Lee Sklar: Handwerker & Tagelöhner

Bass-Legende Leland Sklar im Interview

Lee Sklar Portrait

55 Jahre am Bass, 45 im Biz: Leland Bruce Sklar ist einer der anerkanntesten Routiniers im Rockmusik-Zirkel, dessen gefühlvolles, Song-dienliches Spiel bis heute auf unzähligen Aufnahmen den Unterschied macht. Und so konnte er sich über die Jahre mit u.a. James Taylor, Jackson Browne, Rod Stewart, Billy Cobham, Phil Collins, Steve Lukather oder Ray Charles einige große Namen in die eigene Vita schreiben.

Aufs Studio bezogen ist Leland Sklar so etwas wie der perfekte Schwiegersohn, den sich jede Mutti wünscht. Zurückhaltend, aber mit Charakter, kreativ, aber nicht zu ausgeflippt, selbstbewusst, aber nicht narzisstisch und – was vielleicht das Wichtigste ist – immer hilfsbereit und aufmerksam. „Ich bin kein sehr intellektueller Spieler, sondern tendiere dazu, eher intuitiv an Musik heranzugehen“, sagt er – und: „Ich reduziere mich soweit auf das Wesentliche, dass meine Anwesenheit gerade noch gerechtfertigt ist.“ Diese Herangehensweise ist so charakteristisch für sein Spiel wie verantwortlich für den guten Ruf, den er sich über die Jahre erspielt hat. Denn sein oberstes Ziel ist es immer, sich in den Dienst des jeweiligen Songs zu stellen und dadurch den Künstler im bestmöglichen Licht erscheinen zu lassen.

Das war 1970 so, als er in James Taylor seinen ersten professionellen Auftraggeber fand, und hat sich bis heute nicht geändert – zu hören auf ,Ebb & ‘Flow‘ (2015/Twanky Records) von der walisischen Singer/Songwriterin Judith Owen, mit der Lee Sklar auch aktuell auf Tournee ist. Und obwohl der 1947 in Milwaukee, Wisconsin geborene Sklar schon früh zu einem sehr gefragten Session-Bassist avancierte und diesen Status auch bis heute halten konnte (was keineswegs selbstverständlich ist), resümiert er: „Wenn ich wählen müsste zwischen live spielen oder im Studio aufnehmen, würde ich mich immer für live entscheiden. Denn dort ist jede Note vorbei, sobald sie gespielt ist.“ Für das Interview im Zuge eines Owen- Showcases in Köln nimmt Lee Sklar sich zwar alle Zeit die es braucht, schielt aber auch ab und zu auf die Uhr, denn wenn er schon mal in Köln ist (und es ist bei weitem nicht das erste Mal in seiner Karriere), will er unbedingt noch ins Museum. Auch nach 50 Jahren im Geschäft hat er sich seine Neugierde also bewahrt und ist des Reisens noch lange nicht müde…

i n t e r v i e w

Lee, ist das Reisen deine zweite große Leidenschaft?

Lee Sklar: Ja, vielleicht. Dass man die Welt kennenlernt, ist auf jeden Fall eine grandiose Begleiterscheinung des Lebens als Musiker. Und dass ich das erleben kann, ist witzig, denn als ich Kind war, hätte ich mir niemals träumen lassen, dass ich einmal die Welt kennenlernen würde. Ich bin in Los Angeles aufgewachsen und dachte immer: „Mann, eines Tages mal nach San Francisco kommen, das wäre toll!“ Und jetzt kann ich mir heute noch das Schokoladenmuseum in Köln anschauen. (lacht)

Wenn du schon als Kind den Traum hattest herumzukommen, hast du dann auch von einer Karriere als erfolgreicher Musiker geträumt?

Lee Sklar: Nein. Ich habe Kunst und Geologie am College studiert und ich hatte große Lust Meeresbiologe zu werden. Und auch ein Leben als technischer Zeichner konnte ich mir gut vorstellen. Ich hatte ja immer schon gemalt, illustriert und Skulpturen gemacht. Das Musikmachen habe ich im Alter von fünf Jahren begonnen und als Teenager war ich permanent in mehreren Bands gleichzeitig. Ich habe das so exzessiv betrieben, dass ich gar nicht auf die Idee kam, das zum Beruf zu machen. Es war ein Hobby, eine Begabung, aber keine Berufung. Als es dann jedoch losging, hat mich das ziemlich kalt erwischt. Mir war nicht bewusst, dass das Musikmachen Potential für eine Karriere hätte. Ich ja war noch auf dem College als ich James Taylor traf. Wir bekamen das Angebot ein paar Gigs zu spielen. Und in Folge dieser Auftritte wurde er zu einem der größten Musiker der Welt. Ich saß mit ihm zusammen und er sagte, dass wir für einen Monat auf Tour gehen könnten. Dann dachte ich kurz darüber nach, dass ich ja eigentlich aufs College müsste, sagte dann aber sofort zu. Ich bin nie wieder zur Uni zurückgekehrt, ich habe nicht mal auf Wiedersehen gesagt. Aber ich hatte vorher nie diese Vision, dass ich eines Tages ein großer Star sein würde.

Hast du die Entscheidung, die Uni hinzuschmeißen, jemals bereut?

Lee Sklar: Nein, nie! Und manche Dinge, die ich damals aufgegeben habe, könnte ich heute immer noch machen. Wenn ich eines Tages beschließen sollte, die Musik ein wenig zurückzufahren, könnte ich mich wieder der Kunst widmen. Ich habe früher mit Metall gearbeitet und bin zu Schrottplätzen gegangen und habe Zeug gesammelt, mit dem ich arbeiten konnte. Ich habe noch immer kistenweise Metall aus den Sechzigern, das ich eines Tages vielleicht wieder verwenden werde. Aber die Musik macht mir weiterhin so viel Spaß, dass ich keinen Grund dafür sehe, das runterzufahren.

Lee Sklar Live

Du hast mal über dich selbst gesagt, du seist kein Künstler im eigentlichen Sinne. Wie ist das zu verstehen?

Lee Sklar: Ich habe mich selbst immer eher als Handwerker gesehen, den du anheuerst, damit er ein paar Sachen in deinem Haus repariert. In Amerika nennen wir das „blue-collar worker“. Ich bin nur ein Tagelöhner. Wenn ich mir aber andere Jungs anschaue, wie McCartney, Sting oder Flea, dann muss ich feststellen, dass sie es geschafft haben, in dieses höhere Level des Künstlerdaseins zu gelangen. Ich bin jedoch sehr zufrieden damit, jeden Tag zur Arbeit zu gehen und meinen Job so gut ich kann abzuliefern. Und auch wenn ich gerne mal im Rampenlicht stehe, habe ich mir nie angemaßt ein Solo- Album zu machen. Das hat mich nie interessiert. Ich bin ein echter „Mit-Arbeiter“ und gerne Teil bei den Projekten anderer Leute.

Die Vielfalt der Dinge die ich mache, wiegt für mich den Erfolg als Solo-Künstler auf. Wenn du selber der Star bist, musst du dich hauptsächlich auf diese eine Sache konzentrieren, wie zum Beispiel John Entwistle und The Who. Ich hingegen kann an einem Tag in einer Fernsehsendung auftreten und am nächsten Tag einen Werbespot aufnehmen oder mit einem brasilianischen, japanischen oder skandinavischen Künstler arbeiten. Für mich ist es die Abwechslung als Sideman und Studiomusiker, die ich reizvoll finde. Wenn ich ab und zu zurückschaue auf die mehr als 2500 Alben, dann macht mich das schon stolz. Und ich bin eben lieber Teil eines Projekts als der Typ vorne auf dem CDCover.

Du hast auf vielen Hit-Alben gespielt. Auf der anderen Seite muss es auch einige Aufnahmen gegeben haben, die nicht so erfolgreich waren. Oh, absolut! Gibt es Sessions, die du gespielt hast, bei denen du dich heute noch wunderst, warum sie nicht mehr Aufmerksamkeit bekommen haben?

Lee Sklar: Ja. Aber zu dem Thema gibt es zwei Aspekte: Es gibt Projekte, die deiner Meinung nach unglaublich waren, die aber vielleicht nicht mal veröffentlicht wurden und es gibt diese Sessions, bei denen du nachher denkst, dass es grauenvoll war und sie werden trotzdem zu großen Hits. Man kann das nie vorhersagen. Von der großen Zahl an Platten, bei denen ich mitgewirkt habe, kam nur eine Handvoll zu großem Erfolg. Ich denke da an Phil Collins und James Taylor. Aber es gab auch viele Projekte, die es nie geschafft haben, weil zum Beispiel im falschen Moment, der Fürsprecher bei der Plattenfirma gefeuert wurde oder weil andere Veröffentlichungen dem Label plötzlich wichtiger waren. Man wird es nie verstehen, warum der eine erfolgreich ist und der andere nicht. Es ist ein komisches Geschäft.

Nervt dich manchmal dieses labelbasierte System des Musikmarktes?

Lee Sklar: Ja und nein. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Jeder regt sich immer über die Labels auf, und dass sie die Künstler abzocken. Aber das Gute an den Labels war, dass sie eine Struktur hatten. Es gab einen A&R und eine Marketing-Abteilung. Es wurde sich um alles gekümmert. Und wenn jemand das Glück hatte, im Radio zu laufen, dann konnte es zwar sein, dass er abgezockt wird, aber wenigstens hatte er es mit seiner Musik bis dahin geschafft. Heute ist es viel schwieriger überhaupt Möglichkeiten zu finden, wie die Leute deine Musik hören können. Musik zu produzieren ist einfach, sie aber so gut zu verkaufen, dass du nicht noch nebenher arbeiten gehen musst, ist sehr schwierig geworden.

Gibt es Künstler mit denen du gerne gearbeitet hättest, es aber nie dazu gekommen ist?

Lee Sklar: Klar. Zum Beispiel habe ich ja viel mit Art Garfunkel zusammengespielt, war aber immer Fan von Paul Simon. Leider hatte ich nie die Möglichkeit mit ihm zu arbeiten. Elton John ist auch so jemand. Aber es gibt tatsächlich viel mehr Künstler mit denen ich gearbeitet habe, als Künstler mit denen ich es nicht getan habe. Außerdem bin ich ja noch im Geschäft und bekomme vielleicht noch die eine oder andere Möglichkeit.

Gab es auf der anderen Seite Künstler mit denen du arbeiten musstest, obwohl du eigentlich keine Lust dazu hattest?

 Lee Sklar: Ja, aber das waren nur wenige und es hatte meistens nichts mit ihrer Musik zu tun. Wir haben uns einfach nicht gut verstanden. Wenn du in diesem Business arbeitest, bewegst du dich in einer Welt von besonderen Persönlichkeiten. Mit manchen kommst du auf Anhieb gut klar, bei anderen möchtest du so schnell wie möglich den Raum verlassen. Das ist dasselbe wie im Leben. Aber es ist keine Lüge wenn ich sage, dass ich 95 Prozent der Leute, mit denen ich arbeiten durfte, wirklich mochte.

Lee Sklar Live 2

Im Gegensatz dazu hältst du nicht besonders viel von der Spezies des Produzenten…

Lee Sklar:  Ja, das stimmt. Das komische ist, wenn du in ein Studio gehst und die Leute ihre Instrumente auspacken, kannst du sofort sagen, ob der Drummer oder der Gitarrist wissen was sie tun. Genauso beim Engineer. Aber es gibt Produzenten, mit denen du über Jahrzehnte immer wieder zusammenarbeitest und du wirst nie herausfinden, was genau sie da eigentlich machen. Das Produzieren ist ein extrem nebulöser Job. Manche Produzenten sind gut darin, Songs für eine Platte auszuwählen, weil sie ein gutes Gespür haben, aber dafür haben sie keinerlei Ahnung von einem Studio oder wie man mit Musikern kommuniziert. Andere wiederum wissen rein gar nichts, aber spielen sich trotzdem in den Vordergrund und wollen alles unter Kontrolle haben. Ich kenne Studios, in denen eine Fake-Konsole im Regie- Raum steht, damit der Produzent an Reglern drehen kann, ohne etwas zu verstellen. Der Produzent weiß natürlich nicht, dass er dadurch nichts am Sound verändert, aber es gibt ihm das Gefühl, der Chef zu sein. Ich habe aber auch mit beeindruckenden Produzenten gearbeitet, wie zum Beispiel George Martin. Er ist brillant und wenn er mit dir über Musik spricht, weißt du genau, was er meint.

Und du hast mit Gitarristen wie Steve Lukather, Bonnie Raitt, B.B. King, Eric Clapton oder Lee Ritenour zusammengespielt. Was muss ein Gitarrist haben, damit er dich beeindruckt?

Lee Sklar: In erster Linie Geschmack. Es gibt viele Typen, die eine Menge können, aber nicht wissen, wie sie dieses Können einzusetzen haben. Ich mag Gitarristen, die einen guten Geschmack haben und einen Song erst hören, bevor sie sich überlegen, was sie dazu spielen können. Einer der großartigsten Gitarristen, mit denen ich je zusammengespielt habe, ist Danny Kortchmar. „Kootch“ ist ein ausgezeichneter Rhythmus-Gitarrist. Er und auch Rob Harris aus London haben eine Sensibilität für Rhythmus und für die Wahl der richtigen Akkorde, die wunderbar ist. Wenn ich mit einem von ihnen und einem guten Drummer zusammenspiele, habe ich alles was ich brauche. Da brauchen sie nicht mal ein Solo zu spielen. Es gibt viele Gitarristen, die tolle Soli spielen können − und wenn es darum geht, Rhythmus-Gitarre zu spielen, fällt alles auseinander …

Ich bin in dieses Business reingewachsen zu einer Zeit, in der Eric Clapton, Jeff Beck, Jimi Hendrix, John McLaughlin, Steve Lukather und all diese großartigen, virtuosen Gitarristen gerade berühmt wurden. Ich habe sie alle live gesehen damals. Aber die Dinge fingen an sich zu verändern, als Bands wie Green Day erfolgreich wurden, bei denen es fast nur noch um die Rhythmusgitarre ging. Um ganze Wände aus Rhythmusgitarren. Die Gitarre hat damals einfach eine andere Rolle übernommen, und das hat mich nie besonders angesprochen, auch wenn ich, wie schon gesagt, das Rhythmusgitarrenspiel für enorm wichtig halte. Darüber hinaus ist mir aber auch wichtig, dass ich mit der Persönlichkeit des Gitarristen gut zurechtkomme. Ich mag diese Typen nicht, die im Rampenlicht stehen wollen, anstatt die Band als Ganzes in den Mittelpunkt zu stellen.

Warwick Star Bass II

Man könnte annehmen, dass jemand mit deinem Background eher auf Vintage-Equipment steht. Aber du scheinst viel eher auf der Suche nach dem perfekten Instrument zu sein…

Lee Sklar:  Auf der Suche nicht, aber ich bin immer offen für neue Dinge. Ich habe einen Bass, den ich als Frankenstein bezeichne, weil er aus vielen verschiedenen Teilen zusammengesetzt ist. Ihn habe ich seit 1973 immer wieder gespielt. Ich bin kein Sammler wie John Entwistle, der sich alle Wände mit Bässen vollhängt … Vor vierzehn Jahren habe ich Sheldon Dingwall kennengelernt, der mir einen Fünfsaiter gebaut hat. Denn eine Sache, die ich in meinem Job häufig zu tun habe, ist, programmierte Synth-Bässe zu ersetzen. Und ich habe den Eindruck, dass jeder Produzent, der einen Bass programmiert, vor allem die tiefen Frequenzen mag. Warum auch immer. Also brauchte ich einen Fünfsaiter, konnte aber keinen finden, der sich auch im unteren Register schön anhörte.

Aber der Dingwall mit der Fächerbundierung und der verlängerten B-Saite hat eine bemerkenswerte Klarheit in den Tiefen. Vor ein paar Jahren war ich dann bei „Bass Player Live“ in Los Angeles und da sah ich bei Warwick einen Starbass 2 Fretless, nahm ihn in die Hand und war auf Anhieb begeistert. Ein paar Monate später schenkte mir Hans- Peter Wilfer von Warwick diesen Bass und kurz danach begannen wir zusammenzuarbeiten. Inzwischen habe ich eine Fretless-, eine Achtsaiter- und eine bundierte Version vom Starbass. Der Achtsaiter ist nur ein Experiment, aber ziemlich cool. Er ist verglichen mit dem, was ich normalerweise brauche, ein bisschen reduziert, aber es macht Spaß ihn zu spielen.

LEE SKLAR GEAR

  • Bass: Frankenstein Warwick Starbass II Dingwall Signature 5-string
  • Amp: Euphonic Audio iAmp800
  • Box: Euphonic Audio NL210 & CxL112

Aus Gitarre & Bass 07/2015

2s Kommentare zu “Bass-Legende Leland Sklar im Interview”
  1. Johannes Lang

    Ein toller Bassist und Musiker! Er spielt immer auf den Punkt genau das, was der Song gerade braucht – keine Note zu viel, aber auch keine zu wenig.
    Unvergessen auch seine Mitwirkung bei der „Fallin In Betweeen“ – Tour bei TOTO – die DVD kann sehe und höre ich immer wieder gerne. Ich hoffe, er bleibt uns noch lange erhalten!

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  2. Andi Bass Lux

    Ohne Zweifel ist Lee Sklar einer der besten Bassisten der sehr songdienlich spielt. Nicht umsonst kann er auf mehrere tausend Produktionen zurückblicken…
    Andi Bass lux

    Antworten
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