Produkt: Gitarre & Bass 10/2019 Digital
Gitarre & Bass 10/2019 Digital
INTERVIEWS: Toto & ZFG – FAMILIENTREFFEN, The Allman Betts Band, In Extremo, Jared James Nichols, Nathan Navarro u.v.m. +++ TEST: Kemper Profiler Stage, Engl Savage 120 Mark II, Gretsch G5655TG Center Block Jr., Ibanez Fingerstyle-Collection, Reverend Rick Vito Soulshaker, Phil Jones Bass BP-800, Dingwall NG3 Combustion 5, Fender Vintera ’70s Telecaster Thinline & ’50s Precision Bass
Workshop

Parts Lounge: Gibson ES-355 Stereo/Varitone

(Bild: Udo Pipper)

Robben Ford ist sich sicher: Die Gibson ES-335 Stereo Varitone ist die schönste Gibson, die je gebaut wurde. B.B. King und Chuck Berry waren der gleichen Meinung. Beide verwendeten diesen Gitarren-Typ quasi ihr Leben lang. Sie ist auch die Lieblings-Gitarre von Noel Gallagher. Rush-Frontmann Alex Lifeson bevorzugte eine ES-355 in weiß. Rick Derringer begleitete auf seiner 355 einst Johnny Winter und Keith Richards liebt seine – wie soll es auch anders sein – pechschwarze ES-355. Zweifellos gilt die üppig ausgestattete Gibson als der Cadillac unter den E-Gitarren.

Roter, brauner, schwarzer oder blonder Lack zusammen mit mehrlagigem Binding, Ebenholz-Griffbrett mit großen Perlmutteinlagen, Split-Diamond-Logo und goldene Hardware zieren das ohnehin wunderschöne Design dieser Gitarre. Zwar wurde sie qua Begehrtheit schon bald von der eigentlich viel schlichteren Les Paul „Burst“ überholt, blieb aber bis heute der Inbegriff des 50er-Designs der Edelmarke. Einen Grund dafür findet man vermutlich gerade in der für manche Player schon übertriebenen Ausstattung, die wohl ungewollt auch einige Nachteile mit sich bringen sollte.

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Seit 1958 werden die sogenannten „Electric Spanish“-Modelle (ES) bei Gibson gefertigt. Und sofort erwiesen sich die Halbresonanz-Gitarren als großer Wurf. Die schlichteste und gleichzeitig preisgünstigste war die ES-335, bereits vergoldet und mit Varitone ausgestattet wurde die ES-345, während die ES-355 die Luxusklasse symbolisierte. Nicht jedem gefiel das. So bevorzugen die meisten Profis bis heute die ES-335, die sich aufgrund ihrer Ausstattung perfekt für Blues- und Fusion-Klänge eignet. Es liegt hier aber auch an der zur Les Paul baugleichen Elektronik, der üblichen Mono-Buchse und vor allem dem Umstand, dass zumindest die meisten frühen Modelle wahlweise mit Bigsby-Vibrato oder Stop-Tailpiece ausgestattet waren.

1966 ES-355 Mono (Bild: Udo Pipper)

Das sind Features, die man bei der ES-355 meist vergeblich sucht. Nur eine Handvoll dieser Gitarren wurden in Mono, mit Stoptail und ohne Varitone-Schaltung ausgeliefert. Letztere sollte durch eine üppige Filterschaltung mit fünf Stufen eine Menge Sound-Varianten bieten. Die Pickups waren in Reihe mit der durch reichlich Spulen und Kondensatoren angereicherten Elektronik verschaltet, und das hatte erheblichen Einfluss auf den Grundton. Eine Varitone-Gibson klingt daher stets dunkler, nasaler und irgendwie bedeckter als ein Vergleichsmodell ohne dieses Feature.

B.B. King soll die Schaltung in seiner frühen Phase sogar verwendet haben. Ansonsten beließen die Musiker den Schalter meist auf Stellung 1, in der noch kein verfärbender Kondensator in der Schaltung lag. Und dennoch hält Gibson bis heute an dem „Effekt-Regler“ fest. Er scheint einfach dazuzugehören, obwohl ich jährlich etwa fünf bis sechs Gitarren auf Kundenwunsch von dieser Schaltung befreien muss. Und darüber möchte ich in dieser Ausgabe berichten.

CADILLAC

1978 kaufte ich mir direkt nach dem Abitur mit hart an einem Fließband in einer Brotfabrik erarbeitetem Geld eine ES-355 in Walnuss-Braun. B.B. Kings Lucille hatte es auch mir angetan, und ich wollte einfach eine dieser Schönheiten besitzen. Damals war das gar nicht so einfach, denn solche Gitarre waren extrem selten in Deutschland. Aber schließlich fand ich eine und schlug zu.

Der Autor 1979 mit ES-355 auf einer Band-Probe (Bild: Udo Pipper)

Optisch ein Hammer! Aber schon bald lernte ich auch die Nachteile dieser „Traumfrau“ kennen. Das damals übliche Maestro-Vibrola lag so hoch, dass die Saiten fast ohne Andruck-Winkel über die Brückenreiter liefen. Bei fast jedem härter angeschlagenen Powerchord sprang die tiefe E-Saite aus der Reiter-Kerbe. Ärgerlich, denn das Vibrato war auch ohne dieses Problem im Vergleich zu einem Strat-Vibrato praktisch unbrauchbar. Immerhin hatte sie keine wie in den Sechzigern und frühen Siebzigern üblichen Nylon-Reiter, die zusätzlich für Dämpfung sorgten.

Zu geringer Winkel vor der Brücke mit Maestro-Vibrola und Nylon-Reiter (Bild: Udo Pipper)

Mit dem Varitone habe ich ein paar Wochen herumgespielt, aber dann schon bald die Finger davon gelassen. Schließlich wollte ich diesen warmen und fetten Gibson-Ton, den der Varitone schon in Stellung 2 vollends zunichtemachte – ganz zu schweigen von höheren Einstellungen! Es klang dünn, noch nasaler und schließlich quäkig! Blödsinn, dachte ich.

Die Varitone-Schaltung im Überblick (Bild: Udo Pipper)

Die Hoffnung, diese Gitarre mit diesem Schalter wie eine Strat oder Tele klingen zu lassen, wollte sich einfach nicht erfüllen. Sicher gibt es bis heute Anhänger dieser Schaltung, aber meist ruht der Schalter über die Jahre in Stellung 1 (off) und bleibt auch dort. Schließlich hatte die Gitarre eine Stereo-Buchse. Man konnte also mit einem Stereo-Kabel mit jedem Pickup einen anderen Amp ansteuern. Nur schade, dass ich nur einen Amp besaß und dieses Feature daher völlig überflüssig war. Mein Vater lötete mir damals ein Kabel, dass dieses Problem wieder behob. Und dennoch liebte ich diese Gitarre über alles. Sie war einfach mein Cadillac.

Nach den ersten Gigs, die aus genannten Gründen eine wahre Materialschlacht waren, begann ich die Gitarre zu modifizieren, sehr zum Erstaunen meiner Mitmusiker, die das allesamt als puren Frevel betrachteten. An einem Cadillac schraubt man doch nicht selber herum.

Stripped ES-355 während des Umbaus (Bild: Udo Pipper)

Zuerst entfernte ich den Vibrato-Hebel samt Vibrato-Bar. Darunter verbarg sich ein gebogenes Blech, dass durch seine Flexibiltät die Vibrato-Bewegung ermöglichen sollte. In den Scheitelpunkt bohrte ich sechs Löcher, durch die ich fortan die Saiten führte, und schon hatte ich den gewünschten Winkel zur Brücke und daher einen viel knackigeren Sound. Monate später ließ ich das vergoldete Vibrato-Blech trotz seiner schmückenden Attitüde vollends entfernen und durch ein Stoptail ersetzen. Noch besserer Sound!

Beim Entfernen der Varitone-Schaltung half mir damals Atze „Rockinger“ Gölsdorf höchstpersönlich, weil er zu jener Zeit zufällig mein Nachbar war und ich ihn daher kennengelernt hatte. Jetzt klang die Gitarre fast so wie ich es wollte. Ich wusste damals noch nicht, dass in den Siebziger-Modellen 300k-Potis verbaut waren, was ihnen einen ziemlich dunklen Sound bescherte.

Zwei Jahre später tauschte ich sie gegen eine 1969er-Gibson-ES-335, die klanglich zumindest für diese „Larry-Carlton-Sachen“ überlegen, aber eben längst nicht so schön war, wie das walnussbraune Super-Model.

POTENTIAL

Heute ist die Optimierung von ES-345- und ES-355-Modellen ein üblicher Standard-Job in meiner Werkstatt. Und nicht immer mache ich das gern, denn bei den gesuchten Vintage-Modellen bereitet das schon hier und da Bauchschmerzen. Doch der Klanggewinn ist stets enorm. Die 355 ist etwas massiver gebaut als ihre Schwestern, wodurch sie auch einen mächtigeren und dickeren Sound bringt.

Vor einiger Zeit besuchte mich ein Sammler mit einer 59er-ES-355 in Rot mit Stoptail und Mono-Schaltung. Diese Gitarre ist unfassbar selten daher heute leider wahnsinnig begehrt und teuer. Aber sie zeigte auch, was in dieser Konstruktion ohne diesen vielleicht ursprünglich gut gemeinten „Krimskrams“ drinsteckt. Diese Gitarre klang ungeheuer fett und markant. Endlich mit so viel Sustain, wie es so eine Gitarre verdient und dank Ebenholz-Griffbrett mit diesen typisch kernigen Mitten. Einfach ein Traum.

Das Highlight: 1959 ES-355 Mono/Stoptail (Bild: Udo Pipper)

Außerdem besitzen diese Gitarren 500k-Potis, 50s-Wiring, Sprague-Bumblebee-Kondensatoren und natürlich kräftige PAF-Pickups. Optisch zwar schlichter, aber klanglich im Zenit!

Eine neue ES-355 würde ich heute noch ohne Zögern umbauen. Bei den Modellen bis circa 1974 würde ich das Maestro-Vibrola nicht mehr anrühren und einfach dickere Saiten aufziehen, die dann hoffentlich nicht mehr aus der Sattelkerbe springen. Die Varitone-Schaltung würde ich nach wie vor ausbauen und sorgfältig aufbewahren. Der nächste Besitzer wird sich vielleicht darüber freuen, es sei denn, er betrachtet die Gitarre nur als Investment oder möchte sie einfach ein paar Jahre als Kunstwerk an die Wand hängen.

Die oft üblichen Nylon-Reiter sind Geschmacksache. Manche mögen es, andere bevorzugen Messing – aber hier kann man ja einfach eine Austauschbrücke verwenden und das Original ebenfalls gut verstauen. Auf jeden Fall klingen diese Gitarren mit Messingreitern aggressiver und knackiger. Die meisten Bilder dieser Geschichte stammen übrigens von einer traumhaften 1965er ES-355, die ich kürzlich erst umgebaut habe. In diesem Fall blieb natürlich das Vibrato unangetastet. Nur die Elektronik wurde „bereinigt“, neu verlötet und damit optimiert. Auch dieses Mal war der Klanggewinn wirklich enorm.

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2020)

Produkt: Gitarre & Bass 8/2019 Digital
Gitarre & Bass 8/2019 Digital
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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich finde auch das die ES335 die schönste Gitarre ist.
    Nur die Kombination roter Lack und goldene Hardware passen für meinem Geschmack nicht so zusammen. Meine 335 ist naturfarben und dunkelt nach aussen leicht ab. Sieht super aus. Und ich liebe auch ihren Klang. Würde sie niemals verkaufen.
    Ich gebe zu, dass die Optik der Gitarren bei mir auch eine große Rolle spielt.
    Bei meiner Les Paul Black Beauty Custom passt das Gold der Hardware wunderbar zum schwarzen Lack. Meine Hauptgitarre.
    Und meine Strat habe mit auch wegen der tollen Optik gekauft, Sie ist auch Naturfarben und dunkelt leicht ins rötliche nach Aussen ab, nennt sich sienna sunburst.

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