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Guitar Guru: Pearl & Ned Callan

Hast du Fragen zum Thema „alte und/oder merkwürdige Gitarren“? Wir beantworten sie auf dieser Seite. Monat für Monat. Diesmal geht es um eine Pearl Les Paul und eine seltene Ned-Callan-Gitarre.

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? Hallo, Ich habe 1973 mit Gitarrenunterricht begonnen und meine erste Gitarre, eine gebrauchte Framus im Stratocaster Stil für unter 200 Mark gekauft, die ich jedoch wenig später für eine neue schwarze Pearl Les Paul Custom in Zahlung gegeben habe. Für die Pearl verlangte mein Gitarrenlehrer damals einen Kaufpreis zwischen DM 450 und 600. Ich war damals nicht der Meinung, ein hochwertiges Instrument zu besitzen.

Außerdem war ich auch ziemlich sicher, dass der Korpus aus Sperrholz bestand, da bei einem Blick z. B. in das Elektronikfach die Holzschichten erkennbar waren. In dieser Überzeugung verkaufte ich die Pearl nach ca. 2 Jahren auch wieder für DM 100 an einen Bekannten. Bei Recherchen im Internet sehe ich immer mal Pearl-Gitarren aus den 70er-Jahren, die oftmals in Preisregionen von 600 bis nahe an die 1.000 Euro gehandelt werden. Angeblich bestehen Hals und Korpus dieser Gitarren alle aus Mahagoni und werden als hervorragende Kopien dieser Ära, sehr nahe am Original, beschrieben.

Habe ich damals wirklich einer tollen Gitarre zu wenig Wertschätzung entgegengebracht und für einen Appel und ein Ei verschleudert oder gab es verschiedene Ausführungen dieser Gitarren?

! Bei Pearl handelt es sich um ein japanisches Unternehmen, das Musikinstrumente aller Art herstellte – vor allem Schlagzeuge (bis heute). In den 1970er-Jahren stiegen sie, wie so viele andere japanische Konzerne, auch in das E-Gitarren-Geschäft ein. Und wie bei den anderen auch, wurde dazu keine eigene Fabrik gebaut, sondern Produktlinien bei bekannten japanischen Gitarrenherstellern bestellt. Bei Pearl war das hauptsächlich der renommierte japanische Gitarrenbauer Matsumoku, der auch für das Aria-Label produzierte, aber auch für andere Firmen.

Deshalb sind viele japanische E-Gitarren dieser Zeit baugleich, auch wenn auf der Kopfplatte ein anderer Markenname steht (Ibanez, Pearl, Lindberg, Luxor usw.). Die Pearl-Modelle machen da keine Ausnahme und so findest du eine sehr große Bandbreite an verschiedenen Modellen mit diesem Markennamen. Einige davon waren eher billig produziert, also mit Sperrholzkorpus, “Fake Humbuckern” (= Singlecoils in Humbucker-Gehäusen) und anderen eher billigen Details. Es gab auf so gut wie jedem Qualitätslevel von fast jeder Marke ähnliche oder baugleiche Gitarren.

Die Gitarre auf deinem tollen alten Bild kommt mir sehr bekannt vor – die sieht verdächtig ähnlich aus wie ein frühes von Hoshino/Ibanez angebotenes Modell (findet man im 1971er-Katalog) – bis auf die Marke und das Split-DiamondInlay auf der Kopfplatte sieht sie baugleich aus. Meines Wissens nach wurden diese sehr frühen Les-Paul-artigen Gitarren von Fujigen gebaut.

Schwarze Les Pauls mit ähnlichen optischen Merkmalen wie die Les Paul Custom gab es damals zuhauf, man findet sie unter diversen Markennamen sogar recht häufig. Dabei hatten diese Les Pauls sowohl zusammengesetzte, massive Bodies, mit einem typischen Hohlraum zwischen dem gewölbten Deckenfurnier und der Masse des Korpus´. Andere waren ganz aus Sperrholz (eher viele, dünne Lagen wie bei einem Sandwich).

Das Distinktionsmerkmal ist aber die Halskonstruktion: Nur die allerhöchsten Les-Paul-Topmodelle aus japanischer Produktion hatten eingeleimte Hälse – und das sind die Pearl-Les Pauls, die du vermutlich im Internet gesehen hast und die heute so zwischen € 300 und manchmal hoch bis € 1.000 gehandelt werden. Die Exemplare mit Schraubhals liegen heute, je nach Modell, bei maximal € 350 Marktpreis (und es gibt einige mit Sperrholzkorpus, die für unter € 200 weggehen). Da deine aber einen Markennamen hat, der auch einen guten Ruf hat, würde man da etwas mehr aufrufen.


? Moin lieber Guru, Aus einer Haushaltsauflösung konnte ich für schlappe € 200 diese Ned Callan erwerben, hergestellt wohl im England der 1970er. Nun sind mir an der Kopfplatte zwei Dinge aufgefallen, die ich mir nicht erklären kann: 1. Auf dem Trussrod Cover ist die Bezeichnung „Cody“ eingeprägt, es handelt sich aber m.E. um eine „Hombre“. 2. Die übliche Beschriftung der Kopfplatte fehlt komplett. Wie könnte das zusammen passen? Könnte die Gitarre evtl. das Produkt einer Resteverwertung während der Produktion sein. Was meinst du? Siehst du einen Anhaltspunkt für eine genauere Datierung?

! Ned Callan war ein Label des englischen Gitarrenbauers Peter Cook. Cook spielte in den 1960er-Jahren, wie so viele Briten, in lokalen Bands. Danach fasste er den Entschluss, eine preisgünstige Gitarrenlinie ins Leben zu rufen – damals waren die japanischen Importgitarren noch nicht wirklich gut und amerikanische Instrumente immer noch recht teuer – die Marke “Ned Callan” war geboren.

Cook ließ sich die Bodies und Hälse seiner Entwürfe – hauptsächlich Modell Cody – von der Gitarrenmanufaktur Shergold liefern, die Hardware fertigte er selbst. Er schloss einen Distributionsvertrag mit der Firma Simms Watts und produzierte einige hundert Instrumente. Dann wurde Simms vom großen englischen Distributor Rose Morris gekauft, der erstmal eine umfangreiche Bestellung stornierte.

Nach monatelangen Verhandlungen wurden viele Instrumente mit dem Rose-Morris-Label “Shaftesbury” versehen und verkauft, aber die Zusammenarbeit war zu Ende, und Cook widmete sich fortan seinem eigenen Custom Shop. Ich vermute, dass deine Gitarre in den Wirren um die Weiterarbeit mit Rose Morris entstanden ist – vermutlich deshalb auch das “falsche” Trussrod-Cover.

Wie du richtig recherchiert hast, müsste das Modell Cody ein großes, die Pickups einschließendes Schlagbrett haben. Laut Cook hatte er während der unsicheren Phase sehr viele Hardwareteile und anderes rumliegen und schraubte vieles einfach nur noch zusammen, um es dann direkt an Händler abzuverkaufen. So lässt sich eventuell auch das Fehlen eines Labels erklären. Damals stellten sehr viele kleinere Gitarrenmanufakturen auch Modelle ganz ohne Label her, da einige Händler da ihre eigenen Aufkleber anbringen wollten oder sich größere Verkaufschancen ohne Etikettierung versprachen – das findet sich auch bei deutschen und japanischen Gitarren aus dieser Zeit.

Zur Datierung lässt sich eingrenzend feststellen: Nur die allerersten Ned Callans hatten einen eingeleimten Hals, deine hat einen angeschraubten. Allerdings prangte bereits ab 1973/1974 das Shaftesbury-Logo von Rose Morris auf den Restbeständen. Ich gehe also von den frühen 1970er-Jahren als Herstellungsdatum aus.€ 200 sind ein sehr fairer Preis, bei einem so wenig bekannten Instrument lässt sich aber kaum ein genereller Marktwert bestimmen.

Produkt: Gitarre & Bass 9/2019
Gitarre & Bass 9/2019
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