Neodym Power!

Engl Pro Artist Edition E412AE + 50 W Vintage Style Head E653 im Test

Dem aufmerksamen Leser fällt es sofort auf, ja, korrekt, gewissermaßen ist das jetzt der dritte Testbericht zum gleichen Thema. Das hat natürlich gute Gründe, wir wollen ja keinen Platz im Heft verschwenden. Allerdings steht gar nicht primär die neue 50-Watt- Version des Gary-Moore-Engl im Fokus als vielmehr das 4×12-Cab, weil es nämlich mit dem kürzlich erst erschienenen Neodym- Creamback von Celestion bestückt ist. Klappt das, Gewichtsersparnis durch leichte Magnete ohne Einbußen im Ton?

(Bild: Dieter Stork)

Weil jetzt sicher nicht jeder weiß, worum es geht, wenn von Engls „Gary-Moore-Amp“ die Rede ist, blicken wir mal kurz zurück. Durch allerlei Wirrungen hindurch, in die im Ursprung  auch Doug Aldrich (u.a. Whitesnake) verwickelt war, weil er sich auf Basis des Ritchie Blackmore-Modells von Engl einen speziellen Amp bauen ließ, kam auch (der  2011 verstorbene) Gary Moore zu einem Amp aus der daraus hervorgegangenen Prototypenreihe.  Den soll von da an bis zuletzt in seinem Studio benutzt haben soll.

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Wie auch immer, das Teil war eine Leihgabe und kam im Zuge der Nachlassauflösung zu Engl zurück. Wo man – quasi von sich selbst überrascht – erlebte, dass der Amp einen ganz eigenen souveränen Charme hat(te). So ward die Idee zum Artist Edition geboren, der eine technisch etwas um-/aufgerüstete Replik darstellt. Die Testberichte aus den G&B-Ausgabe 04/2015 und 11/2015 stehen auf unserer Homepage kostenlos zum Download bereit. Insofern fassen wir uns hier in Bezug auf den neuen Artist Edition Amp kurz.

Auch mit Mini-Magneten ein echter Creamback

Zeitgleich zu dessen Markteinführung wurde ergänzend für die Serie das Neodym- 4×12-Cabinet vorgestellt. Es wiegt nur 35 Kilogramm. Immer noch ein Brocken, klar, aber doch 30 Prozent weniger als die 50 kg, die solche Boxen mit traditioneller Bestückung auf die Waage bringen. Noch einmal anders relativiert: Es gibt 2×12-Cabinets, die an das Gewicht der Neodym-Engl-Box annähernd, bis auf wenige Kilos herankommen.

Technisch

Über die Konstruktion der Box brauchen wir nicht viele Worte zu verlieren. Sie ist im Prinzip so gebaut wie ihre Vorgängermodelle, und die haben ihre Qualität schon längst bewiesen. Die Gewichtsersparnis gegenüber Engls anderen Pro- Cabinets ergibt sich durch die leichteren Speaker und den Verzicht auf das Streckmetall an der Front. Schichtholz aus sibirischer Birke, 14-lagig, auf dieses Qualitätsmerkmal sei dennoch hingewiesen.

Sehr positiv hervorzuheben ist auch, dass Engl besonders solide, große Steckrollen mit Gummilaufflächen und Feststellern zu dieser Box mitliefert. Die E412AE kann dank eines entsprechenden Schalters übrigens mono oder stereo verwendet werden.

Interessant ist an dem Boxenmodell der verwendete Lautsprechertyp. Nun gut, Chassis mit Neodym-Magneten sind an sich nichts Neues. Aber dass Celestion einen seiner besonders bedeutenden Protagonisten in so einer Ausführung anbietet, bringt die Fachwelt in Unruhe. Weil sich ja unmittelbar die Frage aufdrängt: Kann ein Neodym-Creamback dem in direkter Erbfolge vom legendären Greenback abstammenden Creamback mit Keramik- Magnet ebenbürtig sein? Wir werden es gleich erfahren. Es seien vorher jedoch die technischen Vorgaben umrissen. Der Creamback ist ursprünglich ein höher belastbarer Ableger des G12M-Greenback. Der aktuelle Vertreter dieses Modells ist der G12M-65. Welche Unterschiede gibt es zwischen dem und dem Neo-Creamback? Auf dem Datenblatt sind sich die beiden sehr ähnlich.

Der Neo misst in der Einbautiefe 8,5 mm weniger und – wichtiger – wiegt nur 1,9 statt 3,6 kg. Spannend wird es, wenn man die Frequenzgangdiagramme betrachtet: Bis ca. 2000 Hz zeigen sich kaum Differenzen in der Kurve. In Annäherung an 3000 Hz und danach sind die Unterschiede doch deutlicher. Der Neo zeigt zunächst ein Tableau und fällt ab 3 kHz recht gleichmäßig ab, während beim G12M-65 in dem Bereich mehrere Zacken auftreten. Der Neo bleibt oberhalb von 5 kHz wesentlich lebendiger, fällt erst ab 6 kHz kräftig ab, der G12M-65 tut dies schon ab 5 kHz. Aha, da habe wir ja schon deutliche Differenzen?! Vorsicht, „grau ist alle Theorie“ heißt der passende Spruch! Der Sound des Lautsprecherchassis wird aus verschiedenen Gründen noch stark durch das Gehäuse geprägt, in dem es arbeitet. Allein aufgrund der Herstellerspezifikationen Vorhersagen über die Klangeigenschaften von Lautsprechern zu treffen ist daher keineswegs zuverlässig.

Rock me baby

Sprechen wir zunächst kurz über das Topteil (technische Ausstattung bitte der Übersicht entnehmen). Natürlich tun sich nicht gravierende Unterschiede zur 100 Watt-Version auf. Die Tonformung steht hier wie da auf sehr hohen Niveau. Es sind wenn überhaupt Nuancen, im Mittenspektrum, die man mit gespitzten Ohren hören könnte. Von Bedeutung ist allerdings – man ahnt es schon –, dass man mit der geringeren Leistung früher in die Sättigung der Endstufe (samt Phasentreiber) kommt. Wer für seinen Sound, sein Spielgefühl darauf Wert legt, wird es begrüßen. Um sein Potential freizusetzen braucht der AE 50 das aber nicht. Sein Ton wird zum größten Teil in der Vorstufe geformt, sodass die rein klangliche Komponente nicht von der Lautstärke abhängig ist.

Ein paar Praxiswerte noch im Kurzabriss: Der AE50 glänzt einerseits mit hohen Gain-Reserven, andererseits hat er auch einen formidablen Clean-Kanal zu bieten. Viel Brillanz bei trotzdem eher weich wirkenden Höhen, das typische Engl-HiFi- Clean in Reinkultur. Im Lead-Kanal finden wir ein Gemisch aus moderner High-Gain- Struktur und – ich kann es nicht anders beschreiben – kultivierter Vintage-Boshaftigkeit im Klangcharakter. Und das in einer höchst angenehmen Balance aus dynamischer Durchschlagskraft, Präzision in der Separation der Noten und Wohlgefühl für den Spieler. Das technische Konzept macht vier Soundebenen verfügbar, das Tonspektrum ist dank der effizienten Klangregelung überdurchschnittlich weit gefasst.

Die Neo-Creamback-Box streicht die Qualitäten des Amps vorteilhaft heraus. Der Grund ist einfach. Der AE50 entwickelt seinen Charme optimal an Speakern der Greenback-Familie. Und der Neodym- Celestion erweist sich tatsächlich als würdiges Mitglied dieses Clans. Ja, logisch, natürlich musste er den Vergleich antreten. Seinen nächsten Vetter, den G12M- 65, habe ich nicht in meinem Fuhrpark, aber unter den acht 4×12-Cabs, die hier „rumstehen“ ist natürlich eines, das passt. Verschärfte Bedingungen sogar, könnte man sagen, denn das Engl-Cab musste gegen alte Creambacks aus den frühen 1970er-Jahren, sehr gepflegt, nicht mit hohen Leistungen durchgehupt, antreten. Resultat: Die Charaktere liegen nicht weit auseinander.

Die alten Creambacks klingen ein wenig offener in den Mitten und höhenreicher, anders ausgedrückt wirken die Klangbilder des Neo Creamback kompakter, ja fast schon kräftiger im Volumen, ohne dass Glanz und Frische fehlen. Es fiel auch auf, dass die Sound-Unterschiede mal größer mal geringer waren, je nachdem, welche Sounds die Speaker forderten. Sie waren deutlich harmloser mit „Shape On“ als ohne den heftig anfettenden Mitten- Boost. Und noch eine Anmerkung zum Thema: Wenn man über Sound-Unterschiede von Lautsprechern und Boxen reden möchte, bedenke man bitte grundsätzlich, wie sehr sich diese relativieren wenn man z. B. ein wenig den Treble- Regler am Verstärker bewegt.

Alternativen

Das Neodym-4×12-Cabinet ist in seiner Eigenschaft als klanglich souveränes Leichtgewicht derzeit schlicht ohne Konkurrenz. Veto? Keine Sorge, ich habe durchaus dran gedacht. Von DV Mark gibt es die Neoclassic 412, mit 22 Kilogramm noch leichter, aber mit anderen Speakern bestückt. Klingt anders (Test in Ausgabe 04/2015). Und ist insofern zumindest keine unmittelbare Alternative zu dem Engl-Cab mit seinem eigenen Charakter.

Resümee

Dass der Artist Edition 50 den Test mit Bravour absolvieren würde, war abzusehen; sein großer Bruder hat ja schon längst den Weg bereitet. Auch mit dem leistungsreduzierten Topteil bekommt man für faires Geld ein tonal superfittes, professionelles Arbeitsgerät. Und nimmt das Neo-Cabinet vielleicht gleich dazu? Authentisches Greenback-Charisma von einer „leichten“ 4×12-Box, das ist doch verlockend. Und der Preis geht auch hier ganz und gar in Ordnung. Fazit: Sehr empfehlenswert, nicht nur für Engl- Amps.

Plus

  • Sound, Variabilität
  • Präzision/Transparenz
  • hohe Gain-Reserven bei sehr harmonischen Verzerrungen
  • Dynamik, Schalldruck
  • Ausstattung: Noise Gate div. Schaltfunktionen usw.
  • sehr geringe Nebengeräusche
  • Cabinet: Sound-Qualität, Ausstattung, geringes Gewicht
  • Verarbeitung/Qualität der Bauteile

Soundfiles

Hinweise zu den Soundfiles.

Für die Aufnahmen kamen zwei Kondensatormikrofone mit Großflächen-membran zum Einsatz, ein AM11 von Groove-Tubes/Alesis und ein C414 von AKG, beide nahe platziert vor der Box.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor und EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und abgemischt. Das Plug-In „Platinum-Reverb“ steuert die Raumsimulationen bei.

Die Instrumente sind eine PRS-Mira-Korina und eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 (m. JB-Humbucker v. Seymour Duncan am Steg).

Bedeutung der Buchstabenkürzel:

OD: Overdrive-Verzerrungen, erste Sättigungsebene, geringe Übersteuerung.

MG: Medium-Gain.

HG: High Gain, Distortion nahe am Maximum des hier bei diesem Amp Möglichen.

GitVol: Im Clip wird das Guitar-Volume-Poti benutzt, um die Verzerrungsintensitäten zu ändern.

Clips #1 bis #3 stellen den Clean-Kanal vor. OD Solo zeigt, dass schon in der niedrigsten Gain-Ebene fein ziselierte OD-Verzerrungen erreichen lassen, dynamisch reaktiv. Der Clean-Kanal arbeitet extrem transparent, mit viel Brillanz, klingt aber gleichzeitig warm.

Die Clips #4 bis #6  geben einen (kleinen) Eindruck von den Fähigkeiten des Lead-Channel. Dank der intensiv arbeitenden Klangregelung ist der Artist Edition 50 überdurchschnittlich variabel im Sound. Wie die Clean-Sektion reagiert auch der Lead-Kanal sehr sensibel auf Details in der Spielweise und die charakteristischen Merkmale des jeweiligen Instruments.

Nicht wahr, man hört, dass die Neodym-Box die Qualitäten des Amps elegant darzustellen weiß. Ihr ist schlicht eine souveräne Wiedergabe zueigen.

Clip #7 präsentiert mein Referenz-Riff“ (RefRiff), das ich mit jedem Test-Amp/-Distortion-Pedal einspiele, damit man den Charakter (die Verzerrungen selbst sind hier gemeint, nicht die Frequenzkurve) der von uns getesteten Produkte quasi auf einer neutralen Ebene vergleichen kann.

Ich wünsche viel Vergnügen, und…,  wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! ;-).

Fragen, Anregungen  und  ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de.  Es klappt nicht immer,  aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.


Aus Gitarre & Bass 01/2017

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