Kolumne

Till & Tone: Fuzzinierend, Captain!

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Helmut und Till auf dem Guitar Summit (Bild: Till Hoheneder)

Seit Jahrzehnten begeistert mich immer wieder die a) rührende Naivität, b) nicht durchdachte Überlegung, c) kognitive Limitierung, d) bräsige Torheit einiger Fragen, die sich jeder eigentlich selbst beantworten kann, der ein Stöckchen in einen Termiten-Haufen stecken kann, um diesen proteinreichen Snack zu verspeisen. Wer jetzt denkt: „Okay, Affen sind auch nicht dümmer als wir Menschen”, sich aber trotzdem fragt: „Worauf will unser Meister Proper of Tone denn hinaus?” Alles klar, ich löse auf.

Was soll man bitteschön von einer immer wiederkehrenden Frage halten, die an Hersteller von Effektpedalen gestellt wird: Welches deiner Fuzz-Pedale klingt nach Hendrix? Oha! Das gibt uns schwer zu trinken! Lauern da noch weitere mystische Fragen?

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Mit welcher Sonnenbrille singe ich wie Bono? Welche Akustikgitarre klingt wie die Amigos? Mit welchem Terpentin gurgelt Tom Waits? Welche Flip-Flops benutzt Reinhold Messner? Spielt Troubadix eine Bariton-Harfe in Open G-Tuning? Halt, ich verzettel’ mich. Bleiben wir doch bitte sachlich beim Tone.

Um die Hendrix-Frage relativ sinnvoll zu beantworten, schlage ich vor: Wer einen ähnlichen Sound wie Hendrix erreichen möchte, sollte sich ein altes Spiralkabel aus den 60ern mit hoher Kapazität besorgen, einen 100 Watt Marshall-JTM-Turm mit zwei 4×12″-Boxen, eine Stratocaster und ein Fuzz ohne True Bypass, z.B. von der Dunlop-Stange.

Die Strat einen Halbton tiefer stimmen, Saitenstärke war angeblich 0.10, 0.13, 0.15, 0.26, 0.32 und 0.38 für das tiefe „Es”. Dann fürs Feeling noch eine Tony Marshall-Gedächtnisperücke, alles auf 10 und ab dafür! Wild Thing anspielen und dann kräftig mehrmals am Hebel ziehen! Und? Klappt nicht?

FACK JU GÖHTE STATT FOXY LADY?

Klingt wie Fack ju Göhte und nicht wie Foxy Lady? Hätte man sich vielleicht sogar vorher denken können. Aber leider wollen zu viele Gitarristen aus verständlichen Gründen ignorieren, dass das „Benutzen” von Gear unserer Idole zwar brauchbare Imitationen selbiger hervorbringen kann, mehr aber auch nicht.

Ich habe auch lange gebraucht, vielleicht sogar noch länger als andere … weil ich als Parodist gewohnt war, einem Original stimmlich täuschend ähnlich nahezukommen, ein Meister der Täuschung sozusagen. War allerdings das „Original” anwesend, verflog die Illusion bedeutend schneller. Denn das Original ist eben das Original, sei es die Stimme oder das Gitarrenspiel.

Man kann Hendrix formidabel imitieren bzw. nachmachen, genug Gitarristen haben das bewiesen. Aber es bleibt eine Nachahmung, das Original ist nicht zu toppen. Und noch viel wichtiger: Das Original hat’s erfunden!

Herrschaftszeiten, wie viele Tweed-Pedale, ungezählte Amps und Teles habe ich gekauft, bauen und modifizieren lassen, um wie Keith Richards zu klingen. Absurd, dämlich und sinnlos. Selbst mit einem fetten 59er High-Power Tweed Twin, offenem Tuning sowie einer guten Telecaster – es blieb bei einer akzeptablen Imitation, mehr aber auch nicht.

Denn Richards Timing, sein Anschlag/Attack – oder wie der langjährige Stones-Producer Don Was es formulierte – die Kunst, wie Richards die Noten released (loslässt), ist einzigartig, das ist das Kernstück seines Tones. Und Don sagte darüber hinaus noch: Leute, die sagen, dass Richards „sloppy” spielt, wären „out of their fucking minds”. Recht so, lieber Herr Was. Wer es nicht glaubt … dann macht es so wie ich!

Ich habe in meinem Leben so oft versucht, einen Stones-Klassiker mitzuspielen, und habe irgendwann immer vergessen, weiterzuspielen, weil ich mich gewundert habe, wieso er an ganz anderen Stellen anschlägt oder Up-Strokes macht als ich. Ich vermute, es liegt daran, weil er a) Keith Richards ist und nicht ich, b) ein verdammtes Genie ist.

CLAPTON SPIELT CLAPTON-STRATS!

Was sollen wir also jetzt davon halten, dass Musiker nach Fuzz-Pedalen fragen, die am besten nach Hendrix klingen? Ist das überhaupt eine dumme Frage? Es gibt doch das ganze Signature-Gear. Alles ist am Start: Clapton-Strats, Flea-Bässe, Magnatone, Slash-Amps, David-Gilmour-Saiten und Billy-Gibbons-Weihnachtsmannbärte!

Ist das etwa alles nur Marketing, damit wir glauben, ein Teil des Sternenstaubs wird bei Benutzung Besitz von uns ergreifen und unser Spiel veredeln? Ja, auch! Auf der anderen Seite können das aber auch Produkte sein, die tatsächlich von den namengebenden Stars so benutzt werden.

Clapton spielt tatsächlich seine Clapton-Strats, wenn auch Masterbuilt, aus dem Custom Shop. Aber die kann ich auch kaufen, wenn ich den Knatter dafür auf den Tisch lege. Auch seinen 57er Fender Low-Power Tweed Twin hat Eric benutzt, manchmal modifiziert, manchmal (so berichtete es jedenfalls Joe Bonamassa) ladenneu von der Stange.

Wir können diese Produkte also beruhigt nachkaufen, weil wir annehmen dürfen, dass ein Profi nur das benutzt, was sich in vielen Situationen seines Berufslebens als gut und/oder zuverlässig bewährt hat. Das ist ein Grund, warum die alten sowie neuen Boss-Pedale nach wie vor auf vielen Pedalboards von Stars zu finden sind. Anständig, gut, zuverlässig – nehm’ ich, spiel ich!

Man muss sich eben nur von der Vorstellung frei machen, dass man mit einem Boss SD-1 genau wie Jimmy Page klingt oder spielen kann. Ich habe das hier schon oft genug geschrieben: Findet eure eigene Stimme, euren eigenen Sound. Hört euch eure Vorbilder an und entwickelt aus dieser Inspiration euer eigenes Ding! Baut euer eigenes Haus. Es ist der Player, nicht die Gitarre… der Amp… das Pedal.

Andere Welt, anderes Beispiel: Zur Einweihung des neuen Nürburgrings im Mai 1984 kamen die Veranstalter auf die Idee, viele Formel-1-Weltmeister gegeneinander in einem Rennen fahren zu lassen. Das Rennen der Champions! Der Clou sollte sein, dass alle dasselbe Auto benutzen müssen … einen Mercedes 190E 2.3-16.

Ein Auto mit dem Coolnessfaktor eines bereiften Bausparvertrages und dem Federungsverhalten einer Donauwelle – aber ideal, um zu zeigen, wer der absolute Chef am Lenkradkranz ist. Mit dabei: Niki Lauda, Keke Rosberg, Stirling Moss, Alain Prost, Nelson Piquet … und nur ein Neuling unter den Champions, ein Rookie namens Ayrton Senna.

Alle Weltmeister bretterten also in ihrem Serien-Benz los, aber gewonnen hat natürlich nur einer… Ayrton Senna! Auch hier die Essenz: It’s the driver, not the car! Klar sind Auto und Gitarre auch wichtig, aber erst das Individuum, das sie bändigt, bringt den Glanz an den Köttel! Isso!

KRUMMINGA UND SEINE JEFF BECK-STRAT!

Ich habe neulich einen Gig mit den Slowhand All Stars gespielt, bei dem unser Stammgitarrist, der G&B-Kollege Michael Dommers, leider krankheitsbedingt zwei Tage vor dem Auftritt absagen musste. Alle seine Subs waren verhindert, mein letzter Joker war mein Freund Helmut Krumminga.

Das Kruminga-Rig (Bild: Till Hoheneder)

Helmut, der mit seinen sensationellen Saitenkünsten u. a. schon bei BAP, LSE, Wolf Maahn, Inga Rumpf und Udo Lindenberg für größtes Entzücken verantwortlich war. Ein wunderbarer Musiker und Komponist, der uns vor zwei Jahren schon mal aus der Patsche geholfen hatte. Er hatte Gott sei Dank Zeit … aber kein Auto.

Die Bahn konnte aushelfen, aber das bedeutete auch, dass ich das Equipment vor Ort stellen sollte. Damit Helmut nur seine treue Jeff-Beck-Strat (passt gut zum Thema, oder?) durch den Zug bugsieren musste. Der Laden war ein ehrwürdiger Live-Club in Hamm mit relativ kleiner Bühne.

Also gab ich Helmut nach Rücksprache meinen Vox AC10 Handwired und baute ihm ein kleines Brett: Korg Pitchblack-Tuner, DanDrive, VoCooder und ein Fulltone Fulldrive 1. Hall hatte der Amp an Bord, der VoCooder sorgte für Crunch sowie Overdrive-Sounds und das Fulldrive lieferte mit einem ordentlichen Boost die „tragenden, guten Mitten” eines geschmeidigen Solos!

Was soll ich sagen? Der Auftritt war wohl der beste, den ich seit zehn Jahren gemacht habe. Oder besser gesagt: den ich seit zehn Jahren erlebt habe. Helmut ist „one of a kind”, wie es eigentlich jeder ist … womit aber viele hadern.

Frei nach einer Textzeile von Annette Humpe: „Ich bin nicht der, der ich sein will / Und will nicht sein, wer ich bin.” Die Passion, die unbändige Freude an der Musik, egal, ob vor 50 oder 50000 Leuten – das kommt aus jeder Pore von Helmut. Egal, ob mit Star-Act oder passionierten Hobbymusikern − der Mann groovt, spielt Rhythmus- und Leadgitarre gleichermaßen gut … was will man mehr?

Die Jeff-Beck-Strat klang übrigens die ganze Zeit selbstverständlich nur nach Krumminga! Es war für mich interessant zu beobachten, dass „mein” Gear einfach „sein” Gear wurde. Also findet nicht das Fuzz, das wie Hendrix klingt. Sondern das Zeug, mit dem ihr wie ihr klingt!

Das ist sicher ziemlich schwierig in Zeiten, wo tausend Videos, Artikel und Kolumnen uns klarmachen wollen, was wir unbedingt brauchen oder auch nicht. Aber es lohnt sich. Mr. Spock, der alte Enterprise-Rocker, hätte ein Fuzz-Face aufgesetzt und gesagt: Fuzzinierend, Captain. Dieser Till Hoheneder hat Recht. Einmal dachte ich, er hätte Unrecht … aber da hatte ich mich geirrt!


(erschienen in Gitarre & Bass 07/2026)

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