Die wilden 70er

Pawn Shop: Die Framus Apollo

Pawn Shop Framus Apollo

Der eine oder andere Leser dieser Kolumne wird sich schon gefragt haben, wann wir uns die erste Framus zur Brust nehmen. Viele Modelle der Kultmarke kann man – völlig wertfrei – als die deutschen „Pawnshop“-Gitarren schlechthin sehen. Und so kommen auch wir natürlich an den Klassikern aus (damals noch) Bubenreuth nicht vorbei. Wollen wir auch gar nicht, denn neben solider Qualität steckt eine gehörige Portion Coolness in den alten Framus-Gitarren!

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Pawn Shop Framus Apollo
Neue Mechaniken schaden nicht. Die Datierung wurde leider mit dem Halslack abgeschliffen.

Die Geschichte des Unternehmens will ich nur kurz anreißen, denn sie ist vielen Lesern vermutlich geläufig: Wie fast alle deutschen Gitarrenbauer jener Tage, stammte auch der Framus-Gründer Fred Wilfer aus Schönbach (heute Luby in Tschechien), von wo er nach dem Zweiten Weltkrieg nach Erlangen umsiedelte und dort 1946 die „Fränkische Musikinstrumentenerzeugung Fred A. Wilfer K.G.“ gründete – Framus. Bald zog die Firma nach Bubenreuth um und wuchs zu einem der größten Instrumentenbauer Europas – mit 300 Mitarbeitern! Nach einem erfolgreichen Jahrzehnt mit Archtops und anderen Akustik-Gitarren „elektrifizierte“ auch Framus ab den frühen 1960er-Jahren sein Portfolio. Genau wie Klira, Höfner, Hopf und Hoyer zunächst mit sehr eigenständigen Designs, doch in den 70er-Jahren mussten die Bubenreuther auf die Flut von asiatischen Kopien der US-Referenzen reagieren und zogen mit eigenen Tele-, Les-Paul- und Strat-Versionen nach. Trotzdem gingen die Lichter bei Framus in den späten Siebzigerjahren aus, doch die Marke erstand wieder auf und ist heute, unter der Regie von Warwick, quicklebendig.

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Goldener Jaguar – Framus Apollo

Das frech mit Gold-Sparkle lackierte Modell, das wir uns heute anschauen wollen, heißt 5/155 Apollo und wurde um 1970 gebaut – das Datum ist nicht mehr lesbar. Es folgt, mit einer Mensur von knapp unter 620 mm, sichtlich dem großen Vorbild – der Jaguar. Ähnlichkeiten mit der Klira Kentucky (GB 09/2017) sind nicht von der Hand zu weisen, und wer sich etwas mit deutschen E-Gitarren der 60er und 70er befasst, der erkennt viele Gemeinsamkeiten – wohl der auch geografischen Nähe der Hersteller zueinander geschuldet.

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Multi-Stripe-Hals

Die Apollo hat den typischen Framus-“Multi-Stripe“-Ahornhals, also eine mehrfach laminierte Konstruktion, die besondere Verwindungssteifigkeit liefert. Tatsächlich muss man bei der Restauration von Framus-Gitarren jener Zeit selten den Hals nachstellen, und einen verzogenen findet man so gut wie nie. Ebenfalls typisch sind der Sattel aus Metall sowie der gelochte Saitenführungsbalken, mit dem sich Framus den Saitenniederhalter sparte – dadurch werden die Saiten selten im total reibungsfreien Winkel zu den Mechaniken geführt. Das vorliegende Modell hat nicht mehr die originale (offene) Mechanikenleiste. Genau wie bei der Klira Kentucky laufen die Saiten über einen verchromten Balken als Brücke, an der sich die Intonation nicht einstellen lässt – damit muss man leben.

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Typisch Framus – Metallsattel und Saitenführungsbalken

Anders als bei zeitgenössischen Modellen von Höfner und Klira, benutzte Framus meistens deutlich breitere und kräftigere Bünde sowie ein flacheres Griffbrett – womit, bei guter Einstellung, ein fast modernes Spielgefühl erreichbar ist (Shredder werden dennoch nicht glücklich).

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Made-in-Germany-Halsplatte. Unter den Hals muss meistens ein Shim …

Auch bei der Apollo musste ich wegen des mangelnden Saitendrucks mit einem Shim in der Halstasche nachhelfen, damit die Saiten bei Bendings nicht aus der Brücke hüpfen. Die irgendwie an P-90 erinnernden Singlecoils klingen wunderbar laut, voll und twangy – der Vergleich zu asiatischen Gold Foils drängt sich auf. Die von Framus verwendeten Pickups der späten 60er und 70er neigen zudem bei Weitem nicht so zu Totalausfall wie die von Klira und Höfner – insgesamt wirken alte E-Gitarren von Framus robuster gemacht, als die der Mitbewerber.

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Die Apollo spielt sich überraschend modern, die Finger fliegen fast so fröhlich über das Griffbrett wie auf einer neueren Strat. Das Sustain ist erstaunlich ergiebig, und es macht wirklich Spaß, diesen tollen Pickups den schönsten Twang zu entlocken. Das Vibratosystem arbeitet dabei tadellos. Für gut erhaltene E-Gitarren von Framus muss man mittlerweile meist über € 300 berappen – der Preis ist auch stark vom Modell abhängig, denn einige liegen noch deutlich darüber. Dafür bekommt man aber ein cooles und auch unter modernen Gesichtspunkten sehr brauchbares Instrument, bei dem zudem das Risiko eines unspielbaren Fehlkaufs erfreulich gering ist! [2459]

(erschienen in Gitarre & Bass 11/2017)

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