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Japan Vintage: Epiphone Klassiker – Scroll SC-450 E

Wer beim Markennamen Epiphone an absolut brauchbare Gibson-Kopien made in China oder Korea denkt, liegt keinesfalls falsch. Das ist aber nur der kleinere Teil der Geschichte.

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Der in Smyrna, dem heutigen Izmir lebende griechischstämmige Instrumentenbauer Anastasios Stathopoulo wanderte 1903 in die USA aus und gründete dort eine eigene Firma. Nach seinem Tod 1915 übernahm sein Sohn Epaminondas, genannt Epi, das Unternehmen, das ab 1928 „Epiphone Banjo Company“ hieß und verschiedenste Zupfinstrumente herstellte. Ab den 1930er-Jahren waren vermehrt auch Archtop-Gitarren mit und ohne Pickup im Programm, später sogar auch Amps.

Im Jahr 1957 wurde Epiphone von der Gibson Guitar Corporation übernommen und baut seither oft die besseren Instrumente im unteren Preissegment. 1970 wurde die Produktion der Epiphone-Instrumente nach Japan und Korea verlagert – niedrigere Herstellungskosten, höherer Profit. Zu den bekanntesten Epiphone-Usern zählten die drei Beatles John Lennon, George Harrison und Paul McCartney, die das Thinline-Modell Casino einsetzten, außerdem Blues-Ikone John Lee Hooker mit seiner Sheraton-Semiacoustic und später Noel Gallagher von Oasis, der ein Sheraton-Signature-Modell bekam, mit Union-Jack-Optik.

Neben diesen Modellen baute Epiphone in der jüngeren Vergangenheit auch ein paar großartige Jazz-Archtops, am erfolgreichsten dürften aber die Kopien der Gibson-Modelle Les Paul und SG sein. Insbesondere die frühen Korea-Modelle sind echte Kleinanzeigen-Heroes und teils hochwertige, sehr ordentlich schwingende E-Gitarren, die auch noch bestens verarbeitet sind. Kleiner Tipp zwischendurch: Ich habe mich zuletzt mit einigen älteren Epiphone SGs befasst und wirklich sehr gute Instrumente im 2nd-Hand-Preissegment zwischen 200 und 400 Euro entdeckt. Sehr empfehlenswert sind die SG Special mit P90-Pickups (die mit dem Gibson-Schriftzug auf dem Trussrod-Cover) und die weißen SG-Customs mit drei Pickups, die man mit etwas Glück auch mit Maestro-Vibrato findet.

Letztere tragen auch das Epiphone-Custom-Shop-Logo auf der Kopfplattenrückseite. Leider haben diese Made-in-Korea-Modelle die Epiphone-eigene Kopfplatte, mit der sich in der Vergangenheit bekanntlich nicht jeder anfreunden konnte. Die neuen China-Modelle wurden ja kürzlich in dem Punkt angepasst, kommen aber in Bezug auf die verbauten Hölzer und Pickups nicht an die alten Koreanerinnen ran. Die Verarbeitung ist allerdings weiterhin vorbildlich und die Preise extrem kundenfreundlich, raune ich mal in Richtung Muttermarke.

Über die hervorragende Website www.epiphonewiki.org findet man genaue Infos zu den Seriennummern, über die man die gesuchten 90er- und 00erJahre-Korea-Modelle identifizieren kann. Noch ein Tipp: Auch hier wirklich mal verschiedene Instrumente eines Typs antesten, die z.B. in Bezug auf Gewicht und Resonanzverhalten sehr unterschiedlich ausfallen können, je nach Fabrik. Samick, Unsung, Peerless, Choice u.a. gehörten zu den südkoreanischen Herstellern.

MATSUMOKU

Jetzt aber ab nach Japan, wo einmal in den letzten 20 Jahren die gesuchten Epiphone-Elite- und Elitist-Instrumente auf Custom-Shop-Niveau von Fujigen Gakki und Terada hergestellt wurden. Davor, ab 1970, wurden hier aber auch schon einige besondere Gitarren gebaut – bis Mitte der 80er-Jahre von der legendären Matsumoku-Factory. Dieser Name fiel ja schon im vergangenen Monat, und Matsumoku ist wirklich ein Garant für gute bis sehr gute Instrumente – nicht nur Strat-Kopien!

Die Factory in Matsumoto, in der zentraljapanischen Präfektur Nagano, baute vor allem in den 70ern u.a. für die Marken bzw. Labels Greco, Guyatone, Aria, Yamaha, Burny, Columbus, Dia, Ibanez, Lindberg, Luxor, Univox, Vantage, Washburn, Westone und eben Epiphone. Diese und andere wertvolle Informationen zum Thema liefert eine schon häufig kopierte Website namens spinditty.com – einfach nach “Japan-Badged-Guitars” googlen, dann landet man direkt beim Thema!

EPIPHONE SCROLL

(Bild: Josef Urbanek)

Und damit sind wir schon bei einer originalen wie originellen Epiphone-Solidbody-E-Gitarre made in Japan, für die sich lange niemand interessiert hat; in den vergangenen zwei, drei Jahren wurden sie aber dann plötzlich rar auf dem Gebrauchtmarkt: Es geht um die Epiphone Scroll. Sie war 1978 die einzige E-Gitarre im Epiphone-Programm, neben ein paar Western- und Konzertgitarren, zwei Mandolinen und einem Banjo. Dafür gab es sie in drei Ausführungen und in Ahorn-, Walnut- und Ebony-Finish. Die Epiphone Scroll 350 war ein Schraubhals-Modell aus Mahagoni und war bestückt mit einer Einteiler-Bridge. Die 450 hatte einen eingeleimten Hals und eine Split-Coil-Option „für besonders klaren Sound“, beim Top-Modell 550 kamen noch Gold-Hardware und Blockeinlagen anstelle der schlichten Dots im Griffbrett dazu.

(Bild: Josef Urbanek)

Die Scroll wurde von 1976 bis ‘79 gebaut, und zumindest die 350 und 450 gab es auch mit Les-Paul-typischer Stop-Tailpiece/Tune-o-matic-Bridge-Ausstattung und ohne Metallkappen auf den PUs. Was damals, in der Blütezeit der Austauschteile-Industrie, sehr cool war, aber auf diesem Instrument eher bescheiden aussah. Epiphone bot diese offenen Pickups, die laut Katalog übrigens von Gibson stammten, zeitweise als Option an. Ganz kurz, nur 1979, gab es übrigens auch einen Epiphone Scroll Bass.

Ein paar Fakten zu der abgebildeten, wunderschönen Epiphone Scroll SC-450 E im Walnut-Finish. Sie wurde 1978 in Japan gebaut und ist ein wahres Multikulti-Brett: Eine US-Firma mit griechisch-osmanischem Background, das Design wird geprägt von der gerollten Schnecke als Korpushorn, das an eine klassische Violine erinnert, und die in den Korpus gefräste Vertiefung zwischen Decke und abgerundeter Zarge nennt man German Carve.

(Bild: Josef Urbanek)

Auch dieses Gestaltungsmerkmal hat eine gewisse klassische Ästhetik und geht im Gitarrenbau auf Wenzel und Roger Rossmeisl zurück – Roger-Gitarren hieß ihre Marke in Deutschland. Sohn Roger ging 1953 von Berlin in die USA und arbeitete u.a. für Gibson, Fender und Rickenbacker. Ja, und sowas mussten jetzt die Könner in Fernost, Matsumoku aus Matsumoto, für Epiphone reproduzieren!

In der Gitarrenbranche hatte die Globalisierung spätestens 1970 in Japan begonnen …

(Bild: Josef Urbanek)

Der Korpus der Scroll 450 besteht, wie auch der Hals, aus jeweils drei Ahorn-Teilen, das Griffbrett aus Palisander. Laut Prospekt hat der Hals ein „Slim C-Shape“, die Sattelbreite beträgt 43 mm, die Mensur 648 mm. Die 24 Bünde sind dank der tiefen Cutaways problemlos in allen Lagen bespielbar. Insgesamt kommt einem diese Gitarre aufgrund des Halsansatzes eine Nummer länger vor als andere, und man spielt anfangs immer zwei, drei Bünde höher, als man denkt. Sie ist im Sitzen dezent kopflastig, hängt aber perfekt am Gurt. Ihre ca. 3,9 kg sind tragbar. Die beiden Humbucker (Neck: 7,8 kOhm, Bridge: 8,0 kOhm) klingen auch im Singlecoil-Betrieb sehr ordentlich, die Anordnung von Volume, Tone, Toggle-Switch und Coil-Split-Switch wirkt auf den ersten Blick etwas gedrängt, ist aber durchdacht und absolut praxisfreundlich. Die Scroll ist klanglich sehr flexibel einsetzbar.

Chrom-Hardware, gekapselte Grover-Typ-Mechaniken, ein robuster Wrap-around-Saitenhalter (der beim hier zu sehenden Modell wahrscheinlich nicht mehr original ist, bzw. von denen auf den Katalogfotos abweicht) – alles perfekt.

(Bild: Josef Urbanek)

1130 D-Mark kostete die Epiphone Scroll SC-450 E im Jahr 1978 ohne Koffer. Vor ein paar Jahren konnte man sie noch für unter 500 Euro bekommen, inzwischen wurde ihr alter Preis in unserer neuen Währung schon wieder erreicht.

Warum so ein Instrument nach Jahrzehnten plötzlich wieder angesagt ist, das ist ein anderes, interessantes Thema. Zumal mir noch kein bekannter Musiker aufgefallen ist, der eine Scroll umgehängt hatte. Warum eigentlich nicht? Es ist ein wirklich inspirierendes Erlebnis!

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2021)

Produkt: Gitarre & Bass 8/2019 Digital
Gitarre & Bass 8/2019 Digital
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Sehr interessante und ausführliche Fotostory.Epiphone fristet ja leider seit ewigen Zeiten das Dasein im Schatten des riesigen Giganten Gibson (Made in the U.S.A.),was ich persönlich als sehr bedauerlich und höchst unfair bewerte!
    Mag ja gut möglich sein,daß speziell dieses alte Epiphone „Scroll“ Gitarrenmodell nicht jedem Gitarristen gefällt,jedoch sollte man dabei trotzdem objektiv und vorurteilsfrei sein,was die damalig hohe Qualität und Verarbeitung dieses besagten frühen Modelltypes angeht.Epiphone hin oder her,ich selbst bin im Besitz einer relativ neuen Original Limited Epiphone „Arthur Amos“ J.B. Flying V,die ich aufgrund ihrer tadellosen Verarbeitung und hervorragenden Klangeigenschaften nie wieder hergeben würde! Epiphone wird vermutlich auch zukünftig stets das Schattenbild des großen Markenlabel Gibson bleiben,da es mitunter vermutlich bis dato leider noch immer einige Gitarrenmodelle aus dem Hause Epiphone auf den Markt kommen,die leider nicht so penibel gefertigt wurden,und deshalb unter Insidern eher gemieden werden.Es liegt daher grundsätzlich an dem jeweiligen Gitarrenfabrikanten,ob er das negative Image seiner Marke möglichst rasch dauerhaft „ins Jenseits“ befördern kann,oder aber weiterhin als ewiger Zweiter hinter einem Giganten steht,dessen hochpreisige Custom Made Gitarrenmodelle auch in Zukunft den mittlerweile heiß umkämpften globalen Markt beherrschen werden.Vielleicht sollte sich das Gibson Tochterunternehmen Epiphone zukünftig verstärkt auf streng limitierte Modelltypen in herausragender Verarbeitungsqualität aus eigenem Hause konzentrieren,und die Sparte seiner einst „günstigen“ Gitarrenfabrikation eiligst einfrieren?!? Damit gäbe es zwischen Gibson und Epiphone dann extrem starke Konkurrenz im eigenen Hause,was letztendlich wohl dazu führen könnte,daß schlußendlich lediglich ein einziges Markenlogo „überleben“ würde.Abwarten…..

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