Godin 5th Avenue CW Kingpin II im Test

Halbakustische Gitarre von Godin, liegend
FOTO: Dieter Stork

 

Klassische Hollowbody-Konstruktion, Cutaway, Aufsatzsteg, Trapezhalter, P-90-Pickups – klar ist das Retro und Rückbesinnung auf die 50er-Jahre. Aber in seiner konzeptionellen Klarheit und Schlichtheit ist dieses Modell ja auch schon wieder cool.

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Die erste Ausgabe der 5th Avenue Kingpin (Test G&B 08/2009) kam noch ganz rudimentär als Archtop ohne Cutaway und mit nur einem Pickup am Hals heraus, ähnelte damit in vielerlei Hinsicht der alten ES-125 von Gibson. Das Modell Kingpin II hält prinzipiell diesen Kurs, erweitert allerdings um das venezianische Cutaway und einen zweiten P-90-Pickup, erinnert also immer noch an die Archtop-Gibsons der 50er, um dann aber doch seine ganz eigenen Brötchen (aus Kirschbaumholz, aua) zu backen. Gefertigt in Kanada, überrascht dieses Instrument mit einem günstigen Preis.

 

Konstruktion der Godin 5th Avenue CW Kingpin II

Das Konstruktionsprinzip der Kingpin II ist der überkommenen Bauweise entlehnt: Korpus mit gerundetem Cutaway aus Laminat, hier allerdings in Wölbung gepresste kanadische Wildkirsche, Decke unterbaut mit parallel gesetzten Balken, zwei traditionelle f-Löcher, Creme-Binding, ganz so also, wie eine Archtop der 50s eben auszusehen hatte. Das Testmodell ist mit einem semimatt durchscheinenden Finish versiegelt (Burgundy), welches man mit French Polish, also mit Schellackpolitur in Verbindung bringt. Naja, mit schlechten Augen und viel gutem Willen kann man das assoziieren. Auf jeden Fall aber macht diese Versiegelung einen robusten Eindruck und sieht ansprechend aus.

Der Hals aus Silver Leaf Maple – Kopfplatte und Halsfuß sind angesetzt – ist nach wie vor in Höhe des 14. Bundes auf den Korpus geschraubt und bei Bedarf durch die Öffnung des entnommenen Hals-Pickups zu lösen. Der größere Teil der Halsunterseite zwischen Halsfuß und Pickup schwebt ausgekehlt über der dadurch unbelastet gehaltenen Decke. Im Griffbrett aus Palisander (16″ Radius) mit guter Kantenverrundung zur Greiffläche hin finden sich 21 schlanke, klaglos gut verarbeitete Bünde. Lediglich die Kopfplattenfront der Kingpin II ist hochglänzend lackiert, korrespondiert damit optisch mit den blanken schwarzen Pickup-Kappen und dem schwarz-weiß geschichteten Schlagbrett, welches im Übrigen recht hoch über der Decke angebracht ist („floating“). Der Sattel und der in der Höhe verstellbare, ebenholzfarbene Aufsatzsteg mit kompensierter Saitenauflage kommen von Graphtech (Tusq). Stilgerechte Mechaniken im Kluson-Stil und der eingelegte Halsstab mit Zugriffsmöglichkeit vom Kopf her ergänzen die Ausstattung.

 

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FOTO: Dieter Stork

 

Zwei Godin Kingpin P90 Singlecoil Pickups in schwarzen Kappen sind mit ihren „Hundeohren“ auf den Korpus geschraubt. Die Polschrauben des Hals-Pickups befinden sich exakt unterhalb der zweiten Obertonoktave der Saiten. Aktiviert werden die Tonabnehmer einzeln oder zusammen über den Kippschalter im oberen Zargenkopf, verwaltet mit jeweils generell arbeitenden, einzelnen Volume- und Tone-Reglern.

Bleibt noch der traditionelle Trapezhalter für die Saiten, die bei der Kingpin II über eine Mensur von 63 cm verfügen, die einfache Kabelbuchse in der unteren Zarge und die Security-Locks für den Gurt zu erwähnen. Gearbeitet wurde die schlichte Gitarre in Summe seriös und sauber. Sie ist im Übrigen mit nur knapp 2,4 kg ein ausgesprochenes Leichtgewicht. Geliefert wird die Kingpin II in einem etwas voluminösen, aber ebenfalls sehr leichten (ca. 1,7 kg), so genannten TRIC Case aus „Expanded Polypropylen“.

 

Praxis

Die Kingpin II ist so was wie eine alte Bekannte, meint man jedenfalls, wenn man sie vornimmt und mit Gitarren dieser Bauart vertraut ist. Die Saiten stehen recht hoch über der Decke, das bringt den komfortabel auf der Zarge hinten ruhenden rechten Arm in eine lässige Spielposition. Die Saitenlage ist nicht gerade auf Briefmarkenniveau eingestellt, da geht aber noch was. Nachdem der Halsstab mit dem beiliegenden Werkzeug etwas angezogen wurde, kommt das schon besser und der rundlich gestaltete Hals lässt sich nun relativ komfortabel handhaben. Das Klanggefüge der Gitarre ist eher das einer etwas speziellen Steelstring, weniger das einer Jazzgitarre. Sehr lebhaft und silbrig in den Höhen einerseits und mit einer gewissen Wärme in den Mitten andererseits, stellt sie ein offen tönendes, temperamentvolles Klangbild in den Raum. Die Bässe sind von eher leichter Natur, artikulieren aber stramm, federn gut ab und fügen sich in den Akkord harmonisch ein.

Mit dieser ausgeglichenen akustischen Klangausstattung können die einspuligen Tonabnehmer gut umgehen. Die effektiv eingegrenzten Bässe erlauben sogar eine für die Bauweise beachtliche Lautstärke, aber richtig laut geht natürlich nicht, dann hupt es. Die knackige Tonentfaltung ist bei beiden Pickups zu loben, denn die recht ausgewogenen Kingpin P-90 Pickups (Hals 9,1 kOhm; Steg 9,6 kOhm) übertragen das aufgeräumte Akkordbild mit stimmlich differenzierter Transparenz und Einzelnoten mit definiertem Anschlags-Attack. Positionsbedingt tönt der Hals-Pickup vollmundig und sonor, liefert dennoch beste Saitenauflösung im Akkord und wie auf Schnur gezogene Melodieperlen. Selbstredend sind mit etwas zurückgenommenem Tone-Regler auch ansprechende Jazz-Sounds ins Werk zu setzen, aber besser geht die Archtop mit knackfrischen, rhythmisch orientierten Spielweisen um. Willst du es aber etwas dreckiger, so folgt dir die Kingpin auch willig in die Niederungen der geschmackvollen Low-Fidelity-Anzerrungen mit sehr schön rau aufbrechendem Crunch.

 

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FOTO: Dieter Stork

 

Der Steg-Pickup zeigt erwartungsgemäß mehr Biss, er haut die Sachen mit ordentlich Schmackes raus. Da freut sich der Freund der gediegenen Zappel-Rhythmik bei etwas zurückgenommenem Volume-Poti für die Begrenzung der recht aggressiven Spitzen ebenso, wie der Twang-o-holiker. Mit saftigem Höhen-Peak lassen sich effektiv Akzente setzen, aber auch mit knapp gefasstem Pick herausgequetschte Linien machen mit messerscharfer Präsenz Dampf. Das gilt natürlich erst recht, wenn der Amp ins Clipping geht. Das ist schon ein toller Zugewinn der Kingpin II, nun auch diesen kraftvoll glockig tönenden Steg-Pickup zur Verfügung zu haben.

Die Kombipackung beider Tonabnehmer kann dann auch noch mit lichtreich perlender Transparenz überzeugen. Ein bestens nutzbarer Klang also, der die P-90-Pickups aufs Schönste zu einem dritten eigenständigen Sound vermählt.

Sehr erfreulich übrigens, dass in allen Schaltpositionen ein nettes holzgetränktes Flair den Ton kennzeichnet. Diese ungekünstelte Naturfarbigkeit verleiht der Kingpin II bei aller Schlichtheit doch einen lobenswert bodenständigen Charakter.

 

Resümee

Was Godin mit der ersten Kingpin-Archtop schon erfolgreich angefangen hat, das setzt die kanadische Firma mit der Kingpin II in schönster Konsequenz fort. Traditions-Design in schlichter, aber substanziell seriöser Bauweise, in Verbindung gebracht mit kraftvoller Elektrik und ordentlicher Handhabung mündet hier in ein erfreulich funktionstüchtiges Instrument, das nicht nur dem Schüler oder Amateur zur Freude gereichen kann. Natürlich unterliegt der Wirkungsbereich dieser Gitarre schon baubedingt gewissen Einschränkungen. Wer gerne laut spielt oder strikt traditionellen Jazz hören will, der findet sich besser ein anderes Instrument. Der Liebhaber von Spielweisen mit akustisch-erdigem Touch jedoch – ob das nun Blues, Singer/Songwriter-Music, Rockabilly oder was auch immer sei – der könnte in der Kingpin II eine Begleiterin finden, die ihm nicht nur treue Dienste leisten wird, sondern dazu auch noch eine gute Figur macht. Ja, so geht das – Qualität aus Kanada zum erschwinglichen Preis!

 

 

Übersicht

Fabrikat: Godin

Modell: 5th Avenue CW Kingpin II

Typ: Archtop

Herkunftsland: Kanada

Mechaniken: Kluson-Typ, gekapselt

Hals: Silver Leave Maple, obere Kopfplatte angesetzt, Schraubverbindung

Sattel: Tusq

Griffbrett: Palisander, nicht eingefasst, Punkt-Einlagen

Radius: 16″

Halsform: D-Profil

Halsbreite: Sattel 44,1 mm; XII. 54,2 mm

Halsdicke: I. 20,1 mm; V. 22,4 mm; X. 24,2 mm

Bünde: 21, schlank

Mensur: 630 mm

Korpus: Wildkirsche, laminiert, Creme-Binding

Oberflächen: Burgundy, matt; Kopfplattenfront Hochglanz

Schlagbrett: schwarz-weiß

Tonabnehmer: 2x Kingpin P-90 Singlecoil Pickups (Hals 9,1 kOhm; Steg 9,6 kOhm)

Bedienfeld: 1x Master-Volume, 1x Master-Tone, 1x Dreiweg-Pickup-Schalter

Steg: Aufsatzbrücke, Graphtech

Hardware: verchromt

Gewicht: 2,4 kg

Lefthand-Option: nein

Vertrieb: PB International BV

NL-6045 Roermond

www.godindirect.com

Zubehör: TRIC Case

Preis: ca. 1057

 

Plus

  • traditionelle Optik
  • stimmige Konstruktion
  • gute P-90 Pickups
  • erdige Sounds
  • Leichtgewicht
  • Handhabung
  • Verarbeitung
  • Preis/Leistung
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