Lieber Teamplayer als Gitarrengott

Guthrie Govan im Interview!

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(Bild: Charvel)

Nachdem Guthrie Govan gerade eine weitere Tournee mit Hans Zimmer abgeschlossen hatte, machte er sich sofort auf den Weg, um mit seinem Trio The Aristocrats durch Europa zu touren, wo er gemeinsam mit dem deutschen Schlagzeuger Marco Minnemann und dem amerikanischen Bassisten Bryan Beller auf der Bühne steht. In einem „Father Ted“-T-Shirt und mit einem Kaffee aus einem Pappbecher in der Hand erschien er zum Interview.


Fangen wir ganz vorne an! Es heißt, dein Vater habe dir im Alter von drei Jahren eine Gitarre in die Hand gedrückt und dein Bruder sei ebenfalls Musiker (er ist Bassist und hat Bass auf Guthries Soloalbum ‚Erotic Cakes‘ gespielt). Waren deine Eltern also Musiker oder waren sie einfach nur sehr musikbegeistert?

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Mein Vater hat mir nicht wirklich eine Gitarre in die Hand gedrückt, sondern er besaß einfach eine. Er war ein eher unspektakulärer Musiker. Er kannte ein paar Rock-’n’-Roll-Songs. Er beherrschte fünf Akkorde.

Ich bin also einfach mit dem Wissen aufgewachsen, dass ein echter Mensch in meiner Familie einen ganzen Elvis-Song spielen konnte, und der Rest ergibt sich dann von selbst. Ich glaube also wirklich, das Nützlichste, was mein Bruder und ich durch das Aufwachsen in diesem Umfeld gelernt haben, war nichts Technisches oder Gitarrenspezifisches. Es ging vielmehr darum, zu lernen, wie man Musik hört und wie man Musik schätzt, zu lernen, wie wichtig Musik sein kann.

Und die Freiheit, schon von klein auf mit der Gitarre zu experimentieren, hat dir offensichtlich eine Leichtigkeit beim Gitarrenspiel verliehen. Bei einem Konzert, bei dem wir waren, rief jemand aus dem Publikum zwischen den Songs etwas, und du hast es aufgegriffen und mehr oder weniger perfekt auf der Gitarre nachgeahmt, ich würde sogar sagen, in genau derselben Tonlage. Machst du das oft?

Das ist ein Nebeneffekt meiner Lernweise. Ich habe mir die Gitarre nicht wirklich ausgesucht, sie hat mich ausgesucht. Sie wurde zu meiner alleinigen Schnittstelle zur gesamten Welt der Musik.

Eine meiner frühen Erleuchtungen war also: Moment mal, ich muss nicht nur Gitarrensoli lernen – nichts, was ich höre, ist tabu – alles ist es wert, nachgeahmt oder kopiert zu werden. Und das erstreckte sich auf andere Instrumente, Eiswagen, Fernsehmelodien, einfach alles.

Wenn die Aristocrats auf der Bühne stehen und Songs ankündigen, gibt es immer eine lustige Anekdote darüber, wie der Song in euren Köpfen entstanden ist. Dann bringt ihr das jeweils so anschaulich und klar mit Phonosemantik zum Ausdruck, dass ihr dieses Bild durch eure Musik zum Leben erwecken könnt. Ist das also eine Fähigkeit, die ihr schon immer hattet?

Nun, das klingt großartig. Ich sollte mir mal einen unserer Auftritte ansehen (lacht).

Ich glaube, es hilft dem Ablauf der Show, wenn wir ein bisschen Klarheit und – ich wage es zu sagen – Humor in den Abend einbringen können, anstatt einfach zwei Stunden lang da zu stehen und zu sagen: „Zittert alle vor unserer technischen Meisterschaft!“, denn das ist wirklich nicht die Botschaft, die wir vermitteln wollen.

The Aristocrats live: Guthrie Govan, Marco Minnemann am Schlagzeug und Bryan Beller am Bass (Bild: Michele Kvistad)

Die Wahrheit ist: Wenn wir zusammen spielen, haben wir Spaß. Und die Antwort lautet: Sei einfach ehrlich. Sag ihnen, wie es sich anfühlt. Sag ihnen, was die Songs bedeuten.

Entsteht bei dir zuerst eine Geschichte im Kopf, oder war die Musik da und du hast dir dann überlegt, wie das aussehen könnte? Wie läuft das ab?

Manchmal ist das schwer zu sagen. Manchmal erwischt man sich einfach dabei, über etwas nachzudenken, und das Gehirn verzweigt sich gewissermaßen, und auf der einen Seite der Verzweigung gibt es ein mentales Bild, und auf der anderen Seite gibt es einen Soundtrack. Manchmal passieren sie also gleichzeitig.

The Aristocrats haben 2024 das Album ‚Duck‘ veröffentlicht. Wie sah der Entstehungsprozess dieser Musiksammlung aus und unterschied er sich von den vorherigen Alben? Gab es dabei konkret etwas, das ihr bewusst oder unbewusst gemacht habt?

Ich glaube, wir haben das System beibehalten. Als wir diese Band gründeten, haben wir herausgefunden, dass es funktioniert, wenn jeder von uns drei Songs in fertig ausgearbeiteter Demo-Form einreicht, wir sie dann miteinander teilen, sie einstudieren und darauf vertrauen, dass wir sie so klingen lassen können, wie es zu uns passt, wenn wir uns im Studio treffen. Dieses neueste Album bestand also wieder aus drei Songs von mir, drei von Marco und drei von Bryan.

Der einzige Unterschied wurde uns erst im Studio klar. Also, Moment mal, wir haben hier tatsächlich eine Geschichte. Wir können daraus ein Konzeptalbum über eine Ente machen.

Wir wussten nicht, dass das passieren würde, als wir die Songs geschrieben haben. Das war einfach ein glücklicher Nebeneffekt.

(Bild: Michele Kvistad)

Inwieweit unterscheiden sich die Songs deiner Meinung nach live von den Studioversionen?

Ich glaube, die Essenz bleibt dieselbe. Wenn man sich das Album anhört, gibt es ein paar Tracks, die ganz bewusst überproduziert sind. Da ist einer von Marco namens ‚And Then There Were Just Us‘ und einer von mir namens ‚Slideshow‘, und wir wussten, dass das keine Songs sind, die es in das Live-Set schaffen werden.

Das sind eher Gelegenheiten für uns, mit der Produktion und dem Layering zu experimentieren. Beim Rest haben wir versucht sicherzustellen, dass sich der Großteil des Materials auf dem Album in eine rohe Trio-Besetzung übertragen lässt. Also versuchen wir, größtenteils mit diesem Gedanken im Hinterkopf zu schreiben.

Kommen wir zu deinem Sound: Du verwendest immer noch das FM9 und aktive Laney-FRFR-Boxen?

Ja, ich habe mich eine Zeit lang irgendwie unrein gefühlt. Ich hatte das Gefühl, meine Seele verkauft zu haben, weil tief in mir traditionelle Werte verankert sind. Ich liebe den traditionellen Stil von Gitarrenverstärkern und normalen Pedalen.

Aber sobald ich anfing, mich auf das Digitale einzulassen – und das war ein Nebeneffekt meiner Zusammenarbeit mit Hans Zimmer, wo ich keine Wahl hatte, man kann ja keinen dröhnenden Stack auf diese Bühne mit all den Orchester-Mikrofonen bringen – wurde mir allmählich klar, dass das, was ich in Hans’ Welt lerne, vielleicht auch auf mein anderes Leben übertragen werden kann.

Sobald ich mich damit wohlfühlte, wurde es zu einer befreienden Sache, denn plötzlich kann man für jeden Song ein völlig anderes virtuelles Rig haben.

Verwendest du live eine Reihe von Kern-Presets und ein paar zusätzliche oder änderst du die Grundstruktur für jeden Song?

Ich habe für jeden Song ein komplett neues Preset.

Deine Wurzeln liegen im Classic Rock und Blues, und dort schlägt dein Herz. Worauf basieren also deine Verstärker- und Boxen-Sounds?

Wenn ich einen virtuellen Lieblingsverstärker hätte, wäre es ein Friedman, wie der BE oder HBE, und was die Boxen angeht, ist es eine Mischung aus Vintage 30s und Greenbacks – also einfach ein normales, aufgemotztes Marshall-Setup.

Herzstück des Rigs: der Fractal FM9 Amp Modeler (Bild: Michele Kvistad)

Hast du bei den Aufnahmen für dieses neue Album die echten, physischen Verstärker und Boxen verwendet?

Es ist eine Mischung. Ich würde sagen, es sind wahrscheinlich 60 % echte Verstärker und 40 % Fractal, aber ich genieße es, den Leuten nicht zu verraten, bei welchen Songs die 40 % stammen, denn ich glaube, Modeling ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass man es wirklich nicht mehr unterscheiden kann, es sei denn, man hört mit den Augen. Was für eine Zeit, in der wir leben!

Guthries Charvel-Signature. (Bild: Michele Kvistad)

Deine erste Gitarre war eine SG, oder?

Meine erste gute Gitarre, ja. Meine allererste Gitarre war eine billige, miese Nylonsaiten-Gitarre, keine Marke.

Was kam danach? Denn du spielst ja keine SGs mehr. Ich meine, du bist eher ein Strat-Typ.

Nun, ich habe meine ganze Teenagerzeit damit verbracht, zu versuchen, mit einer SG all das hinzubekommen, was ich in der Welt des Heavy Rock entdeckte. Und wenn man erst einmal Steve Vai gehört hat, wie er sein Ding macht, dann schaut man auf seine SG und fragt sich: Warum kann die SG das nicht?

Wie viele Gitarren besitzt du?

Mehr als 10. Weniger als 20. Ich habe vielleicht den Überblick verloren, weil ich mittlerweile verschiedene Gitarren an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt stehen habe, aber ich habe ein separates Hans-Zimmer-Set, das ich nur für diese Tournee benutze.

Welche Änderungen hast du im Laufe der Jahre an deinen Signature-Gitarren vorgenommen und warum? Die erste war aus Linde (Basswood) und die jetzige aus Esche (Ash), richtig?

Nun, mittlerweile gibt es zwei Varianten. Es gibt eine aus „cooked ash“ und eine aus Linde mit Ahorn-Decke, welche das Original war. Klanglich reagieren sie einfach ein bisschen anders – ich spüre es, weil der Eschekorpus eine andere Art von Snap hat.

Die aktiven Laney-FRFR-Boxen auf der Bühne, über die das Signal des FM9 läuft (Bild: Michele Kvistad)

Das ging vor ein paar Aristocrats-Alben los, als ich eine Strat benutzte, um die Demos zu schreiben – ich dachte einfach, eine echte Strat könnte eine andere Seite von mir zum Vorschein bringen. Und dann wollte ich eine idiotensichere Workhorse-Version einer Strat, die ich benutzen konnte, um diese Songs live zu spielen. Also habe ich mit den Leuten von Charvel gesprochen und gesagt: Vielleicht könnten wir eine aus Esche ausprobieren, mal sehen, was passiert. Und das hat ziemlich gut geklappt.

Von all der Musik, die du bisher gespielt hast, was war für dich die größte Herausforderung?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, jedes Mal, wenn ich in die Welt einer neuen Musikgruppe eintauche, liegen die Herausforderungen am Anfang, wenn ich herausfinden muss, welche Art von Gitarrist ich sein sollte, um der Musik am besten gerecht zu werden. Und sobald man herausgefunden hat, wer man sein soll, verschwinden die Herausforderungen nach und nach.

Die Sache mit Hans Zimmer war also eine riesige Herausforderung, weil er mir drei Stunden MP3s mit all seinen größten Hits geschickt hat. Und er sagte einfach: Ich vertraue dir. Das ist befreiend, aber es ist auch ein großer Druck, wenn jemand von diesem Kaliber zu dir sagt: „Ich vertraue dir, ich werde dir keine Anleitung geben.“

Wirst du jemals wieder ein Soloalbum aufnehmen?

Ich denke, eines Tages. Ich fühle mich nicht verpflichtet, eines zu machen, weil ich als Teamplayer lieber eingebunden bleibe. Dieser Ansatz beinhaltet ein Stück weit, dass der Gitarrist auf einem Podest steht und als gitarrenbewaffneter Gott auftritt, während dahinter eine anonyme Rhythmusgruppe steht. Irgendetwas daran fühlt sich nicht so an, als wäre das der Sinn von Musik.

Aber ich bin mir sicher, dass es eines Tages ein weiteres Soloalbum geben wird, und bevor sich jemand zu sehr darauf freut: Ich bin mir sicher, dass es ganz anders klingen wird als das erste. Das erste haben wir ja bereits.

Natürlich, und es hatte schon damals nicht diese Atmosphäre, die manche Instrumental-Gitarrenalben haben.

Ich bin zufrieden damit, wie das erste Album bei den Leuten angekommen ist. Wenn ich heute Leute treffe, die erfolgreich sind und auf Titelseiten landen, und sich herausstellt, dass sie dieses Album gehört haben und es einige Aspekte ihres Schaffens geprägt hat, dann ist das ein bisschen wie das Gefühl eines stolzen Elternteils.

Nochmal kurz zurück: Wie bereitest du dich auf einen Auftritt mit den Aristocrats vor, im Vergleich zu einem mit Hans Zimmer? Bereitest du dich überhaupt vor?

Nun, um dir einen kleinen Einblick zu geben: Ich habe gerade eine sechs- bis siebenwöchige Tournee mit Hans Zimmer hinter mir und bin dann für einen Tag nach London geflogen, musste das gesamte Hans-Zimmer-Set vergessen und das Aristocrats-Set neu lernen. Dann bin ich ins Flugzeug gestiegen und nach Athen geflogen, wo wir den ersten Auftritt als Trio hatten.

Es gab also keinen perfekten, sanften Übergang zwischen den beiden Welten. Es war sehr abrupt. Aber ich schätze, weil wir die richtigen Leute für das Trio ausgewählt haben, kommen wir anscheinend auch ohne allzu viel Proben aus.

Und was steht nach der Tour als Nächstes an?

Ich werde zurück nach London gehen und mich neu sortieren. Ich habe ein paar Remote-Recordings, hier und da ein paar Jazz-Fusion-Gigs im Großraum London, um mich fit zu halten und als Gastmusiker bei anderen Bands mitzuspielen. Und ich bereite mich langsam auf den September vor, wenn die nächste Hans-Zimmer-Tour ansteht.

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2026)

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