste Schrecken überwunden ist, muss sich der Bass am Gurt beweisen. Spätestens jetzt wird man sich am äußerst erfreulichen Gewicht von nur 3,2 kg erfreuen. Einzig und allein die bauartbedingte Kopflastigkeit schmälert den Spielkomfort im Stehen. Entschädigt wird der Spieler allerdings sofort mit einem souveränen akustischen Ton. Dabei zeigt sich der Gretsch nicht einfach plump laut, sondern beeindruckt durch Klangfülle, eine schnelle Ansprache sowie eine charakteristisch-holzige Note. Die richtig tiefen Bässe sind dabei nicht sonderlich ausgeprägt, was jedoch ein u. a. durch die kurze Mensur bedingtes Phänomen ist. Nichtsdestotrotz liefert der Bass ein gesundes Fundament an Tiefmitten, welches zu keinem Zeitpunkt das knackige Attack dämpft. Sowohl getragene Töne als auch schnelle Linien sind hierdurch eine wahre Freude, wobei der schlanke Hals mit einer Sattelbreite von nur ca. 40 mm auch flinkes Spiel begünstigt.

Am Verstärker fällt mir auf, dass ich das Gain-Poti recht weit aufreißen muss, um auf die gewünschte Lautstärke zu kommen. Die verwendeten Pickups sind ziemlich Output-schwach und liefern zudem einen recht eigenwilligen Sound. Beim Durchschalten der einzelnen Pickup-Positionen ist allen Einstellungen ein etwas belegter und undifferenzierter Ton zu eigen, wobei erstaunlich ist, wie gering der Unterschied zwischen dem Betrieb beider Tonabnehmer und dem Hals-Tonabnehmer alleine ist. Obwohl beide gleich laut sind, ist der Hals-Pickup in der Kombination beider Tonabnehmer sehr dominant.

Das Ergebnis ist ein Grund-Sound, der sich trotz der vielen Regler und Schalter nur wenig variieren lässt und immer eine undifferenzierte Note, mit leichter Tendenz zum Dröhnen, beibehält. Je nach ausgewähltem Tonabnehmer verschiebt sich der Sitz der Mitten von einem etwas nasalen Timbre am Steg-Pickup bis hin zum bauchigen Tiefmitten-Pfund des Hals-Pickups, doch der beschriebene Grund-Sound bleibt stets der gleiche. Die eingeschränkte Flexibilität ist allerdings eine häufige Eigenheit von Instrumenten dieser Bauart und nicht zwangsläufig als Nachteil zu bewerten. Kritisieren kann man hingegen, dass es den Tonabnehmern an Charakter und Ausdrucksstärke mangelt. Egal was man spielt, die Mitten und Obertöne sind nie klar umrissen und die Bässe erscheinen nie wirklich warm. Die hervorragenden akustischen Klangeigenschaften werden so nahezu gegensätzlich wiedergegeben. Ein Upgrade auf ein Set TV-Jones-Humbucker, wie sie in den USA-Modellen schon ab Werk von Gretsch verbaut werden, scheint daher sinnvoll und ist bekanntlich ein Schritt für viele, die sich ein Gretsch-Instrument aus der Electromatic-Reihe angeschafft haben.

 

Alternativen zum Gretsch G5442BDC Electromatic TR

Die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht; auch nicht auf dem Markt der Halb- und Vollresonanz-Bässe. Epiphone bietet seit vielen Jahren mit dem beliebten Jack Casady Signatur Bass (Test in Ausgabe 12/1998) ein Hollowbody-Instrument zu einem attraktiven Preis von etwa € 580 an. Wie auch der Gretsch wird dieser Bass in Korea gefertigt, unterscheidet sich jedoch von ihm durch die lange Mensur und den rockigeren Grund-Sound. Noch ein wenig günstiger wird Hagströms in China gebauter Viking Bass (Test in Ausgabe 02/2011) angeboten. Mit einem Preis von € 540 und einem hohen Maß an Qualität und Flexibilität bekommt man hier viel Bass fürs Geld. Wer den Gretsch Electromatic besonders wegen seines Designs attraktiv findet, sollte unbedingt auch einen Blick auf den Classic 4 von Eastwood werfen. Die Übereinstimmungen in den optischen und technischen Merkmalen sind so groß, dass sich Eastwood hier recht nah am Gretsch-Original bewegt. Für € 570 sollte man diesen Bass daher als nächsten Verwandten des Gretsch-Basses ebenfalls ausprobieren.

 

Resümee

Gretsch bietet mit seinem neusten Korea-Bass-Zögling ein Instrument an, das neben seiner stimmigen Optik durch einen hohen Verarbeitungsstandard punkten kann. Wer sich regelmäßig in Blues-, Beat-, Jazz oder gar Indie-Gefilden aufhält, wird in diesem Bass einen inspirierenden Begleiter finden, der im Gegensatz zu einigen anderen Fernost-Instrumenten das gewisse Etwas in Sachen Understatement mitbringt. Die Detailverliebtheit und der akustische Klang entschädigen dabei für die etwas blassen Tonabnehmer und die leichten Schwächen in der Endmontage, beides Mankos, die sich ausmerzen lassen. Es bleibt jedem selbst überlassen ob er bereit ist, für das Firmenlogo, den Prestige-Faktor und die liebevolle Gestaltung des Basses deutlich mehr auszugeben als das, was andere Hersteller für vergleichbare Instrumente aufrufen. Der Preis des Basses wäre annehmbarer, wenn Gretsch auf USA-Hardware und -Pickups, sowie einen im Angebot enthaltenen Koffer oder Gigbag gesetzt hätte, um sich immerhin damit von der Konkurrenz abzuheben.

 

Übersicht

Fabrikat: Gretsch

Modell: G5442BDC Electromatic TR

Typ: Hollowbody-E-Bass, Viersaiter

Herkunftsland: Korea

Mechaniken: geschlossene NoName Stimmmechanicken

Hals: Ahorn, einteilig, eingeleimt, angeschäftete Kopfplatte

Sattel: Kunststoff

Griffbrett: Palisander, eingefasst, Hump–Block Einlagen

Halsform: C-Profil

Halsbreite: Sattel 40,60 mm; XII. 54,80 mm

Bünde: 22, Medium Jumbo

Mensur: 768,4 mm, Shortscale

Korpus: Ahorn-Sperrholz, 5-lagig

Oberflächen: transparent Red, hochglänzend lackiert (Option: Black, hochglänzend lackiert)

Schlagbrett:

Tonabnehmer: passiv, 2× Black Top FilterTron Humbucker

Elektronik: passiv

Bedienfeld: 1× Hals-Pickup Volume, 1× Steg-Pickup Volume, 1× Master-Volume, 1× Master-Tone, 1× Dreiweg-Pickup-Schalter

Steg: Aufsatzsteg aus Palisander mit Adjusto-matic Brücke

Hardware: verchromt

Saitenabstand Steg (E – G-Saite): 58,00 mm

Gewicht: 3,2 kg

Lefthand-Option: nein

Vertrieb: Fender

40549 Düsseldorf

www.fender.de

Zubehör:

Preis: ca. 1035

 

Plus

  • Verarbeitung
  • Optik
  • Gewicht
  • Spielbarkeit
  • akustischer Klang

 

Minus

  • Endmontage
  • Kopflastigkeit
  • Pickups
  • kein Koffer/Gigbag
  • Preis
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