(Bild: Nick Nersesov)
In den 16 Jahren seit dem letzten Album der Steve Morse Band ist viel passiert, vor allem in jüngerer Zeit: Der mittlerweile 71-jährige US-Gitarrist hat 2022 nach 28 Jahren Deep Purple verlassen und kurz darauf sowohl seine Mutter als auch seine Ehefrau verloren. ‚Triangulation‘, das neue Werk seines Trios mit Bassist Dave LaRue und Drummer Van Romaine, ist dementsprechend Trauerarbeit und Standortbestimmung zugleich, doch Steve wirkt ungebrochen zuversichtlich, als wir uns mit ihm über vergessene alte Tugenden, mögliche Zukunftspläne und vieles mehr unterhalten.
Interview
Steve, ‚Triangulation‘ ist 16 Jahre nach eurem letzten Album erschienen. Warum war die Zeit jetzt reif für neue Musik der Steve Morse Band?
Als meine Frau an Krebs starb, war ich allein in unserem Haus, und vieles, woran ich mich in meinem Leben gewöhnt hatte, veränderte sich. An neuer Musik zu arbeiten gab mir Trost, weil es etwas Vertrautes war. Zudem sind mir Dave und Van all die Jahre treu geblieben. Sie haben gesagt, ich solle Bescheid geben, wenn ich wieder etwas mit ihnen starten möchte. Ich sammelte Ideen, und schließlich kamen sie mehrmals pro Woche vorbei, um daran zu arbeiten.
Wir hatten keine Eile, auch weil man heute sowieso kein Geld mehr mit einem Album verdient, es war eine Herzensangelegenheit. Ich vergleiche das gerne mit Straßenmalern, die ganze Tage damit verbringen, unglaublich schöne Bilder auf den Boden zu malen, zum Beispiel vor dem Kölner Dom. Sie tun das für Kleingeld, und der Regen zerstört ihre Werke in wenigen Minuten.
Diese Leute inspirieren mich, weil auch ich Tag für Tag an etwas arbeite, das dann einfach im Internet verschwindet, wobei man nur hoffen kann, dass es das Leben des einen oder anderen Menschen verändert. Kurz gesagt haben wir dieses Album also gemacht, um den Alltag der Hörer zu bereichern und positive Energie in der Welt zu verbreiten.
Wie bewusst hast du mit Daves und Vans individuellen musikalischen Stimmen im Kopf komponiert?
Mit Dave arbeite ich sehr eng zusammen, weil seine Bassparts eben sehr stark von dem abhängen, was ich spiele, und ich dazu neige, meine Sachen zigmal zu ändern, bis ich mich auf eine Variante festlege. Bei Van habe ich es mir abgewöhnt, Vorgaben zu machen, denn er hasst Drumcomputer. Er bekommt ein grobes rhythmisches Raster zur Orientierung, und wir finalisieren die Songs gemeinsam im Proberaum. Dabei beschreibe ich ihm lieber das Feeling, das mir für eine Passage vorschwebt, statt ihn anzuweisen, einen bestimmten Beat zu spielen.
Du hast mal sinngemäß gesagt, wenn etwas technisch komplex ist, darf es sich bei wiederholtem Hören nicht abnutzen, sonst wird es verworfen. Wie entscheidest du also beim Komponieren, ob Komplexität der Musik dient oder einfach nur selbstverliebt ist?
Bei dieser Frage zahlt sich das Zusammenspielen aller Musiker im selben Raum aus, weil man in Echtzeit Korrekturen vornehmen kann. Dadurch, dass wir das Material gemeinsam einstudieren, hören wir die Instrumente isoliert und in unterschiedlichem Tempo, sodass wir ein Gefühl dafür bekommen, was funktioniert.
In einigen Tracks sind deine Solos recht kurz, ehe die Gitarre wieder so unauffällig mit den anderen Instrumenten verschmilzt, wie sie sich davon abgehoben hat. Wolltest du damit bewusst Klischees vermeiden.
Das ist sozusagen ein Rückgriff auf die 1970er, als wir mit Dixie Dregs nach Miami umzogen, weil ich dort an der Uni Gitarre studierte. Wir versuchten, Gigs an Land zu ziehen, was aber sehr schwierig war, weshalb wir in einem Park spielten. Dabei beobachtete ich, wann die Leute, die vorbeikamen, stehenblieben und zuhörten – nicht wenn jemand ein Solo spielte, sondern bei schönen, eingängigen Melodien.
Darum gewöhnte ich mir an, durchschnittlich vierminütige Songs mit kurzen Solos zu schreiben, obwohl ich hervorragende Mitmusiker hatte, die lange solieren konnten. Generell mag ich improvisierte Solos; ich will nichts Auskomponiertes, sondern verschiedene Takes, aus denen ich das Beste zusammenschneide.
Was hast du an Equipment auf dem Album benutzt? Auf jeden Fall deine Music-Man-Signature-Gitarre, nehme ich an.
Als Amp größtenteils mein 100-Watt-Engl-Top E656. Die Firma hat sich extrem viel Mühe gegeben, um meinen Vorgaben gerecht zu werden, und ist meinem Klangideal sehr nahe gekommen. Wenn ich beispielsweise einen Fender Twin verwende, muss ich zuerst die Höhen stark absenken, wohingegen mein Engl einfach gut klingt, wenn ich alle Regler auf 6 stelle.
Das Signal ging dann an eine geschlossene 4×12-Box, die wir mit einem Royer-R-121-Bändchenmikrofon und manchmal einem Shure Beta 57 abgenommen haben. Einige Parts spielte ich auch über mein kleines 20-Watt-Engl-Signature-Top ein, wobei ich die Emulation irgendeines sehr teuren englischen Konsolen-Preamps benutzte. Das Delay war entweder ein TonePrint für das TC Electronic Flashback Triple Delay oder kam direkt aus Cubase.
(Bild: Nick Nersesov)
Du bist für deine Wandlungsfähigkeit bekannt. Was würdest du sagen, wird in deinem Stil am häufigsten übersehen?
Dass ich als Komponist verschiedene Stile miteinander verschmelze, auch wenn wir letzten Endes eine instrumentale Rockband sind. Das ist typisch amerikanisch: viele Ethnien, vereint durch eine gemeinsame Sprache, in diesem Fall Englisch.
Wie hat sich deine Anschlagtechnik im Laufe der Zeit entwickelt?
Ich lege mittlerweile größeren Wert darauf, dass es swingt. Jede Art von Musik profitiert von ein bisschen Swing, selbst ein Marsch. Ansonsten läuft man schnell Gefahr, mechanisch zu klingen, darum hasst Van auch meine programmierten Drums.
Wie komponierst du generell – immer noch hauptsächlich auf Gitarre und Klavier, oder hat sich in den letzten Jahren etwas geändert?
Ja, in meinem Homestudio auf dem Keyboard oder meiner Gitarre, Verstärker und Boxen sind dafür jederzeit einsatzbereit. Ich kehre mich ihnen seitlich zu, weil ich nur noch auf einem Ohr höre. Bei mir ist also alles in Mono, weshalb ich auch aufgehört habe, Aufnahmen abzumischen.
Einer eurer Gäste auf ‚Triangulation‘ ist John Petrucci von Dream Theater im Titelsong, ein langjähriger Fan von dir. Hat er sich selbst angeboten, oder hast du ihn eingeladen?
Wir hatten einmal gemeinsam einen Song angefangen, ihn aber nie beendet, weil wir beide extrem detailverliebt sind. An Johns Spiel erkennt man sofort, wie sehr er auf jedes Detail achtet, und die Umsetzung ist meisterhaft. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass irgendjemand besser Gitarre spielt als John. Vom Schreiben bis zum Einspielen seines Parts wirkte alles mühelos und auf Weltklasseniveau. Er ist einfach wahnsinnig gut.
Wenn wir wieder 16 Jahre für ein neues Album brauchen, könnte ich dann schon im Rollstuhl sitzen oder am Tropf hängen, also wollte ich für dieses Projekt unbedingt Leute haben, die ein wichtiger Teil meiner Vergangenheit sind. Ich zögerte erst, John zu fragen, und sprach mit Sterling Ball (Sohn von Ernie Ball, Anm. d. Red.), der lange mit John befreundet ist. Er meinte: „Frag ihn. John wäre beleidigt, wenn du es nicht tust, zumal das das letzte Album der Band sein könnte.“
John war begeistert, als ich ihn einlud. Er nahm die einzelnen Spuren auseinander und machte etwas Unglaubliches daraus, sein Timing und Feeling sind perfekt. Er fügte sogar kleine Spitzfindigkeiten hinzu, um die Unterschiede zwischen unseren Spielweisen bewusst herauszuarbeiten. Manches von dem, was John spielt, kann ich nachvollziehen, doch an einigen Stellen bewegt er sich buchstäblich in anderen Sphären.
(Bild: Nick Nersesov)
Eric Johnson, der in ‚TexUs‘ gastiert, setzt von seiner Herangehensweise her einen deutlichen Kontrast zu Johns „sportlichem“ Stil.
Wir kennen uns seit den 1970ern, als sich Dixie Dregs in Louisiana und Texas regelmäßig die Bühne mit Eric teilten. Ich liebe sein Gefühl und sein Verständnis von Melodien. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass ‚Triangulation‘ das letzte Album der Steve Morse Band sein könnte, rief ich ihn an und sagte, ich würde mich geehrt fühlen, wenn er darauf spielte. Er erklärte sich bereit, woraufhin ich einen Song verwarf, an dem ich arbeitete, und von Grund auf neu ansetzte, um etwas zu schreiben, das zu Eric passt.
‚TexUs‘ ist ein geradlinig treibender, gemäßigter Rock‘n‘Roll-Track, der den Sologitarren viel Raum gibt. Besonders gefallen mir unsere zweistimmigen Parts, weil ich nicht oft dazu komme, so etwas zu spielen; in den Bands, in denen ich gespielt habe, gab es immer nur einen Gitarristen.
Wäre das vielleicht etwas für die Zukunft, ein Gitarrenduo-Album?
Ja, ich denke darüber nach, mal andere Schwerpunkte zu setzen und mehr Zeit dafür aufzubringen, mit meinem Sohn Kevin zu schreiben, der mir mit einem der wichtigsten Stücke auf dem Album geholfen hat, ‚Taken By An Angel‘. Er ermutigte mich, es aufzunehmen und auf die Tracklist zu setzen. Kevin ist schon ziemlich gut als Performer, wird aber auch ein immer besserer Komponist.
Nachdem er sich früher von meinem Spiel inspirieren ließ, bin jetzt häufig ich derjenige, der Ideen von ihm aufgreift. Wir sollten diese Partnerschaft ausbauen, auch live. Er hat sich lange davor gesträubt, etwas mit seinem Dad zu machen, weil wir einmal gemeinsam aufgetreten sind und hinterher jemand irgendetwas Hämisches im Internet schrieb. Kevin hatte es nicht leicht, nur weil sein Vater auch Gitarre spielt; er brachte sich alles selbst bei, wobei ich immer versucht habe, ihn zu unterstützen, so gut es ging, angefangen damit, dass ich ihm half, Mötley-Crüe-Songs zu lernen.
Gibt es etwas, das junge Gitarristen heutzutage zu viel beschäftigt, obwohl es gar nicht so wichtig ist, wie sie glauben?
Die Zurschaustellung technischer Fähigkeiten. Ich selbst bin mein ganzes Leben lang dafür kritisiert worden, zu viel auf Technik zu achten und zu viele Noten zu spielen. Ich weiß noch, wie in den 1980ern nach einem Auftritt Joe Walsh von den Eagles zu mir kam und meinte: „Morse, du musst langsamer werden.“ Mit der Zeit ist mir klar geworden, dass es darauf ankommt, musikalische Phrasen zu schreiben, die man mitsummen kann und die sich einprägen. Übt meinetwegen zehn Stunden am Tag Technik, aber was ihr spielt, muss immer von Herzen kommen, ohne dass ihr großartig darüber nachdenkt.
Technik ist nur ein Werkzeug, und wenn ihr sonst keines in eurem Werkzeugkasten habt, ist er ziemlich leer. Wes Montgomery sagte einmal so etwas wie: „Das Solo sollte genauso schön sein wie die Melodie eines Songs.“ Bei meinen besten Solos ist das so, was ich merke, wenn ich mich darauf freue, sie live zu spielen. Ebenfalls wichtig ist natürlich Dynamik, um die sich aber kaum jemand wirklich kümmert; ich würde sagen, von 100 Gitarristen hat einer ein Gespür dafür. Man muss sich beispielsweise zurückhalten, wenn in einem Song der Gesang einsetzt oder ein anderer Instrumentalist ein Solo spielt.
Achtet bei Studioaufnahmen darauf, entweder leiser oder weniger zu spielen, und der Tontechniker wird euch dafür danken. Dazu muss man nicht mal die Einstellung am Amp ändern, Anschlagstechnik und Muting haben einen enormen Einfluss auf die Dynamik. Gute Musik hat Höhen und Tiefen. Warum macht man so gerne Ausflüge in die Berge? Weil es dort ständig auf und ab geht.
(erschienen in Gitarre & Bass 04/2026)