Stratocasters klingen hell, Les Pauls dunkel. Aber ist das schon alles? (Bild: Udo Pipper)
Nach meinem kurzen Abriss der Forums-Diskussion der Super-Gain-YouTuber/Podcaster aus München über die relevanten Zutaten einer E-Gitarre für deren Klangqualitäten, möchte ich in dieser Ausgabe genauer auf die Diskrepanzen in unseren Anschauungen zu diesem Thema eingehen.
Dazu wäre es wichtig, zu beschreiben, was die Musikwissenschaften dazu sagen, und wie diese Erkenntnisse mit den physikalischen Wissenschaften zu vereinbaren wären.
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Es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass ästhetische Diskussionen stets ins Metaphysiche verortet werden. Im Netz liest sich das heute so, als gäbe es da ein paar „Spinner“, für die Glaube mehr zählt als eine belegbare Wahrheit. Auch Professor Zollner lässt es sich nicht nehmen, mit einer gewissen Polemik aufzuwarten und dann auch mal ordentlich auszuteilen, wobei er nicht selten auch persönlich wird. Solche Dinge gehören wahrlich nicht in eine sonst vielleicht gut gegliederte Wissenschaftsarbeit.
Es stehen Vorwürfe im Raum, Hersteller wollten mit geschickter psychologischer Trickserei den leichtgläubigen Konsumenten das Geld aus der Tasche ziehen. Das ist schon manchmal harter Tobak … aber sei‘s drum. Kehren wir zurück zum eigentlichen Thema.
(Bild: Udo Pipper)
PHYSIK CONTRA GITARRENBAU … TEIL 2
Was macht nun eigentlich eine Gitarre gut? Und wo liegen eventuelle Defizite?
Vor zwei Jahren wurde ich von unserem ehemaligen Chefredakteur und Verleger Dieter Roesberg zum mehrtägigen Workshop in die Toskana geladen, um genau darüber Vorträge zu halten. Mein Workshop-Partner war kein anderer als Peter Weihe, Deutschlands Studio-Legende, Ausnahmegitarrist, Produzent und langjähriger Professor (seit 1982) des Pop-Kurses in Hamburg und Hannover. Ich kannte Peter zwar schon ein bisschen, war aber auf die Qualität seiner Vorträge kaum vorbereitet.
Nicht nur, dass er mit einem Siebeneinhalb-Tonner voller Equipment anreiste und in dem hübschen, toskanischen Ambiente praktisch ein komplettes Gitarren-Tonstudio aufbaute, sondern vor allem seine messerscharfen Kompetenzen in Sachen Gitarren-Kunst und Gitarren-Ton.
Genau wie bei mir war seine „musikalische Grundausbildung“ die Live-Bühne, erst mit der Schülerband, dann in einem Top-40-Ensemble und schließlich in zahlreichen Tonstudios auf der ganzen Welt. Er blickte nun auf knapp fünfzig Jahre zurück, in denen er alle Höhen und Tiefen des Musikbusiness durchlebt hatte und vor allem an der schweren Aufgabe, gute Gitarrenklänge für alle möglichen Genres abzuliefern, gewachsen ist. Ein Jahr zuvor hatte ich mit Carl Carlton einen ähnlich schwergewichtigen Partner zur Seite.
Für beide spielte in ihren Vorträgen auch die Physik eine bestimmte Rolle, nämlich vor allem dann, wenn es um die Technik im Tonstudio ging. Digital oder doch lieber analog? Plug-ins oder Hardware-Effekt-Ketten? Live einspielen oder Track by Track?
Und immer hieß die Antwort: „Es kommt darauf an“. Der Stoff, der die musikalische Welt im Innersten zusammenhält, heißt Emotion. Um hier gewisse Höhen zu erreichen, ist Ernsthaftigkeit bei dem, was man tut, wichtig. Das bedeutet auch, anderen gut zuzuhören und von ihnen zu lernen. Das kann natürlich an einer Hochschule geschehen, aber auch durch die Sammlung zahlreicher Erfahrungen.
Schmeckt mein Essen etwa nicht, weil ich kein staatlich geprüfter Ernährungswissenschaftler bin? Ist ein weltberühmter Schauspieler schlecht, wenn er nie auf einer Schauspielschule war?
Benjamin von Stuckrad-Barre etwa schreibt: „Das Problem ist die Eindeutigkeit. Eindeutigkeit ist das Gegenteil von Kunst.“
Warum also lässt man das nicht einfach mal so stehen? Peter Weihe demonstrierte damals in seinen Vorträgen äußerst anschaulich, was damit gemeint sein kann. Mal musste er auf programmierte Beats exakte Achtel spielen, mal verstimmte er absichtlich seine Gitarre und schickte sie durch einen billigen Verzerrer, damit sie möglichst „wütend“ und sloppy klang. So etwa bei der Produktion der Filmmusik für die Frauenknast-Band ‚Bandits‘.
Peter Weihe beim Workshop in der Toskana mit großer Ausrüstung. (Bild: Udo Pipper)
Mal trommelte sein langjähriger Studio-Partner Curt Cress auf den edelsten und perfekt gestimmten Drum-Sets, und mal passte eben ein Kochlöffel, den man aufeinen Pappkarton schlug. Es kommt eben darauf an … Und eindeutig ist hier schon mal gar nichts.
Aber es kam auch heraus, dass sowohl Carlton als auch Weihe bestimmte technische Voraussetzungen als großen Vorteil für die Musikerkarriere herausstellten. So nach dem Motto: „You have to know the rules, before you can break them.“ Und das natürlich auch hinsichtlich ihrer kreativen und ästhetischen Fähigkeiten.
Wenn ich in meiner Laufbahn als Journalist amerikanische Musiker interviewt habe, sprachen diese niemals von den technischen Fähigkeiten anderer Musiker. Es hieß immer nur: Der oder der habe einen guten Ton. Der Ton macht die Musik. Und Peter Weihe und Carl Carlton haben beide einen sehr guten Ton.
War der nun abhängig von dem Holz, den Pickups oder der Hardware einer bestimmten E-Gitarre? Und wieder hörte ich beide sagen: „Es kommt darauf an.“ Und genau das ist es, wonach die Gitarrenbauer Stefan Zirner und André Waldenmaier im Podium argumentieren. Sie haben eben Kunden mit bestimmten Wünschen. Und diese gilt es zu erfüllen.
Auf welche Weise man das erreicht, interessiert die meisten Kunden gar nicht. Es kommt eben darauf an, dass der Kunde am Ende zufrieden ist. Daher sind alle sogenannten Blindtests so unsinnig. Denn es geht gar nicht um den Zuhörer, sondern ausschließlich um den Spieler. Nur er urteilt, weil ja nur er seine persönlichen Vorlieben kennt.
In der Hauptsache repariere und restauriere ich Röhrenverstärker, aber es kommen auch immer mehr Musiker mit ihren Instrumenten zu mir. Vielleicht, weil ich ihnen zuhöre und bisweilen die gleiche semantische Ausdrucksweise habe. Es geht dann meistens darum, einen vermeintlichen Mangel an einem Instrument zu beheben.
Und natürlich muss ich dann auch zunächst einmal messen. Gibt es da irgendwo Auffälligkeiten oder Mängel, die zu beheben sind? Diese lassen sich bei fast jeder Gitarre ausmachen und teilweise auch beheben. Es kommt dann eben nur darauf an, wie aufwendig das sein mag. Gerade bei wertvollen Vintage-Instrumenten kann man da nicht mal eben Teile austauschen. Da muss man kreativ sein.
PHYSIK TRIFFT INTUITION
Auch hier kommt wieder Professor Zollner ins Spiel. Natürlich untersucht man dann, ob irgendwo Kapazitäten in der Elektronik danebenliegen, Pickups zu stark oder zu schwach sind, und vielleicht ungewollte Fugenwiderstände die Mechanik des Instruments schwächen. Am Ende geht es dann aber immer auch um die Klangfarben.
Letztlich macht die Farbe die Musik. Die Klangfarben lassen uns etwa zwischen einer Stratocaster oder einer Les Paul unterscheiden. Semantisch vollkommen entschlackt, könnte man den Sound einer Stratocaster als hell und den einer Les Paul als eher mittig und dunkel beschreiben. Und das wäre dann schon alles.
Danach geht es buchstäblich ans Eingemachte. Und auch hier verlieren wir leider jeden Anspruch auf semantische Eindeutigkeit. Über den Klassik-Partituren, die ich während meines Studiums lesen musste, standen beispielsweise von den Komponisten ursprünglich verfasste Hinweise wie „lebhaft, aber nicht zu sehr“, „tragend“ oder „beschwingt“. Nur, was sollte das heißen?
Heute sind weniger semantisch „scharfsinnige“ Ausdrücke offenbar beliebter. Larry Carlton erzählte mir etwa von dem Versuch, neue Pickups in seine berühmte ES335 einzubauen, aber: „They sounded like shit.“ Oder was meinte Robben Ford, als er mir begeistert vorschwärmte: „ … when it comes to electric guitars, it all happens in the mid response.“
Pickups messen sich mitunter nahezu gleich, klingen aber dann doch grundverschieden. (Bild: Udo Pipper)
Doch welche Mitten? 800 Hertz, 620 oder doch lieber 500? Oder von allem ein bisschen? Ist Mahagoni wirklich das Holz, das eher 800 Hertz oder 620 unterstützt? Oder eher Swamp-Ash? Man begreift schnell, dass es von diesem Punkt an sehr, sehr schwammig wird.
Die viel zitierte Magic bestimmter Instrumente ist immer emergent. Sie ist viel mehr als die Summe ihrer Teile. Sie ist nur durch zufällige Gegebenheiten oder die nachträgliche Abstimmung eines besonders kreativen Technikers zu erreichen.
Vor etwa 25 Jahren war ich auf der IFA-Messe in Berlin. Dort besuchte ich damals als HiFi-Redakteur den Stand von McLaren, damals neben dem Engagement im Formel 1-Rennzirkus auch ein berühmter Hersteller von hochwertigen HiFi-Komponenten. Die Ausstellung schmückte der damalige Formel 1-Bolide von Mika Häkkinen.
Ich fragte, ob ich mich mal in das Auto setzen dürfte. Man sagte mir, dass das nach 18:00 Uhr, wenn die Tore der Messehallen geschlossen hätten, durchaus möglich sei. Gesagt, getan.
Danach lud man mich zum Essen ein. Neben mir saß einer der Chef-Techniker dieses Fahrzeugs. Ich fragte ihn beim Essen, was an dem Auto das Besondere wäre und warum Häkkinen damit so viel schneller wäre als seine Konkurrenten.
Er lachte und sagte: „Heute verfügen alle Teams über die gleiche Technik.“ Die Fahrzeuge seien im Prinzip alle gleich gut und gleich schnell. Der Unterschied liege in der semantischen Kommunikation zwischen dem Fahrer und dem Cheftechniker.
Gelingt es dem Fahrer, diesem genau zu beschreiben, wie sich das Fahrzeug auf einem bestimmten Kurs, auf den Geraden und in den Kurven verhält, schafft der Techniker, meist nur aus der Intuition heraus, das Auto stabiler und schneller zu machen, oder eben nicht. Wir ändern dann meist an einigen Stellschrauben im ganz geringen Bereich die Drehmomente bestimmter Verbindungen. Und hier hilft keine Physik mehr, sondern nur noch die Intuition des Mechanikers: „Here is the point, where the magic happens.“ Es geht weiter und es bleibt spannend!