Orchestraler Abriss

Dimmu Borgir im Interview

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(Bild: Stian Andersen)

Dimmu Borgir zählen seit den frühen Neunzigern zu den prägendsten Namen des Symphonic Black Metal – eine Band, die extreme Härte, orchestrale Wucht und finstere Atmosphäre zu einem ganz eigenen Klangkosmos verdichtet hat. Zum neuen Album ‚Grand Serpent Rising’ sprachen wir mit Silenoz, Gründungsmitglied, Rhythmusgitarrist und einer der zentralen kreativen Köpfe der Band, sowie mit Victor Brandt, der seit 2018 am Bass für das nötige Tieftonfundament sorgt.


Glückwunsch zum neuen Album! Wie würdet ihr die musikalische Entwicklung von Dimmu Borgir im Vergleich zu euren bisherigen Veröffentlichungen beschreiben?

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Silenoz: Vielen Dank! Für uns ist es erst einmal eine neue Sammlung richtig starker Songs. Wir haben das Gefühl, dass wir das erreicht haben, was wir uns vorgenommen hatten – und sogar noch ein bisschen mehr. Eigentlich ist das Album für uns schon vor der Veröffentlichung ein Erfolg, weil wir unseren Teil erledigt haben. Ab jetzt liegt es nicht mehr in unserer Hand.

Natürlich klingt es immer nach dem üblichen Klischee, wenn man sagt: „Das ist unser bestes Album bisher.” Aber ganz ehrlich: Wenn man nicht den Hunger und das Selbstvertrauen hat, so eine Vision durchzuziehen, warum sollte man es dann überhaupt machen? Wer weiß schon, ob es wirklich unser bestes Album ist? Und woran misst man so etwas überhaupt? Was wir wissen: Es ist das Beste, was wir zu diesem Zeitpunkt abliefern konnten. Wir sind zufrieden – und genau darum geht es am Ende.

Victor: Für mich fühlt sich das Album wie eine natürliche Weiterentwicklung unserer klanglichen DNA an. Es ist klar Dimmu Borgir, aber gleichzeitig treiben wir bestimmte Elemente weiter, als wir es bisher getan haben. Diese Balance aus Aggression und Atmosphäre war für uns immer wichtig, diesmal haben wir aber noch stärker mit Dynamik gearbeitet: mit Kontrasten zwischen orchestraler Wucht und roher, sehr direkter Härte.

Dazu kommt, dass sich eine stärkere emotionale Linie durch das Album zieht – musikalisch wie textlich. Das verbindet die Songs noch enger miteinander und gibt dem Ganzen eine fast filmische Wirkung.

Gab es bestimmte musikalische Einflüsse, die das Songwriting für das neue Album geprägt haben? Und was hört ihr privat aktuell so?

Silenoz: Ich glaube, wir hören alle ein ziemlich breites Spektrum an Musik. Das kann morgens düsterer Jazz sein und abends dann Vollgas-Grindcore – mit allem, was dazwischen liegt. Genau das ist ja auch das Spannende an dieser Band: Jeder bringt einen sehr eigenen, breit gefächerten Musikgeschmack mit, und wir ziehen unsere Inspiration aus ganz unterschiedlichen Ecken. Das ist definitiv eine Stärke.

Für mich persönlich gab es bei diesem Album keine bestimmte Band und keinen bestimmten Künstler, der mein Songwriting bewusst beeinflusst hätte. Vielleicht sickern aber nach wie vor diese alten klassischen Vinylplatten aus den 70ern, 80ern und 90ern irgendwo ins Unterbewusstsein und werden dann durch uns als eine Art Medium wieder neu kanalisiert. Wer weiß?

Victor: Ich ziehe ebenfalls Inspiration aus einem sehr weiten musikalischen Feld – nicht nur aus Metal. Klar, die Wurzeln liegen immer noch im Extreme Metal, aber ich höre auch viel Classic Rock, Jazz, Soul, elektronische Musik und sogar ein bisschen Country. Grundsätzlich mag ich aber dunkle, schwere Musik und Kunst. Ich finde, es ist als Musiker wichtig, viel Input zu bekommen – aber auch auf persönlicher Ebene. Wenn man sich für viele Dinge begeistern kann, macht das das Leben einfach reicher.

Wie war es für euch, mit Recording-Legende Fredrik Nordström zu arbeiten?

Silenoz: Es ist immer großartig, mit Fredrik zu arbeiten. Wir haben über die Jahre schon mehrere starke Alben zusammen gemacht, und diesmal hatten wir einfach das Gefühl, dass es nicht der richtige Moment wäre, mit einem neuen Engineer oder Co-Produzenten zu experimentieren. Warum also unnötig pokern?

Außerdem hat Fredrik beim Remix von ‚Puritanical Euphoric Misanthropia’ für die Anniversary-Ausgabe wirklich einen super Job gemacht – obwohl ihm klanglich für diesen speziellen Zweck gar nicht so viele Optionen zur Verfügung standen. Das Ergebnis war trotzdem richtig stark. Deshalb haben wir uns entschieden, auch die Produktion des neuen Albums wieder mit ihm zu machen. Und ich bin sehr froh, dass wir das getan haben.

Victor: Fredrik ist im Studio sehr effizient und fokussiert, und genau das hilft enorm dabei, aus allen Beteiligten das Beste herauszuholen. Er versteht harte Musik auf einer sehr tiefen Ebene, ist aber gleichzeitig extrem offen, wenn es darum geht, mit Texturen, Layern und Klangfarben zu experimentieren.

Am meisten beeindruckt hat mich, wie gut er Klarheit und Wucht gleichzeitig einfangen kann. Bei einer Band wie uns, bei der so viele Ebenen zusammenkommen – Gitarren, Orchestrierungen, Chöre –, ist es entscheidend, dass nichts untergeht. Fredrik hat uns sehr dabei geholfen, genau diese Balance zu finden.

Euer früherer Lead-Gitarrist Galder ist 2024 aus der Band ausgestiegen. Wie hat sich sein Ausstieg auf das Songwriting und die Aufnahmen zum neuen Album ausgewirkt?

Silenoz: Als Galder uns mitteilte, dass er sich künftig voll auf seine Band Old Man’s Child konzentrieren möchte, war das fast so etwas wie ein Segen im Verborgenen. Am Songwriting-Prozess für dieses Album war er ohnehin nicht besonders stark beteiligt. Natürlich macht es nie Spaß, wenn sich das Line-up einer Band verändert. Aber wir haben solche Situationen schon früher erlebt und wissen, was dann zu tun ist.

Gründungsmitglied und Rhythmus-Gitarrist Silenoz (Bild: Dimmu Borgir)

Ich glaube, dass uns das als kreative Partner sogar noch enger zusammengebracht hat – vielleicht besonders Shagrath und mich. Ich denke, das wird man auf dem Album auch hören. Es gibt darauf einige Verweise auf ältere Dimmu-Borgir-Phasen. Die Verantwortung und der größte Teil des Materials lagen ohnehin immer bei Shagrath und mir, was Songwriting und Arrangements angeht. Insofern war diesmal gar nicht so viel anders. Es bedeutete eher, dass wir noch etwas genauer auf Details achten konnten – und dass weniger Köche in der Küche standen.

Wichtig ist aber auch: Jeder, der auf dem Album zu hören ist, war in den Prozess eingebunden. Es fühlt sich großartig an, dass alle so viel Einsatz und auch Opferbereitschaft in diese Platte gesteckt haben. Am Ende geht es in einer Band immer um Teamwork.

Gleichzeitig war Dimmu Borgir nie eine vollständige Demokratie – und kann es auch nicht sein. Dafür müssen zu viele wichtige und schwierige Entscheidungen getroffen werden. Aber wir sind so nah dran, wie es eben geht. Nennen wir es einfach: Dimmucracy. Ohne den Input aller Beteiligten würde das Album nicht so klingen, wie es jetzt klingt.

Ihr habt ja mittlerweile auch einen neuen Lead-Gitarristen …

Silenoz: Genau, Damage! Abgesehen davon, dass er menschlich super reinpasst, ist er auch ein richtig starker Gitarrist – und wir haben ihm bei diesem Album voll vertraut.

Neu in der Band: Lead-Gitarrist Damage (Bild: Dimmu Borgir)

Er hat einen phänomenalen Job gemacht. Nicht nur, weil er das bereits geschriebene Material gelernt hat, sondern auch das Liveset, das sich ständig verändert. Dazu kam, dass er sich stilistisch ein Stück weit umstellen musste, weil Dimmu Borgir eben etwas anders funktioniert als das, womit er sonst am vertrautesten ist.

Auf der neuen Platte hat er einige wirklich geschmackvolle und spektakuläre Leads und Soli beigesteuert. Es fühlt sich sehr gut an, ihn jetzt als Teil des Teams dabeizuhaben.

Wie läuft bei Dimmu Borgir typischerweise das Songwriting ab? Arbeitet ihr erst jeder für sich an Ideen und bringt Demos mit, oder entsteht vieles gemeinsam im Proberaum?

Silenoz: Beides – aber meistens beschwören wir die Dinge erst einmal einzeln herauf, werfen sie dann in den Topf und rühren kräftig um. Sobald wir das Gefühl haben, dass eine Idee es wert ist, weiterverfolgt zu werden, bringen wir sie in Form. Manchmal nimmt so ein Song sehr schnell Gestalt an, manchmal dauert es länger, bis man den Überblick bekommt. Das ist ganz unterschiedlich.

Am Ende haben wir sowieso immer zu viel Material. Die eigentliche Herausforderung besteht dann darin, sich darauf zu einigen, was man „abschneidet” – also wo man den Song entschlackt. Genau da muss der Produzent in einem zum Vorschein kommen, und man muss das eigene Ego für einen Moment aus der Gleichung nehmen.

Natürlich gibt es immer wieder starke musikalische Parts oder Lyrics, die es am Ende nicht aufs Album schaffen, einfach weil der Zeitpunkt nicht der richtige ist. Über die Jahre haben wir alle ein gesünderes Ego entwickelt. Das heißt nicht, dass es nicht mehr da wäre – aber wir sind deutlich besser darin geworden, die Stärken des jeweils anderen herauszuarbeiten und uns darauf zu konzentrieren, was dem Song als Ganzes am meisten dient. Eine Band bedeutet schließlich, Dinge zu teilen. Und dazu gehört auch, einander Raum und Geduld zu geben. Da wir unsere eigenen Produzenten sind, gibt es beim Songwriting und Recording sehr viele Faktoren, die man im Blick behalten muss.

Victor: Ich habe meine Riffs und Ideen in meinem Homestudio aufgenommen und sie dann mit Silenoz und Stian (Sänger der Band, Anm. d. Red.) hin- und hergeschickt. Fürs Songwriting habe ich dort ein wirklich gutes Setup, das mich inspiriert und gleichzeitig einen sehr flüssigen Workflow ermöglicht.

Toontrack ist zum Beispiel großartig – gerade für Songwriting mit Drums in allen möglichen Genres. Und deren Metal-Sachen sind wirklich stark. Ich nutze die Produkte ständig. Neural DSP und Darkglass sind für mich ebenfalls Pflicht. Das sind einfach fantastische Tools.

Welche Amps und Cabinets kamen bei den Aufnahmen zum Einsatz? Und falls ihr Modeler verwendet habt: Wie sah euer digitales Setup aus?

Silenoz: Für die Hauptaufnahmen im Studio haben wir meinen MLC S_Zero 93 Custom Amp und MLC Custom Cabs mit Retro-30-Speakern verwendet. Dazu kam ein Mesa Badlander inklusive Mesa-Cabinet. Was man auf dem Album hört, ist im Grunde eine Mischung aus diesen beiden Setups. Soweit ich weiß, wurde diese Kombination so noch nie auf einer Platte eingesetzt.

Victors Sandberg-Forty-Eight-Signature-Bässe (Bild: Victor Brandt)

Ich bin ziemlich begeistert davon, wie wir den Gitarrensound diesmal hinbekommen haben. Er ist roh, organisch und sitzt extrem gut im Mix. Ich glaube, die Gitarren wurden kaum mit EQ bearbeitet – falls Fredrik da überhaupt noch groß „aufgeräumt” hat. Als wir die Rhythmusgitarren aufgenommen haben, hat es uns jedenfalls ziemlich weggeblasen, wie fett und wütend das klang. Eine ziemlich tödliche Mischung. Für einige Leads und Soli haben wir außerdem einen Zuta LA25 MKII benutzt.

Bei den Rhythmusgitarren haben wir also im Prinzip das verwendet, was wir auch live spielen – mit dem Unterschied, dass der Rectifier im Studio durch den Badlander ersetzt wurde. Wobei wir den Rectifier tatsächlich auch für einige Clean-Sounds genutzt haben.

Ein paar zusätzliche Gitarren, Effekte und Sounds stammen noch aus unseren Demos und Pre-Production-Sessions. Uns steht eine riesige Palette an Sounds zur Verfügung, unter anderem Neural DSP, Kemper und ähnliche Tools. Wenn eine Idee aber mit einem ganz bestimmten Sound oder Setup entsteht, kann es schwierig sein, diese Atmosphäre später im Hauptstudio exakt wieder einzufangen – einfach, weil man dort nicht mehr genau dieselben Werkzeuge oder Einstellungen zur Hand hat.

Und ganz ehrlich: Warum sollte man etwas neu aufnehmen, wenn es bereits gut klingt und genau seinen Zweck erfüllt? Unsere eigenen Studios sind modern und auf einem sehr guten Stand. Solange die Parts sauber aufgenommen sind, gibt es keinen Grund, Zeit damit zu verschwenden, alles noch einmal einzuspielen.

ESP Custom Shop LP-Style (Bild: Dimmu Borgir)

Habt ihr viel mit Gitarrensounds und Gear experimentiert?

Silenoz: Ich habe bei den Aufnahmen eine ganze Reihe unterschiedlicher Gitarren eingesetzt – mehr als sonst, würde ich sagen. Natürlich waren meine Silenoz-Signature-Okkultist-Custom-Gitarren dabei, außerdem eine ESP GL-56, eine ESP TL-6 und verschiedene Eclipse-Modelle.

Normalerweise spielen wir meistens in Standard E und D, aber diesmal habe ich auch ein bisschen mit dem sogenannten Double-Drop-D-Tuning (beide E-Saiten auf D gestimmt, Anm. d. Red.) experimentiert. Während des Schreibprozesses bin ich außerdem ziemlich tief in verschiedene atmosphärische Texturen eingetaucht.

Victor, welche Bässe, Amps, Cabinets und Effekte hast du im Studio verwendet? Und gibt es größere Unterschiede zu deinem Live-Setup?

Victor: Ich habe meine Signature-Bässe von Sandberg gespielt, die Victor Brandt Forty Eight – sowohl als Vier- als auch als Fünfsaiter. Er basiert auf dem Forty Eight, ist aber in Sachen Balance, Ton und Bespielbarkeit genau auf meine Bedürfnisse abgestimmt.

Im Studio geht es vor allem um Klarheit und Kontrolle. Das Low End ist straff, die Mitten sind sehr artikuliert, und der Bass sitzt auch in dichten Mixes perfekt, ohne unterzugehen.

Mit dem Onboard-EQ kann ich mich bei Bedarf schnell auf unterschiedliche Venues einstellen, und die Ansprache ist direkt und konstant – was bei unserer Musik extrem wichtig ist.

Auf dem Album spiele ich außerdem auch ein paar Fretless-Parts. Dafür habe ich einen Sandberg California Fretless verwendet.

Ich hatte im Studio all meine Pedale und Amps dabei, und wir haben wirklich alles ausprobiert. Das war ziemlich cool, aber wir wussten recht genau, wonach wir gesucht haben. Deshalb ging es am Ende relativ schnell, die passenden Sounds zu finden.

Zum Einsatz kamen Darkglass, MXR und Quad Cortex. Als Verstärkung haben wir einen EBS 802 und eine EBS Neoline 810 verwendet. Dazu kamen Klotz-Kabel, Dunlop-Picks, Dunlop Super Bright Strings.

MLC Subzero 93, Synergy SYN-50 Head mit den Modulen Peavey 6505 & Soldano SLO, ENGL Savage 120 MKI & MKII, Mesa Boogie Badlander 50 & Dual Rectifier (Bild: Dimmu Borgir)

Live verwende ich im Grunde dieselben Sachen, versuche aber, auf der Bühne mit etwas weniger Pedalen auszukommen. Unbedingt erwähnen muss ich auch die großartigen deutschen Hearos In-Ears – für mich ein echter Gamechanger.

Wie schafft ihr es, euch nach so vielen Jahren in der Szene als Musiker immer wieder neu inspirieren zu lassen?

Silenoz: Es ist diese Überzeugung, diese Leidenschaft, mit der alles angefangen hat – sogar schon bevor ich überhaupt ein Instrument in der Hand hatte. Solange ich das Gefühl habe, noch etwas beizutragen zu haben, bleibe ich kreativ und mache weiter.

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2026)

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