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Vintage Aktuell: The Fellowship Of Acoustics

In dieser Kolumne lassen wir in loser Folge Händler und Kenner des Vintage-Marktes über ihre Erfahrungen mit den begehrten alten Instrumenten berichten. Im Nachbarland Holland, gerade einmal gut 20 km westlich der deutsch-niederländischen Grenze, hat sich einer der bedeutendsten Gitarrenhändler Europas etabliert: The Fellowship Of Acoustics.

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(Bild: Franz Holtmann)

The Fellowship Of Acoustics

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2001 von Rudi Bults im ländlich gelegenen Bergentheim gegründet, ging The Fellowship Of Acoustics, kurz TFOA, von Anfang an den „amerikanischen Weg“, der Grenzen nicht akzeptiert und durch konsequente Spezialisierung auf hochwertige und von Hand gebaute Instrumente den provinziellen Standort überwindet. Die Fokussierung auf Qualität und unbedingten Service mit Ausrichtung auf individuelle Kundenwünsche, nicht zuletzt aber die Erfahrungstiefe und sympathische Zuwendung mit der Rudi Bults sein Geschäft betreibt, ließen Anerkennung und Umsätze rasch wachsen.

Das Motto „Life’s too short to play a shitty guitar“ steht für die Ambitionen des inzwischen europaweit bekannten Händlers, dessen Programm heute einen Mix aus ausgesuchter Neuware von Kernmarken und akustischen als auch elektrischen Vintage-Gitarren aller bedeutenden Hersteller umfasst. Neue und gebrauchte Konzertgitarren, Mandolinen, Bässe und Amps ergänzen das umfassende Angebot. Da die alten Räumlichkeiten in Bergentheim aus allen Nähten zu platzen drohten, wurde ein Umzug zwingend nötig.

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(Bild: Franz Holtmann)

Im benachbarten Dedemsvaart fand man in der Villa Dina von 1877, die zeitweise als örtliches Amtshaus und später als um einen Anbau erweitertes regionales Zentrum der Rabobank diente, ein höchst repräsentatives neues Domizil mit großer Ausstellungsfläche, aufgeteilt in verschiedene Themenräume, das zudem auch noch ein kleines Theater beherbergt. Der Bank verdankt man einen begehbaren Tresorraum, in dem die besonders wertvollen Instrumente gut gesichert aufbewahrt werden. Eine Musikschule ist ebenfalls in Planung. Rudi Bults’ Tochter Laura und Sohn Coen gehören bereits seit einiger Zeit zum achtköpfigen Team des passionierten Familienunternehmens, das Garantie auch für die ausgewählten gebrauchten Instrumente gewährt und Reparaturen natürlich in der eigenen Werkstatt vornimmt. Für schwierigere Fälle und Restaurationen kooperiert man aber auch mit namhaften Gitarrenbauern.

 

Rudi, wie bist du ins Gitarrengeschäft geraten?

Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Mein Großvater war Organist, mein Vater Dirigent, jeder spielte ein Instrument, nur ich damals noch nicht. Ich war bis 2001 im Gartengeschäft, Landschaftsgestaltung und so etwas. Dann habe ich das Geschäft verkauft und wollte nur noch etwas machen, das ich schön finde: mit Kunst oder Gitarren. Ich war schon Ende vierzig und hatte eine Familie zu ernähren und Kunst schien mir zu schwierig, um damit Geld zu verdienen, also entschied ich mich für die Gitarren.

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Chef Rudi Bults mag schöne Dinge (Bild: Franz Holtmann)

Wie fängt man das dann an?

2001 habe ich als erstes sechs Gitarren in Amerika gekauft, alte Martins. Danach hab ich viel improvisiert und getauscht, aber mein Geld immer nur in gute Gitarren investiert und eigentlich mache ich das noch immer so.

Nun bist du hier in der holländischen Provinz, keine große Stadt in der Nähe – wie hast du dich inszeniert?

Grenzüberschreitendes Denken war von Anfang an mein Konzept. Ich bin sofort ins Internet gegangen, hab alles in Englisch annonciert und auf eBay angeboten, auch in Deutschland und in England. Europa wurde damals gerade offener, aber wir waren das mit diesen Entfernungen noch nicht so gewöhnt, wie z.B. die Amerikaner. Heute hab ich Kunden aus ganz Europa.

Das hat ja aktuell auch zunehmend etwas mit Vertrauen zu tun. Kommen die Leute deshalb zu dir?

Ja, das ist wohl so. Wenn ich selbst etwas Älteres aus der Entfernung kaufe, ohne es vorher in der Hand gehabt zu haben, was ich hin und wieder noch mache, dann stimmt eigentlich immer irgendetwas damit nicht.

Und du meinst jetzt nicht nur alte Fender-Gitarren?

Ja, Fender ist natürlich absolute Spitze, was Fakes und Manipulationen angeht, aber es passiert auch bei alten Martins oder Gibsons. Eigentlich bei allen Instrumenten.

Nehmen die Manipulationen und Fälschungen noch zu in letzter Zeit?

Nee, würde ich nicht sagen. Das wird sogar etwas weniger. Ich denke das liegt daran, dass die Kontrollmechanismen besser geworden sind und dass die Leute auch vorsichtiger geworden sind. Sie wissen heute einfach, dass es Schnäppchen nicht mehr gibt. Andererseits werden jetzt sogar auch Gitarren von Haar oder Patrick Koopman gefälscht. Eric van de Haar erzählte mir neulich von sechs gefälschten Gitarren mit seinem Namen drauf. Mir scheint das in Holland auch schlimmer zu sein als in Deutschland.

Welche Konsequenzen ziehst du daraus?

Ich habe ganz aufgehört mit refinishten Gitarren zu handeln, es sei denn, ich bin sehr sicher, dass alles mit diesem Instrument stimmt.

Wie bestimmst du grundsätzlich das Alter, etwa einer Stratocaster?

Ich nehme sie immer komplett auseinander. Ich habe auf die harte Tour gelernt und bin sehr vorsichtig geworden. Klar, da sind bei Fender viele kleine Anhaltspunkte wie die Nailholes und die Nachdunklungen unter dem Schlagbrett. Für Fender-Gitarren muss man aber auch ein Gefühl entwickeln; und wenn das bei einer Gitarre nicht stimmt, lasse ich die Finger davon.

Wie ist es mit den alten Acoustics?

Es macht mehr Spaß mit akustischen Vintage-Gitarren zu handeln. Aber auch bei denen sieht man versteckte Sachen. Man muss z.B. immer schauen, ob die Bridge-Plate original ist. Ich habe hier eine Gitarre von 1860/1870, die klingt ungeheuer gut, aber nur, weil sie verbastelt ist (lacht). Sie hat eine große Bridge-Plate bekommen, um sie für Stahlsaiten geeignet zu machen. Grundsätzlich passiert es aber mit akustischen Gitarren fast nie, dass man Probleme hat.

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Hochwertige Acoustics (Bild: Franz Holtmann)

Oft brauchen alte Gitarren ein Neck-Reset …

Das machen wir inzwischen alles selbst. Solange die Hälse mit Hide-Glue gesetzt sind, ist das auch kein Problem. Manchmal wurde mit synthetischen Klebern gepfuscht, dann wird es schwierig und wir schicken es zu Roman Zajicek von Rozawood, denn der hat meistens noch eine Lösung, die wir nicht kennen.

Wie ist es mit der klanglichen Qualität älterer Instrumente, ist die durchgehend verlässlich?

Nicht unbedingt. Manchmal helfen wir auch mit ToneRite (einem Gerät zur Vibrations-Entdämpfung) etwas nach. Das funktioniert sehr gut für Gitarren, die lange gelegen haben. Kürzlich hatte ich eine Gibson Hummingbird von 1963 und eine andere, die verbastelt war, aber viel besser klang. Die 63er bekam dann eine ToneRite-Behandlung und war danach nicht wiederzuerkennen.

Wie ist das mit dem Niveau alter Acoustics, verglichen mit dem heutiger Gitarren?

Heute werden auch sehr sehr gute Gitarren gebaut. Es ist mehr die Geschichte der alten Gitarren, die sie interessant macht. Diese vielen Details der Bauweise mit immer dünneren Tops und T-Bars und all die Erfahrungen, die mit der Positionierung und Bearbeitung von Bracings etc. gemacht wurden, das ist ja alles dokumentiert, davon profitiert der Gitarrenbau natürlich noch heute.

Sind denn die alten Martins, nehmen wir als Beispiel die unten in deinem Safe liegende D-28 von 1939, den neuen High-End-Martins noch überlegen?

Ja eindeutig! Da geht nichts drüber, das ist die beste Gitarre, die ich je gehört habe. Die klingt einfach ungeheuer gut, als ob der Klang nicht nur aus dem Schallloch kommt, sondern von überall her. Die ist wirklich etwas ganz Besonderes. [Interessiert? Mit € 85.000 ist man dabei.]

Alte Gitarren transportieren manchmal eine magische Energie …

Es geht einfach nichts über eine gute Vintage-Gitarre, ob die nun elektrisch oder akustisch ist. Unten habe ich noch eine alte Sunburst 00-18 von Martin, die klingt unglaublich offen, schlicht atemberaubend. So etwas macht die alten Gitarren eben anders.

Was meinst du, war diese Gitarre von Anfang an auf diesem Niveau?

Nein, ich glaube die hat sich entwickelt. Natürlich gibt es heute gute Gitarren von Martin, aber was auch in die Nähe der alten kommt, das sind die Atkin-Gitarren. Alister Atkin benutzt das selbe Prinzip wie Martin mit seiner VTS-Technologie (Vintage Tone System – thermochemische Holzbehandlung bei hohen Temperaturen); die Decke wird bei 300 Grad getrocknet. Die sind so gut, dass sie kaum in den Laden reinkommen und sofort wieder verkauft sind. Dieses Gefühl alter Gitarren mit dieser großartigen Offenheit, das hat man bei diesen Gitarren auch, aber ebenfalls bei den Martins mit VTS-Decke.

Kommen die sehr teuren Vintage Gitarren eigentlich noch zu Spielern, oder ist das inzwischen nur noch eine Sammlergeschichte?

Ich glaube nicht, dass das so ist. Ich habe viele Kunden die das Geld haben, aber auch sehr gute Spieler sind. Jeder Spieler sucht natürlich die bessere Gitarre, aber es ist wohl letztlich die Mischung, sich an einem schönen alten Instrument zu erfreuen, wenn man es zu Hause anschaut, und es auch ab und an wirklich spielen zu können … Es gibt die Sorte Musiker, die mit dem eigenen Ohr kaufen, aber da sind natürlich auch die anderen, die den Sound von Keith Richard haben wollen, und dann muss es unbedingt eine alte Hummingbird sein.

Wie kommst du zu deinen Vintage Gitarren? Nach welchen Kriterien wählst du aus?

Es werden mir jeden Tag Gitarren angeboten, mehr als ich gebrauchen kann. Kriterien? Natürlich Qualität und ob ich das Geld habe. Gelegentlich kommt es auch vor, dass ich eine ganze Sammlung von zehn oder zwölf Gitarren angeboten bekomme, dann zahle ich aber über einen Zeitraum von vielleicht drei bis vier Monaten in Raten. Das machen wir seit einiger Zeit so und es hat sich bewährt, denn ich garantiere ja die Abnahme. Kommissionsgeschäfte mache ich nicht so gerne, denn bei so vielen Gitarren wird das schnell unübersichtlich. Ich kaufe und verkaufe lieber.

Wie sieht es zur Zeit in Holland aus, was CITES-Zertifikationen für den Vertrieb von Instrumenten mit geschützten Hölzern, wie Rio-Palisander angeht?

Die Situation hat sich verschärft. Man bekommt es noch, aber die Behörden sind streng, misstrauisch und nicht immer gut informiert. Manchmal gibt es auch Probleme mit vorhandenen CITES-Dokumenten, wie ich es beim Export einer Lowden-Gitarre mit Rio-Palisander in die USA kürzlich feststellen musste. Erst nachdem ich mit Hilfe von George Lowden legitime Exportpapiere vorlegen konnte, wurde die Gitarre nach Wochen endlich vom Zoll freigegeben. Aber man muss grundsätzlich eine Lösung finden, denn vor 1970 haben ja sehr viele Gitarrenbauer anteilig Rio-Palisander verwendet.

Wie siehst du die Entwicklung des Preisniveaus für Vintage-Gitarren?

Die Preise werden noch höher gehen, bevor es wieder runter geht. Das ist wie überall am freien Markt. Je nachdem ob Krise ist, oder nicht, geht es rauf oder runter. Wenn du also bemerkst, dass deine Les Paul bei $ 600.000 oder noch höher steht, dann solltest du vorsichtig sein und eventuell deine Sachen verkaufen.

Welche Electrics haben noch Potential, was glaubst du, ist da noch zu erwarten?

Ich denke die alten Gibson-ES-Modelle werden in Zukunft sehr teuer werden. Verglichen mit einer Les Paul ist die ES doch die wesentlich vielseitigere Gitarre, aber der Wert ist noch weit hinter der einer Les Paul zurück. Das ist kein Verhältnis, das wird sich mit Sicherheit ändern.

Siehst du Trends bei Acoustics?

Da gibt es ganz eindeutig einen Trend zu kleineren Gitarren. Das OM-Modell ist bei uns in den letzten Jahren die mit Abstand meistverkaufte Gitarre.

Danke für das Gespräch und weiterhin veel Succes!

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großzügige TFOA-Werkstatt (Bild: Franz Holtmann)

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