Der König ist tot, lang lebe der König!

Fender American Professional Precision Bass & Jazz Bass im Test

Knapp 30 Jahre lang mussten sich J- und P-Bässe aller Art an Fenders American- Standard-Serie messen lassen, doch damit ist es jetzt vorbei! Die vielleicht wichtigste Modellreihe im Fender-Portfolio wird abgelöst – der neue Standard kommt zukünftig aus der American-Professional-Serie!

(Bild: Dieter Stork)

Was wie eine Revolution klingt, ist bei genauerem Hinsehen eher ein Revolutiönchen im Detail, in dem jedoch bekanntlich gern der Teufel steckt. Dass Fender Erfolgsrezepte wie den Jazz & und Precision Bass nicht komplett neu erfindet liegt auf der Hand – warum sollte man auch an den beliebtesten Bass-Designs aller Zeiten herumdoktern und ein Stück Marken-Identität riskieren? Die Neuerungen findet man deshalb da, wo sie das Gesamtkonzept nicht gefährden und trotzdem einen großen Performance- Unterschied machen. Für die American-Professional-Serie wurden die Farben, Bünde, Mechaniken und Pickups sowie das Halsprofil und Sattel-Material überarbeitet, außerdem gibt es einen neuen Koffer – aber eins nach dem anderen …

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Feinabstimmung

Die wichtigsten Grundzutaten bleiben so, wie sie Leo Fender vor über 60 Jahren erdacht hatte: Sowohl beim P- als auch beim J-Bass ist der einstreifige Ahornhals auf einen zwei- oder dreiteiligen (je nach Lackierung) Erle-Korpus geschraubt; bei beiden Modellen hat man die Wahl zwischen einem Ahorn- oder Palisandergriffbrett. Neben den klassischen Farben 3- Tone Sunburst, Olympic White und Black gibt es den Precision in der neuen Lackierung Antique Olive und den Jazz Bass in einem schicken graublau mit dem Namen Sonic Gray. Wo das Sunburst-Finish unseres J-Bass’ vor allem mit fließenden Farbübergängen und beachtlicher Farbtiefe zu überzeugen weiß, bringt das deutlich schlichtere olivgrün des Precis eine angenehm frische Note mit – handwerklich sind beide Lackierungen top. Alle Modelle – mit Ausnahme des Sonic-Gray- Jazz-Bass‘ – kommen übrigens mit einem mintgrünen Schlagbrett, was der eine stilvoll, der andere gewöhnungsbedürftig finden wird – Geschmackssache eben.

(Bild: Dieter Stork)

Wichtiger als die kosmetischen Veränderungen sind ohnehin die technischen Neuerungen, zu denen auch die überarbeiteten Halsprofile zählen. Besonders beim Preci hat Fender hier vieles richtig gemacht und auf das beliebte 63er-Precision- Profil der „goldenen Ära“ gesetzt. Nicht ganz so fett wie andere Vintage- Hälse, aber doch fleischiger und einen Tick mehr Richtung D als viele moderne C-Profile, wirkt das Ergebnis sehr einladend – dazu trägt auch das hauchdünne Matt- Finish bei. Das Jazz-Bass-Hals-Profil geht ebenfalls in Richtung C mit leichten D-Tendenzen und ist insgesamt eher auf der sportlich schlanken Seite. Beim direkten Hals-Vergleich hat man das Gefühl, dass Fender die Essenz seiner beiden Klassiker gut auf den Punkt gebracht hat, sodass sich Fans beider Lager gleichermaßen zu Hause fühlen sollten. Damit das Ganze nicht nur gut in der Hand liegt, sondern auch stabil ist, haben die Amerikaner – wie schon bei der American-Standard- Serie – zwei Graphitstäbe im Inneren des Halses verbaut, die die Konstruktion weniger anfällig gegen Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen machen sollen.

Sowohl auf dem klarlackierten Ahorn-, als auch auf dem naturbelassenen Palisandergriffbrett, sitzen wie gewohnt 20 Bundstäbchen, die allerdings höher und schmaler als ihre Medium-Jumbo-Vorgänger sind. Die „Narrow Tall Frets“ sind sauber abgerichtet und verrundet und sollen nicht nur Bendings erleichtern, sondern auch die Intonation verbessern. Auf dem Weg zur Kopfplatte laufen die Saiten außerdem nicht wie bisher über einen Kunststoff-Sattel – hier kommt neuerdings wieder echter Knochen zum Einsatz. Damit die Saiten hinter dem Sattel in einem möglichst steilen Winkel verlaufen, hat Fender seine bewährten Leichtbau- Mechaniken überarbeitet und – wie viele andere Hersteller auch – mit konischen Wickelachsen ausgestattet, die die Saiten beim Aufziehen nach unten zwingen.

(Bild: Dieter Stork)

Der so entstehende Druck auf den Sattel steigert das Sustain und sorgt dafür, dass die Drähte fest in der jeweiligen Sattel-Nut liegen ohne zu schnarren. Am anderen Ende wartet mit dem High- Mass-Vintage-Steg ein wirklich solider Anker. Im Prinzip wie ein massiverer Blechwinkel gebaut, bietet die zu American-Standard-Zeiten etablierte Brücke die Möglichkeit, die Saiten wahlweise durch den Steg oder von hinten durch den Body einzufädeln. Rillen auf den runden Stahl-Böckchen ermöglichen außerdem unterschiedliche String- Spacing-Einstellungen, während Führungs- Nuten auf der Grundplatte ein seitliches Verschieben der Reiter verhindern.

Für den elektrischen Ton kamen bei den American-Standards zuletzt Fender Custom- Shop-Pickups zum Einsatz, die in der American-Professional-Linie nun durch die neuen V-Mod-Pickups ersetzt werden. Die von Fender-Pickup-Spezialist Michael Bump entworfenen Tonabnehmer bieten einen Mix aus Alnico-2- und Alnico-5- Magneten und sollen einen sehr „fertigen“, studiotauglichen Basston liefern. Gesteuert werden die Pickups über die klassischen passiven Precision- (Volume, Tone) bzw. Jazz-Bass-Schaltungen (Volume, Volume, Tone).

Details mit Wirkung

Zu den Neuerungen gehört auch das hochwertige neue Kunststoff-Case, in dem beide Bässe optimalen Halt finden. Gemessen an dem Schutz, den das Case bietet, ist es relativ leicht, die großen Schnappverschlüsse machen außerdem einen langlebigen Eindruck. Hat man das Duo einmal am Gurt, fällt als erstes die gute Balance auf: Anders als viele seiner Vorfahren, zeigt unser Precision keine Tendenz zur Waagerechten und auch der Jazz Bass bleibt genau da wo er soll. Mit 3,8 kg (Precision) bzw. 4,1 kg (Jazz) Gewicht zerrt hier auch nichts an der Schulter – lange Gigs sollten also mit diesen Geräten kein Problem sein.

Zum ermüdungsfreien Spiel tragen auch die überarbeiteten Halsformen bei: Beide Hälse spielen sich auffallend leicht, nicht zuletzt auch durch die akkurate Bundierung und das schnelle Matt-Finish. Das kräftigere Preci-Profil punktet mit seriöser Masse ohne dabei die linke Hand zu überfordern, während sich der schmalere Jazz-Bass-Hals besonders in den tiefen Lagen quasi von alleine spielt und zu filigranerer Bass-Arbeit einlädt. Die Werkseinstellung beider Instrumente ist durchaus gut, wenn auch nicht spektakulär – die mittelhohe Saitenlage bietet sich für bodenständig kraftvolle Rhythmus-Arbeit an. Dazu passt auch schon der akustische Sound der beiden Amerikaner: Man hört sofort den vollen und gutmütigen Grundcharakter heraus, der diesen Bässen in jedem Mix ein Zuhause bietet.

(Bild: Dieter Stork)

Der Preci kommt mit seinem Ahorngriffbrett und dem leichteren Korpus einen Tick spröder, lebendiger und resonanter rüber, der Jazz ist dafür insgesamt erdiger, runder und auch ein bisschen komprimierter. Am Verstärker arbeiten die V-Mod- Pickups die Stärken beider Klassiker gekonnt heraus: Unser P-Bass drückt ein warmes Pfund mit reichlich Tiefmitten- Growl aus den Lautsprechern und bleibt dabei erstaunlich konkret und direkt. Gerade in den Mitten wirkt der Ton kernig und fokussiert, das Griffbrett sorgt außerdem für ein angriffslustiges Attack.

Der oberste Glanz- und Klick-Bereich ist Preci-typisch nicht ganz so stark ausgeleuchtet wie beim J-Bass, von Mumpf oder Mulm kann hier dennoch nicht die Rede sein: Motown-Funk-Linien, Sixties- Tic-Tac-Sounds und Plektrum-Punk à la Green Day bringt der neue Precision gleichermaßen überzeugend rüber, wobei sich bei wärmeren Klängen die angenehm gleichmäßig arbeitende Höhenblende bezahlt macht. Der Jazz Bass zeigt sich nicht weniger flexibel abgestimmt und beeindruckt vor allem auf dem Hals- Pickup mit einem erstaunlich großen und bauchigen Ton.

(Bild: Dieter Stork)

Die neuen V-Mod- Pickups leuchten die Eckfrequenzen etwas stärker aus als ihre Vintage-Verwandten, ohne dabei jedoch übermäßig glatt oder charakterarm rüberzukommen – ein erstaunlich universeller und zeitloser Sound. Am Steg lassen sich gewohnt transparente und knochige Töne abrufen, dreht man die Höhenblende ein Stück zurück, sind auch Jaco-eske Nörgel-Licks kein Problem. Bei der Kombination beider Pickups formen die schaltungsbedingten Auslöschungen den typisch trockenen Jazz-Bass-Sound mit starken Brillanzen, kontrollierten Bässen und zurückgenommenen Mitten. Hals- und Steg-Singlecoil bilden hier eine besonders seidig homogene Klang-Einheit mit leichter Kompression und einem detailreichen Oberton-Spektrum. Slap- und Plektrum-Sounds kommen akzentuiert aber keinesfalls hart rüber, während Fingerstyle-Linien mühelos ihren Platz im Band-Mix finden – diese Pickups wurden eindeutig mit den Ohren und nicht mit dem Rechenschieber abgestimmt!

Resümee

Der Teufel steckt oft im Detail – das hat Fender mit der American-Professional- Serie zweifelsfrei bewiesen. Die Amerikaner haben ihre Klassiker an sinnvollen Stellen überarbeitet und die Spiel-Performance verbessert, ohne dabei die Stimmigkeit des Grundkonzepts zu gefährden – das ist Feintuning auf hohem Niveau. Natürlich sind besonders Halsprofile und Tonabnehmer sehr subjektive Faktoren, bei denen man durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann, die American- Pro-Bässe haben hier aber durchaus das Zeug und die Substanz, sich eine breite Fangemeinde zu erspielen. Wer einen unverwüstlichen, richtig gut auf den Punkt gebrachten und fair kalkulierten Precision oder Jazz Bass sucht, der nicht Vintage- korrekt sein muss, sollte den neuen American-Pros eine Chance geben!

Plus

  • Verarbeitung
  • klassische Sounds
  • überarbeitete Halsprofile/Spielbarkeit
  • Hardware & V-Mod- Pickups
  • Gewicht (Precision)
  • hochwertiges Case

Aus Gitarre & Bass 05/2017

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