Im Interview

Carl Carlton & Melanie Wiegmann: Groovende Melange voller Tiefgang

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(Bild: Martin Huch)

‚Miles Of Time’ heißt das zweite Album von Carl Carlton und seiner Lebensgefährtin Melanie Wiegmann. Es ist anders als der Vorgänger ‚Glory Of Love’ aus dem Jahre 2023. Das war schon klasse. ‚Miles Of Time’ klingt voller, elektrischer, reifer und bezaubert mit tollen Neuinterpretationen überwiegend vergangener Song-Juwelen, ergänzt mit einer Eigenkomposition und einer Referenz an Carls Sohn Max Buskohl. Insgesamt nehmen einen die dreizehn Songs mit auf eine swingende und entspannte Hörgenuss-Reise, in der viele amerikanische Genres verwoben und vor allem höchst authentisch performt werden.

Das ist letztlich kein Wunder. Carl Carlton war schon immer Kosmopolit und ist seit Jahrzehnten tief in der internationalen Musikwelt verwurzelt. Seine Beziehungen unter anderem nach Woodstock, Irland oder beispielsweise zu Rami Jaffee oder Keb’ Mo’ in Los Angeles sind wie seine Familie. Es ist nur folgerichtig, dass es auf ‚Miles Of Time’ ein internationales Stell-Dich-Ein gibt. Was man dem Album deutlich anhört, ist die Lust am Machen, gepaart mit vollständiger Souveränität der Mitstreiter.

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Melanie Wiegmann setzt mit ihrer Stimme zudem einen frischen Akzent, der im Vergleich zum Vorgänger noch viel stärker zur Geltung kommt. Die ausgefuchsten und stimmigen Gesangsarrangements sind ein Ausrufezeichen. Und Carl bedient zudem noch jeden Gitarrengourmet mit herausragenden analogen Sounds und fantastischem Spiel.

Glückwunsch zu dem neuen Album. ‚Miles Of Time’ hat einen tollen Vibe, klingt außerordentlich gut und macht richtig Spaß.

Carl: Danke, in Sachen Produktion hatten wir mit Justin Guip als Engineer und Fred Kevorkian beim Mastering auch die Besten am Start. Zudem hatten wir bei den Aufnahmen wirklich bestes Equipment in Sachen Mikrofone und Instrumente zur Verfügung.

Nach dem Vorgänger ‚Glory Of Love’, was war eure Vision für dieses Album?

Carl: Dieses Mal habe ich mehr mit der elektrischen Gitarre arrangiert, vor allem mit der Slide in Anlehnung an Lowell George oder Bonnie Raitt. Melanie und ich hatten, mit einem herzlichen Wiedersehen, zuletzt auch wieder eine persönliche Annäherung zu Bonnie. Apropos Gitarren-Arrangements: Mit ‚Both Sides Now’ von Joni Mitchell zum Beispiel haben wir uns ja auch was getraut. Das ist ja eine Welthymne, an die man eigentlich nicht rangehen darf.

Für Melanie hat der Song in Bezug auf ihre verstorbene Mutter eine große Bedeutung, also haben wir uns entschlossen, das doch auszuprobieren. Und das war unheimlich schwierig, denn man muss das erst mal raus hören. Das ist vergleichbar mit dem Versuch, ein Bild nachzumalen, das deine Tochter mit vier Jahren kreiert hat. Joni fing 1968 mit Open-E-Tunings an und da musste ich erst mal forschen, was da genau passiert, wo ist die Root-Note usw.

Da habe ich viel Zeit und Mühe investiert. Gleichzeitig war uns klar, wenn wir das eins zu eins covern würden, wäre das nichts geworden. Also mussten wir das anders angehen. Ich war zwischendurch richtig frustriert, weil ich dachte, wir kriegen das irgendwie nicht hin. Eines Abends habe ich mir dann überlegt, ich versetze mich jetzt mal in Ry Cooder, wie würde der das machen? Da fiel mir dieses Intro-Lick ein, das mit dem Original gar nichts zu tun hat, aber doch passend war.

So entstand etwas Neues auf der Basis des Originals. Und das ist uns gut gelungen, wie wir finden. Diese Herangehensweise war dann eine Art Blaupause auch für die anderen Songs des Albums. Wir wollten nicht nachspielen, sondern unsere eigene Interpretation, Groove und Sound entwickeln. Interessanterweise habe ich dann in einem Interview von Ry Cooder gelesen, dass er ständig auf der Suche nach Juwelen ist, die schon lange in der Welt herumfliegen.

Sei es jetzt etwas von The Everly Brothers oder Big Joe Turner. Ry Cooder hat dann solche Songs so interpretiert, wie er sie empfunden oder gehört hat. Nach diesem Credo sind wir auch ans Album herangegangen.

Im Ergebnis klingt es wie aus einem Guss.

Carl: Wir wollten zudem eine Entwicklung. Also nicht nur wieder Akustik-Gitarre im Zentrum, sondern mehr Groove, mehr klangliche Verdichtung durch Bläser, Hammond, weitere Background-Sängerinnen. Damit hat der Sound einen Schub so in Richtung von The Band oder Traffic bekommen.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Songs ausgewählt?

Melanie: Wir hören ja zu Hause sehr viel Musik. Carls Vinyl-Sammlung ist riesig. Vor allem geht es um Integrität und Inhalte. In diesen alten Songs sind Dinge ausgesprochen worden, die wir für uns als so wertvoll ansehen, dass wir sie nochmal neu zum Klingen bringen wollten. Sei es jetzt ‚Both Sides Now’ von Joni Mitchell oder ‚The Green Fields Of Summer’ von Peter Wolf. Ein Song, den Carl aufgestöbert hat.

Carl: Manchmal stehst du ja direkt davor und wenn du suchst, dann findest du es nicht. In meiner Playlist habe ich auch Songs von Peter Wolf nach seiner J.-Geils-Band-Periode, auf der er Singer/Songwriter- und R&B-mäßige Titel spielt. Da kam dann auch ‚The Green Fields Of Summer’ vorbei und ich dachte: „Wow, das sind ja wir”. Dabei war das Original so unerfolgreich damals, das gibt es schon fast gar nicht mehr.

Auf den Original-Aufnahmen damals spielt Duke Levine, der später auch bei Bonnie Raitt spielte und über Bonnie haben wir ihn auch kennengelernt. Und so hat sich dann wieder mal ein Kreis geschlossen.

(Bild: Dana Barthel)

Ihr habt auch Keb’ Mo’ mit an Bord geholt für eure Single ‚Just Like You’.

Carl: Das war witzig. Ich hatte mit Keb’ Mo’ schon vor dem Album zusammengearbeitet und er bat mich, einen Song für eine seiner Aufnahmen vorzubereiten. Und ich dachte noch: „Ein grandioser Song, den würde ich selbst gern machen”. Dann kam Keb’ Mo’ und meinte, dass ich mir den falschen Titel vorgenommen hätte. Und das war eben ‚Just Like You’ – ein grandio­ses Missverständnis. Folglich haben wir uns den dann geschnappt.

Anschließend habe ich ihn vorsichtig gefragt, ob er nicht bei uns für ‚Just Like You’ mitmachen würde. Er hatte dann in unser Arrangement rein gehört, war total geflasht und hat direkt zugesagt, was uns wahnsinnig gefreut hat.

Das Album ist an drei Orten entstanden. Malta, Woodstock und Berlin. Wie kam es dazu?

Carl: Da ja so viele unterschiedliche Musiker aus allen Teilen der Welt mitgemacht haben und es rein logistisch und auch aus Kostengründen schon sehr ambitioniert ist, alle an einen Ort zusammen zu bringen, machte es Sinn, dass wir uns auf die Reise begeben haben. Angefangen haben wir auf Malta bei David Vella in den Temple Studios und dort mit Wayne Sheeley am Schlagzeug und Yoyo Röhm am Bass live die Basic-Tracks aufgenommen. Das hat ein ganz besonderes kreatives Flair und ist viel besser, als wenn wir das nur zu zweit entwickelt hätten.

Die Live-Interaktion und die Einflüsse der Anderen schafft einfach diese Magie. Ich gebe dir ein Beispiel: Yoyo spielt zum Beispiel in einer Bridge einen unerwarteten Part und ich kriege Gänsehaut. Das schafft sofort Energie und Schwingung in allen von uns. Uns geht es um solche Momente, die nur auf solche Weise eingefangen werden können. Das ist dann die perfekte Basis, um mit den vielen Ergänzungen und Tupfern das Soundgewand einzukleiden und zu vollenden.

Zum Beispiel hat dann Rami Jaffee von den Foo Fighters noch in Los Angeles Orgeln und Keyboards beigesteuert. Allerdings hatte Rami schon mit uns auf Malta gejammt. Ein Soulbrother sozusagen. Woodstock war letztlich Melanies Idee.

Melanie: Eigentlich wollten wir das beim ersten Album schon machen, aber da war meine Mutter so krank geworden. Das Wunderbare an der Woodstock Session ist, dass wir mit dem Aufnahmeort und vor allem mit den Mitwirkenden dort eben eine andere Note in unseren Sound bekommen haben, die auf ‚Glory Of Love’ noch nicht zu hören war. Durch die Bläsersektion oder die beiden Sängerinnen …

Carl: Oder Brian Mitchell an den Tasten. Der ist halt mit einer Maultrommel im Mund in New Orleans aufgewachsen. Authentischer geht es nicht, wenn man diesen Sound haben will. Der spielt, ohne überhaupt nachzudenken. In der Kombination mit den Bläsern entstand dann in Woodstock eine Melange, die man nirgendwo sonst so hätte einfangen können und die diese Songs außerordentlich bereichert haben. Ich habe im Leben das große Glück gehabt, dass ich bzw. wir seit meiner intensiven Freundschaft mit Levon Helm zu dieser Woodstock-Community gehören, die im Grunde wie eine Familie für mich ist.

Melanie: Das war wirklich berührend zu sehen, wie wir da empfangen wurden und sich alle gefreut haben, Carl wieder zu sehen. Da ist jeder die Extra-Meile gegangen und die ganze Haltung dort ist so frei und unvoreingenommen.

Carl: Kleine Anekdote, die das verdeutlicht: Als Brian (Mitchell) an der Reihe war, fragte keiner nach Arrangements oder ähnlichem. Der redete die ganze Zeit über sein Muffuletta, genoss das Sandwich von Melanie, und spielte einfach drauf los. Und dann bekommst du genau den hammermäßigen Take, den man haben will, ohne auch nur ein Wort darüber zu diskutieren.

Melanie: Und keiner hatte da irgendwelche Vorurteile. Denn hier bekomme ich öfter zu hören: „Die ist doch Schauspielerin, jetzt singt die auch noch”. Kaum einer weiß ja, dass ich vor der Schauspielerei schon gesungen habe. In Amerika musst du sowieso alles können: Schauspielen, Singen, Tanzen … Damit will ich sagen, dass es erfrischend und unprätentiös war, auch diese kulturellen Unterschiede aufzusaugen.

Carl: Ja, sie waren einfach vom Gesang fasziniert und fanden das super, und vor allem authentisch!

Melanie: Ich hatte die Ehre John Sebastian vom Flughafen abzuholen und da wir über eine Stunde im Stau standen, hat er mir jede Menge Anekdoten aus seinem unfassbar historischen 81 Jahren Musikerleben erzählt …

Carl: Ich hatte alle Singles von The Lovin’ Spoonful und die Geschichten von John sind schon spektakulär. Von seinem legendären Woodstock-Festival-Auftritt seinerzeit, hat er gar nichts mitbekommen. Er war total auf LSD. Oder das der Doors-Produzent Paul Rothchild ein enger Freund war und John dadurch Blues Harmonica auf den Doors-Alben spielte. Und das die Everly Brothers ihr komplettes Comeback-Album in seinem Haus im Laurel Canyon mit Rothchild als Produzent aufgenommen haben, und, und, und …

Das addiert natürlich auf den Vibe, kann ich mir vorstellen.

Carl: Ja, total. Bei der Session habe ich auch was gelernt auf meine alten Tage (lacht). Du musst dir vorstellen, da steht dann dieser alte Mann, John ist schon ein bisschen tattrig, und besteht darauf elektrisch zu spielen. Also stöpselt er sich für ‚Stories We Could Tell’ in einen alten Twin voller Crunch und spielt da mit einem „Swagger” so ein Chicken-Picking-Riff und ich denke mir so: „Oh, der ist aber ziemlich hinten im Timing”.

Ich dachte schon, ich müsste die Maffay-Schule zitieren so nach dem Motto: „Komm John, streng dich mal an, das geht strammer, das schlabbert mir zu sehr”. Zum Glück habe ich nichts gesagt, denn zum Schluss verschmilzt das so genial, dass der Song genau durch diesen Part von gut zu fantastisch transformiert wird. Das ist verrückt, der Groove veränderte sich so minimal und man denkt sich: Jawoll, so machen es die Richtigen.

(Bild: Alan Ovaska)

Und dann wart ihr noch in Berlin?

Carl: Ja, da haben wir dann nochmal Yoyo Röhm, unseren genialen Bassisten und „Klangfarben-Kreator” für diese verrückten Overdubs aufgenommen. Immer wenn uns was „zu schön” oder gefällig wird, ist Yoyo die Geheimwaffe mit seiner Nick-Cave-, Mick-Harvey- oder Einstürzende-Neubauten-Erfahrung. Ich sage dann immer, „mach mal was mit dem Song” und dann werden Xylophone gestrichen oder das E-Bow ausgepackt. Er entwickelt Klangkörper auf ganz skurrile und innovative Weise.

Eine Art Vorproduktion gab es dann offenbar nicht…

Carl: Nein, ich wusste wohl, was ich erreichen wollte, und hatte ja wie gesagt zu Beginn viel mit elektrischer Gitarre und Slide Song-Texturen entwickelt. Aber bei so einer Platte geht es ums „Geschehen lassen” und darum, diese magischen Momente einzufangen. Was Melanie und ich im Vorfeld festgelegt haben, war, wer wann welche Stimme singt. Gerade weil wir viele Doppel-Lead-Stimmen haben und derjenige, der den Harmonie-Part übernimmt, die Harmonie Stimme ständig wechseln muss.

Stichwort Gitarren: Du hast jede Menge geschmackvoller Sounds − elektrisch wie akustisch − auf dem Album abgeliefert. Unter anderem auch diesen wunderbaren nassen Sound auf ‚Crazy Love’. Entwickelt sich das spontan oder überlegst du dir so was vorher?

Carl: Teils, teils. In diesem Fall habe ich die Gitarre durch einen Leslie geschickt. Ich suche immer nach Sounds, die Signifikanz liefern, die eine Signatur hinzufügen und da passte der Leslie perfekt. Anderes Beispiel ist die Neuinterpretation des Kinks-Songs ‚Where Will We Be Tomorrow’. Da hatte ich die Idee zu einer elektrischen 12-String. Ich lass mich in puncto Sounds auch gerne von außen inspirieren, wenn ich irgendwo etwas aufschnappe, was mir gefällt, probiere ich das direkt aus.

Du hast ja ein umfangreiches Gitarren-Arsenal.

Carl: Das stimmt. In Woodstock habe ich aber natürlich das genutzt, was vor Ort war. Larry Campbell hat sein Zeug da, so waren alte Martins oder eine gute Tele und ein alter Princeton im Studio. Damit ist man dann schon ganz weit vorne. Für die Basic-Tracks in Malta habe ich hauptsächlich meine alten Gibson-Akustiks mit ins Studio genommen, zum einen meine J-45 von 1945 und eine Country & Western aus dem Jahr 1955.

Ich weiß nicht warum, aber diese alten Hölzer klingen einfach unerreicht und sind noch dazu extrem stimmstabil. Ergänzt wurde das durch meine Larson, die mir auch sehr gut gefällt. Sie lässt sich angenehm leicht spielen und kommt in puncto Klang meinen alten Schätzen recht nah. Du weißt, ich habe ja ein Faible für skurriles Zeug wie zum Beispiel die Rickenbacker Roger McGuinn 12-String. Auf meiner B-Bender Fender Broadcaster habe ich viele dieser Country-Sachen eingespielt wie zum Beispiel ‚Little Pumpkin’.

Ansonsten kamen meine alte ES-335 oder auch meine Strat zum Zuge. Letztere habe ich gerne für ultrakomprimierte Sounds á la Lowell George oder Bonnie Raitt verwendet. Sustain bis der Arzt kommt. Da musst du gar nicht viel machen, nur den Finger auf den richtigen Ton legen und dann sind alle glücklich …

(Bild: Dana Barthel)

Werdet ihr das Album auch live präsentieren? Gibt es schon Pläne?

Carl: Ja, unbedingt. Aber es benötigt mittlerweile einiges an zeitlicher Vorbereitung. Wir planen für Oktober/November, mindestens 14 Gigs in Deutschland zu spielen. Wenn es ganz prima läuft kommt vielleicht noch was in den Niederlanden, Österreich, Schweiz und Dänemark dazu. Dazu sind wir gerade im Gespräch mit unserer Woodstock-Community, ein paar Shows rund um New York an den Start zu bekommen. Das wollen wir unbedingt im späten Frühjahr angehen.

Toller Plan. Vielen Dank euch beiden für das Gespräch.

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2026)

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