Charaktervolle Sounds

Fab Four: Tech 21 SansAmp Character Plus Series Pedale im Test

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(Bild: Dieter Stork)

MOP TOP LIVERPOOL

Das klassische Rautenmuster des Gehäuses gibt die klangliche Ausrichtung des Tech 21 Mop Top Liverpool zu erkennen. Wir bewegen uns hier also auf Vox-Pfaden. Anders als bei den drei Character-Plus-Kollegen hat Tech 21 bei diesem Pedal die Arbeitsweise der Character-Regler A und B unterschiedlich gestaltet. Während nämlich Kanal A Vox-Amps mit Treble-, Bass- und Cut-Reglern in 9-Uhr-Position vertritt, werden diese auf B mit 3-UhrStellungen nachgebildet. In jedem Fall aber beeinflussen auch hier beide Potis die Anschlag- und Zerrcharakteristiken.

Character A erzeugt kehlige Clean- und, abhängig vom Drive-Setting, warme Crunch-Sounds, die bei linearem EQ zunächst noch etwas muffig und rotzig daherkommen, mit Character bis 11 Uhr und durch Anheben der Höhen aber deutlich aufklaren und an Transparenz gewinnen. Zwischen 11 und 1 Uhr bringt Character Mitten ins Klangbild, und weiter aufwärts erhalten Crunch- und Overdrive-Sounds mehr Transparenz und Differenziertheit. Dreht man den Regler voll auf, werden obere Mitten angehoben, die Verzerrung wird luftiger und der Drive-Regler sorgt für durchsetzungsstarke dynamische Crunch-Sounds, die sich schon bei neutral eingestelltem Equalizer bis zu fetter Hardrock-Zerre steigern lassen.

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Den letzten Schliff zu einem wunderbar röhrig und akzentuiert zerrenden AC30-Sound besorgt eine Mittenanhebung auf etwa 2 Uhr. Character B startet mit warmen Clean-Sounds, die von samtigen Höhen durchlüftet werden. Um 12 Uhr herum mischen sich untere Mitten hinzu, die eine Art Vocal- oder Women-Tone erzeugen. Character B auf Rechtsanschlag liefert dann den Klang von AC30-Modellen ohne Top-Boost-Schaltung. Bei linearem EQ fehlt es mir an Höhen, die den etwas hohlen und nasalen Sound auffrischen würden, und auch die Mitten sind mir des Guten zu viel. Kein Problem, denn die überaus wirkungsvolle Klangreglung bügelt das locker aus. Erwartungsgemäß deckt auch Drive B ein Spektrum von Clean über Crunch bis zu High-Gain-Lead ab, alles gleichmäßig und präzise einstellbar, auch wenn dafür ein wenig Fingerspitzengefühl erforderlich ist.

Als zuschalt- oder auch separat einsetzbaren Effekt emuliert Tech 21 hier den legendären, oft mit Vox-AC30-Amps eingesetzten Rangemaster Treble Booster, hier jedoch mit erweiterten Bearbeitungsmöglichkeiten. So sollte laut Hersteller das Boost-Poti in Mittelstellung (12 Uhr) keine Wirkung zeigen, also neutral bleiben.

Dies tut es jedoch keineswegs, denn aktiviert man den Booster, nimmt nicht nur die Lautstärke, sondern auch die Zerrintensität zu. Dreht man den Regler nach rechts, wird die per Drive eingestellte Distortion zunehmend aggressiver und bissiger, nach links gedreht runder und fetter. Durch Drücken der beiden Shift-Schalter sollen die Mitten von 325 auf 250Hz abgesenkt bzw. die Höhen von 3,2 auf 4,5kHz angehoben werden. Leider zeigen beide keine nennenswerte Wirkung.

Die gelungene Speaker-Simulation bildet die beliebten britischen Celestion-12“-Blue-Bulldog-AlNiCo-Lautsprecher nach.

RESÜMEE

Wie stringent Tech 21 seine analogen Character-Pedale weiterentwickelt hat, ist wirklich bemerkenswert. Jedes Pedal ist mit zwei separaten Kanälen plus auch einzeln nutzbarem Distortion-Effekt plus Speaker-Simulation ausgestattet. Obacht: Letztere sind zwar nicht abschalt-, jedoch mit Hilfe des sehr effizienten Aktiv-EQ modifizierbar. Obgleich hier kein digitales Modeling verwendet wird, kann man die Simulationen der legendären Fender-, Hiwatt-, Marshall- und Vox-Amps als gelungen bezeichnen. Vielleicht auch gerade deshalb, denn die Sounds sind nicht nur sehr „röhrig“, dynamisch und durchsetzungsstark, sondern reagieren auch vorbildlich auf den Saitenanschlag und das Gitarren-Poti. Einzige Makel sind der nur eingeschränkte Kopfhörerbetrieb und die wenig Wirkung zeigenden Shift-Schalter des Mop Top Liverpool Treble Boosters. Die Character-Plus-Pedale wurden solide verarbeitet, lassen sich leicht und intuitiv bedienen und sind vielseitig einsetzbar.

PLUS

  • charaktervolle Sounds
  • reichhaltiges Klangangebot
  • Zerrcharakter, Ansprache & Dynamik
  • Speaker-Simulationen
  • flexible Einsatzmöglichkeiten
  • geringe Nebengeräusche
  • intuitive Bedienung
  • Verarbeitung

MINUS

  • Kopfhörerbetrieb nur eingeschränkt möglich
  • Wirkung der Treble-Booster-Shift-Schalter (Mop Top Liverpool)


(erschienen in Gitarre & Bass 02/2023)

Produkt: Gitarre & Bass 12/2022 Digital
Gitarre & Bass 12/2022 Digital
Im Test: J. Rockett Uni-Verb +++ G&L Fullerton Deluxe LB-100 +++ Dowina Albalonga GACE HiVibe +++ Nik Huber Bernie Marsden Signature +++ Fender Acoustasonic Player Telecaster +++ Gibson Dave Mustaine Signature Flying V +++ Börjes JB-Custom 5 DLX-Multiscale +++ EarthQuaker Devices Ghost Echo by Brain Dead +++ Blackstar St. James 50/EL34 112 Combo +++ Harley Benton Double Pedal Series

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