Teil 18

Homerecording: Songproduktion Teil 7 – Guitar Recording 1

„This guy is fuckin’ really good, a very unique and solid player!“ So hört es sich an, wenn Steve Lukather über seinen Kollegen Matthias „Simsi“ Simoner ins Schwärmen gerät. Brian May brachte es noch straighter auf den Punkt, als er mit den Worten „man, you’re superb“ (samt Verneigung und allem Pipapo…) dem damals erst 24-Jährigen (2004) Österreicher seinen Respekt ausdrückte. In der Zwischenzeit ist Simsi musikalisch noch weiter gereift, sodass er für unsere Songproduktion als Gitarrist nicht mehr länger zu ignorieren war.

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Wer ihn kennt, weiß, dass er natürlich spontan zugesagt und sich für dieses Projekt sehr viel Mühe gegeben hat, obwohl er momentan mit anderen Aufnahmen einiges um die Ohren hat. Herausgekommen ist ein großzügiger Einblick in seine Vorgehensweise als Studiogitarrist und Recording-Engineer. Neben den grandios gelungenen Aufnahmen hat er höchstpersönlich einen informativen und unterhaltsamen Bericht über seinen Alltag im Studio erstellt. In diesem ersten Teil geht es unter anderem um die Aufnahmen der Haupt-Rhythmusgitarren für Strophe, Pre-Chorus und Chorus unseres Workshop-Songs.

Im nächsten Teil folgt mit variiertem Equipment der Bericht über die restlichen Aufnahmen für Solo, Intro und reichlich „AddOns“. Ich gebe ab an einen sehr sympathischen Meister, Matthias Simoner: „Ich betreibe seit geraumer Zeit mein hauseigenes „Guitar Recording Studio“ in einem kleinen Ort in Niederösterreich, bei Melk an der Donau. Ich mache den Großteil meiner Studiojobs hier, da ich Zugriff auf all die Instrumente, Amps, Effekte, etc. habe, und ich somit schneller und effizienter arbeiten kann.

Früher musste ich, ohne vorher zu wissen, um welchen Song oder gar um welchen musikalischen Stil es sich bei der Session handeln würde, eine Auswahl an E-, und A-Gitarren, 2 bis 3 Amps und ein paar Bodeneffekte oder ein kleines Effektrack mitbringen. Das kann gut gehen, muss aber nicht. Die Produzenten/Künstler, für die ich arbeite, kommen entweder mit Festplatte zu mir, oder ich arbeite alleine und schicke das Ergebnis dann per Server an den jeweiligen Auftraggeber. Das funktioniert mit Leuten, mit denen man über einen längeren Zeitraum zusammenarbeitet, erstaunlich reibungslos.

Sehr unterhaltsam sind dabei oft die Formulierungen der Anweisungen in den E-Mails der Produzenten, die sich da oft, sagen wir mal, „rudimentär“ ausdrücken. Wie gesagt, bei längeren Arbeitsbeziehungen weiß ich dann exakt, zu welcher Gitarre und zu welchem Amp ich greifen muss, wenn in der E-Mail steht „machma diese ringaracka Gitarre“, „da brauch ich dann diese ,Summer of ‘69 Gitarre“ oder „das braucht dann ordentlich Feuer“. Wenn man den Produzenten jedoch (noch) nicht kennt, kann so etwas allerdings saftig in die Hose gehen ;-).

Auch in diesem Fall hat Tom mir die Playbacks per Server-Link zukommen lassen und mir in einer E-Mail erklärt, worum es geht. Ausgangsbasis für das Gitarrenarrangement war eine Gitarre von Tom, die sich im Idealfall mit meiner Gitarre in einem ausgewogenen Links-Rechts-Verhältnis ergänzen sollte. Wenn ich für einen Studiojob gebucht werde, bin ich in 95 % der Fälle für das gesamte Gitarrenarrangement zuständig. Daher bin ich es auch gewohnt, ein komplettes Arrangement und damit eher viele Spuren anzubieten, die im Idealfall allesamt verwendet werden können, oder aber auch nach Lust und Laune des Produzenten nur teilweise in den Endmix einfließen.

In diesem Fall gab es eine Demo-Gitarre von Tom, die es zu berücksichtigen galt, und welche nach meinen Recordings von Tom später noch „auf richtig“ eingespielt würde, sprich die sich auch noch minimal verändern könnte. Beim Anhören des Songs gehe ich dann im Kopf die Möglichkeiten der in Frage kommenden Amps und Gitarren durch. Hier fiel für die durchgehende Main-Rhythm-Gitarre die Wahl auf meine Wineburst Gibson Les Paul, Jahrgang 1988.

Bei der Verstärkung bin ich nach etwas Herumprobieren mit verschiedenen Kandidaten bei einem Marshall JCM800 2203 Top gelandet. Eine klassische Kombination für einen Classic-Rock-Song. Als Cabinet diente hier eine Orange 2×12er Box mit Celestion Vintage 30 Speakern, eine meiner Lieblingsboxen, wenn es um Recording geht. Auch bei der Mikrofonierung zog ich Shure SM57 & Sennheiser MD421 vor, meine altbewährte Kombination je nach Musik oder Sound-Vorstellung.

Bei anderen Boxentypen oder Combo-Amps greife ich dann auch schon mal zu anderen Mikrofonierungen. Die beiden Mikros werden so gut es eben möglich ist „in phase“ vor der Box platziert, meistens vor demselben Speaker. In diesem Fall hatte ich das SM57 vor dem linken und das MD421 vor dem rechten Speaker.

Für die Phasenausrichtung verwende ich einen Trick, den ich von Peter Weihe gelernt habe: Man spanne eine Schnur als Abstandshalter vor die Box, und positioniere die Mikros dann so, dass die Mikro-Membranen auf Höhe dieser Schnur liegen. Beim MD421 kann man die Membran mit Hilfe einer Taschenlampe durch den Korb erkennen, beim SM57 liegt die Membran genau am unteren Ende der Plastikstäbchen, die den Korb umgeben. Der Abstand der Mikros zum Spannstoff beträgt etwa 2 cm, wobei die Mikros ohne Winkel zum Rand der Kalotte ausgerichtet sind (MD421 eher noch etwas weiter außen).

Die Mikrofonsignale werden über V476b Preamps aus alten Neumann Mischpulten vorverstärkt und gelangen über RME-Wandler in die digitale Welt auf Festplatte. Als Rechner verwende ich einen Mac Pro, als Software kommt meist Cubase zum Einsatz, da ich damit am schnellsten bin. Ich habe aber auch Logic und ProTools zur Verfügung.

Kompressoren bei der Aufnahme von E-Gitarren verwende ich nur, wenn dies einen bestimmten Zweck/Sound erreichen soll. Ist hier aber nicht der Fall. Lediglich Akustik-Gitarren werden bei bestimmten Parts bzw. Spieltechniken vorkomprimiert.

Um die Mikros für den Sound richtig zu positionieren, habe ich folgende Vorgehensweise: Da ich ja mein eigener Engineer bin und daher nicht gleichzeitig Gitarre spielen UND an den Mikros rücken kann, verwende ich einen Phrase Sampler/Looper von Boss, den RC-2. Darauf spiele ich ein paar verschiedene Phrasen/Riffs ein, lasse diese dann im Loop laufen, gehe mit Kopfhörer bewaffnet zur Box und bewege das jeweilige Mikro so lange, bis mir der Sound gefällt.

Dasselbe mache ich mit dem zweiten Mikro, achte dabei wie vorhin schon besprochen auf die Phase und höre, wie die beiden Mikros miteinander klingen. Dieser Vorgang kann einige Zeit in Anspruch nehmen! Ich nehme dann ein paar Test-Takes auf, um den Sound zu kontrollieren, teste die Mischung der Mikrofone, höre die Mikros einzeln ab, etc. Dann kann’s auch schon losgehen.

Ich schreibe mir entweder ein Lead Sheet, oder der Produzent schickt dies vorbildlicherweise gleich mit, wie auch hier bei Toms Workshop Song. (Anmerkung Tom: Und dann schreibt er so eine Mail zurück: „Hab jetzt auf den Em7b5 geschissen, und dafür einen Bbmaj7 und einen Dsus verwendet, um etwas Farbe reinzukriegen“. Ja, also das ist doch…ggrrmmmmhpf…).

Als Playback hatte ich bereits die Drums von Boris und den Bass von Oliver in meiner Session, was ein wesentlich „echteres“ Spielgefühl vermittelt, als lediglich zu programmierten Tracks und Klick spielen zu müssen. Also hatte ich den Rest – bis aufs Intro – ausgemacht, um mein Spiel so gut wie möglich an Bass und Schlagzeug anpassen zu können. Die Main-Rhythm-Gitarre spielte ich nur 1 mal, ohne Doppelung, da von Tom ja quasi noch die 2. Seite folgen sollte. Hierfür war die Les Paul übrigens im Drop-D-Tuning gestimmt. Diese Gitarre deckt nun musikalisch Strophen und Refrains ab.“

Soweit so gut, nächste Folge dann Simsi – Teil 2. Bis dahin viel Bass!


Alle Folgen zum Homerecording: www.gitarrebass.de/thema/homerecording

Tiefergehende Informationen zur gesamten Bandbreite der Recording-Welt gibt es auf: www.soundandrecording.de

Die Workshop- & Community-Plattform für alle Recording-, Mixing- & Mastering-Engineers sowie Produzenten: www.studioszene.de

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