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Glam & Glitter Bass!

Unbekannte Helden: Jim Lea & SLADE

(Bild: donnatakesphotos)

Premiere in der Reihe „Unbekannten Helden“ – der erste Bassist ist dran! Vorhang auf für Jim Lea, Bassist, Gitarrist, Multiinstrumentalist und Songwriter der britischen Glam-Rock-Band Slade.

LEBEN

Jim kam als James Whild Lea am 14.06.1949 in der britischen Arbeiterstadt Wolverhampton zur Welt. Sein musikalisches Talent zeigte sich schon früh. Mit zehn Jahren begann er Geige zu üben und wurde zwei Jahre später schon Mitglied des Staffordshire Youth Orchestras. Parallel zur Klassik begeisterte sich Jim für die Beat-Bands der frühen Sechziger und begann Gitarre und Bass zu spielen. Besonders der Song ‚My Generation‘ von The Who faszinierte ihn: „Es gibt da einen Bass-Break! Ich holte meinen Bass raus und spielte ihn nach. Das war wunderbar, ein echtes Statement für musikalische Freiheit!“

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Mit 14 schrieb Jim mit ‚How Does It Feel‘ seinen ersten Song, der später im Slade-Repertoire auftauchte. 1965 sah er die lokale Band N’Betweens und wurde ein Jahr später ihr Bassist. Nach einigen Umbesetzungen schälte sich das spätere Slade-Lineup heraus: Noddy Holder (Gitarre, Gesang) Dave Hill (Gitarre), Don Powell (Schlagzeug) und Jim an Bass, Piano und Geige. Die Band spielte zuerst Cover-Versionen von Soul- und Motown-Hits und machte sich lokal einen Namen.

Nach einem dreimonatigen Engagement auf den Bahamas, das finanziell ein Desaster war, die aber Band unglaublich zusammenschweißte, unterzeichneten sie 1969 ihren ersten Plattenvertrag und nahmen ihr erstes Album ‚Beginnings‘ auf. Chas Chandler, Manager von Jimi Hendrix, nahm sie unter seine Fittiche. Nach Versuchen mit einem Skinhead-Image unter dem Namen ‚Ambrose Slade‘ und einigen gefloppten Singles, kam 1971 mit der Cover-Version des Little-Richard-Songs ‚Get Down With It‘ und der Namenskürzung der kommerzielle Durchbruch in England.

ERFOLG MIT GLAM ROCK

Slade wurden zur Hitmaschine und dominierten in den frühen Siebzigern die englischen Charts. Neben Noddy Holders Stimme und extrem auffälligen Outfits, bestehend aus Glitzeranzügen, karierten Hochwasserhosen, ausgeflippten Kopfbedeckungen und monströsen Koteletten, waren vor allem die eingängigen Kompositionen von Jim Lea und Noddy Holder für den Erfolg der Band verantwortlich. Die Musikpresse bezeichnete Slade zusammen mit T.Rex, David Bowie, Mott The Hoople und Sweet als Glam Rock. Die Stilrichtung war eine deutliche Abkehr vom abgedrehten Artrock der späten Sechziger und überzeugte mit kurzen, eingängigen Songs, die mit viel Energie und dreckigem Sound dargeboten wurden.

Cover-Foto vom 1972er-Album ‚Slayed?‘: Noddy Holder, Don Powell, Jim Lea und Dave Hill (v.l.n.r.). (Bild: Polydor)

Slade verbrachten die nächsten Jahre auf Tour und in TV-Shows und lieferten bis 1976 17 Top-20-Hits ab. Mitte der Siebziger begann der Stern der Band zu sinken. Nach vergeblichen Versuchen den Durchbruch in den USA zu schaffen, gelang ihnen mit einem Auftritt beim Reading Festival 1980, bei dem sie kurzfristig für Ozzy Osbourne einsprangen, ein Comeback. Mit einem hardrockigeren Sound und Hits wie ‚My Oh My‘ waren sie bis Mitte der 1980er auch in den USA sehr erfolgreich, 1984 brach Jim Lea backstage aufgrund einer Hepatitis-C-Erkrankung zusammen. Die Band zog sich vom Live-Betrieb zurück, veröffentlichte aber bis 1992 weitere Alben. Als Sänger Noddy Holder beschloss, sich anderen Herausforderungen als Schauspieler und Radiomoderator zu stellen, lösten sich Slade auf. Jim Lea zog sich weitgehend vom Musikbusiness zurück, veröffentlichte aber 2007 ein Soloalbum namens ‚Therapy‘.

STIL

Von der ernsthaften Musikpresse wurden Slade aufgrund ihrer extravaganten Bühnengarderobe oft belächelt, aber hinter der glitzernden Fassade verbarg sich enorm viel musikalisches Talent. Noddy Holders Stimme musste den Vergleich mit anderen britischen Sängern wie Robert Plant, Steve Marriott und Rod Stewart nicht scheuen. Don Powell und Dave Hill sorgten für ein solides Fundament, auf dem Jim Lea sich mit den unterschiedlichsten Instrumenten austoben konnte. Elektrische Geige in ‚Coz I Luv You‘, Piano, Gitarre und natürlich der Bass, den Jim sehr variantenreich einsetzte. Er beschreibt seinen Stil so: „Ich begann als Gitarrist und wurde ein Bassist aus Notwendigkeit, als jemand aus einer Band ausstieg. Das war keine große Sache. Meine Technik beruhte auf sehr schnellem Spiel und ich habe Oktaven und Verzerrung benutzt, um einen eigenen Stil zu erzeugen.“

Genau wie die Musik von Slade, die Blues, Rock und Soul mit englischem Vaudeville, Gipsy Jazz und Folk verbindet, findet man auch in Jims Bassspiel sehr unterschiedliche Bausteine. In Intros oder Zwischenparts setzte er den Bass gerne als Lead-Instrument in den hohen Lagen ein. In den Basslinien finden sich straighte Achtel und Boogiepatterns genauso wie jazzige Viertelnoten. Besonders auffällig ist das melodische Gespür, mit dem Lea die Akkordtöne zu einer ganz eigenen Bassstimme verbindet, die sich gleichberechtigt neben Akkorden und Gesangsmelodie behauptet. Dadurch verschafft er dem Bass eine starke Präsenz im Sound der Band – und das ganz ohne Instrumentengymnastik.

EQUIPMENT

In den frühen Siebzigern vertraute Jim auf einen roten Gibson EB3 aus den späten Sechzigern, den er mit Plektrum spielte. Als der Bass Mitte der Siebziger aus der Werkstatt des Bassbauers John Birch gestohlen wurde, gab ihm dieser einen Custom-Bass in ähnlicher Bauart als Ersatz. In TV-Aufnahmen sieht man Jim auch mit Fender-Precision- und Jazz-Bässen sowie einem Rickenbacker 4001. Diese Instrumente waren jedoch meist nur für die Playback-Performance geliehen und wurden nicht bei Auftritten oder im Studio genutzt. Als Verstärker diente ein Laney-Bass-Stack mit zwei 4×12-Boxen, zu denen sich später noch zwei 2×15-Cabinets von Vox gesellten. Warum kleckern, wenn man auch klotzen kann? Gleiches galt für die elektrische Violine, die über einen Marshall100-Watt-Amp mit zugehöriger 8×12-Box gespielt wurde. Rock’n’Roll war mal wirklich laut!

PLAY IT!

Zum Nachspielen gibt es zwei der größten Slade-Hits. Beispiel 1 zeigt die Bassline des eher folkigen Songs ‚Far Far Away‘, in dem Noddy Holder die vielfältigen Erlebnisse und Orte beschreibt, die die Band auf Tour gesehen hat.

Im Intro übernimmt der Bass den Leadpart mit einer Melodie in B-Natürlich Moll. In der Strophe variiert Jim geschickt die Akkorde Bm und A, indem er mal auf dem Grundton, mal auf der Terz landet und Powerchord-Arpeggios und jazzige Viertel einstreut. Im Refrain spielt Jim die Grundtöne relativ hoch und verschafft sich so gegenüber der durchgespielten Strumming-Acoustic Gehör. Am Ende des Refrains steht ein typisches Sixties-Beat-Pattern aus Grundton und Quinte, das man auch aus dem Rolling-Stones-Hit ‚Paint It Black‘ kennt.

Beispiel 2 stammt aus dem Song ‚Cum On Feel The Noize‘, der in den 80ern von der amerikanischen Band Quiet Riot gecovert wurde und Jim wahrscheinlich allein die Rente gesichert haben dürfte. Auch hier wird der Song durch eine Bass-Melodie eingeleitet, bevor straighte Achtel zur Strophe hinführen. In dieser markiert Jim mit dem Grundton auf jeder 1 ganz klar die Akkordfolge, schafft es aber trotzdem, mit Arpeggios und kleinen pentatonischen Motiven eine sehr melodische Basslinie zu kreieren.

Im Chorus werden dieselben Motive mit ein paar Grundtönen in Achteln kombiniert, was dem Song Konstanz verleiht, trotz unterschiedlicher Akkordfolgen in den Songteilen. Ich finde es sehr schön, wie Jim Lea mit einfachen musikalischen Bausteinen sehr klischeelose Basslinien kreiert, die nie dem Song in die Quere kommen. Ein sehr erstrebenswertes musikalisches Ziel!

Ich wünsche viel Spaß beim Üben und Erforschen des musikalischen Erbes von Jim Lea und Slade! Lohnt sich definitiv und ein Glitzeranzug oder ein Spiegelzylinder sehen auch gut aus…

Anregungen und Kritik könnt ihr wie immer unter martin@the-incredible-mr-smith.com loswerden.

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2020)

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Tolle Beschreibung. Bin seit 1972 Slade Fan. Für mich immer noch die geilste Band der Welt. Jimmy Lea für mich einer der besten Komponisten.

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  2. Jimmy, der genialste und originellste Bassist aller Zeiten! So muss ein Bassist spielen und nicht wie die ganzen lächerlichen Salzsäulen, die man sich pausenlos reinziehen muss!!! Jim Lea ist und war – nebenbei erwähnt – auch das musikalische Vorbild meiner Wenigkeit!!!

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