Eine Verbeugung vor dem historischen Entwurf mit dem Willen und Können zur Verfeinerung
Baronesse von Brett: Baron Elektrogitarren Modell T
von Franz Holtmann, Artikel aus dem Archiv
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(Bild: Dieter Stork)
Wenn der für immense Detailversessenheit bekannte Gitarren-Designer Oliver Baron mit seiner höchst eigenen, über lange Zeit austarierten Interpretation der Mutter aller Electrics herauskommt, dann darf man durchaus gespannt sein.
In seinen Designs Modell 1 und Modell 2 bündelte Oliver Baron all seine Erfahrungen, um die aus seiner Sicht kompromisslos beste Gitarre zu bauen. Da gab es für ihn keinen Verhandlungsspielraum. Mit seiner neuen Linie unter dem Namen Modell T geht er die Sache wieder deutlich offener an, da es sich dabei doch sowieso um eine modulare Bauweise mit austauschbaren Komponenten handelt.
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Oliver würde seinem adeligen Namen aber nicht gerecht werden, ginge er den profanen Weg des ideenlosen Kopierers. Natürlich hat er sich wieder einen Kopf gemacht, alle Details auf ihre Funktion und Wechselwirkung gründlich unter die Lupe genommen und dazu noch eine eigene Reihe von natürlich handgewickelten T-Style-Pickups entwickelt, die auch einzeln erhältlich sind. Nun, jetzt ist es also da, sein Modell T!
DIE REZEPTUR
Oliver sagt Ja zum Mettbrötchen: „Selbst wenn du an die raffinierteste Küche gewöhnt bist, hast du manchmal Lust auf etwas Einfaches und Bodenständiges. Wie bei allen einfachen Rezepten ist die Qualität der Zutaten entscheidend.“ Nun, Appetit kommt beim Essen, und daran fehlt es ja keineswegs.
Ausgangspunkt der Überlegungen unseres Protagonisten für eine zeitgemäße Interpretation der ikonischen, kalifornischen Electric war zunächst der forschende Blick zurück auf die frühen Prototypen der Telecaster aus den späten 40er-Jahren, für die Pine (Kiefer) als Korpusmaterial Verwendung fand. Das Holz (erhältlich bei Baron in Regular oder Roasted) ist resonanzstark und leicht, womit sich das Modell T prinzipiell unter 3 kg halten lässt.
Korpus aus Kiefer wie bei Fenders Prototypen (Bild: Dieter Stork)
Alternativ ist das ebenfalls leichte Okumé erhältlich, das klanglich einen Hauch von „50s Junior-Vibe“ vermitteln will. Neben leichteren Hölzern soll eine stabilere Hals-Korpus-Verbindung, eine optimierte Geometrie des Griffbretts und speziell angepasste und von Hand gewickelte Pickups für direkteres Ansprechverhalten, komfortablere Handhabung und souveränes Tonverhalten sorgen.
Die Details: Das Testmodell verfügt über einen 4,4 cm starken Korpus aus mittig zweiteilig gefügtem, thermobehandeltem Kiefernholz. Formal prinzipiell nah am Vorbild, also ebenfalls keinerlei Body-Konturen, ist lediglich eine etwas tiefere Auskehlung der oberen Schulter innen zu bemerken. Die samtige Versiegelung mit Hartwachsöl fühlt sich gut an und bringt die Holzmaserung optimal zur Geltung. Für den klassischen Look sorgt ein schwarzes Pickguard aus 1,5 mm starkem Bakelit.
Ahornhals (maple cap neck) mit Soft-V-Profil (Bild: Dieter Stork)
Dem Hals mit Soft-V-Profil und einer Sattelbreite von gut 42 mm aus Europäischem Soft Maple wurde ein Griffbrett aus American Hard Maple mit modernem 12″-Radius aufgesetzt. Optional ist auch geräucherte Eiche (Smoked Oak) möglich. Die 22 mittelstarken Bünde (Wagner 9665) erweisen sich als vorbildlich verarbeitet und sorgfältig kantenrund abgeglichen. Von den 6-in-Reihe montierten Gotoh-SD-90-Nickel-Mechaniken auf dem traditionell parallel nach hinten versetztem Kopf mit gefrästem Baron-Logo werden die Saiten über einen schmalen Knochensattel mit 64,5-cm-Mensur hinüber zur US-gefertigten Bridge von Crazy Parts geführt.
Die untere Kante der Bridge wurde abgefräst und behindert nicht das Spiel. Das Pickup-Set ist handgewickelt und abgestimmt. (Bild: Dieter Stork)
Deren Stahl-Baseplate von etwas größerer Materialstärke als Standard zeigt unten vorn eine Aussparung, was den Spielkomfort, nicht nur für Fingerpickings, verbessert. Montiert sind darauf längenkompensierte Brass-Saddles von Gotoh.
Als Hals-Korpus-Verbindung finden wir Gewindeeinsätze im Hals, kombiniert mit Edelstahlschrauben, was für optimale Schwingungsübertragung sorgen soll und die Verbindung auch deutlich langlebiger macht, selbst wenn der Hals häufiger abgenommen werden sollte. Die präzise Halsausrichtung wird von einem leichten, klassischen One-Way-Trussrod unterstützt.
Elektrik: Oliver Baron hat für sein Modell T mehrere Sätze von Pickups mit differierender Charakteristik entworfen. Verbaut ist beim Testmodell das Classic ’54 Set (alternativ wählbare Sets: Dark ’49, Honey ’51, Wild Card). Zur Kontrolle finden wir ganz klassisch den auf Platte gesetzten 3-Weg-PU-Schalter mit Volume- und Tone-Reglern.
Das Modell T legt Zeugnis ab für die außerordentliche, handwerkliche Passion, mit der Oliver Baron seinem Handwerk nachgeht. Die Liebe für jedes Detail ist unverkennbar, die technische Ausführung von höchster Präzision geprägt.
Handling, Sound und Resümee auf Seite 2 …
(Bild: Dieter Stork)
SCHLICHT AUF HÖCHSTEM NIVEAU
Hals auf Brett schrauben – was soll denn daran so schwer sein? Klar, irgendwas tönt immer – siehe Jack White in der Eröffnungsszene von „It Might Get Loud“, aber die Spanne der elektrischen Abbildung von Klängen ist erstaunlich groß, und das Gewicht spielt dabei offenbar eine Rolle. Auf einer Vintage Show in New York sagte mir ein bekannter Händler einmal: Die wirklichen Experten erkennt man daran, dass sie eine Vintage Tele immer erst kurz mal anheben, bevor sie entscheiden, ob sie es wert ist, sich weiter mit ihr zu beschäftigen. Das Gewicht müsse passen, leicht genug sein. Hm, es gibt auch andere Meinungen: Mike Stern etwa findet bei seinem Signature-T-Style-Modell von Yamaha 4 kg vollkommen in Ordnung.
Oliver Baron jedenfalls knüpft mit seinem Modell T an die Philosophie der Modelle 1 und 2 an: leichter Body, etwas substanziellere Bridge. In Sachen Handhabung ist zunächst nur Bestes zu berichten. Mit lediglich 2,9 kg Gewicht ist die Gitarre ungemein locker zu handhaben, und der Hals mit dem ausgewogenen Zuschnitt eines weichen Vs von leicht erhabener Mitte im Rücken fällt einfach animierend in die Hand. Eine Sattelbreite von angenehmen 42,5 mm und die perfekt gemachte Medium-Bundierung mit sorgfältig abgefasten Bundenden machen die Sache vollkommen rund.
Bridge mit etwas größerer Materialstärke und Messingreitern (Bild: Dieter Stork)
Akustisch angeschlagen, liefert das Modell T einen warmen, offenen Ton mit ausgeprägten Obertönen. Akkorde rollen sehr schön leichtfüßig ab, öffnen sich bei bester Saitentrennung mit schlüssigem Frequenzbild und harmonischem Ausdruck.
Gehen wir in den Verstärker, so übersetzt der Single Coil am Hals bei klaren Einstellungen Mehrklänge mit bestens austarierter Stimmlichkeit transparent aufgelöst. Nicht zu üppig im Bassbereich ausgebaut, substanzreich, aber klar zeichnend in den Mitten und von fein gesetzten Höhen ergänzt, kommen Akkorde wohlgerundet ans Ohr. Wenn man dieser Linie folgt und die Lautstärke etwas anhebt, kommt sogar annäherndes Strat-Flair auf. Der Ton vermittelt ein bemerkenswert charaktervolles Single-Coil-Flair und singt mit leicht gutturalem Ausdruck. Dieses starke Kolorit verstärkt sich in Crunch- und Gain-Positionen noch deutlich.
Auch der schnalzende Anschlag und das ausdrucksstarke Sustain heben die Spielfreude.
Der Kollege aus dem Classic-’54-Set in Stegposition spielt da natürlich einen anderen Trumpf aus. Er macht dem Ruf der Mitte-50er-Tele-Pickups alle Ehre und zupft mit einem sehr direkten, hellen und brillanten Ton kräftig am Ohr. Genau diesen offensiven Twang erwartet man von einem Tele-Bridge-Pickup. Lobenswert ist, dass er dabei nicht schrill wird und eine unangenehme, blecherne Schärfe vermeidet.
Er lässt uns mit einer griffigen Spitze operieren. Der Ton lässt sich dynamisch gestalten, folgt dem Plektrum blitzschnell und setzt jede Aktion anschlagsgerecht um. Drahtig in den Bässen, angriffslustig in den Höhen. Powerchords zeigen sich demgemäß mit straff-kerniger Kontur, Leadlines drücken mit bester Definition und obertonreicher Präsenz offensiv durch.
Respekt! Die resonanzstarke Konstruktion bietet offenbar die perfekte Grundlage für eine optimal intensivierte Klangentfaltung klassischer Prägung. Das Zusammenspiel der Bridge-Baseplate mit etwas größerer Materialstärke und dem angepassten Pickup führt zu einem traumhaften Twang-Sound!
In der Zusammenschaltung beider Pickups liegt bei der Tele grundsätzlich ja dieser offen kehlige Glocken-Sound an, der natürlich auch im Modell T seine Entsprechung in fein aufgefächerten und harmonisch präzise ausgeleuchteten Akkorden findet. Ein offener Jubel-Sound, von immergrüner Eleganz. Wie sagt Dittsche noch? Es perlt!
RESÜMEE
Die viele investierte Zeit, mit verschärftem Blick auf alle Komponenten, hat sich gelohnt. Oliver Baron bietet mit seinem Modell T eine aktualisierte und im Detail verfeinerte Sicht auf einen der großen Klassiker der E-Gitarre. „Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“ Das mahnte schon der deutsche Dichterfürst an.
Es ist also weder neu, noch überraschend, wenn in der Konzentration auf das Wesentliche, mit Rücksicht auf Erfahrung und Prägung, beste Ergebnisse zu erzielen sind. Das Baron Model T jedenfalls vermittelt schon auf den ersten Griff hin seine große Klasse, animiert die Spielfreude und ruft in der elektrischen Darstellung dann elegant gehobene Bilder von klassischer Eleganz auf. Dennoch ist auch Olivers persönlicher Standpunkt zu spüren, der sich aus dem Willen zum Optimum speist.
Frank Zappa sagte mal nicht ohne Grund: „Writing about music is like dancing about architecture“. Annäherung an Klänge durch Sprache kann also nur der Inspiration dienen. Abholen muss dich ein Instrument dann ja immer noch ganz persönlich. Sich ein eigenes Bild zu machen, lohnt immer, aber wie soll man sie denn finden, die Orchidee im Meer der Kopien?
Das Modell T von Baron ist aber eben Letzteres nicht, absolut kein billiger Abklatsch, sondern eine Verbeugung vor dem historischen Entwurf mit dem Willen und Können zur Verfeinerung. Mann, kann ein Mettbrötchen dann doch gut schmecken!