Beautiful Curves

Vintage Guitar Stories – 1955 Gibson L-5 CES

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(Bild: Franz Holtmann)

Das Modell L-5 gehört zu den unvergänglichen Klassikern der elektrischen Gitarrengeschichte. In dieser erhabenen 17-Zoll-Archtop, entworfen bereits in den 1920er-Jahren, manifestieren sich konstruktive Merkmale, die als Blaupausen der Jazzgitarre schlechthin gelten.

Vorgeschichte: Orville H. Gibson, der Gründer der Gibson Guitar and Mandolin Factory, hatte bereits Ende des 19. Jahrhunderts damit begonnen, bestimmte Konstruktionsmerkmale von Streichinstrumenten auf die Gitarre zu übertragen. Vorgängermodelle der L-5, wie etwa die Style-0 (ab 1903) und L-4 (ab 1910), verfügten unter anderem bereits über von Hand gefertigte gewölbte Decken und Böden, waren aber noch mit den für Gitarren üblichen runden oder ovalen Schalllöchern ausgestattet, hatten einen Hals-Korpusansatz am 12. Bund und die Griffbretter auf die Decke aufgeleimt.

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Zeitsprung: Lloyd Loar, ein bekannter Mandolinenspieler seiner Zeit, der mit Ensembles die USA und Europa bereiste und auch als Komponist für Saiteninstrumente in Erscheinung getreten war, übernahm 1919 die Leitung der Entwicklungsabteilung bei Gibson. Ein Glücksgriff, wie sich bald erweisen sollte, denn der hellsichtige und erfindungsreiche Loar brachte die Dinge voran und fand Lösungen, die bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Auch er übernahm Charakteristika aus dem Geigenbau, wie etwa das zur Förderung der Schwingungsentfaltung frei über der Decke schwebende Griffbrett. Demselben Zweck sollte auch das an die Zarge geschraubte Pickguard dienen. Auf seine Anregung hin musste das bis dahin runde Schallloch bei Gitarren den seitlich gesetzten, violinesken f-Löchern weichen.

(Bild: Franz Holtmann)

Loar konstruierte darüber hinaus die erste höhenverstellbare Bridge und die von ihm maßgeblich entwickelte L-5 bekam zudem einen vom Kopf her einstellbaren Halsspannstab zur Zugentlasung der Saiten. Eine Erfindung, die die Produktion dünnerer und damit komfortabler zu bespielender Hälse ermöglichte.

(Bild: Franz Holtmann)

Überdies wurde der erreichbare Tonumfang der Gitarre durch die Verschiebung des Halsansatzes vom 12. auf den 14. Bund erweitert. Das alles waren Dinge, mit denen Lloyd Loar den Gitarrenbau nachhaltig revolutionierte und parallel dazu hatte er u.a. auch noch das berühmte Mandolinenmodell F-5 für Gibson entwickelt und sich in Pionierarbeit mit der elektrischen Verstärkung von Saiteninstrumenten auseinandergesetzt – zu viel der modernistischen Ambition offenbar für den konservativen Hersteller Gibson, der sich schon 1924, also bereits nach fünf Jahren, von seinem fordernden Innovator trennte.

Das im April 1923 von Gibson noch in 16“-Größe vorgestellte neue Archtop-Modell L-5, erkennbar bis heute an seinem „Flower Pot Mother Of Pearl Headstock Inlay“, war anfänglich ausschließlich in Sunburst erhältlich und kostete im Einführungsjahr stolze $ 275. Protagonisten: Gitarre im Jazz ohne die Gibson L-5? Kaum vorstellbar! Entsprechend lang ist die Liste der Spieler. Die Wertschätzung für diese großartige Archtop blieb dabei aber keineswegs nur auf Jazzgitarristen beschränkt und reicht von Eddie Lang und Charlie Christian über Wes Montgomery zu Lee Ritenour und Tuck Andress, aber auch Scotty Moore spielte hinter Elvis die L-5 und sogar Eric Clapton ließ sich wie Stevie Ray Vaughan auf sie ein.

(Bild: Franz Holtmann)

BEAUTIFUL CURVES

Die elektrische Version der berühmten Gibson L-5 wurde dann 1951 zusammen mit der Super 400 CES als neues Top-End-Modell der Electric Line eingeführt. Beide Modelle erwiesen sich als Longseller und erschienen kontinuierlich im Gibson-Katalog. Die L-5 – im Katalog von 1955 beworben mit „best of both worlds, acoustically and amplified“ – durchlief im Lauf ihrer Karriere verschiedene Stadien, die sich auf die elektrische Ausstattung und auf konstruktive wie formale Merkmale bezogen. Im Prinzip aber fußte sie bleibend auf die gesetzte Bauweise mit von Hand geschnitzer Fichtendecke sowie Zargen und Boden aus solidem Ahorn. Der zweiteilig über einen Streifen Mahagoni gefügte Hals ist immer mit einem mehrfach gebundenen Griffbrett aus Ebenholz ausgestattet – Halsansatz am 14. Bund, 20 Bünde, Pearl Block Inlays, 648 mm Mensur.

(Bild: Franz Holtmann)

Das vorliegende Modell aus dem Fundus von G. Hilden hatte einen prominenten Vorbesitzer. Der virtuose amerikanische Allrounder Danny Gatton spielte diese prachtvolle Archtop über eine lange Zeit. Sie kam natürlich auch bei verschiedenen Aufnahme-Sessions zum Einsatz, u.a. ist sie auf dem Album ‚Unfinished Business‘ zu hören. Auf der CD-Box ‚Running Wild – The Renegade Years 1981-1988‘ ist sie auch abgebildet. Diese Gatton-Archtop ist der zweiten Produktionsvariante der L-5 CES zuzuordnen, die von 1954 bis 1957 durch die Montage von zwei Alnico-Pickups geprägt ist – vorher kam sie mit P-90-Singlecoil-Pickups heraus. Ab 1958 wurden dann Humbucker verbaut. Und sie besitzt auch schon die neue, im Jahr 1955 eingeführte Tune-o-matic-Bridge.

(Bild: Franz Holtmann)

Wie erwartet versprüht diese, abgesehen von einer Neubundierung bis auf die letzte Schraube originale und aus definitiven Tonhölzern gebaute L-5 CES unerhörte Grandezza. Vom besonderen Gefühl neu – gieriger Hochachtung angesichts der Salbung durch Maestro Gatton einmal abgesehen, bietet diese Gitarre natürlich sowieso alles, was die Mutter aller Archtops berühmt gemacht hat. Komfortable Spieleigenschaften, die einem wunderbar rundlich austarierten Halsprofil bei 42 mm Sattelbreite zu danken sind, finden treffliche Ergänzung durch eine leichte, ungemein dynamische Ansprache und diese souveräne, holzgetränkte Tonentfaltung, die bleibender Maßstab ist.

(Bild: Franz Holtmann)

STATISTIK

Von der exklusiven und entsprechend teuren L-5 CES wurden nie viele Exemplare verkauft. In den 50er-Jahren schwanken die jährlichen Produktionszahlen zwischen 19 und 31 Stück. Die frühe Version mit P-90-Pickups brachte es auf ca. 100 Einheiten, von der zweiten Variante mit Alnico Pickups sind etwa 200 Ausführungen belegt. 1955, dem Baujahr der Gatton-L-5, wurden lediglich 19 Exemplare in Sunburst zu einem Katalogpreis von damals sehr teuren $ 660 ausgeliefert.

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2021)

Produkt: Gitarre & Bass 5/2022 Digital
Gitarre & Bass 5/2022 Digital
IM TEST: Zoom B6 +++ Framus Wolf Hoffmann WH-1+++ Valco FX KGB Fuzz, Bloodbuzz und Five-O +++ Sandberg California Central +++ Origin Effects Bassrig +++ Lava ME 2 Freeboost & ME 3 +++ One Control Strawberry Red +++ Fender Player Plus Meteora HH & Active Meteora Bass +++ Marshall 2525H & JVMC212 Black Snakeskin LTD

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Es ist prima,daß solch eine uralte Gibson Gitarre,von der es nur eine sehr geringe Anzahl gab,überhaupt noch im Originalzustand existiert.Vermutlich sehr typisch,besonders für das Gibson Markenlabel,daß auch hier die wenigen Exemplare den Sammlerpreis steil nach oben katapultieren,was ja bekanntlich auch bei der ultra seltenen Gibson Flying V,-und der ausschließlich nur in Insiderkreisen bekannten Rarität einer alten Gibson Victory MV II in metallisch glänzendem Candy Apple Red der Fall ist!

    Mit der alten Gibson Birdland verhält es sich fast genau so.Zusätzlich hochgejubelt durch den Hardrockgitarristen Ted Nugent,schossen die Preise für eine derartige Birdland einst kometenhaft in die Höhe.

    Gibson hat ja bekanntlich seit Anbeginn seines Schaffens diesen „besonderen“ Markenlabel Bonus vermutlich gleich dauerhaft gepachtet.
    Leider lassen sich diesbezüglich bis heute nicht wenige Gitarrenliebhaber/-sammlerfetischisten weltweit von so mancher vermeintlicher alter Gibson Gitarren Rarität total blenden,was jedoch auch auf andere namhafte Gitarrenhersteller zutreffen könnte,die damals einige wenige ihrer Gitarrenmodelle in extrem geringer Stückzahl fertigten,und heute schließlich zu übertrieben teuren Sammlerobjekten wurden.
    Ich persönlich,empfinde diesen ganzen,teilweise recht überbewerteten Hype als reine Geschäftemacherei,denn die heutigen,modernen Gitarren sind zweifelsfrei mitunter viel sauberer verarbeitet,und zu einem durchaus sehr fairen Verkaufspreis bereits ab Werk für uns „normale“ Gitarristen/-innen erschwinglich geworden!

    Letztendlich möchte ich aber auch hierbei nicht unbedingt ausschließen,daß es noch uralte abgerockte Gitarren gibt,die durch ihren häufigen Gebrauch besonders gut eingeschwungen wurden,und aufgrund ihrer damalig verbauten edlen Hölzer und hochwertiger Hardware usw. absolut traumhafte Klangeigenschaften besitzen,die bei neuwertigen Gitarren noch nicht in diesem Höchstmaß existieren können.Vorausgesetzt,es handelt sich um äußerst wertige Komponenten und sauberste Verarbeitung,und natürlich ab Werk top eingestellte Gitarren,die von Anfang an sofort sehr gut klingen.

    Und da ich es an dieser Stelle auch selbst bezeugen kann,nenne ich hier mal folgend die Firmen: Alhambra,Faith,G&L,PRS,Gary Levinson,Eastman und Yamaha,die,zumindest für mein Empfinden,momentan exzellent verarbeitete und wirklich top klingende Saiteninstrumente zu sehr fairen Preisen fertigen!
    Und nein,ich bin da völlig neutral,und habe keinen lukrativen Werbedeal mit diesen benannten Gitarrenfabrikanten unterzeichnet,sondern bin von der Produkte-Qualität dieser Hersteller überzeugt! Basta!

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  2. Hallo Klangbild!
    Du hast sicher Recht; Natürlich hast Du Recht damit, dass da ein Hype gemacht wird um Instrumente, die 60 und mehr Jahre alt sind und dass die Preise, die dafür aufgerufen werden, einfach idiotisch hoch sind. Und Du hast auch Recht, wenn Du sagst, dass neue Gitarren aufgrund moderner Fertigungsmethoden sehr viel präziser gebaut sind, und wenn man davon ausgeht, dass die vielleicht auch 50 Jahre und mehr gespielt werden, können sie sich vielleicht auch in die klanglichen Dimensionen hineinentwickeln, die man z.B. den 58/59/60 Sunburst nachsagt. Irgendwie schade, dass bislang noch kein Physiker eine befriedigende Erklärung für diesen Sound gefunden hat – oder vielleicht gut, denn dann könnte man versuchen, die dafür erforderlichen Parameter gezielt anzuwenden.
    Aber jetzt schalte bitte mal die Ratio aus, so wie ich es gemacht habe, als ich vor etlichen Jahren im Guitar Point in Maintal vor den 3 oben erwähnten Sunburst Les Pauls aus den “heiligen” Jahrgängen stand. Ich habe nur geguckt, nicht angefasst. Und obwohl ich mich für kopfgesteuert halte, hatte ich so ein seltsames Gefühl, so einen Schauder, völlig unerklärlich eigentlich für mich, der ich als Schreiner schon sehr viel Mahagoni, Ahorn und Palisander in der Hand hatte. Und ja, das hat was von Fetischismus.
    Und jetzt legen wir den Toggle-Switch wieder um, zurück auf Hirn. Lass doch die, die es sich leisten können und wollen, Mondpreise für Altholz bezahlen. Und die, die neue, präzise Gitarren spielen wollen, können über die Fetischisten denken, was sie wollen. Jedem Tierchen sein Plaisierchen! Ich habe eine ES 335 von 1996 und eine PRS Custom 24 von 1994. Beide von der Stange, aber mit ein bisschen tender loving care auf mich eingestellt und eingespielt, und ich bin damit für meine bescheidenen Künste schon overequipped. Ich hoffe, dass in einigen Jahren (ich bin jetzt 70) mein Neffe und mein Schwiegersohn sich freuen werden, recht anständige Instrumente in die Hand zu bekommen.
    Und was die Sammlerfetischisten angeht: so wenig wie das letzte Hemd Taschen hat, wird in deren Sarg ein ordentlicher Amp stehen. Wozu auch? Und vielleicht zaubert Dir der Gedanke an ein funeral fire mit einer 59er Burst ein Lächeln auf die Lippen, denn das wäre dann der potenzierte Fetischismus. Und wenn mir morgen einer erzählen würde, er hätte “den Heiligen Gral” von Gibson, dann würde ich ihm Glück wünschen damit.
    Viele Grüße, und sei nachsichtig!

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