(Bild: Matthias Mineur)
Insgesamt zehn Jahre, unterteilt in zwei Zeitabschnitte, war der Holländer Adrian Vandenberg (getauft auf Adriaan van den Berg) Gitarrist der renommierten Hardrock-Band Whitesnake. Unter seiner kompositorischen Regie sind die Klassescheiben ‚Slip Of The Tongue’ (1989) und ‚Restless Heart’ (1997) entstanden, zudem war Vandenberg mehrmals mit der Allstartruppe um den ehemaligen Deep-Purple-Frontmann David Coverdale auf Welttournee. Im letzten Jahr hat Coverdale seinen Rückzug aus dem aktiven Musikerleben bekanntgegeben, pikanterweise fast zeitgleich mit einer Vandenberg-Tournee unter dem Motto ‚My Whitesnake Years’.
Wir haben den 72-jährigen Gitarristen bei einer Show im Groninger De Oosterport besucht, uns sein aktuelles Equipment angeschaut und mit ihm über die aufregendsten Jahre seiner Karriere geplaudert.
Adrian, um keinen anderen Whitesnake-Gitarristen hat David Coverdale so lange und so hartnäckig gebuhlt wie um dich.
Das könnte stimmen. David hat mich schon nach dem allerersten Vandenberg-Album gefragt. Ich war schon immer ein großer Fan von ihm, wer ist das nicht? Diese Stimme, diese Karriere mit Deep Purple und Whitesnake! Ich fühlte mich also sehr geschmeichelt, doch das erste Vandenberg-Album war gerade draußen und ich hatte einen Vertrag bei Atlantic Records für zwei weitere Scheiben unterschrieben. Das alles konnte ich natürlich nicht aufgeben.
Das zweite Mal – Coverdale hatte gerade die Arbeiten an ‚Slide It In’ begonnen – war backstage beim Donington Rock Festival. Ich produzierte zu der Zeit im Studio von Jimmy Page das zweite Vandenberg-Album, also passte das Timing erneut nicht. Das dritte Mal war Ende 1986: Ich bekam einen Anruf von John Kalodner, dem A&R-Manager von Geffen. Er fragte, ob ich nach Los Angeles kommen könne, er habe ein interessantes Angebot für mich.
Meinem damaligen Manager und mir war es kurz zuvor gelungen, aus dem Atlantic-Vertrag herauszukommen. Dort waren die Leute, mit denen wir gearbeitet hatten, allesamt weg, und die neuen Mitarbeiter versuchten mich zu überreden, Songs in der Art von angesagten Bands wie Duran Duran oder so zu schreiben, was ich nicht wollte. Also flog ich nach L.A., wurde direkt am Flughafen von einer luxuriösen Limousine abgeholt, und dachte: Wow, das ist wahrer Rock’n’Roll!
Am nächsten Tag traf ich John Kalodner in seinem Büro, er legte sofort los: „Adrian, ich habe zwei Vorschläge: Eine neue Vandenberg-Besetzung hier in L.A., mit den berühmtesten Musikern, die aktuell verfügbar sind!” Ich antwortete, dass ich ein paar Tage darüber nachdenken müsse, da ich meine Bandkollegen eigentlich nicht im Stich lassen wolle. Darauf Kalodner: „Ich habe einen zweiten Vorschlag – ich möchte, dass du dich Whitesnake anschließt!”
Ich erzählte ihm, dass mir dieses Angebot bekannt vorkäme, da ich es bereits zweimal bekommen hätte. Darauf Kalodner: „David ist gerade dabei, sein neues Album einzuspielen, und wir denken, du wärst der richtige Mann. Wärst du bereit, Gitarre auf einer neuen Version von ‚Here I Go Again’ zu spielen?” Ich hatte damals wie gewohnt eine japanische Übungsgitarre dabei, mit ihr und einem Mesa/Boogie-Set habe ich das Solo für ‚Here I Go Again’ und den Arpeggio-Teil in der zweiten Strophe aufgenommen.
Weshalb hat das der seinerzeit amtierende Whitesnake-Gitarrist John Sykes nicht übernommen?
Soweit ich weiß, hat John es abgelehnt, ‚Here I Go Again’ neu aufzunehmen, weil es seiner Meinung nach so klingen würde, als ob eine Metal-Band einen Country-Song spielt. Wer hätte gedacht, dass die Nummer ein so großer Erfolg werden würde? Anschließend bin ich wieder nach Hause geflogen und habe über Kalodners Angebot nachgedacht. Mir war klar, dass ich mit meiner Band Vandenberg an Grenzen gestoßen war und deshalb die Whitesnake-Chance wahrnehmen musste.
Deine allererste Whitesnake-Show war auf einem riesigen Festival in Texas, nicht wahr?
Es war der Texxas Jam in Cotton Bowl in Dallas, an einem heißen Tag irgendwann im Juni 1987. Wir hatten für ein 45-Minuten-Set etwa anderthalb Wochen geprobt, und nun stand ich bei über 40 Grad Celsius mit Tommy Aldridge, Rudy Sarzo, Vivian Campbell und David Coverdale vor mehr als 100.000 Menschen auf der Bühne. Aufgrund der Hitze wurde permanent Wasser in die Menge gesprüht. Diese Show werde ich nie vergessen, denn ich wusste, dass es ab sofort ernst für mich wird.
Vivian Campbell hat später behauptet, du hättest ihn aus der Band gemobbt.
Ja, ich weiß, das habe ich auch gelesen. Vivian ist anscheinend etwas launisch. Er gab mir die Schuld, aber ich hatte nichts damit zu tun. Es war Davids Band. Eines Morgens, wir probten gerade für ‚Slip Of The Tongue’, war Vivian nicht mehr da. Als ich mich erkundigte, erklärte mir unser Tourmanager, er sei auf dem Heimweg. Also haben wir zu viert für das Album geprobt.
Dein Abschied von Whitesnake verlief deutlich geräuschloser, nicht wahr?
Das war nach der ‚Restless Heart’-Tour 1998, die in Australien endete. Ich weiß es deshalb noch so genau, denn ich hätte beinahe den Rückflug nach Holland verpasst, weil man im Hotel in Canberra vergessen hatte mich zu wecken. Deshalb musste ich von Canberra über Sydney nach Amsterdam fliegen und hing stundenlang in Sydney fest, bis der Rückflug endlich startete. Ich erinnere mich, dass ich ewig in der Stadt umhergeirrt bin, um mir die Zeit zu vertreiben.
David war damals müde vom Touren und wollte nicht weitermachen. Im Jahr darauf bekamen meine damalige Freundin und ich ein Baby. Deshalb wollte ich fürs Erste zuhause von meiner Malerei leben, um Teil des Lebens meiner kleinen Tochter zu sein, und nahm Einladungen zu Ausstellungen an. Drei Jahre später rief David an und sagte, er habe seine Meinung geändert und würde wieder durchstarten.
Ich wollte jedoch keiner dieser Väter sein, die ihren Kopf um die Ecke stecken und sagen: „Hallo, ich bin dein Vater, aber ich muss los!” Daher musste ich passen, woraufhin Coverdale dann Doug Aldrich ins Boot holte. Mit zwölf war meine Tochter alt genug, um ihr zu erklären, dass ich eigentlich Musiker bin. Deshalb habe ich 2013 die Moon Kings gegründet.
Derzeit bist du mit einem Whitesnake-Programm auf Tour. Hast du das originale Equipment von 1998 dabei?
Nein, ich spiele derzeit einen Neural DSP Quad Cortex und einen Seymour Duncan PowerStage 100, meine beiden Marshalls stehen in einem Lager. Bei internationalen Shows benutze ich oft den Quad Cortex, da meinen alten Röhren-Amps die nötige Zuverlässigkeit fehlt. Wenn man in Spanien spielt und mit dem Gear etwas nicht stimmt, ist es mühsam jemanden zu finden, der es repariert.
Für meine zwei Plexis ist das Peter van Weelden, der bekannte Gitarren-Doktor. Er hat sie modifiziert und neu verdrahtet, deshalb klingen sie so großartig. Aber auch mit dem Quad Cortex habe ich meinen eigenen Sound, denn wir haben eine Kopie meines Soldanos und eine meiner Plexis programmiert. So habe ich immer den Sound, den ich gewohnt bin. Allerdings habe ich vor einigen Wochen wieder mal die alten Marshalls getestet und muss gestehen, dass das Original immer noch ein bisschen besser klingt.
Du spielst komplett ohne Pedalboard!
Ich brauche nur ein wenig Delay, das wars. Das ist der Vor- und Nachteil eines Puristen: Ich bin altmodisch, ich liebe den Sound einer Les Paul mit einem Marshall, ohne etwas dazwischen.
Les Paul? Ich sehe bei dir aktuell aber deine neue Peavey-Signature!
Ich spiele die Peaveys wieder, weil sie zu dieser Art Musik dazugehören. In meinen Whitesnake-Tagen habe ich ja auch die Super-Strat-Peaveys gespielt, die ich damals selbst entworfen habe. Das ist großartig, weil es mich an die Stadionzeiten erinnert. Ich mag die Gitarre wirklich sehr.
Soundvariationen nimmst du also ausschließlich mit dem Ton- und Lautstärke-Poti der Gitarre vor. Wechselst du zwischen Hals- und Steg-Pickup?
Nur für einen akustischen Sound wie etwa in ‚Sailing Ships’. Ich habe die Nummer lange Zeit auf einer Akustikgitarre gespielt, einer sehr guten Taylor, aber wir haben auf Tour festgestellt, dass ihr Sound jeden Abend etwas anders ist. Und das nervt meinen Tontechniker Raymond. Wenn ich jetzt ‚Sailing Ships’ oder ‚Burning Heart’ oder was auch immer auf der E-Gitarre mit akustischem Sound spiele, klingt es im Publikum präziser und gleichmäßiger.
Zum Glück habe ich darauf geachtet, dass man die Pickups splitten kann, wenn ich also einen Unplugged-Sound möchte, wähle ich die Single-Coil-Einstellung.
Ist das aktuelle Peavey-Modell mit deiner Signature-Serie von damals identisch?
Ich habe ein paar Änderungen vorgenommen. Als die Gitarre in den Achtzigern herauskam, wollten viele Käufer andere Pickups. Seinerzeit war es so: Unabhängig davon, ob die Leute eine Ibanez oder Peavey oder was auch immer kauften, meistens wechselten sie die Tonabnehmer, egal wie sie klangen. Es hieß immer nur: „Es muss ein Seymour Duncan, es muss dies oder das sein.”
Also habe ich Peavey gesagt, dass wir diesmal Duncans einsetzen sollten. Wenn also jemand die Tonabnehmer wechseln möchte, ist es nun einfacher, sie weiterzuverkaufen, jedenfalls einfacher als einen Peavey-Pickup, egal wie gut er ist. In den Whitesnake-Tagen war ich mit den Tonabnehmern, die ich zusammen mit dem Peavey-Team entwickelt hatte, sehr zufrieden. Aber diesmal haben wir Duncan JB’s und ein Floyd Rose verbaut.
Die Kahler-Tremolos der damaligen Vandenberg-Signature waren auch großartig, aber es war über viele Jahre sehr schwierig, Ersatzteile zu finden. Heutzutage mit dem Internet ist es zwar etwas einfacher, aber am leichtesten ist es immer noch mit einem Floyd-Rose-System.
Spielst du in Standard-Tuning?
Nein, einen Halbton tiefer, also in E-Flat. Das habe ich tatsächlich auch schon bei Vandenberg gemacht, weil mein größter Held Jimi Hendrix auch einen Halbton tiefer gespielt hat.
Es gab Jahre, da wurdest du in einem Atemzug mit den großen Gitarrenlegenden genannt.
Als ich bei Vandenberg war, hieß es in Japan: Er ist der neue Gitarrenheld! Ich blieb gelassen und entgegnete: Das ist nicht der Grund, weshalb ich Gitarre spiele. Als ich dann nach Amerika zu Whitesnake wechselte, wurde der Hype noch viel größer. Erst später fiel mir auf, wie sehr ich mich selbst unter Druck gesetzt habe, um noch amerikanischer zu spielen, als ich es eigentlich wollte.
Ich habe einige Live-Aufnahmen von damals gehört und dachte: Mann, das klingt heute aber ganz anders! Damals spielte ich sehr bluesig und mit viel mehr klassischen Einflüssen. Aber durch die zehn Jahre, in denen ich pausiert habe, bin ich offenbar unbewusst zu meinen Roots zurückgekehrt. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis, mich beweisen zu müssen, auch weil ich es körperlich nicht mehr könnte, weshalb ich meine Technik an meine Möglichkeiten angepasst habe.
Sportler machen dasselbe und finden meistens einen Weg zurück an die Spitze. Möglicherweise nicht mehr auf dem Niveau wie vorher, aber es gibt immer einen Weg, das zu tun, was man am liebsten tun möchte. Das hängt mit der Liebe zur Musik zusammen. Man will spielen, will in einer großartigen Band sein und die Fans zum Lächeln bringen.
Man spürt bei den Zuschauern diese Elektrizität, in solchen Moment fühle ich keinerlei Druck, mich beweisen zu müssen. Ich habe einfach nur Spaß am Spielen, und das macht es entspannter und aufregender, weil ich mich mehr als Teil einer Band fühle. Rückblickend, innerhalb von Whitesnake, war es zumindest am Anfang wie ein Super-Football-Team, das David zusammengestellt hatte.
(erschienen in Gitarre & Bass 02/2026)