Masterspieces - Bursts im neuen Glanz

Gibson Les Paul Standard Custom Shop im Test

Vor gut einem Jahr ist der Gibson Custom Shop umgezogen und hat diese Zäsur genutzt, um die heiß begehrten 1959er Les-Paul-Standard-Modelle gründlich zu überarbeiten. Wir zeigen die schönsten Modelle.

Gibson Les Paul Classic_01

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Bisher galt das Baujahr 2003 als vorläufiger Höhepunkt in der Gestaltung der begehrtesten 1959er Standards aus dem Custom Shop. Besonders die Modelle, die von Januar bis Mai dieses Baujahres mit einem echten Rio-Palisander-Griffbrett ausgestattet wurden, sind bis heute Objekt der Begierde. Die kurz darauf folgende Nachricht, die 58er Modelle seien zunächst wieder nur mit sogenannten Plain-TopDecken, die 59er dagegen weiterhin mit Flames erhältlich, schien vorerst ein Rückschritt. Außerdem verbreitete sich das Gerücht, Lackmeister Tom Murphy versage Gibson zukünftig die Dienste. Was wahrlich nicht stimmte. Kurz darauf versuchte der Custom Shop der Standard-Serie mit dem Kürzel V.O.S. (vintage original specs) noch mehr Authentizität zu verleihen.

Gemeint war damit vor allem ein durchweg mattes, gebraucht und eingespielt erscheinendes Finish sowie eine dem ursprünglichen Glanz beraubte Hardware. Das war ein guter Anfang. Geblieben waren zunächst die Farben, bei denen nach wie vor das klassische Cherry Sunburst im Vordergrund stand. Wie immer, wenn ein großer Hersteller das Programm überarbeitet, häufen sich die Unkenrufe, man könne oder wolle die ursprüngliche Qualität einfach nicht mehr liefern. Schon war in den einschlägigen Foren zu lesen, die Decken seien weniger attraktiv, die Verarbeitung, vor allem bezüglich der Lackierung, eines Custom Shops nicht mehr würdig, und das Holz längst nicht mehr so klangtauglich wie Ende der Neunziger. Alles nur Gerüchte. Der Custom Shop, ein übrigens vollständig autarkes Unternehmen mit mittlerweile 100 Mitarbeitern, schwieg zu all diesen Diskussionen wohl wissend, dass man reichlich Trümpfe im Ärmel hat.

Mit großem Aufwand und Erfolg engagierte man sich zusammen mit den Honduras Communities aus dem Rio Plàtano Biosphere Reserve kontrollierte Mengen Honduras Mahagoni zu ernten. Eine Grat-Wanderung, zumal sich Gibson gleichzeitig stark für den Artenschutz und die Wiederaufforstung des Regenwaldes einsetzt. Dies alles geschieht in Abstimmung mit den verantwortlichen Forstgesellschaften, die eigens für Gibson die Plantangen pflegen und bearbeiten. Diesen Luxus lässt man sich etwas kosten, was wiederum der Forstpflege und der Erhaltung von Arbeitsplätzen in dieser Region dient. Insgesamt eine wohl vorbildliche Maßnahme, die auch auf längere Zeit die Versorgung mit dem begehrten Grundmaterial aus der Honduras-Region sichert. Die aktuellen Les Paul Standard Reissues aus dem Custom Shop werden demnach aus den botanisch exakt gleichen Holzsorten gebaut wie die Vorbilder aus eigenem Hause 50 Jahre zuvor.

Der Weltmarkt bietet zwar auch andere Quellen für Mahagoni, etwa Afrika oder Südostasien, aber nur in der mittelamerikanischen Ursprungsregion gedeiht die begehrte Gattung, die es ermöglicht, eine Les Paul Standard unter 4 Kilogramm wiegen zu lassen. Mal ganz zu schweigen von den klanglichen Eigenschaften dieser erlesenen Hölzer. Und noch eine Mär hält sich hartnäckig, besonders in unseren Landen. Es heißt, Gibson selektiere die Gitarren vor Auslieferung nach Kontinenten. Nur die besten Stücke behalte man im eigenen Land, die weniger attraktiven Instrumente würden ins Ausland verschifft. Ein Unsinn, der wohl dem sprichwörtlichen Futterneid des Exportweltmeisters Deutschland entstammt (In England hat mich mit dieser These jedenfalls noch niemand konfrontiert).

Wie soll so etwas aussehen? Ein Gibson-Mitarbeiter durchforstet die Auslieferungen nach Export-Gurken, spielt wohlmöglich noch jede Gitarre persönlich an? Bei einem Event auf Schloss Staufenberg bei Giessen in diesem Frühjahr erhielten alle Anwesenden einen eindrucksvollen Beleg der wirklichen Tatsachen. Um die neuen Modelle vorzustellen waren Mitarbeiter des Custom Shops eingeflogen und hatten circa 100 Gitarren im Gepäck, die aufgrund ihrer Schönheit und Qualität auch dem letzten Zweifler das Wasser im Munde zusammenlaufen ließen. Auch unsere sechs Test-Exponate stammen aus dieser Lieferung. Also Schluss mit diesem Seemannsgarn!

Gibson Les Paul Classic_02

Konstruktion

Nur auf den ersten Blick scheint bei der kurz R9 (Reissue 59) genannten Baureihe alles beim Alten. Der Kniff liegt im Detail. Die für Liebhaber so wichtigen Details wie Deckenwölbung, Halsform und Hardware wurden weiter nach exakt historischer Vorgabe perfektioniert. Die Hälse aller sechs Instrumente sind längst nicht mehr so „chunky“ wie wir es aus der Vergangenheit kennen. Sie sind nach wie vor kräftig, aber folgen in ihren Abmessungen tatsächlich dem, was auch schon 1959 gut in der Hand lag. Da ich zur Zeit einige alte Instrumente von Gibson im Hause habe, konnte ich mich davon auch im Direktvergleich überzeugen. Auch das Stop-Tailpiece besitzt endlich die „magischen“ 40 Gramm, was etwa den superleichten historischen Saitenhaltern entspricht.

Auch die Form ist stimmig. Die Deckenwölbung ist stärker ausgearbeitet und verleiht zusätzliche Schnittigkeit und Eleganz. Eine enorme Qualitätssteigerung brachte zudem die Anschaffung einer PLEK-Maschine, die in der Lage ist, eventuelle Unebenheiten des Bundmaterials elektronisch abzutasten und automatisch zu korrigieren. Perfekt abgerichtete Instrumente sind das Ergebnis. Da ich ein Fan sehr niedriger Saitenlagen bin, weiß ich dieses Feature zu schätzen. Die Plug-and-PlayQualität der Instrumente ist daher einzigartig. Kein Scheppern, kein Surren! Aus dem Koffer nehmen und spielen.

Das Modell Standard Chambered löst die Cloud-9-Serie ab. Durch ein perfekt berechnetes Hohlkammer-System wird diese Gitarre extrem leicht und bietet einen schon fast halbakustischen Sound, den ich im Test absolut interessant fand. Ein Rückenproblem kann also einen Les-PaulFan nicht mehr abschrecken. Das 1957 Standard Harrison-Style-Modell bildet eine Ergänzung für Fans vom Gibsontypischen Cherry-Red. Natürlich hat dieses Instrument entsprechend dem Vorbild, das einst George Harrison gehörte, Grover-Mechaniken und eine größtenteils „plain“ gestaltete Decke.

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Finish & top

Was wäre eine 59er Standard ohne eine verzückende Top-Gestaltung? Allein die Ausstrahlung der unterschiedlichen Deckenhölzer und Farben hat die Preise für ein Original in astronomische Bereiche katapultiert. Die Anmut von Farbe und Maserung ist für viele Liebhaber die eigentliche Handschrift einer guten R9. Die Flammung ist insgesamt unregelmäßiger und damit authentischer und charaktervoller geworden. Die wie mit dem Lineal gezogen erscheinenden und deshalb Barbecue-Tops getauften Deckenmaserungen scheinen verschwunden.

Echte, züngelnde Flames beherrschen das Bild, diese wiederum werden von längs laufendem „Grain“, der eigentlichen Holzmaserung, durchzogen, was das Holz einzigartig erscheinen lässt. Jede Gitarre ein Einzelstück! Was eine R9 Standard V.O.S. bleibt oder von Tom Murphy mit zusätzlichem Aging weiterbearbeitet wird, entscheidet die Authentizität der Maserung. Hier wird tatsächlich mal selektiert. Murphy benötigt für Aging und seine geheimnisvolle Worn-In-Formel nach eigener Aussage pro Instrument circa eine Woche Arbeitszeit, was den starken Aufpreis solcher Instrumente erklärt.

Eine Murphy ist eben Top-of-the-Line für die Anhänger größtmöglicher Authentizität. Im Zenit der Schönheitsattribute dieser Instrumente stehen allerdings die Farben. Und hier hat der Custom Shop wirklich enorm zugelegt. Neben Faded Tabacco, das Billy Gibbons berühmter 59er Pearly Gates gleicht, und dem typischen Sunrise Teaburst, das eine gefadete Cherry-Sunburst-Lackierung nachbildet, gehört nun auch Lemonburst zum Programm, eine Farbgebung, die nur noch einen (eher bräunlichen) Hauch vom ehemaligen Cherry in sich trägt und mit leichtem Grünstich (wie die berühmte „Greeny“-Les-Paul) versehen wurde. Durch den seigenmatten Glanz wirken diese Farben umso schöner.

Dazu kommen noch weitere Farben wie etwa Bourbon-Burst, eine mit einem ViolettSchimmer leuchtende Darkburst-Variante, die an die berühmte Brock-Burst oder Duane Allmans geliebte Hotlanta erinnert. Neu im Programm ist außerdem der Farbton Vintage-Red, der George Harrisons 57er Standard nachempfunden wurde. Diese Gitarre hatte ihm einst Eric Clapton geschenkt. Clapton spielte sie beim Solo von ‚While my guitar gently weeps‘. Es handelte sich vermutlich um eine neu lackierte Goldtop, da man eine asymmetrische Deckennaht erkennen kann, die bei dem Gibson-Modell exakt nachgearbeitet wurde. Der satte Cherry-Sunburst-Ton gehört natürlich weiterhin zum Programm. Mit großer Akribie widmete sich der Custom Shop der exakten Pigmentierung und Farbmischung. Noch nie waren die Burst-Tönungen so vielfältig und historisch.

Praxis

Die beschriebene Modelpflege sowie die Wahl der Tonhölzer verleiht diesen Ausnahme-Instrumenten nicht nur enorme Schönheit, sondern auch Klangqualitäten, die absolut der Tradition verpflichtet sind. Auch wenn die R9-Serie schon stets zur Ausnahme-Kategorie in punkto Klang gehörte, tönen diese Gitarren noch näher an der historischen Vorgabe. Den Beweis dafür wird ein neuer Videofile liefern, der per Download unter www.gitarrebass.de erhältlich ist. Die typischen Klangformanten sind in jeder Ebene auszumachen. Zwar werden sich auch diese Instrumente bei regelmäßigem Spiel noch kräftig entfalten, die enorme Ansprache, Dynamik und tonale Kraft ist allerdings auch schon bei einer frisch ausgepackten Gitarre zu erkennen.

Der kehlige, hölzerne Grundcharakter der alten Gibsons ist wieder erwacht. Die Bespielbarkeit ist dank der komfortablen Halsform und der PLEK-Abrichtung ohnehin traumhaft. Mehr 59er Standard war bisher von einem neuen Instrument nicht zu haben. Wir blicken gespannt in die Zukunft. Da 2009 das 50. Jubiläumsjahr dieser Legende ansteht, bedient uns der Custom Shop sicher noch mit der einen oder anderen Überraschung. Ich freue mich schon jetzt darauf.

 

Plus

  • Konstruktion
  • Holzqualität
  • Lackierung
  • Verarbeitung
  • Design
  • Klang

 

Gibson Les Paul Classic_übersicht

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